Lotterbett große Koalition  

Rede anläßlich der Ehrung von Jubilaren der IG Metall Bremen. Rückblick auf Kämpfe innerhalb und außerhalb der Gewerkschaft  

Jörg Wollenberg 

In: junge Welt online vom 12.12.2013 

 

Der älteste von den heute zu ehrenden 536 Jubilaren wurde 1931 Mitglied des Deutschen Metallarbeiterverbandes, der Vorläuferorganisation der IG Metall. 

Damals beantragte der arbeitslose Johann Reiners, der langjährige Kassierer der Bremer IG Metall nach 1945, die Mitgliedschaft in der Bremer KPD-Zentrale. Anschließend ging er nach Berlin mit elf Mark Arbeitslosen-Fürsorgeunterstützung wöchentlich. Hier erlebte der Schwiegersohn des Lehrers und Autors Heinrich Eildermann - er schrieb den Text zu dem Kampflied »Dem Morgenrot entgegen« - das Ende der Weimarer Republik mit den Präsidialkabinetten ohne parlamentarische Legitimation, die die »legale Machterschleichung« Hitlers erleichterten. 

Die große Koalition unter dem Kanzler Hermann Müller (SPD) war Ende März 1930 am Widerstand der Gewerkschaften gegen die Erhöhung der Arbeitslosenversicherung um ein halbes Prozent gescheitert. Die tiefgreifende Weltwirtschaftskrise mit zwischenzeitlich über sechs Millionen Arbeitslosen machte alle sozialdemokratischen Theorien über den organisierten Kapitalismus zur Makulatur. Die SPD als »Arzt am Krankenbett des Kapitalismus«, so das Wort eines ihrer Reichstagsabgeordneten Fritz Tarnow 1931, hatte ausgedient. Das betraf auch Teile der Gewerkschaften mit ihrer Theorie vom friedlichen Hineinwachsen in die Wirtschaftsdemokratie, ein Programm, das die Gewerkschaften im Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) 1931/32 auf ihrem »Krisenkongreß« um heute noch aktuelle Vorschläge zur Überwindung der Wirtschaftskrise ergänzten: Stärkung der Massenkaufkraft, Steuererhöhung, Arbeitszeitverkürzung, gegen »Doppelverdiener« usw. 

Die Opposition in den Kreisen der SPD und der ADGB-Gewerkschaften wuchs. 

Denn die SPD hatte den Wahlkampf von 1928 erfolgreich mit dem Slogan »Kinderspeisung statt Panzerkreuzer« bestritten - mehr Sozialstaat, weniger Rüstung. Aber die Parteiführung sah sich durch den Druck der Deutschnationalen, des Finanzkapitals und der Rüstungslobby gezwungen, dem Bau des Panzerkreuzers zuzustimmen. Das führte zum Ausschluß der Oppositionellen und 1931 zur Gründung der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), der sich mit Otto Brenner und Willy Brandt zahlreiche Arbeiterjugendliche und Anhänger der Friedensbewegung anschlossen, darunter aus Bremen Karl Grobe und Albert Müller. 

Zum gleichen Zeitpunkt führte der Realitätsverlust und Linksschwenk der KPD zum Ausschluß der »Rechtsopposition« um Heinrich Brandler und August Thalheimer mit weiteren, den Gewerkschaften nahestehenden Genossen, die auch nach 1945 auf das »Rote Gewerkschaftsbuch« (1932) von August Enderle, Jacob Walcher und anderen als Projekt einer Einheitsgewerkschaft setzten. 

Sie gründeten die KPD-Opposition (KPO), der sich in Bremen Willy Deisen und Adolf Ehlers gemeinsam mit zahlreichen Metallarbeitern anschlossen. Sie plädierten vergeblich mit der SAP für die Einheitsfront gegen die Nazis. 

