Wochenendbeilage der jungen Welt

vom 16.08.2014 


  

»Hamburgs Kommunisten waren bis Kriegsende im Widerstand«  

Gespräch mit Uwe Scheer. Über die Gedenkstätte Ernst Thälmann in Hamburg-Eppendorf, ihr Überleben nach 1989 und kenntnisreiche DDR-Bürger  

Arnold Schölzel 

In: junge Welt online vom 16.08.2014 

Wochenendbeilage  

 

Uwe Scheer war von 2003 bis 2009 Vorsitzender des Kuratoriums »Gedenkstätte Ernst Thälmann« e. V. in Hamburg und ist heute Vorstandsmitglied. Seit 2012 ist er Vorsitzender des Fördervereins der Gedenkstätte. 

Die Hamburger Morgenpost titelte 2005 »Die letzte Bastion der Kommunisten« und schrieb: »Mitten im edlen Eppendorf ist er noch lebendig, der Geist des Kommunismus. Im Erdgeschoß des Eckhauses an der Tarpenbekstraße 66 hängen rote Fahnen an der Wand, auf einer steht: rProletarier aller Länder, vereinigt euch!l Hier ist die Ernst-Thälmann-Gedenkstätte, in der seit mehr als 35 Jahren an den Vorsitzenden der Kommunistischen Partei erinnert wird.« Der Hamburg-Korrespondent der FAZ, der übrigens aus der DDR stammt, schrieb im November 2013: »Wie der Quastenflosser als lebendes Fossil die Tiefen des Ozeans durchschwimmt, so gibt es in Hamburg-Eppendorf noch immer eine Ernst-Thälmann-Gedenkstätte.« Haben die recht? 

Etwas Ähnliches war auch in Springers Hamburger Abendblatt zu lesen. Da wird nach dem Motto verfahren: Das sind die letzten Mohikaner. Tatsache ist, daß die Existenz der Gedenkstätte nach 1989 am seidenen Faden hing und ihr Weiterbestehen ein Va-Banque-Spiel war. Mein Vorgänger als Vorsitzender im Kuratorium, Jan Wienecke, der lange Jahre die DKP in Hamburg leitete, sammelte Anfang der 90er Jahre umfangreiche Spenden für den Erhalt der Gedenkstätte, auch durch Aufrufe in UZ, junge Welt und Neues Deutschland. Es kam soviel Geld zusammen, daß der Gebäudeteil im Erdgeschoß, in dem sich die Gedenkstätte am Thälmann-Platz befindet, gekauft werden konnte. Als das sichergestellt war, konnte wieder eine kontinuierliche Arbeit beginnen. 

Die Gedenkstätte wurde 1969, also kurz nach Wiederzulassung einer legalen kommunistischen Partei in der Bundesrepublik, gegründet. Wie kam es dazu? 

Das hing durchaus mit der Gründung der DKP zusammen. Damals lebten noch viele Genossen und Freunde Ernst Thälmanns in Hamburg, die eigene Erinnerungsstücke beisteuerten und aus der Zeit mit ihm berichten konnten. 

Die wollten damit wieder an die Öffentlichkeit. Da bot sich das Haus an, in dem Thälmann bis 1933 und seine Familie bis 1944 gewohnt hatte. Ein Teil der unteren Etage konnte damals gesichert werden, wobei neben der Gedenkstätte noch ein Schuhmacher seinen Laden hatte... 

... bei dem Thälmann oft gewesen sein soll, wenn er in Hamburg war, um zu hören, worüber so gesprochen wurde... 

Das kann durchaus sein. Neben der Schuhmacherei war jedenfalls die erste Ausstellung, bis dann 1976 die Exposition in den Vitrinen so eingerichtet wurde, wie sie im wesentlichen heute noch im ganzen Erdgeschoß zu sehen ist. Damals half uns das DDR-Museum für Deutsche Geschichte in Berlin, und Wissenschaftler wie Günther Wehner konzipierten alles. Er unterstützt uns auch heute noch bei nötigen Aktualisierungen, wenn z.B. Exponate ausgetauscht werden müssen, weil sie vergilben, oder Ähnlichem. Leider fehlt uns das Geld, um alles, was er vorgeschlagen hat, zu verwirklichen. 

Es gab damals übrigens auch einen Austausch von Exponaten zwischen Berlin und Hamburg, wir halfen uns gegenseitig. 

Der Chronik der Gedenkstätte ist zu entnehmen, wie klein alles anfing, auch wenn es von Anfang an offenbar öffentliche Veranstaltungen mit großer Resonanz gab. Da wird z. B. 1969 von einem Gedenktag für Thälmann und dem Sozialdemokraten Rudolf Breitscheid berichtet. Der kam am 24. August 1944 im KZ Buchenwald bei einem Luftangriff der Alliierten um. Der Gedenktag damals sollte an den 25. Todestag beider Politiker erinnern. Strahlte das in die Stadt aus? 

Ich will das wechselnde politische Klima am Beispiel der Straßenumbenennung illustrieren. Gleich 1946 hatte die Hamburger Bürgerschaft praktisch einstimmig beschlossen, eine Straße nach Ernst Thälmann zu benennen. Nach den konterrevolutionären Ereignissen in Ungarn 1956, auf einem Höhepunkt des Kalten Krieges, wurde das wieder rückgängig gemacht, und sie hieß dann Budapester Straße. Nach 1968 änderte sich das wieder und schließlich war es so weit, daß wir 1984, als wir die Bürgerschaft aufforderten, Ernst Thälmann in seiner Heimatstadt so zu ehren wie es z. B. Dortmund, Mörfelden oder Städte in Frankreich tun, auf eine positive Resonanz bei SPD und Grün-Alternativer Liste (GAL) stießen. Der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende Henning Voscherau und Bürgermeister Klaus von Dohnanyi unterstützten den Antrag. Die Springer-Presse und die CDU liefen selbstverständlich Sturm, aber SPD und GAL wollten Thälmann als Antifaschisten zum 40. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus ehren. So wurde ein kurzes Straßenstück am 99. Geburtstag Thälmanns, dem 16. April 1985, nach ihm benannt und zum Ernst-Thälmann-Platz. Eine ganze Straße umzubenennen, sei nicht möglich, meinte Voscherau damals. Aber immerhin engagierte er sich dafür. Und er gilt als rechter Sozialdemokrat. 

Wie war das nach 1989? In der DDR wurde ja sogar Heinrich Heine als Stalinist entlarvt und sein Name verschwand z.B. 1990 von einer Grundschule in Berlin-Mitte. 

