Wochenendbeilage der jungen Welt

 vom 10.11.2012


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»Bürgerplattformen wollen kein Sand im Getriebe sein«

Gespräch mit Robert Maruschke. Über Saul Alinsky, Mitmachgremien in Berlin sowie den linken Hype um das Community Organizing

Thomas Wagner

In: junge Welt online vom 10.11.2012

Wochenendbeilage

http://www.jungewelt.de/2012/11-10/001.php

Robert Maruschke (geb. 1984 in Luckenwalde) ist Sozialwissenschaftler und lebt in Berlin. Er sammelte 2010 Erfahrungen als Organizer in den USA und beendete in diesem Jahr sein Studium. Das Thema seiner Diplomarbeit ist: Community Organizing in Berlin - Die Bürgerplattform Wedding/Moabit

Derzeit ist Community Organizing ein heiß diskutiertes Thema, wenn es um eine fortschrittliche Stadtpolitik von unten geht. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat 2011 eine große Konferenz dazu veranstaltet, und auch die Heinrich-Böll-Stiftung bietet entsprechende Seminare an. Sie haben in den USA selbst Erfahrungen mit dem Organizing gemacht und sich als Sozialwissenschaftler kritisch damit beschäftigt. Womit haben wir es zu tun?

Ich war 2010 ein halbes Jahr in Oakland und in San Francisco und habe dort bei einer Organisation gearbeitet, die sich gegen die Abschiebung von Menschen wehrt, sich gegen Rassismus stellt und sich mit dem Thema Mietsteigerung und Räumungen auseinandersetzt. Community Organizing ist ein Sammelbegriff für sehr verschiedene Organisationsformen, die sich alle auf die Nachbarschaft beziehen. In den USA, wo der Begriff auch geprägt wurde, hat das eine sehr lange Geschichte, die bis in die 1920er Jahre zurückreicht. Die beiden heute praktizierten Richtungen würde ich als liberales Community Organizing nach Saul Alinsky und als transformatives Community Organizing einander gegenüberstellen. Bei den Leuten, mit denen ich in den USA zusammengearbeitet habe, hat man schon die Halsschlagader puckern sehen, wenn man den Namen Alinsky nur erwähnt hat. Mir wurde dort sehr schnell klargemacht, daß sein Ansatz schlecht für die Bewegung und daher für sie keine Option ist. Es ist bezeichnend für die Bandbreite, daß es das Community Organizing sowohl in den Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin Angela Merkel als auch in eine Tagung der Rosa-Luxemburg-Stiftung schafft, die »Revolutionäre Realpolitik« überschrieben ist.

Der von Ihnen erwähnte Saul Alinsky wird immer wieder als Gründervater des Community Organizing genannt.

Das sehe ich anders. Eine Kritik, die ich an der auch von links geführten Debatte um das Community Organizing in der Bundesrepublik habe, ist die, daß Alinsky immer wieder als Gründervater dieses Ansatzes abgefeiert wird, was er in Wirklichkeit überhaupt nicht ist. Alinsky war ein Wissenschaftler, der für die eher kommunistisch orientierte US-Gewerkschaft Congress of Industrial Organizations (CIO) als Organizer gearbeitet hat und die Methoden dort gelernt hat. Aber sowohl die verschiedenen Gewerkschaften der Arbeiterbewegung als auch die kommunistische Partei hatten in den 20er, 30er und 40er Jahren bereits sehr starke Organizing-Programme. Sie alle hatten Techniken und Strategien entwickelt, wie Menschen politisch mobilisiert werden können. Alinsky traf zu Beginn seiner Arbeit auf Leute, die bereits über zehn oder 20 Jahre Erfahrung mit Community Organizing hatten. Er lernte dort einiges, trat aber selbst nie in die Gewerkschaft oder in die Partei ein. Seit Mitte der 40er Jahre übertrug er dann das gewerkschaftliche Konzept auf seine eigene Nachbarschaftsarbeit, mit der er sehr erfolgreich Verbesserungen für die ärmere Bevölkerung durchsetzte. Was heute aber zu wenig beachtet wird, wenn sich Leute positiv auf Alinsky beziehen, ist der Sachverhalt, daß die von ihm gegründete Organisation »Back of the yards« sehr schnell relativ konservative Forderungen gestellt hat.

Was meinen Sie damit?

Das Problem ist, daß Alinsky nur Repräsentanten schon bestehender Vereinigungen, also von Kirchen, Vereinen in den USA, auch von Gewerkschaftsgruppen organisierte. Oft handelte es sich um Leute aus der Mittelschicht, die in den Nachbarschaften schon zu den Bessergestellten gehörten. Aus diesem Grund traten in Alinskys Gruppen bald die Interessen der Mittelschicht in den Vordergrund.

Alinsky hatte doch engen Kontakt zur kommunistischen Bewegung, hat er sich von ihr ideologisch abgesetzt?

Er war nie ein überzeugter Gewerkschafter oder Kommunist. Er war von vornherein ein Liberaler. Das ist das Problem. Schon damals hat Alinsky über die Entwicklungstendenz der von ihm aufgebauten Gruppen gesagt: Entweder es gibt sie nach fünf Jahren nicht mehr oder sie sind zum Teil der lokalen Verwaltung geworden. Letzteres hat er befürwortet. Alinsky sagte auch, daß er für den bürgerlichen Staat sei. Nicht einmal theoretisch wollte er den Kapitalismus in den 60er und 70er Jahren noch kritisieren.

Sein Ziel war es, den armen Leute ein bürgerliches Leben zu verschaffen.

Dafür setzte er auf die Hilfe der Mittelschicht. Nur sie sah er als den Motor für die von ihm gewünschten Veränderungen an.

Gleichwohl klingt vieles, was er schreibt, deutlich radikaler als das, was man hierzulande von Leo Penta und anderen Fürsprechern des Community Organizing hört.

Trotz seiner ideologischen Einbettung in das liberale und konservative Lager war er ein Anhänger von direkten Aktionen und Konfrontationen. Er kommt aus der Tradition des Social Action Organizing, die darauf angelegt ist, die Entscheidungsträger in der Stadt und im Kiez durch direkte Aktionen mit ihren Machenschaften zu konfrontieren, um sie auf diese Weise an den Verhandlungstisch zu bringen und zu Zugeständnissen zu bewegen.

Wie ist so etwas abgelaufen?

Alinsky hat zum Beispiel erwerbslose »People of Color« aus den ärmeren Vierteln von Chicago immer wieder in die Luxusviertel der Stadt gebracht, um dort zu protestieren. Zum Beispiel ermutigte er diejenigen, die aufgrund rassistischer Vorurteile keinen Job bekamen, dazu, sich immer wieder vor die Tore der Villen von bestimmten Unternehmern zu setzen und erreichte damit ein Einlenken der Entscheidungsträger.

Das sind Methoden, die man auch aus der US-Bürgerrechtsbewegung kennt.

Auch die Bürgerrechtsbewegung steht in der Tradition des Social Action Organizing. Im Unterschied zu dieser hat Alinsky jedoch depolitisiert.

Typisch für die nach seiner Vorstellung geformten Gruppen ist ja, daß sie sehr stark an einzelnen Themen orientiert sind, keine tiefergehenden Gesellschaftsanalysen anstellen, keine weiterreichenden Forderungen erheben und sich ausdrücklich nicht als Teil einer sozialen Bewegung verstehen.

Alinsky hat sich immer auf einen Konflikt konzentriert, den er dann als isoliert von gesellschaftlichen Entwicklungen betrachtet hat.