Im selben Zeitraum schränkte der Mitglieder- und Wählerschwund die Aktionsfähigkeit der im ADGB zusammengeschlossenen Gewerkschaften und der SPD ein. Die krisenhafte Zuspitzung der Lage der Bevölkerung um 1932/33 mit rund 60000 Arbeitslosen unter den 332000 Einwohnern von Bremen gefährdete zunehmend die Kompaktheit des linken Lagers, das sich lange in der hohen Übereinstimmung von Wähler- und Mitgliedschaft ausgedrückt hatte. Die steigende Zahl von Arbeitslosen bewirkte ab 1930, daß der Betrieb als das entscheidende Handlungs- und Lernfeld der Arbeiterbewegung immer mehr verlorenging. Diese Entwicklung läßt sich exemplarisch an den beiden traditionsreichen Werften in Bremen darstellen: Mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise verringerte sich die Werftenbelegschaft der AG Weser von 10000 auf 400 Beschäftigte im Jahr 1932, bei der Bremer Vulkan in Vegesack von 3000 auf 800. Auch andere der politischen Vorreiterbetriebe fielen in der Krise weitgehend aus. Die KPD wurde dadurch zusehends eine Partei der Erwerbslosen. Das Ende der traditionellen Arbeiterhochburg Bremen kündigte sich jedoch nicht so sehr in Zahlen an. Entscheidend war neben der unzulänglichen und widersprüchlichen Gegenwehr der Arbeiterparteien die kampflose Kapitulation der Gewerkschaften. 

1933: Gemeinsam gegen Faschismus 

Trotz aller Gegensätze und Niederlagen wagten vor 80 Jahren die Mitglieder der Bremer Arbeiterbewegung den Widerstand gegen die Nazis. Allein 1305 von ihnen wurden vom März 1933 bis zum März 1934 in »Schutzhaft« genommen. 

Viele von ihnen landeten in dem Konzentrationslager Mißler, später Ochtumsand. Zu diesem Zeitpunkt waren die Gewerkschaften und die Arbeiterparteien zerschlagen und verboten worden. Die Zwangsmitgliedschaft in der Deutschen Arbeitsfront der NSDAP ersetzte die Gewerkschaften. 

Lediglich bis Anfang 1935 konnte man in dem von Deutschland nach 1918 getrennten Saarland noch Mitglied des DMV werden. Einer aus unseren Reihen der zu Ehrenden wurde so 1934, vor 79 Jahren, DMV-Mitglied. Nachdem die Nazis 1935 die Volksabstimmung im Saarland hoch gewonnen hatten, war es auch damit vorbei. 

In Bremen selbst blieb das Lager der zerschlagenen Organisationen der Arbeiterbewegung auch nach 1935 widerständig. Trotz der Massenverhaftungen und der folgenden Prozesse vom Juli 1933 bis zum April 1936 gegen 344 Kommunisten und 125 Sozialdemokraten, darunter auch zahlreiche Frauen und Juden, blieb die Bremer Gestapo verunsichert. So heißt es in einem Lagebericht der Bremer Gestapo im November 1938, daß die Verfolgung der Juden und die Zerstörung ihres Eigentums auf starken Widerspruch gestoßen seien. Und die Gestapo stellt mit Verwunderung fest, »daß die aus der Strafhaft entlassenen Marxisten von ihren politischen Freunden herzlich empfangen« werden: Die Zurückgekehrten werden als Märtyrer bezeichnet, denen man besonders zugetan sein müsse. Feiern des Wiedersehens werden mit den Geburtstagsfeiern zusammengelegt. Hierdurch sei es möglich, daß der Zusammenhalt bestimmter Gruppen in legaler Form gewahrt bleibt. 

Damit waren die von den Nazis als Marxisten bezeichneten SPD-Mitglieder gemeint, bei denen nach dem Gestapo-Bericht die »am 9./10. November durchgeführte Judenaktion in hiesigen marxistischen Kreisen starken Unwillen hervorgerufen« habe. Besonders sei dies in den Großbetrieben zum Ausdruck gebracht worden, wo bei jeder sich bietenden Gelegenheit dieses Thema besprochen werde. So sei u.a. geäußert worden, daß der heutige Staat jeden verrosteten Nagel sammele und wieder einschmelze, daß es ihm aber bei der Zerschlagung von Schaufensterscheiben, Mobiliar und sonstigen toten Gegenständen gar nicht darauf ankomme, ob das Volksvermögen geschädigt werde oder erhalten bleibe. Es sei nicht angängig, daß man auf der einen Seite spare und auf der anderen Seite alles zerschlage. 

Schon im Monatsbericht zur politischen Lage vom 5. August 1935 hatte es geheißen: Von der KPD bis zum politisierenden Katholizismus und den reaktionären Kreisen sei zunächst einmal die Einheitsfront hergestellt. 