CDU und FDP erörterten in der Bezirksversammlung tatsächlich ernsthaft die Beseitigung des Namens Ernst Thälmann von dem Platz und die Räumung der Gedenkstätte. Sie wollten alles im Staatsarchiv vermodern lassen. Zum Glück hatten SPD und GAL dort die Mehrheit und sagten nein. Sie sorgten sogar dafür, daß wir finanzielle Unterstützung für den Druck einer Broschüre über die Geschichte der Gedenkstätte in ziemlich hoher Auflage erhielten. Wir können von Glück sagen, daß sie uns gewogen waren. 

Zurück noch einmal in die 70er Jahre. Ich war sehr erstaunt, als ich die Chronik studierte, wie sich die Besucherzahlen entwickelten. Das waren anfangs einige hundert im Jahr, später Tausende, bis zu 15000 in den 80er Jahren. Woran lag das? 

Das hatte verschiedene Ursachen. Eine war z.B., daß uns ganze Besatzungen sowjetischer Schiffe besuchten, Delegationen aus sozialistischen Ländern und selbstverständlich sehr viele Leute aus der Region. 

Sie hatten auch allerhand Prominenz zu Besuch. Ich habe mir notiert: 7. Mai 1978, KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew macht auf dem Weg zum Privathaus von Bundeskanzler Helmut Schmidt Station in der Gedenkstätte. 

Ich nehme an, das geschah mit allerhand Bohai. 

Kann man wohl sagen. Die Straße in Eppendorf war voll, und ich konnte alles nur von weitem sehen. Mich bringt die Frage auf ein Problem unserer Arbeit: Wir haben zwar sehr viel Fotomaterial aus diesen Jahren, aber vieles ist unbeschriftet und wir sind leider nicht die Experten, die identifizieren könnten, wer da alles zu sehen ist. Selbstverständlich war Irma Gabel-Thälmann, die Tochter Ernst Thälmanns, immer wieder in der Gedenkstätte und andere bekannte Antifaschistinnen und Antifaschisten. Vor allem gab es immer wieder große Kundgebungen vor dem Haus. Ich war damals allerdings - gegen mich lief ein Berufsverbotsverfahren - mehr Zuschauer als aktiver Teilnehmer. 

Irma starb im Jahr 2000, und nun engagiert sich die Enkelin Vera Dehle-Thälmann bei uns in Hamburg und auch auswärts. Wir waren gemeinsam im Jugendcamp der Föderation Demokratischer Arbeitervereine (DIDF) auf der Insel Föhr und sprachen mit den Jugendlichen über Thälmann und den antifaschistischen Widerstand im Hamburger Hafen und waren wiederholt bei Jahrestreffen der DIDF. 

Die Hamburger Gedenkstätte verfügt über einen erstaunlich großen Bestand an Büchern - da ist von über 10000 die Rede - und historischen Materialien. 

Wie ist das entstanden? 

Wir haben im Lauf der Jahrzehnte viele Nachlässe erhalten, Geschenke und Zuwendungen. Darunter sind jede Menge wissenschaftliche Werke und ziemlich große Archivbestände, darunter viele Kopien von Akten aus der Nazizeit. Wir besitzen die Hamburger Volkszeitung, die kommunistische Zeitung, von 1946 bis zum KPD-Verbot 1956 komplett, oder auch die Zeitung Blinkfüer aus der Zeit danach. Damit kann und soll gearbeitet werden. Es kommt immer wieder vor, daß Studenten bei uns für Examensarbeiten recherchieren. Die haben sie nach Fertigstellung auch bei uns eingereicht, und es sind auf der Grundlage von Forschungen bei uns schon einige Bücher entstanden. Darunter waren zwar auch Publikationen, die nicht gerade erfreulich waren, aber das läßt sich nicht verhindern. Bücher und Archivmaterial befinden sich in Nebenräumen und im Keller, zum Teil unter sehr schlechten Aufbewahrungsbedingungen. Bis 1989 gab es hauptamtliche Mitarbeiter, die sich um den Erhalt der Bestände kümmern konnten. Jetzt arbeiten alle bei uns unbezahlt, und wir können uns damit nicht so intensiv befassen, wie es nötig wäre. Immerhin können wir im allgemeinen regelmäßige Öffnungszeiten gewährleisten. 

Die Forschung zu Thälmann ist seit 1989 besonders umkämpft. Es tauchten eine ganze Reihe von Historikern auf, die Kontroverses in den Vordergrund stellen, von den eigenen früheren Erkenntnissen nichts mehr wissen wollen und speziell Thälmann im antikommunistischen Überschwang der vergangenen 25 Jahre demontieren möchten. Bekommen Sie das zu spüren? 

Für mich spielt das im Grunde keine Rolle, ich bin aber auch kein Historiker. Ich will nur ein Beispiel nennen: Ich habe gehört, daß Thälmann nicht in einer einzigen Rede das Wort »Sozialfaschismus« (für die SPD Ende der 20er Jahre in der Kommunistischen Internationale gebraucht - d. Red.) verwendet hat. In Texten, die unter seinem Namen veröffentlicht worden sind, taucht es auf, aber in den Mund genommen hat er es nach verläßlichen Aussagen nicht. 

Ist die Gedenkstätte die einzige Einrichtung in Hamburg, die an den antifaschistischen Widerstand erinnert? 

Nein, da gibt es viele Initiativen, an der Spitze die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschisten (VVN-BdA), mit der wir eng zusammenarbeiten. Wir sind auch in der Bewegung »Weg mit dem Kriegsklotz« aktiv, dem Kriegerdenkmal von 1936 am Bahnhof Dammtor mit der Inschrift »Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen«. Als ein Resultat der Proteste gab es immerhin einen Wettbewerb für ein Gegendenkmal, für das die Gelder schon bewilligt wurden. Wir mischen außerdem bei den alternativen Hafenrundfahrten mit, halten Verbindung zu Spanienkämpfern, sind also Teil eines breiten Netzwerkes. Und ich möchte unbedingt die Willi-Bredel-Gesellschaft und das Erholungsheim für Antifaschisten »Heideruh« in Buchholz bei Hamburg erwähnen. 

Was für Besucher kommen heute? Wie ist es mit jungen Leuten? 