Ich verstehe das so: Eine von Alinsky geformte Gruppe hätte nicht gefordert, daß die Rassenschranken in den USA fallen, sondern hätte ein Sit-in vor einer bestimmten Schule gemacht, um zu erreichen, daß nur in diesem konkreten Fall die Rassenschranken aufgehoben werden.

So wäre an dieser Schule das dort identifizierte Problem behoben worden.

Das ist die Methode von Alinsky.

Wie unterscheidet sich das in Deutschland praktizierte Community Organizing von dem, was Alinsky in den USA gemacht hat?

Zur Beantwortung dieser Frage muß ich ein bißchen ausholen. Die in Berlin auf der Grundlage von Alinskys Konzept eingerichteten Bürgerplattformen sind Beteiligungsformen, die zu 75 Prozent von Unternehmen und unternehmensnahen Stiftungen wie der BMW-Stiftung finanziert werden. Die finden das gut, weil die herrschenden Verhältnisse durch so ein privat finanziertes Mitmachgremium nicht in Frage gestellt werden und die Bürgerplattformen für die Aufwertung von Stadtbezirken instrumentalisiert werden können. Das schadet wiederum einkommensschwachen Leuten, weil durch die Aufwertung die Mieten steigen. In Berlin gibt es drei Bürgerplattformen. Den Anfang machte 2000 der Bezirk Schöneweide, 2008 kam Wedding/Moabit dazu, und vor kurzem wurde die Bürgerplattform Neukölln gegründet. Initiiert und wissenschaftlich begleitet werden sie vom Deutschen Institut für Community Organizing (DICO), das von Leo Penta geleitet wird, einem Pastor aus New York.

In der Praxis ist wohl der wichtigste Unterschied zu den USA, daß die Bürgerplattformen in Berlin von vornherein auf die Methode der direkten Konfrontation verzichten. Da wird die entsprechende Person beim Jobcenter angerufen, um ein Treffen zu vereinbaren und durch Gespräche zu erreichen, daß die Telefonhotline kostenfrei gestellt wird. Es wird verhandelt, ohne vorher Druck ausgeübt zu haben.

Die Bürgerplattformen haben somit den Schritt vom Community Organizing zum Community Development gemacht. Sie verstehen sich als Partner einer Stadtentwicklung, die Nachbarschaften entwickeln, ohne Sand im Getriebe sein zu wollen.

Das DICO stellt ein oder zwei Community Organizer bereit, die versuchen, Vereine, Kirchengruppen, Moscheen usw. in den Bezirken an einen Tisch zu bringen, um dann gemeinsame Probleme festzustellen und sich politisch damit auseinanderzusetzen. Beispielweise beschäftigt sich die Bürgerplattform Wedding/Moabit mit den drei Themen Bildung, Jobcenter und öffentlicher Raum. Alle sechs Wochen treffen sich ein oder zwei Vertreter oder Vertreterinnen aus den 33 Mitgliedsgruppen und besprechen sich in Arbeitsgruppen. Einmal im Jahr versammeln sich dann zirka 400 Leute im Rahmen einer religiös anmutenden Veranstaltung.

Was kommt Ihnen dabei religiös vor?

Der Ablauf ist sehr klar vorstrukturiert und wirkt, als ob er ein Erweckungserlebnis provozieren soll. Alle Gruppen stellen sich auf dem Podium vor. Dann gibt es Applaus, und es herrscht die ganze Zeit über eine sehr euphorische Stimmung. Dann werden Entscheidungsträger aus Politik und Unternehmen dazu bewogen, zu erklären und zu unterzeichnen, daß sie sich an die mit der Bürgerplattform verabredeten Abmachungen halten wollen.

Gibt es Organisationen, die in den Bürgerplattformen unterrepräsentiert sind?

Es gibt zum Beispiel keine Gruppe, die sich für die Belange oder die Forderungen von Frauen einsetzt. Es gibt auch keine explizit gewerkschaftlich orientierten Gruppen. Darüber hinaus fehlt der Aspekt einer konkreten und grundsätzlichen Gesellschaftskritik. Ohne Frage gibt es auch links eingestellte Leute, die sich innerhalb der Bürgerplattformen in kulturellen Vereinen oder in der Obdachlosenhilfe engagieren, aber nicht innerhalb von ausdrücklich linken Gruppen. Das liegt sicher zum einen daran, daß linke Gruppen nicht teilnehmen, weil sie ihre Forderungen in einer Bürgerplattform nicht durchsetzen können. Zum anderen laden die Bürgerplattformen auch nur Gruppen ein, die in ihr Bild passen.

Wie geht so etwas vor sich?

Die festangestellten, vom DICO bezahlten Organizerinnen sind zuerst an Leute herangetreten, die im Quartiersmanagement arbeiten, die einer größeren Kirche oder Zusammenschlüssen von Gewerbetreibenden vorstehen. Die haben ihnen gesagt, welche Personen und Gruppen wichtig sind im Kiez. Das erklärt schon ein bißchen die Auswahl: Sie hätten statt dessen ja auch zum Erwerbslosenfrühstück kommen können. Was die Themenauswahl betrifft, ist es dann so, daß die Organizerin schon von vornherein sagt, daß bestimmte Sachen nicht diskutiert werden. Wenn es zum Beispiel um das Thema Jobcenter geht, dann wird eben nicht über die Höhe des Regelsatzes diskutiert, sondern über Ärger mit der Telefonhotline oder den »Betreuungsschlüssel«.

Ist das irgendwo festgeschrieben, was thematisiert werden soll und was nicht?

Das entspricht dem Selbstverständnis von Penta. Sein Konzept von Community Organizing beruht auf der Vorstellung einer Gesellschaft, in der es keine Klassenkämpfe und keine grundlegenden Konflikte um Rassismus und Genderfragen gibt. Es will den Status quo in Sachen Sozial- und Stadtpolitik nicht anfassen, sondern in diesem bereits festgelegten Rahmen einer auf Profitmaximierung, Ausschluß und Verdrängung angelegten Politik, Verhandlungslösungen für genau definierte Probleme des eigenen Klientels erreichen. Vor diesem Hintergrund lenkt die Organizerin, die diesen Ansatz vertritt, die Diskussionen in den Bürgerplattformen so, daß radikale Forderungen darin keinen Platz finden.

Sie gehen so weit, die Bürgerplattformen mit einem Wort des marxistischen Geographen David Harvey als »trojanisches Pferd neoliberaler Stadtpolitik« zu bezeichnen. Warum?

Das tue ich deshalb, weil ihre Aktivitäten nicht auf den ersten Blick nach neoliberaler Stadtpolitik aussehen. Die von mir interviewten Personen, die zum Teil einen guten Blick dafür haben, was in der Gesellschaft falsch läuft und die wirklich etwas verändern wollen, sind davon fasziniert, daß sie mit Leuten, mit denen sie vorher nichts zu tun hatten, plötzlich an einem Tisch sitzen und Politik machen. Wenn man sie lassen würde, würden sie vielleicht tatsächlich etwas verändern, aber das wird von der Bürgerplattform, den Organizerinnen und dem DICO nicht zugelassen.

Wenn man erreicht, daß eine Telefonhotline für die Benutzer kostenfrei wird, dann mag das vergleichsweise läppisch sein. Aber was ist daran neoliberal?