Diese richte sich in fanatischem Haß gegen die nationalsozialistische Bewegung und den Aufbau des Dritten Reiches. Sie verstünde es, Unruhen in die Reihen zu tragen. Und diese Unruhe sei aus Sicht der politischen Polizei mit auf die falsche Behandlung der »Judenfrage« zurückzuführen, auf »Ausfälle« und »Fehler«, zum Beispiel, »daß ohne jede Veranlassung ein Jude verprügelt wurde«. Und der Bericht fährt fort: »Wenn man andererseits dann beobachtet, daß selbst Parteigenossen noch in Warenhäusern und in jüdischen Geschäften kaufen und damit die Juden finanzieren, dann klingt es geradezu wie ein Hohn, wenn man sehen muß, daß - nur ein Beispiel zu nennen - das jüdische Kaufhaus Julius Bamberger von Käufern nahezu überlaufen ist« (BA 58/317). 

Neben den Sozialdemokraten waren im Sommer 1936 Arbeiterjugendliche aus den Reihen der KPD deshalb verhaftet worden, weil sie in Bremen Kontakt zu anderen Gruppen des Widerstands pflegten: zu Sozialdemokraten, zu bündischen Jugendlichen oder zu den bürgerlichen Mitgliedern des Vereins für Sport und Körperpflege (VSK) und so weiter. Auch zur Hamburger Gruppe der Nerother Wandervögel und zu der um Heinz Strelow mit Mitgliedern der späteren »Roten Kapelle« wie Cato Bontjes van Beek aus Fischerhude bestand ein enger Kontakt. Besonders beunruhigt zeigte sich die Gestapo über die Häufigkeit der politischen Sitzungen dieser Gruppen in den Jahren 1936 und 1937. Schulungsabende und Vorträge über wirtschaftliche und politische Fragen fanden regelmäßig statt (siehe BA R58/3717). 

108 der verhafteten Bremer Widerstandskämpfer aus den Reihen der KPD wurden wegen der »Bildung einer Volksfront von Sozialisten und Kommunisten« nach monatelanger Einzelhaft zwischen 1936 und 1938 vor dem Sondergericht des Hanseatischen Oberlandesgerichts in öffentlichen Schauprozessen zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt, darunter Johann Koschnick und Gustav Böhrnsen, deren Söhne später Bremer Bürgermeister waren. Mit verurteilt wurden deren jüdische Freunde und KPD-Mitglieder Walter von Perlstein, Hermann Meyerhoff und Henryk Oliver. Dazu gehörten auch zahlreiche Mitglieder des verbotenen Verbandes der Metallarbeiter - von Emil Theil, dem Bevollmächtigten des Bremer DMV vor 1928 und Senator nach 1945, über Bürgermeister Willy Dehnkamp bis zu den Werftarbeitern Georg Gumpert, Lutz Bücking, Udo Meinecke, Kurt Baumgarte oder Mitgliedern der illegalen KPD-Bezirksleitung um Harry Naujoks und Georg Buckendahl. Sie kamen ins Zuchthaus nach Bremen-Oslebshausen, zum Teil ins KZ. 

Einheitsfront nach 1945 

Nach der Befreiung vom Faschismus gründeten diese Widerstandskämpfer aus allen Fraktionen der Arbeiterbewegung die »Kampfgemeinschaft gegen den Faschismus« (KGF). Einer der Initiatoren, Adolf Ehlers, gab schon 1944 die Parole aus, die den politischen Konsens der Gruppe prägen sollte: »Einheitsfront von General von Seydlitz bis Wilhelm Pieck«. Also ein Bündnis vom Bund Deutscher Offiziere im »Nationalkomitee Freies Deutschland« bis zum führenden Repräsentanten der alten KPD. Pieck hatte von 1896 bis 1910 seine politische Karriere in Bremen als einflußreicher Sozialdemokrat und Gewerkschafter des Holzarbeiter-Verbandes begonnen und prägte in Nachfolge von Friedrich Ebert als erstem hauptamtlichen Sekretär der Bremer SPD mit Johann Knief, Anton Pannekoek, Paul Frölich und Alfred Henke die Bremer Linke. 