Früher kamen regelmäßig Jugendorganisationen über den Landesjugendring zu uns, aber das ist leider nicht mehr der Fall. Uns besuchen Schulklassen, wenn sie einen engagierten Lehrer haben, vor allem aber sind es Einzelpersonen und Familien. Die Zusammensetzung der Besucher hat sich in interessanter Weise verändert. Etwa seit dem Jahr 2000 sind viele ehemalige DDR-Bürger dabei, die jetzt in Hamburg leben oder dort zu Besuch sind. Da hören wir öfter den Ausruf, »Mensch, das kenn ich doch«. Ich fordere solche Besucher manchmal auf, doch gleich selbst eine Führung zu machen, und viele von ihnen haben wirklich erstaunliche Kenntnisse. Wir haben die Geschichte der Arbeiterbewegung im Gegensatz zu ihnen jedenfalls nicht in der Schule gelernt. Ich habe auch schon erlebt, daß Leute kommen, die sich vorher in der DDR nicht kannten und dann hier mit großem Hallo aufeinander zugehen, wenn sie ins Gespräch kommen. Ich schätze, daß ungefähr ein Drittel der heutigen Besucher aus der DDR stammt, zumeist Leute, die mit der historischen Entwicklung von SPD, KPD und von Gewerkschaften gut vertraut sind. 

Die Ernst-Thälmann-Gedenkstätte ist Treffpunkt für Ex-DDR-Bürger? 

Das läßt sich in gewisser Weise so sagen. Aber natürlich kommen auch aus dem alten Bundesgebiet Leute oder Gruppen, die sich für die Geschichte der Arbeiterbewegung interessieren - und nicht wenige aus dem Ausland. Ich hatte z. B. schon Wissenschaftler von der Universität Princeton in den USA bei mir, die sehr interessiert waren. 

Sie bieten angesichts der beschränkten Kräfte ein erstaunlich breites Spektrum von Veranstaltungen an - Filme, Vorträge, Diskussionen und anderes. Was für ein Publikum kommt dorthin? 

Das sind schon vor allem Leute aus Hamburg, das ist überschaubar. Wenn wir allerdings jemanden wie Moshe Zuckermann aus Tel Aviv bei uns haben, ist der Laden richtig voll. 

Sie sind jedenfalls eine feste Adresse für linke Veranstaltungen in Hamburg? 

Das trifft zu. Wir bemühen uns darüber hinaus, mit Veranstaltungen verschiedenster Art in die Öffentlichkeit zu kommen. In jedem Jahr veranstaltet der Bezirk Hamburg-Nord eine Woche des Gedenkens der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, also um den 27. Januar. Dabei machen sehr viele Vereine des Bezirks mit, manchmal sind das 25 Organisationen. Es gibt ein breites Programm, das gedruckt und in allen öffentlichen Einrichtungen verteilt wird. Wir sind auch immer dabei mit zwei oder drei Veranstaltungen, darunter am 30. Januar jeden Jahres eine Ehrung der antifaschistischen Widerstandskämpfer auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Für das nächste Jahr haben wir schon Ralph Dobrawa eingeladen, der ein Buch zum Frankfurter Auschwitz-Prozeß vorgelegt hat. So versuchen wir heute, Öffentlichkeit herzustellen - und das gelingt auch. Denn bei solchen Gelegenheiten kommen Leute zu uns, die sich sonst wahrscheinlich nie in die Gedenkstätte hineintrauen. Es gibt leider immer noch Hemmungen bei Sozialdemokraten oder anderen politisch Engagierten. Ähnliches gilt für den Museumstag in Hamburg, an dem ein alter Bunker, der sich neben der Gedenkstätte befindet, zur Besichtigung geöffnet wird. Und was für uns besonders wichtig ist: Dabei kommen viele Spenden zusammen. 

Es gibt nur noch eine Handvoll authentischer Orte der deutschen Arbeiterbewegung, an denen Gedenkstätten existieren. Welche Bedeutung kommt ihnen aus Ihrer Sicht zu? 

Nach der Zerstörung des Sporthauses Ziegenhals, in dem eine Woche nach der Machtübertragung an Hitler 1933 die letzte Tagung der KPD-Führung mit Ernst Thälmann stattfand, sind es tatsächlich nur das Karl-Marx-Haus in Trier und das Friedrich-Engels-Haus in Wuppertal, die mit der Thälmann-Gedenkstätte in Hamburg vergleichbar sind. In den ersten beiden wird aber allerhand Antikommunismus verbreitet, und die Geschichte der kommunistischen Arbeiterbewegung spielt praktisch überhaupt keine Rolle. Solche Mätzchen machen wir nicht. Vielmehr können sozialdemokratische Forscher bei uns sehr viel Material zur Geschichte ihrer Partei finden. 

Wie sind die Aussichten für die Gedenkstätte? 

Es gilt: Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Einige Jahre geht es auf jeden Fall weiter. Es gibt das Problem mit dem Haus. Es ist über 100 Jahre alt, stark sanierungsbedürftig und wenn die Eigentümergesellschaft etwas beschließt, was viel Geld kostet, reißt uns das ein Loch in die Kasse. Wir haben leider nur einzelne Spender aus den linken Parteien und Bewegungen. 

Welche Bedeutung hat es heute, an Thälmann zu erinnern? 

Es geht um die organisierte Arbeiterbewegung und um den Arbeiterwiderstand gegen den Faschismus. Bei einem Vortrag von Ulrich Sander, dem Sprecher der VVN-BdA Nordrhein-Westfalen und gebürtigen Hamburger, erfuhr ich, daß die Sozialdemokraten hier in der Stadt bis 1937 organisierten Widerstand geleistet haben, die Kommunisten bis zum Kriegsende. Wir kümmern uns z. B. 

um solche Dinge wie die Erinnerung an die von den Nazis ermordeten Werftarbeiter. Bei den letzten Hafentagen haben wir in Anwesenheit von über 100 Antifaschisten aus verschiedenen Ländern eine entsprechende Gedenktafel enthüllt. Das Bedürfnis, über diese Geschichte etwas zu erfahren, ist da und insofern haben wir wenig Zukunftssorgen. Vielleicht noch ein Hinweis: Am Sonntag, dem 2. November, findet im Hamburger »Kino 3000« eine Benefizveranstaltung zugunsten der Gedenkstätte Ernst Thälmann statt. 

Gezeigt wird der britische Film »Good bye Barcelona«, das ist die Aufzeichnung einer Theateraufführung in London zum spanischen Krieg und den internationalen Brigaden. Dazu möchte ich bei dieser Gelegenheit jetzt schon einladen. 

Am kommenden Montag, dem 18. August, vor 70 Jahren wurde der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann nach über elfjähriger Einzelhaft auf direkten Befehl Himmlers und Hitlers vor dem Krematorium des KZ Buchenwald hinterrücks ermordet. Aus diesem Anlaß finden an diesem Tag in Hamburg, Dresden, Stralsund, Magdeburg und anderen Städten der Bundesrepublik sowie in der Mahn-und Gedenkstätte Buchenwald Veranstaltungen statt. 