Alles politische Handeln, welches die Bürgerplattformen an den Tag legen, ist darauf ausgerichtet, die Grundsätze von neoliberaler Stadt- und Bildungspolitik nicht infrage zu stellen. Wenn sich die Bürgerplattform mit ihren ganzen Mitgliedern mit dem Jobcenter auseinandersetzt, geht es nicht darum, daß die Leute dort stark unter Druck gesetzt werden oder unterhalb der Armutsgrenze leben müssen. Statt dessen werden Dinge aufgegriffen, die, wie die Telefonhotline, zwar nicht unwichtig sind, aber depolitisieren. Ich würde viel Geld darauf verwetten, daß, wenn man zehn Leute aus dem Wedding, die von Hartz IV betroffen sind, zusammenbrächte, eine viel grundsätzlichere Kritik an den herrschenden Verhältnissen dabei herauskäme als in der Bürgerplattform. Die verhindert geradezu, daß so etwas geschieht. Ihre Botschaft ist: Im Grunde ist alles nicht so schlimm, denn man kann mit den Leuten vom Jobcenter reden. Ähnlich ist es mit der Bildung. Da werden ein paar externe Leute hereingeholt, die Nachhilfe geben, und wenn es dann in der Schule immer noch nicht klappt, dann sind die betreffenden Schüler eben selbst schuld.

Die repressive und ausschließende Seite wird insbesondere beim Thema öffentlicher Raum deutlich. Da wird ein Stadtentwicklungsprogramm unterstützt, das nur auf wirtschaftliche Aufwertung setzt. Man schraubt da noch ein bißchen dran rum, damit alle mal sagen konnten, was sie daran stört und identifiziert eine Gruppe von Menschen, die man ausschließen kann. Das waren im Wedding die Trinker vom Leopoldplatz, die man von ihrem angestammten Platz verdrängte und auf diese Weise vom öffentlichen Leben ausschloß. Das alles wird durch die Arbeit der Bürgerplattform legitimiert.

Man gibt den Leuten das Gefühl, sie hätten mitentscheiden dürfen.

Tatsächlich konnten sie gar nichts entscheiden. Beim Leopoldplatz war schon 2008, als das entsprechende Förderprogramm von Bund und Ländern genehmigt wurde, klar, daß es darum ging, den Platz ökonomisch aufzuwerten und daß sich fünf Jahre später niemand mehr die Miete würde leisten können.

Sie benutzen auch den Ausdruck »Regieren durch Community« für das, was in den Bürgerplattformen gemacht wird.

Der Ausdruck, den ich von dem englischen Soziologen Nikolas Rose übernommen habe, beschreibt sehr schön, wie im Zuge von neoliberalen Politikentwürfen, die von allen größeren Parteien, von der CDU bis zur Linkspartei, immer wieder hervorgebracht werden, darauf gesetzt wird, daß die Leute auf lokaler Ebene in Regierungsprogramme eingebunden werden, die auf Profit ausgerichtet sind. Die Berliner Stadtpolitik ist dafür ein gutes Beispiel.

Die Stadt wird als ein Unternehmen betrachtet, in das ihre Bewohner auf verschiedene Weise eingebunden werden: Das reicht vom Quartiersbeirat, Stadteilvertretungen über diverse runde Tische, Bürgerhaushalte bis hin zu Bürgerplattformen. Immer sollen die Leute in eine bereits feststehende Politik eingebunden werden. Es ist ja völlig klar, daß in Berlin vom Senat seit Jahren eine Politik gemacht wird, die sich gegen einkommensschwache Menschen richtet. Genau diese Politik aber können die Leute in lokalen Beteiligungsformen, in den sogenannten Mitmachgremien, gerade nicht in Frage stellen. Sie können allenfalls zu ihrer Feinjustierung beitragen. Zum Beispiel beim Bürgerhaushalt. Feststeht, daß gekürzt werden muß. Die Leute dürfen dann entscheiden, wo gekürzt wird. So läuft das Spiel.

Wie unterscheidet sich das »transformative Organizing« von diesem Mitmachschwindel?

Der Begriff stammt von dem US-Amerikaner Eric Mann, andere Organizer sprechen von »Revolutionary Left Community Organizing«. Diese Gruppen beziehen sich jeweils auf ihre eigene politische Tradition: antirassistische, feministische und antikapitalistische Kämpfe, die in den USA Jahrhunderte zurückreichen. Diesen Leuten ist klar, daß man mit dem ideologischen Konzept von Alinsky keinen Blumentopf gewinnt. Es gibt aber keine einheitliche Theorie oder zusammenfassende Texte hierzu. Meines Erachtens umfaßt das transformative Organizing jedoch vier Punkte: ein emanzipatorisches oder revolutionäres Selbstverständnis. Sie gehen Probleme, zum Beispiel mit Zwangsräumungen, konfrontativ an. Sie arbeiten nicht mit Repräsentanten von bereits bestehenden Organisationen, sondern mit den Leuten von der Basis zusammen, und sie begreifen sich als Teil von sozialen Bewegungen.

Veröffentlichung zum Thema

Robert Maruschke: »Community Organizing - Zwischen Bürgerplattformen und revolutionärer Perspektive«, Holm, Andrej (Hg.): Reclaim Berlin. Soziale Kämpfe in der neoliberalen Stadt. Assoziation A, Berlin/Hamburg 2012, i.E.

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Gemorde und Geschlachte

In: junge Welt online vom 10.11.2012

http://www.jungewelt.de/2012/11-10/002.php

Im Bund mit sieben weiteren imperialistischen Mächten schickte das Deutsche Reich 1900 eine »Strafexpedition« nach Ostasien. August Bebel nahm dazu im Reichstag Stellung (Teil V und Schluß)

Von 1897 bis 1914 besetzte die deutsche Kriegsmarine die Bucht von Kiautschou mit der Stadt Qingdao. Formal war die Kolonie seit 1898 ein Pachtgebiet. Während des sogenannten Boxeraufstandes um 1900 nutzte Deutschland im Bund der imperialistischen »Vereinigten acht Staaten« (Japan, Rußland, Großbritannien, Italien, USA, Frankreich, Österreich-Ungarn) die Gelegenheit zum Versuch, China aufzuteilen. Das deutsche Kaiserreich entsandte ein 15000 Mann starkes Truppenkontigent. Das Korps wurde am 27. Juli 1900 von Kaiser Wilhelm II. mit einer Ansprache in Bremerhaven verabschiedet, die als »Hunnenrede« in die Geschichte einging.

Am 19. November 1900 sprach der SPD-Vorsitzende August Bebel dazu im Reichstag.

Sehen wir nun an einigen wenigen Beispielen, wie es dort in China zugeht.

Briefe von dort sind in großer Zahl veröffentlicht worden. Die Kreuzzeitung meinte vor einiger Zeit, man solle nur nach den Namen der Schreiber fragen.

Die Namen der Schreiber stehen zur Verfügung. Wäre ein preußischer, ein deutscher Staatsanwalt im Zweifel über das, was dort geschehen ist und jetzt gedruckt und veröffentlicht wird, oder wäre die Militärverwaltung darüber im Zweifel, längst wären die Staatsanwälte in Tätigkeit gesetzt worden gegen die Schreiber und gegen die Blätter, welche diese Schreiben veröffentlicht haben! Meine Herren, es sind nicht bloß sozialdemokratische Blätter, sondern Blätter aller Parteien, der Zentrumspartei, der nationalliberalen Partei, von dem Freisinn zu schweigen. (...)

Da wird nun in einem Briefe vom 6. August mitgeteilt, wie man 76 Gefangene gemacht, von denen außer acht Jungen, die man laufen ließ, 68 erschossen wurden, indem man sie mit den Zöpfen aneinander band, sie vorher zwang, ihr Grab zu schaufeln, worauf sie erschossen wurden und rückwärts in das Grab fielen.