Die KGF setzte sich vom 6. Mai bis zum 16. Dezember 1945 mit ihren über 6000 Mitgliedern in 14 Ortsgruppen immer wieder in ihrem Zentralorgan Aufbau dafür ein, »die Bildung einer sozialistischen Einheitspartei« und einer Einheitsgewerkschaft als Hauptziel zu fordern. Zum Zentralvorstand gehörten Sozialdemokraten wie Emil Theil, zur KPD zurückgekehrte Oppositionelle wie Heini Busch, Adolf Ehlers oder Franz Cavier. Dazu kamen Georg Buckendahl und Hermann Wolters von der KPD, die mit Ehlers bald zur SPD gingen. Zu ihnen stießen Vertreter aus dem Exil wie August und Irmgard Enderle (KPO/SAP), weiter Hermann Lücke von der SAP und Fritz und Frieda Paul vom Internationalen Sozialistischen Kampfbund, und auch der Repräsentant des bürgerlichen Widerstandes, Studienrat Dr. Alfred Nawrath, den sie zum Vorsitzenden wählten. Sie alle verabschiedeten einvernehmlich noch am 16. Dezember 1945 die »Entschließung zur Bildung einer Einheitspartei«. Und dennoch treffen wir sie nach dem Scheitern der Einheitssehnsucht erneut in Bremen und in anderen alten Hochburgen der Arbeiterbewegung bald wieder als »feindliche Brüder« in der SPD oder KPD. 

»Feindliche Brüder« nach 1950 

»Hütet die Einheit wie euren Augapfel!« Das war das Leitmotiv des Handelns von Willy Bleicher nach 1945. Er hatte als oppositioneller Kommunist die Haft im KZ Buchenwald überlebt, gehörte nach 1945 als KPD-Mitglied zur Vorstandsverwaltung der IG Metall und wurde nach seinem Eintritt in die SPD als Bezirksvorsitzender zum »Königsmacher« der IG Metall. 

Zahlreiche Widerstandskämpfer aus den Reihen der KPD kamen nicht so gut davon. 76 der heute zu ehrenden Mitglieder, die 1953 in die IG Metall eingetreten waren, sind Zeugen dieser Ereignisse im Gefolge der Spaltung Deutschlands. 1953 war das Jahr langwieriger, verlustreicher Arbeitskämpfe im Metallbereich. Auch der Kampf gegen die Wiederaufrüstung endete mit einer bitteren Niederlage. Und die Gewerkschaften mußten schon 1952 - wie bereits 1920 - trotz der Ankündigung eines politischen Streiks ein Betriebsverfassungsgesetz hinnehmen, das wesentliche ihrer Forderungen ausklammerte. Das führte zur Abwahl des DGB-Bundesvorsitzenden Christian Fette. 

Diese Niederlagen ermöglichten einigen Linken in den Gewerkschaften, eine basisorientierte Kurskorrektur vorzunehmen. Einer von ihnen war der Bezirksleiter Otto Brenner aus Hannover, der damals zum IG-Metall-Vorsitzenden gewählt worden war. Mit großer Sorge blickte er nach Bremen. Denn der erstmals durch eine Flächenaussperrung verschärfte sechswöchige Streik der Werftarbeiter vom Frühjahr 1953 führte auch zu harten Auseinandersetzungen mit dem Vorstand, mit dem Bezirk und mit der Verwaltungsstelle der IGM. 

In dieser Zeit besaßen die KPD-Mitglieder noch die traditionelle Mehrheit im Betriebsrat der AG Weser, und sie blieben auch in den anderen Großbetrieben wie bei Borgward nicht ohne Einfluß. In dieser Situation wurde der Leiter der Vertrauensleute der AG Weser, Hermann Prüser, von der Belegschaft zum Betriebsratsvorsitzenden der AG Weser gewählt. Als er bald darauf auf einer Betriebsversammlung eine Protestresolution gegen den ersten Stahlhelm-Aufmarsch (SS-Nachfolgeorganisation HIAG) in Gießen hatte verabschieden lassen, wurde er auf Antrag der Betriebsleitung wegen politischer Betätigung, also wegen Verletzung der Friedenspflicht, abgesetzt. Das Urteil zur Friedenspflicht in der dritten Instanz beim Bundesarbeitsgericht gegen den antifaschistischen Friedenskämpfer Prüser engt bis heute die Betriebsratsarbeit erheblich ein. 

Zur gleichen Zeit erlebte Hermann Prüser mit anderen KPD-Mitgliedern die größte Enttäuschung während seiner politischen Tätigkeit: Wegen seiner Unterstützung der KPD-Gewerkschaftspolitik und der aktiven Teilnahme am Werftarbeiterstreik von 1953 schloß ihn die IG Metall im November 1953 aus. 