Am Sonnabend, den 23. August, wird in Berlin Thälmanns mit einer bundesweiten Konferenz (ab 10 Uhr im Karl-Liebknecht-Haus) und einer zentralen Kundgebung (16 Uhr am Ernst-Thälmann-Denkmal) gedacht. 

In Hamburg die Gedenkstätte Ernst Thälmann (Tarpenbekstraße 66) ab 10 Uhr geöffnet sein. Im Programm: Filme, Lesungen, Gespräche. Um 17 Uhr Kundgebung. 

Mitglied im Kuratorium der Hamburger »Gedenkstätte Ernst Thälmann« e. V. 

kann jeder werden - ob Mitglied einer Partei oder nicht -, der sich für die Arbeiterbewegung, z. B. in Gewerkschaften, engagiert und die Satzung (mußte nach 1989 nicht geändert werden) anerkennt. 

 

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Die Krise spitzt sich zu  

Erwerbslosigkeit, wirtschaftliche Zerrüttung, Verelendung: Am 15. Oktober 1932 analysierte Ernst Thälmann auf einer KPD-Parteikonferenz die Lage in Deutschland 

In: junge Welt online vom 16.08.2014 

Wochenendbeilage  

 

Das XII. Plenum (des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale, der Komintern - jW) spricht in seinen politischen Thesen aus, daß das Ende der politischen Stabilisierung des Kapitalismus eingetreten ist. Was bedeutet das, Genossen? Wir müssen den ganzen Ernst und das ganze Gewicht einer solchen Feststellung verstehen. Lenin und die Komintern haben bekanntlich die ganze gegenwärtige Epoche, die im Zeichen des Monopolkapitalismus, des Imperialismus steht, als die Epoche der Weltrevolution gekennzeichnet. Der Weltkrieg von 1914 bis 1918 und die russische Revolution des Jahres 1917 stehen am Beginn dieser Epoche und enthüllen ihren geschichtlichen Charakter. Die ersten Jahre der Nachkriegszeit waren erfüllt von einer nicht abreißenden Kette revolutionärer Kämpfe und bewaffneter Auseinandersetzungen, politischen Massenstreiks und Generalstreiks in einer ganzen Reihe von Ländern. 

Deutschland, das nach dem verheerenden Weltkrieg als das schwächste Glied in der Kette des Imperialismus anzusprechen war, zeigte ganz besonders deutlich diese rasche Aufeinanderfolge revolutionärer Zuspitzungen und Kämpfe. Mit der Oktoberniederlage des deutschen Proletariats von 1923, mit der Niederwerfung der bulgarischen Arbeiter und Bauern beim Sturz der Regierung Stambolijski (durch einen Putsch von Militär und Faschisten im Juni 1923 - jW) endete dieser Turnus, diese erste Reihe von Kriegen und Revolutionen. (...) 

Es folgte die Zeit der relativen Stabilisierung des Kapitalismus, die mit einer Festigung der bürgerlichen Klassenherrschaft, mit einer günstigen Konjunktur der Wirtschaft, mit einem Anwachsen der demokratisch-pazifistischen Illusionen der Massen begann. Auf die erste große Flutwelle der Weltrevolution folgte eine gewisse Ebbe, eine gewisse Stagnation, ja teilweise rückläufige Entwicklung der revolutionären Bewegung. Die Propheten des Kapitalismus frohlockten, die Vertreter des Reformismus, die Führer der internationalen Sozialdemokratie verkündeten das Ende der Weltrevolution und wollten den Massen einreden, daß nunmehr der friedliche »demokratische« Weg zum Sozialismus, das allmähliche »Hineinwachsen in den Sozialismus« gesichert sei. (...) 

Als dann die Weltwirtschaftskrise im Jahre 1929 einsetzte, als sie immer mehr Länder des Kapitalismus in ihren Bann zog und sich immer mehr vertiefte, haben wir bereits auf den damaligen Tagungen der Komintern und auch der KPD die Bedeutung der Krise für den Gang der Weltgeschichte aufgezeigt. (...) Wir sahen, wie die zyklische Krise sich auf dem Boden der allgemeinen Krise des kapitalistischen Systems in der Epoche des Imperialismus in viel schärferer und umfassenderer Form entfalten mußte, als das bei den periodischen Krisen der Vorkriegszeit der Fall war. Wir zeigten gleichzeitig schon damals auf, wie umgekehrt die Weltwirtschaftskrise ihrerseits die allgemeine Krise des Kapitalismus vertiefen und in ein höheres Stadium steigern muß. Die Ereignisse haben uns vollkommen recht gegeben. (...) 

Die ungeheure Erwerbslosigkeit in Deutschland, die völlige Zerrüttung der gesamten Ökonomik, die immer stärkere Stillegung des Produktionsapparates, die fortgesetzte Einschrumpfung des inneren Absatzmarktes durch die Verelendung der werktätigen Millionenmassen, die direkte Pauperisierung breitester Massen - das alles sind unbestreitbare Tatsachen. (...) 

Alles Gerede der Bourgeoisie, der bürgerlichen und sozialdemokratischen Presse über ein Abflauen der Krise, einen nahe bevorstehenden Umschwung in (...) eine baldige neue Prosperität, ist entweder haltlose Utopie oder bewußter Betrug. Gegenüber diesen Spekulationen, irreführenden und verlogenen, der Irreführung der Massen dienenden Phrasen, sagen wir Kommunisten den Massen mit aller Schärfe, daß sich die Krise nicht abschwächt, sondern daß sie im Gegenteil in ein verschärftes Stadium tritt. 

(...) Übrig bleibt bei diesem Programm der Bourgeoisie nur das eine: das krankhafte Bestreben, die Ausplünderung der Massen mit immer neueren Methoden zu steigern! 

Ernst Thälmann: Die Krise des Kapitalismus. Aus dem Referat auf der 3. 

Parteikonferenz der KPD, 15. Oktober 1932. Hier zitiert nach: Ernst Thälmann. Über proletarischen Internationalismus. Reclam Verlag, Leipzig 1977, Seiten 160-167 

Ernst Thälmann wurde am 18. August 1944 im KZ Buchenwald ermordet. Der Freundeskreis »Ernst- Thälmann-Gedenkstätte« e. V. Ziegenhals ruft aus Anlaß des 70. Jahrestages zur Teilnahme an zentralen Gedenkveranstaltungen, am Sonnabend, dem 23. August, in Berlin auf. U.a. finden von 10 bis 12 Uhr eine Konferenz im Karl-Liebknecht-Haus und von 14 bis 16 Uhr eine Kundgebung vor dem Ernst-Thälmann-Denkmal in der Greifswalder Straße statt. 