(Bewegung bei den Sozialdemokraten)

Das ist so scheußlich, wie man sich es nur vorstellen kann. Die gefangenen Chinesen - heißt es in einem anderen Briefe - haben wir alle totgeschossen, aber auch alle Chinesen, die wir sahen und kriegten, haben wir alle niedergestochen und -geschossen; die Russen spießten kleine Kinder, Frauen und alles auf (...)

In einem Brief vom 1. September schreibt ein junger Mann, Soldat, an seine Mutter: »Wie es hier jetzt während des Krieges zugeht, liebe Mutter, ist mir unmöglich zu beschreiben; denn so ein Gemorde und Geschlachte ist geradezu toll, was daher kommen soll, weil die Chinesen außerhalb des Völkerrechts stehen, weshalb auch keine gefangen genommen werden, sondern alles wird erschossen oder, um die Patronen zu sparen, sogar erstochen.« (...)

Gibt es etwas Scheußlicheres, Barbarischeres, Gemeineres als eine solche Kriegsweise? Das kann nicht genug gebrandtmarkt werden vor der ganzen Welt.

Zum Schlusse schreibt der junge Mann:

»Laß mich schließen in der Hoffnung, daß es nicht mehr so lange dauert; denn sonst weiß man schließlich nicht mehr, oder vielmehr man vergißt es, ob man einmal Mensch war.«

Dann heißt es nach einem Brief im Hannoverschen Kurier von einem Seesoldaten: »Rache für die Greueltaten, welche die Chinesen ausgeführt haben und ausgeführt haben sollen, ist und wird hier fürchterlich genommen.

(...) In den befestigten Städten wie Montou, Tougschai, Yangtsun und andere sowie in sämtlichen passierten Dörfern sah ich überall Leichen; und wieviel Kranke, Frauen, Kinder, Greise, die nicht haben flüchten können, mögen wohl unter den brennenden Trümmern begraben liegen.«

Er erzählt dann weitere Schandtaten und sagt von einer eroberten Stadt: »Unsere Kompagnie hielt vor einem Thor, und die Chinesen wurden von der anderen Seite durch dieses Tor in die Bajonette der Leute unserer Kompagnie hineingetrieben. Es soll schauderhaft gewesen sein.« (...)

Meine Herren, das Maß von Verrohungen, das dieser Krieg verbreiten wird, ist die schlimmste moralische Verwüstung, die es geben kann. Und wenn Sie (nach der Rechten gewandt) nächstens wieder einmal in dieser Session mit der Prügelpetition kommen, dann, meine Herren, werden wir Ihnen sagen, wer und wo die Urheber all der Rohheiten sind, die jetzt zu Tage treten.

Weiter wird in einem Briefe aus Peking ein neues Moment hervorgehoben.

Darin heißt es: den Mandarinen, das sind die Steuerbeamten, denen wird alles geplündert, denn die haben massenhaft Geld. Silber und Seide, das wird immer gleich verkauft. Also es wird auch stramm geplündert. (...)

Und dabei sollen noch militärische Lorbeeren erobert werden? Nein, meine Herren, nicht Weltmarschall, nicht Feldmarschall ist Graf Waldersee, er ist einfach Exekutionsmarschall.

Deutscher Reichstag, Sitzungsprotokolle, 3. Sitzung, Montag, den 19.

November 1900, Seiten 33-34

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Der Schwarze Kanal: Kriegsorientierung

Arnold Schölzel

In: junge Welt online vom 10.11.2012

http://www.jungewelt.de/2012/11-10/003.php

Der Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Kuczynski (1904-1997) meinte einmal, es habe in den letzten 150 Jahren nur drei deutsche Politiker gegeben, die sich über die Bedeutung guter Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland im Klaren gewesen seien: Otto von Bismarck, Ernst Thälmann und Walter Ulbricht. An dem Bonmot ist viel dran. Das zeigen nicht zuletzt die vergangenen 23 Jahre seit Öffnung der DDR-Grenze nach Westen und dem Untergang des ostdeutschen Staates. Dem Verkauf der DDR für einige Milliarden D-Mark von Michail Gorbatschow an Helmut Kohl folgte der »Zwei-Plus-Vier-Vertrag« vom 12, September 1990, der an die Stelle eines Friedensvertrages der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges mit Deutschland trat. Er besagt in Artikel zwei: »Die Regierungen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik bekräftigen ihre Erklärungen, daß von deutschem Boden nur Frieden ausgehen wird. Nach der Verfassung des vereinten Deutschland sind Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, verfassungswidrig und strafbar. Die Regierungen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik erklären, daß das vereinte Deutschland keine seiner Waffen jemals einsetzen wird, es sei denn in Übereinstimmung mit seiner Verfassung und der Charta der Vereinten Nationen.«

An keine dieser Bestimmungen haben sich die Bundesregierung und ihre Verbündeten seither gehalten. Von deutschem Boden ging inzwischen mehrfach Krieg aus. Nicht eine Beteiligung der Bundeswehr an den Feldzügen der westlichen Wertegemeinschaft war durch das Grundgesetz, das Streitkräfte allein für die Verteidigung vorsieht, gedeckt. Eine historische Zäsur war die Beteiligung am NATO-Luftkrieg gegen Jugoslawien 1999. Der Militärpakt gab sich selbst das Mandat zum Angriff, verzichtete auf eine Verhandlungslösung von vornherein und schließlich auf eine Legitimation durch den UN-Sicherheitsrat. Er gab demonstrativ zu verstehen: Bei seinen Weltordnungskriegen kann das Völkerrecht als Fetzen Papier behandelt werden. In den Kriegen gegen den Irak mit Hilfe einer »Koalition der Willigen«, gegen Afghanistan und zuletzt gegen Libyen bzw. im Stellvertreterkrieg gegen Syrien setzt sich das fort.

Zu diesen Waffeneinsätzen hinzu kam zeitgleich die Ausdehnung der weltweit bombenden NATO bis an die Grenzen Rußlands, von Belarus und der Ukraine.

Die USA halten kompromißlos an ihren Plänen fest, in Osteuropa ein Abfangsystem gegen ballistische Raketen zu installieren. Der Propaganda nach richtet es sich gegen den Iran, tatsächlich dürfte es zu einer Aufrüstungskonstellation gegen Rußland führen wie in der Kuba-Krise 1962 oder wie nach der Stationierung von NATO-Raketen, die innerhalb weniger Minuten Moskau erreichen konnten, in den 80er Jahren.

Der Kalte Krieg wurde vom Westen auf militärischem Gebiet ohne Unterbrechung fortgesetzt. Dem entspricht inzwischen auch wieder die Haltung der führenden Medien. Seitdem sich vor etwa zehn Jahren unter der Präsidentschaft Wladimir Putins Hoffnungen auf eine anhaltende Schwächung, wenn nicht Auflösung der Russischen Föderation, abschwächten, regieren wieder die Stereotypen der antirussischen Propaganda, die von 1917 bis 1991 von antikommunistischen Klischees überlagert wurden.

Bestätigt wird diese Diagnose durch die Papiere, die von den Koalitionsfraktionen, von SPD und von den Grünen am Freitag in den Bundestag eingebracht wurden. CDU/CSU und FDP gaben ihrem Dokument die Überschrift »Durch Zusammenarbeit die Zivilgesellschaft und Rechtsstaatlichkeit in Rußland stärken.« Wenn die etablierten Parteien die Vokabel »Zivilgesellschaft« benutzen, sind heute »bunte«, von westlichen »Revolutions«experten organisierte Mittelstandsbewegungen gemeint. Um den Rechtsstaat kümmern sich die Herrschaften rührend - von Saudi-Arabien bis Honduras, in letzerem Fall bis hin zum Sturz gewählter Regierungen.