Prüser war damals nicht bereit, den Revers der IG Metall zu unterzeichnen, der seinen Ausschluß aus der KPD bedeutet hätte. Die Kommunisten hatten 1952 auf ihrem Hamburger Parteitag die Gewerkschaftsführung wegen der Zustimmung zum Marshall-Plan zum »verlängerten Arm des US-Imperialismus« erklärt. Jetzt forderte die Parteiführung ihre Mitglieder auf, den Revers nicht zu unterzeichnen. Viele von ihnen verloren so ihre Mitgliedschaft. 

Eine der wenigen Ausnahmen blieb Johann Reiners, der als Vorsitzender des Betriebsrats der Atlas-Werke 1946 zum hauptamtlichen Sekretär der IG-Metall-Verwaltungsstelle gewählt worden war. Seine Wahlfunktion wurde durch einen freiwilligen Verzicht von Prüser erleichtert. Denn dieser hatte die Wahl zum zweiten Vorsitzenden der Bremer IG Metall in der ersten Vertreterversammlung am 28. April 1946 nicht angenommen, weil er auf Vorschlag von Bürgermeister Wilhelm Kaisen zum hauptamtlichen Mitglied des Hauptausschusses zur »Befreiung vom Nationalsozialismus und Militarismus« ernannt worden war. Von diesem Amt trat er schon am 15. März 1947 zurück, weil prominente »Wehrwirtschaftsführer«, die Direktoren der Norddeutschen Hütte, der AG Weser und des Bremer Vulkans, gegen seinen Willen mit einer milden Strafe davonkamen. Prüser arbeitete lieber als Hilfsarbeiter im Hafen, als sich an der Entnazifizierung als »Mitläuferfabrik« weiter zu beteiligen. 

Bürgermeister Kaisens Entscheidung für Prüser basierte übrigens auf der Bewunderung für dessen mutige Rede gegen den »faschistischen Staatsstreich« am 10. März 1933, die Kaisen als zurückgetretener Senator von der Zuschauertribüne des Parlaments hatte verfolgen können. Prüser nahm damals als KPD-Bürgerschaftsabgeordneter - gegen die Anweisung seiner schon in die Illegalität gedrängten Partei - an der letzten Sitzung der gewählten Bürgerschaft teil: In der von SA umstellten Bürgerschaft klagte er den »weißen Terror« an, »wo kommunistische und sozialdemokratische Arbeiter von SA und SS viehisch gemordet werden«, und erklärte, daß die KPD weiterkämpfen werde, gegen den Faschismus, »trotz Polizeiterror, trotz Tod und Tränen, und wir marschieren mit Rosa Luxemburg, mit Karl Liebknecht, und ihr werdet uns nicht vernichten!« Es war die letzte freie Rede in der Bremischen Bürgerschaft und die letzte Rede eines Kommunisten in einem deutschen Parlament für die nächsten zwölf Jahre. 

1966: »Mehr Demokratie wagen« 

20 Jahre nach Ende des Krieges hatte sich die IG Metall mit einem neuen Aktionsprogramm zu Wort gemeldet. Otto Brenner setzte auf den notwendigen Unterbau der politischen Demokratie durch mehr Mitbestimmung in Betrieb, Wirtschaft und Gesellschaft. Eine bessere Berufsausbildung und bessere Bildungschancen für Arbeitnehmer waren dafür Voraussetzungen. Und durch den Ausbau der eigenen Bildungsabteilung mit »Bildungsobleuten« im neuen »Bildungszentrum Sprockhövel« galt es, über die Stärkung der Vertrauensleute als »Kontrolleure der Betriebsräte« die Abhängigkeit von Funktionsträgern abzubauen und wieder eine Mitgliederorganisation mit Basisorientierung zu werden. 

100 der heute zu ehrenden Mitglieder traten damals in die IG Metall ein. 

Und sie erlebten, daß »Mehr Demokratie wagen« auf Widerstand stieß. Die Sozialdemokratie war seit 1966 wieder Teilhaber der Macht mit Hilfe der »Großen Koalition« unter Kurt Georg Kiesinger und Willy Brandt. Aber wie schon zuvor 1920, 1923 und 1928 mußte sie in einer großen Koalition Kröten schlucken, die die Arbeit der Gewerkschaften gefährdeten: Die »Konzertierte Aktion« und die Notstandsgesetzgebung führten zu einer zunehmenden Aushöhlung der Demokratie, zu einem Klassenkampf von oben. »Die Demokratisierung der Betriebe ist so unsinnig wie die Demokratierung der Schulen, Kasernen und Zuchthäuser«, verkündete der damalige Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie. Die Anpassungspolitik der Gewerkschaftsführung verstärkte die Vertrauenskrise, die 1969 und 1974 durch spontane Streiks gegen die Zurückhaltung der Gewerkschaften bei Lohnforderungen eine weitere Zuspitzung erfuhr. Der Ausstieg der SPD aus dem »Lotterbett der Großen Koalition«, so das Wort Kurt Schumachers, versprach Verbesserung des Handelns. Aber der »Radikalenerlaß« vom Kanzler und Hoffnungsträger Willy Brandt führte trotz KSZE, Ostpolitik und Grundlagenvertrag mit der DDR zu erneuten Enttäuschungen. 