 

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Der Schwarze Kanal: Waffenbrüder  

Rüdiger Göbel 

In: junge Welt online vom 16.08.2014 

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Wer hätte das gedacht. Den USA wird von links bis rechts Dank gezollt, weil sie im Irak wieder militärisch intervenieren, ausgerechnet in dem Land also, das sie in den vergangenen zwei Dekaden systematisch zugrunde gerichtet und in dem sie Hunderttausende Tote zu verantworten haben. Die Folterfotos aus Abu Ghraib, die Videos über Helikopter-Killer, die Bilder von durch den Einsatz von Uranmunition verkrüppelten Kinder - sie werden dieser Tage überlagert durch die dramatischen Szenen vom Sindschar-Gebirge. 

Dorthin waren Zehntausende Jesiden vor der vorrückenden Miliz »Islamischer Staat« (IS) geflohen. »Realistisch betrachtet erscheinen derzeit nur die USA willens und in der Lage, militärisch wirklich Entscheidendes gegen die IS-Milizen auszurichten«, springt Tom Strohschneider im Neuen Deutschland (13. August 2014) Linksfraktionschef Gregor Gysi zur Seite. Der hatte sich dafür ausgesprochen, die Kurden - »die derzeit offenbar einzige Kraft neben den USA, die dem Vormarsch der IS-Terrormiliz und damit religiös verbrämtem Massenmord etwas entgegenzusetzen hat« - auch mit deutschen Waffen zu versorgen. Gysi habe sein Plädoyer für Waffenlieferungen an die Kurden zur Ausnahme erklärt und zudem unter eine Einschränkung gestellt - es sei »dann statthaft«, wenn andere Länder nicht unverzüglich zu solcher Militärhilfe bereit sind, so der ND-Chefredakteur. »Der Linksfraktionschef bewegt sich dabei an jene Grenze, an der angesichts von Verbrechen auch Linke nicht umhinkommen zu sagen, was nötig sein könnte, rum größeres Unheil zu verhindernl.« 

Gleichwohl, Strohschneider ist unentschieden, meldet auch Bedenken an, etwa »ob eine Lieferung von Waffen an rdie Kurdenl überhaupt etwas zu dem Ziel beitragen könnte, bedrohte Minderheiten in der Region wirksam und dauerhaft zu schützen«. »Große Skepsis« sei auch angebracht »mit Blick auf die möglichen Folgen einer Aufrüstung der Region, die von kriegerischen Auseinandersetzungen ohnehin schon schwer gezeichnet ist«. Aber, gibt Strohschneider letztlich den Gysi-Versteher, »was haben die verfolgten Minderheiten von meiner Skepsis?«. 

Im Internetportal des Spiegel meldet sich Jan Fleischhauer aus dem medialen Schützengraben und macht sich über Margot Käßmann her, die mit ihrer Feststellung »Nichts ist gut in Afghanistan« als EKD-Ratsvorsitzende Anfang 2010 den Krieg am Hindukusch realistisch bilanziert hatte. Im aktuellen Spiegel versucht sie zu erklären, warum sie gegen deutsche Rüstungsexporte, Auslandseinsätze und Drohnenkrieg ist. »Die Islamisten im Irak köpfen und steinigen - trotzdem empfiehlt Margot Käßmann den Deutschen einen bedingungslosen Pazifismus. So viel Unempfindlichkeit für moralische Dilemmata ist verblüffend. Sogar der Kirche ist das Verständnis für das Teuflische abhanden gekommen«, wettert Fleischhauer, wohl wissend, daß die aktuelle Lage im Irak im Interview mit der Theologin überhaupt nicht thematisiert worden ist. Was den Eiferer vom Spiegel wirklich wurmt - Käßmann steht mit ihrem Pazifismus »in der Mitte der Gesellschaft«, »ihre Sehnsucht nach einem Land ohne Armee ist kein Protest, sondern Mainstream«. 

Und: »69 Jahre fortgesetzter Frieden können nicht nur satt und glücklich machen, sie können einen auch furchtbar provinziell werden lassen.« Wie soll man da jemals wieder Weltmacht werden. 

Die »Drecksarbeit«, so der frühere deutsche Verteidigungsminister Theodor zu Guttenberg in seinem Waffenappell an die Deutschen (Bild, 14. August), müssen mal wieder die anderen machen. Fleischhauer: »Es sind amerikanische Soldaten, die jetzt den Jesiden zu Hilfe kommen. Es sind amerikanische Kampfflugzeuge, die Stellungen der islamischen Gotteskrieger unter Beschuß nehmen, und amerikanische Waffen, die an die bedrängten Kurden geliefert werden.« 

Es sind die engsten amerikanischen Verbündeten in der Region, das NATO-Mitglied Türkei und die Golfmonarchien, die seit Jahren dschihadistische Gruppen wie den IS unterstützten. Es waren die amerikanischen Präsidenten George Bush, William Clinton und George W. Bush, die den einst entwickelten, laizistischen Irak mit Bomben, Blockade und Besatzung zerstört haben. Es war eine amerikanische Außenministerin, die mit Bezug auf den Tod von 500000 irakischen Kindern meinte, das auf den Druck von Washington verhängte UN-Embargo sei »diesen Preis wert«. 

Die Gotteskrieger vom »Islamischen Staat«, die »Terroristen« (Strohschneider), die »Teufel« (Fleischhauer) müssen noch lange wüten, um auf eine derartige Bilanz zu kommen. »Madame Secretary« Madeleine Albright verdient sich derweil mit gutdotierten Vorträgen eine goldene Nase, Bush senior läßt sich fürs Fallschirmspringen bejubeln und sein Sohn, der »Wiedergeborene« und schlimmste Kriegsverbrecher von allen, stellt selbstgemalte Ölbilder aus. 

 

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Keine grausame und heimtückische Tat  

Die bundesdeutsche Justiz verhinderte systematisch jahrzehntelang einen Prozeß gegen die Thälmann-Mörder. Eine Chronik  

Friedrich Karl Kaul 

In: junge Welt online vom 16.08.2014 

Wochenendbeilage  

 

Als in der BRD die Erkenntnis wuchs, daß die Adenauersche Politik der Stärke erfolglos bleiben mußte, begann das Eis des Kalten Krieges zu schmelzen. Nun war auch die Möglichkeit der Strafverfolgung der Mörder Ernst Thälmanns keine Illusion mehr. 