Kritik an russischen Zuständen ist so angebracht wie an Mißständen anderswo. Nach 23 Jahren Vertragsbruch, Aufrüstung und Kriegsorientierung Deutschlands ist ein faktisch regierungsamtliches Papier wie das Verabschiedete eine Woche vor dem nächsten deutsch-russischen Gipfel mehr als ein diplomatischer Wink mit dem Zaunpfahl. Das Signal lautet: Wir machen weiter.

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Geschichte eines Abstiegs

Roland »Orlando« Kirchner war Sozialarbeiter, auch am Wochenende. Einigen Kollegen war er zu engagiert. Es folgten Mobbing, Burnout und Arbeitslosigkeit. Heute lebt »Orlando« von 659 Euro

Tim-Niklas Kubach

In: junge Welt online vom 10.11.2012

http://www.jungewelt.de/2012/11-10/004.php

Wenn Roland Kirchner mit seinem klapprigen Damenfahrrad an dem alten Klinkerbau vorbeifährt, wird er wehmütig. Die TH2 in der Theresienstraße ist eine Notunterkunft für Männer in Bamberg. Kirchner hat dort als Sozialpädagoge gearbeitet. Es geht ihm nicht gut bei den Gedanken an seine frühere Arbeitsstelle, das ist dem 55jährigen anzusehen. Denn hier begann sein sozialer Abstieg.

In seiner Wohnung angekommen, deutet Kirchner mit einer ausladenden Handbewegung umher und lacht: »Das ist meine Bruchbude«. Es ist ein herzhaftes, tiefes Lachen, das nach und nach leiser wird und in einem kleinen Husten endet. Doch eigentlich sollte ihm gar nicht zum Lachen zumute sein, denn seine aktuelle Situation ist alles andere als gut.

Roland Kirchner ist im oberfränkischen Bamberg bekannt wie ein bunter Hund.

Den diplomierten Sozialpädagogen nennen die meisten hier einfach kurz Orlando. Der 55jährige sitzt in seiner kleinen, spartanisch eingerichteten Küche. Ein alter Vier-Platten-Herd, eine Spüle, ein paar kleine Pflanzen auf der Fensterbank. Das blau-gelb gestrichene Küchenbuffet aus den 1940er Jahren komplettiert die Einrichtung. An der Pinnwand hängen Zeitungsartikel und Postkarten. Orlando greift zu einer Zigarre, die vor ihm auf dem kleinen Küchentisch liegt - ein Geschenk von einem Freund. Er spielt ein bißchen damit in seinen Händen, bis er sie sich schließlich anzündet. Er nimmt einen tiefen Zug und bläst den blauen Dunst genüßlich aus - dann beginnt Orlando von seiner Geschichte zu erzählen: Im Mai 2003 begann seine Arbeit als Sozialarbeiter in der Obdachlosen-Notunterkunft Theresienstraße 2, kurz TH2 genannt. Er war dort der erste Sozialarbeiter überhaupt und betreute etwa 20 bis 30 obdachlose Männer. »Ich sollte mir ein Pfefferspray mitnehmen«, hätten ihm die Amtsleitung und sein Bürokollege zu Beginn geraten, erinnert sich Orlando. Man war offensichtlich um seine Sicherheit besorgt. Doch das Pfefferspray kam nicht zum Einsatz, überhaupt hat es niemals gewaltätige Auseinandersetzungen gegeben. Denn der Sozialpädagoge wußte, wie er mit seinen Klienten umzugehen hatte. Das Hauptziel war es, die Obdachlosen wieder in feste Mietverhältnisse zu bringen.

Orlando half beim Ausfüllen von Anträgen und schaffte es, bei den Betroffenen ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Er nahm die Probleme seiner Klienten ernst und engagierte sich für sie: »Ich hab' nicht nur geschaut, daß sie eine Wohnung kriegen, sondern ich hab' versucht all ihre Probleme, die sie haben, zu lösen«, erinnert sich Orlando. Orlando nennt das »ganzheitliche Betreuung«: »Ich kann das schlecht trennen. Ich bin auch mal abends hin oder am Wochenende. Ich hab' denen nicht einfach gesagt, Freitag mittag um 12 Uhr ist Schluß. Die haben auch gewußt, da kann man auch mal am Samstag anrufen.« Früher sei die TH2 ein Ort von ständigen Polizeieinsätzen gewesen. Nicht zuletzt durch seine Arbeit sei es ruhiger geworden. Der Sozialarbeiter organisierte Sommerfeste und Weihnachtsfeiern, sammelte Spenden bei der Bevölkerung und ließ die Duschen und die Küche renovieren. Der damalige Bamberger Sozialreferent Rupert Grimm hat ihn sogar als Glücksfall für die Stadt bezeichnet. Im August 2007 ist die Obdachlosigkeit in Bamberg auf dem tiefsten Stand seit 20 Jahren. Dazu habe auch Orlandos Arbeit beigetragen, hieß es in der Lokalzeitung Fränkischer Tag anerkennend.

Doch seine Arbeit schmeckte nach eigener Aussage nicht allen. Vor allem der Kollege Michael Bruns (Name geändert), der als Sachbearbeiter für Obdachlosigkeit in der Verwaltung arbeitet, kam mit Orlando nicht klar.

»Das ist nicht dein Job. Sieh zu, daß die 'ne Wohnung kriegen. Die sollen sich hier nicht wohlfühlen«, soll der Beamte zu Orlando gesagt haben.

In einem Gedächtnisprotokoll hält Orlando über den Verwaltungsangestellten Bruns fest: Er sehe die Bewohner als »Abschaum«, das Wort Abschaum ist als Zitat gekennzeichnet. Die Vorstellungen von dem Job eines Sozialarbeiters gehen bei Orlando und seinen Vorgesetzten auseinander. Während Verwalter Bruns die Obdachlosen nur schnell wieder los werden wolle, vertritt Orlando eine ganzheitliche Sichtweise. »Daß die lernen, wieder gesellschaftlich stärker zu werden. Da die Gesellschaft ja auch Anforderungen an einen stellt der eine Wohnung mietet«, sagt der Sozialarbeiter, und er erinnert sich: »Es war ja teilweise schon fast hoffnungslos, wegen der scheiß Sauferei sowieso, aber auch weil die einfach resigniert haben und psychisch krank waren«. Für Orlando steht fest, ohne seine Vorarbeit und Hilfe hätte er niemanden einfach so vermitteln können. Bruns sah dies offenbar nicht so: »Ich würde sagen, es war kontraproduktiv«, meint Orlando heute. Der Großteil des Mobbings lief verdeckt ab, »hinten rum«. Nur manchmal traf es den Sozialarbeiter direkt. Bei einem von ihm organisierten Sommerfest im Jahr 2005 bat Orlando den Verwaltungsbeamten, ein paar Euro in die Spendendose zu werfen, da zeigte ihm dieser zweimal den ausgestreckten Mittelfinger. Mit autoritärem Auftreten hätte er unter den Bewohnern für Angst gesorgt, meint Orlando: »Bruns hat Leute, von denen er wusste, daß sie sich nicht ausstehen können, in ein Zimmer gesteckt, obwohl noch genügend andere Zimmer frei gewesen wären«, so Orlando über die Arbeitsweise. Außerdem soll der Beamte wortwörtlich »den Kirchner mach' ich fertig« gesagt haben, ein Ziat, das sich so nicht mehr überprüfen lässt.

Fakt ist jedoch, daß er genau das geschafft hat: wegen Bruns' ständigem Entgegenarbeiten hat Orlando aufgegeben. Irgendwann hat der Knatsch mit seinem Kollegen überhandgenommen.