Dennoch kam es nach der Überwindung der Wirtschaftskrise der 1960er Jahre zu Masseneintritten. So ehren wir heute 358 Mitglieder, die sich 1973, vor 40 Jahren, zur IG Metall bekannten. Sie erlebten eine lange Periode sozial-liberaler Reformpolitik, die erst wieder durch die Regierung von Helmut Kohl in einen Reformstau geriet. Die nachfolgende »rot-grüne« Regierung unter Gerhard Schröder und Joseph Fischer setzte gegen den Widerstand der Gewerkschaften und der Linken mit den »Hartz«-Gesetzen den Abbau des Sozialstaats fort. 

2013: Eine neue große Koalition 

Die 1988/89 vor 25 Jahren eingetretenen Mitglieder wurden so Zeugen von politischen Ereignissen, in deren Resultat nach dem Ende des östlichen Staatssozialismus auch das Modell des westlichen Wohlfahrtsstaates in Deutschland exemplarisch zu Grabe getragen wurde. Die Demontage des Wohlfahrtstaates wurde unter dem Deckmantel des notwendigen Umbaus als Modernisierung verkauft. »Wer soll«, so fragte der große alte Gelehrte der deutschen Arbeiterbewegung, Jürgen Kuczynski, schon 1997 angesichts der »Mafiosierung des Kapitals« und der Wiederkehr eines anachronistischen Nationalismus und Rassismus in Europa: »Wer soll den völligen Verfall des Kapitalismus in die Barbarei aufhalten? Wer soll den Lauf der Geschichte ändern und ihn auf eine sozialistische Gesellschaft richten?« 

Zweifelsohne erreicht das nicht eine neue große Koalition von bürgerlichen Politikern, zu denen längst auch die Spitzenpolitiker der SPD gehören. 

Dennoch werben Vorstandsmitglieder der IG Metall und des DGB für eine solche Koalition. Aber ist das vielleicht nur der nächste Schritt zu einem Selbstmordversuch der SPD, wie der frühere Vorsitzende der IG Metall, Klaus Zwickel, den Weg in die letzte große Koalition unter Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier beschrieben hat? Wie werden sich die Gewerkschafter unter den SPD-Mitgliedern in der Abstimmungsfrage verhalten? Angesichts der schwersten Krise, in der sich die europäischen Staaten seit 1945 befinden. 

Eine Krise, die aus der Sicht historisch versierter Zeitgenossen nicht wenig an die Lage vor 1933 erinnert. 

Erneut in das Lotterbett der großen Koalition, die schon im November 1923 mit Hilfe eines schon damals verabschiedeten Ermächtigungsgesetzes zur Zerschlagung der legal gewählten Landesregierungen von SPD und KPD in Sachsen und Thüringen führte, aber Hitler und General Ludendorff in München ungehindert putschen ließ? Hinein in eine große Koalition wie 1928, die unter der SPD-Kanzlerschaft in einer Finanz- und Wirtschaftskrise einen Nachrüstungsbeschluß faßte, der die Partei spaltete und deren Jugend mit Willy Brandt und Otto Brenner fast geschlossen zur SAP ging? Vor diesem Hintergrund forderte der erste SPD-Nachkriegsvorsitzende Kurt Schumacher seine Genossen aus Bayern unter dem Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner (SPD) mehrfach auf, endlich das »Lotterbett der großen Koalition« zu verlassen. Freilich mit der Folge, daß die SPD in Bayern seitdem weit davon entfernt ist, Regierungsverantwortung übernehmen zu können. 

Jörg Wollenberg war Professor für politische Weiterbildung an der Universität Bremen. 

Die hier dokumentierte Rede vom 22.11.2013 ist gekürzt und redaktionell bearbeitet worden. 

 

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