Am 11. April 1962 erstattete deswegen die Witwe Ernst Thälmanns, Genossin Rosa Thälmann (1890-1962), gegen die beiden ehemaligen SS-Angehörigen, 

1. den jetzigen Lehrer Wolfgang Gunther Klaus Otto, wohnhaft in Geldern (Rheinland), Hartorstraße 21, und 

2. den jetzigen Bankbeamten Alfred Werner Berger, wohnhaft in Rottweil (Neckar), Anzeige wegen Mittäterschaft an der Ermordung Ernst Thälmanns. In der Anzeige wurde darauf hingewiesen, daß bei der Ermordung Ernst Thälmanns außerdem folgende Angehörige der SS-Besatzung des KZ Buchenwald anwesend waren: 

3. der Lagerführer, SS-Obersturmführer Gust 

4. der Rapportsführer, Hauptscharführer Hofschulte, 

5. SS-Oberscharführer Warnstaedt, Kommandoführer im Krematorium Buchenwald, 

6. der Adjutant des Kommandanten, SS-Hauptsturmführer Schmidt, 

7. der Lagerarzt, Hauptsturmführer Schidlauski, und schließlich 

8. der Unterführer Stobbe, stellvertretender Kommandoführer im Krematorium Buchenwald. 

Dieser Hinweis erfolgte, weil es ständige Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs ist, daß bereits die bloße Anwesenheit einer Person bei einer Mordtat als Mittäterschaft, zumindest aber als strafbare Beihilfe strafrechtlich zu werten ist, wenn »durch die dadurch zum Ausdruck kommende Billigung der Mordtat der Tötungswille des Täters gestärkt« wird. 

Mit der Nennung dieser acht SS-Mörder war der Kreis der am Mord Ernst Thälmanns beteiligten Täter geschlossen! 

Nicht hinreichend 

Da bis zum 28. Juni 1962 noch nicht einmal der Eingang der Strafanzeige bestätigt war, erfolgte Mahnung, auf die am 16. Juli 1962 mitgeteilt wurde, daß das »auf Grund der Anzeige eingeleitete Ermittlungsverfahren von der Zentralstelle im Lande Nordrhein-Westfalen für die Behandlung von nationalsozialistischen Massenverbrechen in Konzentrationslagern übernommen wurde«. 

Auf die weitere Mahnung an diese Stelle am 28. August 1962 erfolgte am 6. 

September die Mitteilung, daß die »Ermittlungen noch nicht abgeschlossen« seien. 

Nach weiteren monatlichen Mahnungen bequemte sich die »Zentralstelle« schließlich am 17. April 1964 zu der Nachricht, daß das »Verfahren eingestellt« worden sei, da »die umfangreichen Ermittlungen keine hinreichenden Verdachtsgründe dafür ergeben haben, daß die Beschuldigten in strafrechtlich faßbarer Weise an der Ermordung Ernst Thälmanns beteiligt waren«. 

Begründet wurde die »Feststellung« folgendermaßen: »...fast alle verantwortlichen Männer der Kommandantur des KZ Buchenwald sind inzwischen verstorben, darunter auch die in der Anzeige genannten früheren SS-Angehörigen Hofschulte, Schmidt und Dr. Schidlauski. Die übrigen Beschuldigten, soweit sie ermittelt werden konnten, stellen eine Teilnahme an der Ermordung Ernst Thälmanns in Abrede...« 

Und die Angaben (Marian) Zgodas (polnischer Buchenwaldhäftling, der im Krematorium als Leichenträger gearbeitet hatte. Er wurde 1947 staatsanwaltlich vernommen und nannte die Namen der Mörder - jW) über das, was er in der Tatnacht des 18. August 1944 im Krematorium des KZ Buchenwald beobachtet hatte? »...vermitteln keine hinreichende Klärung des Sachverhalts!« heißt es darüber in dem Einstellungsbescheid: »...hat nur bekunden können, daß Otto, Berger und die anderen bei der Ankunft Thälmanns auf dem Hofe des Krematoriums zugegen waren. Über die Art ihrer Beteiligung an der Tat, insbesondere darüber, wer die Schüsse auf Thälmann abgegeben hat, konnte der Zeuge Zgoda keine Angaben machen... Bei diesem Ermittlungsergebnis mußte das Verfahren mangels Beweises eingestellt werden!« Mit 68 maschinegeschriebenen Zeilen wurde die Mordanzeige schnoddrig »abgeschmiert«. 

Noch bevor dieser Einstellungsbescheid ergangen war, hatte der Generalstaatsanwalt der DDR am 20. März 1964 den Kölner Justizbehörden angeboten, die Akten der zur Feststellung der Mörder Ernst Thälmanns von ihm durchgeführten Ermittlungen einzusehen und auszuwerten. 

Am 8. Mai 1964 wurde gegen den Einstellungsbescheid beim Generalstaatsanwalt des Oberlandesgerichts Köln Beschwerde eingelegt. 

Daraufhin ließ dieser am 28. August 1964 mitteilen, daß »die Ermittlungen in der Mordsache Thälmann erneut aufgenommen« seien. 

Genickschußkommando 

Am 5. November 1964 geruhten die Kölner Justizbehörden das Angebot des Generalstaatsanwalts der DDR anzunehmen. Vom 15. bis 17. Dezember 1964 sahen die Kölner Staatsanwälte Dr. Korsch und Dr. Plümpe die Originalakten der Ermittlungen des Generalstaatsanwalts der DDR in dessen Dienstsitz in der Hauptstadt der DDR ein, werteten sie aus und erhielten die von ihnen gewünschten Fotokopien. In diesen Originalakten des Generalstaatsanwalts der DDR befand sich ein überaus aufschlußreiches Dokument: Am 18. Oktober 1962 war auf Veranlassung des Generalstaatsanwalts der in der Hauptstadt der DDR lebende Verlagsbuchhändler Heinz Mißlitz als Zeuge vernommen worden. Seit 1931 Genosse der KPD, war er 1934 wegen Hochverrats zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt und nach Verbüßung seiner Strafe 1937 in das KZ Buchenwald gebracht worden. Über den SS-Stabsscharführer Otto äußerte sich Mißlitz wie folgt: »Stabsscharführer Wolfgang Otto, geboren am 23. August 1911, ist mir von meiner Tätigkeit in der Stabsbaracke genau bekannt. Zu seinem Tätigkeitsbereich gehörte unmittelbar die Durchführung der Exekutionen, die meist durch Fernschreiben vom Reichssicherheitshauptamt oder den Gestapoleitstellen angeordnet wurden. Otto nahm an sämtlichen Einzelexekutionen teil, soweit er sich im Dienst befand, wie auch an Massenexekutionen im Pferdestall. Otto war Leiter des Exekutionskommandos 99 (genannt nach dem Telefonanschluß). - Das Kommando wurde auch Genickschußkommando genannt. - 

Das Auftreten Ottos bei solchen Hinrichtungen war in allen Fällen überbetont forsch, und zweifellos war das auch der Grund für das große Vertrauen, was ihm vom Lagerkommandanten entgegengebracht wurde. Der persönliche Eindruck von Otto war der eines verschlossenen, eiskalten Menschen, der berechnend immer seine Karriere im Auge hatte. - 

Im April 1947 war ich als Zeuge vor das Amerikanische Militärgericht in Dachau geladen worden. In Gegenwart anderer deutscher Zeugen wurden vom Chief interrogater Kerschbaum der in Dachau internierte Hauptscharführer Fricke und der Berufsverbrecher Krematoriumskapo Müller vorgeführt. 