Herr Bruns wollte nicht zu den Vorwürfen Stellung nehmen. Bei der Pressestelle der Stadt Bamberg hieß es«. »Die Vorwürfe des Herrn Kirchner sind aus der Luft gegriffen.« Der Mitarbeiter der Stadt Bamberg, gegen den sich die Vorwürfe richten, verhalte sich »völlig untadelig«. »Er wird allgemein geschätzt und akzeptiert.« Es sei jedoch Tatsache, »daß es Differenzen zwischen Herrn Kirchner und der Stadt, bzw. dem Mitarbeiter über die Auffassung seiner Arbeit gab. Das wurde auch damals klar in einer nichtöffentlichen Sitzung dargelegt, woraufhin einer Beendigung des Arbeitsverhältnisses zugestimmt wurde.«

In einem Pressebericht kritisiert hingegen Bruns Orlandos Arbeit, da dieser die TH2 wie ein Wohnheim geführt habe.

Von der Küche wechselt der Sozialarbeiter in sein kleines Wohnzimmer.

Fernseher oder Computer sucht man hier vergeblich. Er setzt sich an den runden Tisch und greift zu einer älteren Spiegelausgabe. Auf dem Cover ist ein Bürostuhl zu sehen, in den von hinten ein Messer gestoßen wurde: »Mobbing - der Feind in meinem Büro«, heißt der Titel - »guter Artikel«, murmelt Orlando. 2007 sei er noch von allen Parteien in der Sozialhilfeausschußsitzung schwer gelobt worden (was durch Zeitungsberichte belegt ist), doch sein Vertrag wurde im Dezember 2008 nicht verlängert und die Stelle neu ausgeschrieben. Dann begann der Abstieg. Orlando bekam ab Januar 2009 Arbeitslosengeld 1, das ihm bis Mai 2010 bewilligt wurde. Im Februar 2010 gab es nach dem Rauswurf den ersten Hoffnungsschimmer: Er konnte sich bei der Stadt Fürth wieder etwas dazuverdienen, hier bekam er dann ab Mai auch einen befristeteten Arbeitsvertrag über 30 Stunden: »Ich hab mich so darauf gefreut«, erinnert sich Orlando. Es ging wieder etwas bergauf. Doch die ganze Mobbing-Geschichte mit dem anschließenden Rauswurf saß tiefer als gedacht. Was folgte war ein Zusammenbruch: Es ist der 26.

Juli 2010, der Sozialpädagoge kam gerade von der Arbeit in einer Fürther Wärmestube nach Bamberg zurück. Zuhause angekommen bricht er einfach zusammen. Der Arzt stellt später fest: »Burnout«. Er rät dem Sozialpädagogen, sofort das Arbeiten aufzugeben: »Da ging nichts mehr«.

Dabei hatte er die Stelle in Fürth ja gerade erst angenommen. Der Zusammenbruch ist die Nachwehe seiner vorherigen Arbeit, wie ihm seine behandelnden Psychologen und Psychiater bescheinigten. In einem psychotherapeutischen Attest wird festgestellt, daß die Krankheitssymptome des Burnouts und einer depressiven Störung auf die » (subjektiv so wahrgenommenen) rAngriffel auf seine Person am Arbeitsplatz« zurückgehen.

Und das Attest geht noch weiter: Es sei davon auszugehen, ist in dem Attest zu lesen, daß die Angriffe auf den Patienten nicht nur subjektiv vom Patienten so wahrgenommen werden, sondern einer objektiven Realität entsprächen. Das Arbeitsumfeld habe ihn krank gemacht. Orlando beantragte Erwerbsminderungsrente. Leben mußte er in der Zeit wieder von ALG 1, das auf Vorschußbasis für seine Rente gezahlt wurde. »Ich hab' gar nichts mehr«, erzählt Orlando. Durch das Abrutschen ins Arbeitslosengeld und die spätere Rente reichte das Geld nicht mehr zum Leben. Er konnte seinen Dispokredit und seine Bafög-Schulden nicht mehr zurückbezahlen, was folgte war die Privatinsolvenz im Dezember 2010. Seine Pechspirale dreht sich weiter und weiter nach unten. Zurzeit lebt der Sozialpädagoge von 659 Euro Rente. Er hat kein Internet und mußte alle Zeitungsabos kündigen. Der Sozialarbeiter war aktiv, hat geholfen und sich gesellschaftlich engagiert.

Doch auch aus den zahlreichen Vereinen, in denen er langjähriges Mitglied war, mußte er austreten: Greenpeace, WWF, Lebenshilfe Bamberg. Auch sein Parteibuch hat er nach 35 Jahren Mitgliedschaft in der SPD zurückgegeben.

»Ich bin eigentlich schlechter gestellt, als meine ehemaligen Klienten aus der Notunterkunft«, resümiert Orlando. Und da ist es wieder sein tiefes freundliches Lachen. Eine Art Selbstschutz vielleicht. Wieder nimmt er einen Zug von seiner Zigarre. Das blaue Batik-T-Shirt spannt sich über den dicken Bauch und unter der bunten Rastamütze schauen die braun-grauen Locken hervor. Er ist Sandalenträger aus Leidenschaft. Die alten Birkenstock sind schon leicht zertreten, aber offensichtlich bequem. Was ihm geblieben ist, sind seine Bücher und seine Schallplatten: »Die sind mein Leben«, sagt Orlando und drückt den Stumpen seiner Zigarre im Aschenbecher aus. Sein Tagesablauf heute ist trotz der Umstände konstant: Sieben Uhr geht es raus. »Da leiste ich mir immer noch einen Kaffee«, erzählt er. Dann hilft er Freunden oder auch älteren Menschen beim Kochen oder beim Einkaufen: »Einmal Sozialarbeiter, immer Sozialarbeiter hat ein Freund von mir gesagt«, erzählt Orlando und wieder stößt er dieses tiefe sonore Lachen aus - noch hat er die Hoffnung nicht ganz verloren. »Viele meinen, ich hätte ein Helfersyndrom, aber ich werde immer mit offenem Auge und Herz durch die Stadt gehen, das ist meine Berufung.« Gerade hat er auch einen kleinen Zusatzjob in Aussicht. Ein anderer Diplompädagoge möchte ihn auf 400-Euro-Basis für Einzelfallhilfe in seiner Firma einstellen - ob es klappt, das steht noch nicht fest. Fest steht hingegen, daß Orlando gegen seinen früheren Arbeitgeber - die Stadt -klagen will. Er hofft auf Schadensersatz und etwas Gerechtigkeit - vielleicht geht es dann wieder ein bißchen nach oben.

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41000 Arten

Auszug aus dem Roman »Vorwärts immer«

Lilly Jäckl

In: junge Welt online vom 10.11.2012

http://www.jungewelt.de/2012/11-10/005.php

Seit mein Dackel den Chip eingebaut haben muß, um die slowenische Grenze nicht als Illegaler im Kofferraum zu überqueren, meine Mutter nicht mehr lächeln darf, wenn das Foto biometrisch knipst, beim Weintrinken mit den Freundinnen von Schimpansen mit elektronischen Roboterarmen erzählt wird, während gerade Mediziner meinen Bruder in London mit einem Rindergen klonen, um sein Parkinson Syndrom zu kurieren, warte ich auf meine DNA-Analyse, die ich bei dem Studentenmagazin Unicum gewinnen konnte, um endlich festzustellen, wieviele Gendefekte ich meinen Kindern weitergeben kann, denn mein Lebensabschnittspartner und ich haben vor ein paar Tagen eine Wette abgeschlossen, wer von uns beiden unfruchtbarer ist. Der Einsatz ist ein Wochenende im Paradies, sollte ich gewinnen. Sollte er gewinnen, kaufen wir ein Grundstück in Bolivien, in der Nähe eines Entwicklungshilfeprojektes für die langfristige Sicherung der Süßwasserreserven.

*

Um mich zu beruhigen, las ich in der ZEIT einen Artikel mit der Überschrift: »Die schlaflose Gesellschaft«, die aus dem amerikanischen Traum erwacht ist. Dieser Artikel würde mich garantiert ermüden. So war es auch. Sofort als ich nach all den psychosozialen Gründen für die um sich greifende Massenschlaflosigkeit im Bilde war, entwich mein Bewußtsein und wischte die Worte beiseite, um zu den Bildern zu laufen.

Mein verstorbener Vater tauchte plötzlich aus einem violetten Teich auf, sah mich an und sagte bedeutungsvoll: »Deine grün gefärbte Aura verheddert sich an der Aussichtswarte, in der ein Eco-Warrior auf einem 30 Meter hohen Baum wohnt. Du sagst: Er ist irre! Aber an Waterworld erinnert er dich doch, der langgezottelte, norddeutsche Buschmann.«

Eine Erscheinung. Genauso göttlich, wie er aus dem Teich emporgestiegen war, verschwand er wieder darin. Darauf kam János aus dem Gebüsch und flüsterte mit rotgefärbten Wangen: »Meine Großmutter war 1000 Jahre alt, meine Großmutter zerstampfte Kröten im Kessel, meine Großmutter wusch mir das Gesicht mit selbstgesammelten Zwergentränen.«

Während er mir das gestand, öffnete er eine riesige Schublade (wir standen plötzlich in einer unendlichen Lagerhalle), die nahtlos in die weiße Wand vor uns eingefügt, unsichtbar gewesen war bis zum Moment, als er sie angefaßt hatte. Er zog an der unsichtbaren Klinke, und es öffnete sich eine vier Meter breite, ca. einen Kilometer tiefe Lade. Darin lagen Pergamentrollen aller Größen und Alter. Ein paar tausend Jahre alt. Daneben Hände von mumifizierten Menschen, die in ihnen gelesen hatten. János griff tief hinein in die Lade und umfaßte eine rote Liste.

Er zog das pulsierend blutrot leuchtende Ding hervor und begann zu lesen: »Der europäische Aal« - in dem Moment wuselte es zu meinen Füßen, und ich sah mit Schrecken, daß ich inmitten einer Pfütze voller Aale stand, »der Flachland Gorill-« - er wurde unterbrochen, weil ihm mitten im Wort eine schwarz behaarte Faust einen Kinnhaken verpaßte, darauf mit einem abgebissenen Mumienteil aus der Lade hüpfte und kreischend davon rannte, und plötzlich riß etwas im hintersten Teil der Lade - eine Sturmflut prallte auf uns, und 41000 Arten sprangen auf einmal heraus und warfen uns zu Boden - ein Delphin stupste mich mit der Nase, ein Bartgeier klaute János die Liste, eine indonesische Libelle knabberte mir das Ohrläppchen weg, ein Eisbärenbaby zerfetzte ein Weitwinkelobjektiv, eine rote Koralle legte sich seufzend um János' Hals, ein China-Alligator schnüffelte an meinem großen Zeh, ein Schwarm Riesenrochen flog durch die Luft, die eins war mit dem Wasser, ein Tiger sprang auf János' Schulter, Feldhasen trommelten zum Sturm auf die Regale, eine Kegelrobbe schlitterte wütend gegen ein Reagenzglas mit einem menschlichen Fötus darin, Fledermäuse zerpickten das eingelegte Etwas sekundenschnell und schwirrten durch die Ritzen der wankenden Halle, ein Flußpferd nahm mich auf den Rücken und galoppierte davon, ein Kobold-Maki hüpfte von dem zwanzig Meter hohen Metallregal und warf es um, lautes Klirren Tausender Gläser!

Koalas paarten sich mit Siebenschläfern, Goldkopf-Löwenäffchen lachten laut auf und warfen die uralten Pergamentrollen durch die Halle, Bantengas stampften mit den Hufen und rannten gegen das Gemäuer, Pandabären warfen unterstützend Aktenordner gegen die Wände, Haussperlinge pickten am Putz, und als eine ganze Flotte Uhus, Bongo-Antilopen und Kattas aus der Lade sprang, zerbarst die ganze Wand dahinter, zerschlagen von den gigantischen Flossen einer Grauwal-Familie, die mit lautem Gesang das Tosen der zusammenbrechenden Steine, Mörtel und Schutt mundtot machte.

Nashörner trampelten sekundenschnell den Baumüll nieder, ein Seeadler hob mich in die Lüfte, denn Decke, Wände und Boden gab es nicht mehr, und auf einem Schneeleoparden ritt neben 41000 anderen Arten János durch den Wind, wo 1000 bunte Kröten auf Wolken hüpften, und wir zusammen direkt in einem Wolfsrudel landeten, das die Welt soeben neu erfand. Mitten im Wald.

Die Leitwölfin warf János und mir einen kurzen Blick zu, zwinkerte und sagte entspannt: »Tja, wenn ein Komparse nicht zum Kostüm paßt, wird er ausgetauscht. So ist das halt im globalen Cinecitta.«

Und wen sah ich da in diesem Moment hinter der alten Eiche hervorlugen, die den Mittelpunkt der Waldlichtung markierte, auf der wir mit den Wölfen lagen? Steve Kurtz!

»Oh, Gott - Steve, alte Schachtel, was geht?!« rief ich voller Freude, diesen amerikanischen Held in real vor mir stehen zu sehen. »What's up, honey?« erwiderte die Ikone aller Shampoo-Verweigerer.

Angewidert von unserem menschlichen Geschnatter, wandten sich die Wölfe ab und zeichneten ein paar Meter weiter eine neue Weltkarte ins Moos, die den Orang-Utans sehr gut zu gefallen schien.

Leider war mein Englisch selbst im Traum noch schlecht, ich versuchte es trotzdem: »How is it with the Critical Art Ensemble nowadays? Are you all now in the Knast or is there hope for us, that with the black US-president the people can understand that bio-art is also a kind of art?«

Fassungslos starrte er mich mit leicht schielenden Augen an, da bemerkte ich erst, daß seine Klamotten völlig zerfetzt waren - auch er mußte auf seltsame Weise hierher gelangt sein. Sogleich lächelte der freundliche Mensch aber milde und sagte: »You know, on May 11, 2004, my wife Hope tragically died in her sleep. When I called 911 for help, a nightmare that would last for the next four years began to unfold. The police became suspicious of my art supplies and harmless bacteria cultures that I was using for an antiwar project about the public health impact of germ warfare programs. My home was raided by the FBI, the Joint Terrorism Task Force and Homeland Security. My belongings, my cat and even my wife's body were seized. I was cleared of all charges in April, 2011. I love wolves.«

Ich stotterte: »Yes, I know, but now ..?«

»I love wolves!«, schrie er wie ein Irrer und rannte wie von der Tarantel gestochen weg.

»Steve!! Hey, Steve! Stay please here!«, schrie ich ihm nach, als er heulend den Abhang hinunter lief auf ein wehrloses Rotwildrudel zu.

»Er klingt wie ein echter Wolf. Faszinierend«, sagte János, der neben mir stand mit einer großen Kröte in der Hand und ihr gedankenverloren über den Rücken leckte. Ihr war das sichtlich unangenehm, aber sie wollte auch nicht unhöflich sein, also ließ sie das einfach mit sich machen und sah mich hilfesuchend an.