Kerschbaum stellte im Zusammenhang mit der Ermordung Thälmanns an Fricke die Frage: rWaren Sie öfter im Krematorium?l - Fricke antwortete mit Nein. 

Daraufhin beschuldigte ihn Müller, er sei dort Stammgast gewesen und er wäre auch wegen Thälmann dort gewesen. 

Daraufhin machte Fricke die bemerkenswerte Feststellung: rJawohl, weil ich vom Stabsscharführer Otto noch nicht einmal genaue Personalien zur Beurkundung erhalten habe.l Aus dieser Aussage geht eindeutig hervor, daß für die Durchführung der Ermordung Thälmanns in erster Linie Otto verantwortlich war. Für mich und meine damaligen Leidensgefährten gibt es nicht den geringsten Zweifel an der maßgeblichen Mitwirkung des Otto bei der Ermordung Ernst Thälmanns, sowohl von der Person als auch von der Funktion her gesehen.« (...) 

Dabei gewesen 

Diese Unterlagen erhielt die Kölner Staatsanwaltschaft. (...) Die Kölner Staatsanwälte bedankten sich artig für die »interessanten« Beweismaterialien und - verstummten. Am 2. Februar wurden sie gemahnt. 

Antwort auf diese Mahnung erfolgte am 9. Februar 1965: »Die Ermittlungen dauern an.« 

Über zwei Jahre vergingen, ohne daß aus Köln über die »andauernden« Ermittlungen etwas zu erfahren war. Um der »Versandung« des Verfahrens entgegenzuwirken, bot der Generalstaatsanwalt unserer Republik den Kölner Staatsanwälten an, den Tatort des Mordes im ehemaligen KZ Buchenwald in Augenschein zu nehmen. Mit wiederum »artiger« Danksagung nahmen die Kölner Staatsanwälte dieses Angebot an. 

Am 9. August 1967 besuchten sie Buchenwald, fotografierten den Innenraum des Krematoriums, in dem Ernst Thälmann durch Genickschuß ermordet worden war, und erklärten beim Abschied, »nunmehr Veranlassung zu haben, die gesamten Ermittlungsakten nochmals von vorn durchzuarbeiten, da die vorliegenden Belastungsbeweise bisher unterbewertet worden waren«. 

Eines der Kernstücke dieser Belastungsbeweise waren die Angaben, die der ehemalige SS-Hauptscharführer Werner Fricke gemacht hatte. Fricke, der im KZ Buchenwald Leiter des Standesamtes war und, wie der Zeuge Mißlitz bei seiner Vernehmung durch das Stadtbezirksgericht Mitte der Hauptstadt der DDR bekundete, vor dem USA-Vernehmer Kerschbaum 1947 zugegeben hatte, bei dem ehemaligen SS-Stabsscharführer Otto seinerzeit die persönlichen Daten des ermordeten Ernst Thälmann auf Weisung der Lagerkommandantur erforscht zu haben, mußte unter dem Druck dieser Bekundung in Köln vernommen werden. 

Diese Vernehmung war in überraschender Weise »fündig«, wie sich aus der Gegenüberstellung Frickes mit Otto, die am 1. August 1963 stattfand, ergab. 

(...) 

Fricke: » (...) Otto war nämlich in Buchenwald nicht sehr beliebt gewesen. 

Er versuchte immer, die Reservisten gegen die Aktiven auszuspielen. Ich hatte ihm deshalb damals in Buchenwald einmal gesagt, daß er das besser nicht täte, weil eine Zeit kommen könne, in der er die alten Aktiven dringend nötig hätte. Nun war diese Zeit gekommen, und ich erinnerte Otto an seine damalige Haltung und das Gespräch. Otto sagte daraufhin: rDu wirst mir doch nichts antun.l In diesem Zusammenhang kamen wir auf die Sache Thälmann zu sprechen. Otto erklärte mir dabei, daß er zusammen mit Schmidt und (Otto) Barnewald (SS-Sturmbannführer - jW) dabei gewesen sei. (...)« 

(Otto): »Ich vermag nicht zu sagen, wie der Zeuge Fricke zu seinen Angaben kommt. Ich erkläre erneut, daß ich mit ihm zu keiner Zeit über den Tod Thälmanns gesprochen habe. (...) 

Trotz dieser nahezu handgreiflichen Beweise zumindest für die Mordbeteiligung Ottos erfolgte am 10. April 1972 die Mitteilung, daß »das Verfahren erneut eingestellt« sei. In der Begründung dieses Bescheides wurden die Angaben der Zeugen Mißlitz und Fricke nicht erwähnt. Pauschal wurde erklärt: »Ob die Beschuldigten, von denen der SS-Oberscharführer Berger inzwischen verstorben ist, vor der Erschießung Thälmanns durch die Lagerleitung informiert und zur Absperrung auf dem Weg zum Krematorium beigezogen worden sind, war nicht zu klären.« 

Wiederum wurde gegen diese Einstellung Beschwerde eingelegt. Aufgrund ihrer eingehenden Begründung mußte das Ermittlungsverfahren von der Kölner »Zentralstelle« erneut aufgenommen werden. 

Verlogener Rechtsbruch 

Jetzt dauerte es zwei Jahre und sieben Monate, bis am 14. November 1974 - und dies zum dritten Mal - der Bescheid einging, daß »das Ermittlungsverfahren erneut eingestellt« worden sei. Dieser Bescheid zeigte in seinem Ausmaß von 15 Seiten die ganze Verlogenheit, von der die Strafverfolgung nazistischer Gewaltverbrechen in der BRD durchtränkt ist. 