»János, was tust du da eigentlich?« Mit geweiteten Pupillen lächelte er mich an und fragte: »Magst du auch einmal? Sehr gut, das macht ... Sehr gut. Gehen wir ein bißchen spazieren.«

Seine Stimme klang weich und entspannt, seinen Arm legte er um mich, und so schlenderten wir mit der Kröte in der Hand in den Sonnenuntergang, wo eine Herde Büffel gerade eine Meute Cowboys erschossen hatte, deren tote Körper jetzt zu Tausenden gehäutet am Boden lagen und verrotteten.

»Gott ist groß, Nico. Siehst du diese unendliche Fülle eines reichen Universums, spürst du, daß du Teil davon bist, und alles in Harmonie miteinander verwoben ist?«

»Tja ..«, ein Schwarm Fliegen verdunkelte kurz den Himmel über der seltsamen Wildwestszenerie und ließ sich auf den menschlichen Kadavern nieder. »Doch, jetzt sehe ich sie. Ja. Stimmt. So friedlich irgendwie ..«

»Da!!« Er lief ein paar Meter auf einen großen Baum mit mehreren in einander gedrehten Stämmen zu. »Der orange Baum! Da ist er!« Für mich war der Baum braun bestammt und grün beblättert, so wie seine Kollegen auch.

»Diese blauen Blätter, von denen hab ich als Kind schon geträumt, es gibt dich also wirklich!« Er umarmte den Baum wie einen Bruder, herzte und knutschte ihn. Die Kröte nickte wissend und hielt mir ihren Rücken hin.

»Nein, danke«, sagte ich, darauf sprang sie beleidigt aus meiner Hand und hüpfte ins hohe Gras.

Überglücklich saß János nun am Fuße des knorrigen Baumes: »Sieh, der Himmel so gelb ... Herrlich. Komm, setz dich.«

Ich ließ mich ins weiche Gras fallen. »Alles so leicht in Wirklichkeit«, seufzte er sanft. »Alles, was wir uns wünschen, wird erfüllt, wir müssen nur darum bitten. Unser eigenes Bewußtsein erzeugt all das.«

»Und Krötenhaut«, sagte ich, einen Schmetterling beim Zähneputzen betrachtend. Er benutzte Zahnseide, die eine Raupe ihm als Leihgabe gespendet hatte, um einmal selbst so schön zu werden, wie dieser vielfarbige, eitle Geck mit den blitzenden Flügeln. Bewundernd und glücklich kuschelte sich die zuversichtliche Raupe in den Rest ihres Kokons, der immer kleiner und kleiner wurde, und schlief ein.

»Nein, Nico, wirklich. Das - und nur das, was ich dir jetzt sage - meine ich in vollem Ernst, und du solltest es ernst nehmen, denn es ist die Wahrheit, ein universales Gesetz, du lebst durch das Gesetz der Liebe, und die Liebe wird siegreich sein!« In dem Moment färbte sich der Baumstamm orange.

»Wenn du bejahend durchs Leben gehst, anstatt auf Negatives, Verlust und Mangel hinzuweisen, wenn du bejahst: »Möge göttliche Liebe jetzt in Erscheinung treten!«, dann wird sie in Erscheinung treten und die Welt, in der du lebst, verwandeln.«

Ich suchte das Gras ab nach der Kröte, fand sie aber nicht.

János' Tonfall war nicht etwa unbremsbar missionarisch, im Gegenteil, seine Worte klangen entspannt und natürlich, nur der Sinn war mir noch nicht klargeworden. »Wenn du in einer schwierigen Situation steckst oder mit schwierigen Menschen zu tun hast, mit denen du Streit hattest, die dich verletzt haben oder in irgendeiner anderen Art schaden, dann probier, sie in einem göttlichen Licht zu sehen und in Liebe gehüllt. Es gibt keine Armut.«

Jetzt stieg ich völlig aus. Keine Armut? Und was ist mit der einen Milliarde Menschen, die unter Hunger leidet? Das ist etwa jeder siebente Mensch auf der Erde, das kann man doch nicht mal auf Kröte weghalluzinieren. Als hätte ich den Gedanken ausgesprochen, antwortete er gelassen: »Ja, Nico. Das stimmt. Laß es mir dir in Ruhe erklären. Ich muß nur kurz auf den Baum klettern, er hat mich darum gebeten, ich komme gleich.« Warum erklärt mit heute eigentlich die ganze Zeit irgendwer irgendwas? dachte ich. Da beobachtete ich plötzlich mit Schrecken, wie der Schmetterling grinsend wegflog und den halboffenen Kokon liegenließ.

Eine arbeitswütige Ameise, die gerade nichts zu tun hatte, kam vorbei und sah den traurigen Kokon. Sie blickte sich um und fand nichts zu tun, keine Brösel, die herumlagen, kein Müll zum entfernen, keine sonstigen wegzuschaffenden Güter weit und breit. Kurz setzte sie sich und starrte in die Luft. Dann blickte sie mich mit vermessendem Blick an, und ich schüttelte rasch den Kopf - nein, wir würden hier noch ein wenig verweilen an dem Baum, dessen Blätter sich langsam blau färbten. Wir ließen uns so rasch nicht abtransportieren. Gelangweilt betrachtete sie den halboffenen Kokon und schaute wieder weg. Sah wieder hin, drehte sich ab. Kehrte nach ein paar Zentimetern wieder um und blickte schüchtern durch die Öffnung des Kokons. Gerührt drehte sie sich nach einiger Zeit erneut um und schien eine Idee zu haben. Sie rannte flink davon und kehrte nach kurzer Zeit wieder vollbeladen mit mindestens drei großen Kieselsteinen zurück. Ächzend warf sie die Fracht vor dem Kokon ab und rannte davon. Wieder brachte sie eine Riesenlast Kieselsteine mit und begann, sie vor dem Kokon nach Größen zu sortieren. Was treibt die da? wunderte ich mich. Da spannte sie ihre Muskel an, stemmte sich gegen den größten Kieselstein und rollte ihn so dicht an den Kokon heran wie möglich, verschnaufte, überprüfte ihr Werk, befand es für gut und rollte den nächsten Stein heran. Sie verbarrikadierte die Öffnung des Kokons! Behutsam schaffte sie es, die Öffnung zu schließen, so, daß die Raupe darin geschützt war. Ich traute meinen Augen kaum.

»So, Nico«, sagte János, der gerade wieder heruntergestiegen war und sich mir zuwandte: »War nicht so wichtig, er wollte nur fragen, ob da was läuft zwischen uns. Er wollte mir aber nicht glauben, daß du nur eine gute alte Freundin bist, daher hat's ein wenig länger gedauert, auf jeden Fall, - ja! Dieses Universum ist reich!«

Lilly Jäckl, geb.1978, arbeitet als Autorin, Regisseurin und Lektorin in Graz, Wien und Berlin an Lyrik- und Prosatexten, multimedialen Lese-Performances und Filmen. Ihr literarisches Werk ist zwischen Popliteratur, Trash und moderner Sprachkunst angesiedelt, als Regisseurin arbeitet sie genreübergreifend an Live-inszenierungen ebenso wie im Dokumentarfilmbereich (z.B. Langzeit-Dokumentation SIGN O TIME 1996-2016).

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Über Telefonsex

Reinhard Jellen

In: junge Welt online vom 10.11.2012

Weiter unter:

http://www.jungewelt.de/2012/11-10/006.php

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Geheimes Dosenfutter

Ina Bösecke

In: junge Welt online vom 10.11.2012

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http://www.jungewelt.de/2012/11-10/007.php

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