Die so schwerwiegenden Beschuldigungen, die sich aus der Gegenüberstellung von Fricke und Otto ergaben, wurden mit der Bemerkung abgetan: »...abgesehen davon, daß Otto diese Angaben (Frickes) bestreitet, ist es unwahrscheinlich, daß Otto sich mit einem solchen Teilgeständnis in die Hand eines ihm nicht gerade freundlich gesonnenen ehemaligen Kameraden in eine Situation begeben haben soll, in der er um seinen Kopf zu kämpfen hatte.« Darüber hinaus aber stellten die allgemeinen strafrechtlichen Überlegungen, mit denen die Verfahrenseinstellung begründet wurde, schlechthin einen Bruch des in der BRD geltenden Rechts und eine offene Verleugnung der einschlägigen - Nazimördern gegenüber freilich Theorie bleibenden - höchstrichterlichen Rechtsprechung dar: »Schließlich kommt die Erhebung der öffentlichen Klage auch deswegen nicht in Betracht, weil hinsichtlich der noch lebenden und ermittelten Beschuldigten Stobbe und Otto Strafverfolgungsverjährung eingetreten ist. Beiden konnte - wenn überhaupt - nur der Vorwurf der Beihilfe zum Mord gemacht werden. 

Anhaltspunkte dafür, daß die Tötung Thälmanns grausam gewesen ist, liegen nicht vor. Aber auch Heimtücke ist nicht nachweisbar. Es wäre zugunsten der Beschuldigten von der Annahme auszugehen, daß Thälmann nicht arglos gewesen ist, als er nächtens in das Krematorium des KZ Buchenwald gebracht worden war. Somit kämen lediglich niedrige Beweggründe als mordqualifizierendes Tatbestandsmerkmal in Betracht. Den Beschuldigten dürfte nach allem, was über die Ermordung Thälmanns als festgestellt erachtet werden kann, nicht nachzuweisen sein, daß ihr Handeln selbst von niedrigen Beweggründen getragen war. Sie hatten offensichtlich nur einem Befehl Folge geleistet, der durch Führerbefehl legitimiert zu sein schien. Es könnte sicherlich nicht festgestellt werden, daß sie mehr getan hatten, als ihnen befohlen worden war. Unter diesen Umständen müßte ihre Strafe nach den gesetzlichen Vorschriften zwingend gemildert werden, so daß allenfalls eine zeitliche Freiheitsstrafe verhängt werden dürfte. Dies hat Auswirkungen auf die Verjährungsfrist, die danach bereits abgelaufen wäre.« (...) 

Natürlich konnte dieses Schanddokument nicht unwidersprochen bleiben. 

Wiederum wurde gegen die Einstellung des Verfahrens gegen die Mörder Thälmanns Beschwerde eingelegt. Wiederum mußte sich daraufhin die Kölner Staatsanwaltschaft mit der Aufklärung des an Ernst Thälmann begangenen Mordes beschäftigen. 

Sie tat es wie der Jagdhund, der zur Jagd getragen werden muß. 

1976 wurde das Verfahren zum vierten Mal eingestellt, 1979 zum fünften und sechsten Mal sowie im Januar 1982 zum siebten Mal. Daraufhin stellte Rechtsanwalt Heinrich Hannover, der die weitere Vertretung der Tochter Ernst Thälmanns, Irma Gabel-Thälmann (1919-2000), übernommen hatte, im Februar 1982 einen Antrag auf Klageerzwingung. Am 24. Juni 1983 ordnete das Oberlandesgericht Köln die Anklageerhebung an. Das damit beauftragte Landgericht Kleve lehnte aber die Eröffnung des Hauptverfahrens und Zulassung der Anklage ab mit der Begründung, Wolfgang Otto sei »nach den Ergebnissen des vorbereitenden Verfahrens nicht hinreichend verdächtig«. 

Aufgrund der Beschwerden von Staatsanwaltschaft und von Rechtsanwalt Hannover hob das Oberlandesgericht Düsseldorf am 25. Januar 1985 den Beschluß des Landgerichts Kleve wieder auf und verwies das Verfahren an das Landgericht Krefeld. Dort wurde am 5. November 1985 unter großer öffentlicher Anteilnahme die Hauptverhandlung gegen Wolfgang Otto eröffnet. 

Am 15. Mai 1986 wurde er wegen Beihilfe zum Mord zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt. Aufgrund der eingelegten Revision hob der Bundesgerichtshof am 25. März 1987 das Urteil auf und verwies das Verfahren nun an das Landgericht Düsseldorf. Dort begann der Prozeß am 10. März 1988 erneut. Am 29. August 1988 wurde Otto freigesprochen. Begründung: Der Tatzeitpunkt sei nicht mehr sicher feststellbar. Die von der Nebenklage eingelegte Revision wurde vom Bundesgerichtshof abgewiesen. Wolfgang Otto starb am 26. November 1989 in Geldern. 

 

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»Was ist denn mit der Frau los«  

Eine Begegnung mit Heinrich Himmler  

Lisa Ullrich 

In: junge Welt online vom 16.08.2014 

Wochenendbeilage  

 

Lisa Ullrich (1900-1986) war Teilnehmerin der illegalen Tagung des ZK der KPD am 7. Februar 1933 in Ziegenhals bei Berlin, auf der Ernst Thälmann sagte: »Wenn wir es nicht schaffen, diesen Hitler zu stürzen und eine andere Regierung [zu errichten], andere Möglichkeiten des Aufbaus neuer Verhältnisse, einer neuen Regierung, ganz gleich, ob es eine bürgerliche oder halbbürgerliche oder proletarische [ist], wir müssen alles versuchen, und wenn es uns nicht gelingt, dann wird das Antlitz der Welt durch furchtbare Veränderungen entstellt werden.« 

Nach Maßgabe dieses Satzes, so Ullrich, hätten die Kommunisten im Widerstand fortan ihre Arbeit gemacht. Der untenstehende Bericht ist ein Auszug aus einem undatierten Vortrag, den Lisa Ullrich vermutlich im Jahr 1975 gehalten hat. Sie berichtet darin von ihrer Begegnung mit dem Reichsführer-SS, Heinrich Himmler, im Jahr 1938 im Konzentrationslager Lichtenburg. (jW) 

(...) Da ist Himmler zu uns nach der Lichtenburg gekommen, 1938 im Sommer, und hat gesagt, wir wollen Frieden schließen mit den Kommunisten. Wir haben alle aufgehorcht, und viele unserer Frauen glaubten, es hätte sich so viel geändert da draußen, daß wir etwa befreit werden oder sonst etwas, und sagten: Jetzt werden wir es leichter haben. Ich und einige andere Genossen haben gesagt, nein, da steckt eine ganz große Gemeinheit dahinter. Wir wollen uns nicht irgendwie von solchen Äußerungen beeinflussen lassen. Dann hat sich der Himmler die Zeit genommen - er kam mit großem Gefolge - alle so ganz hohe SS-Leute, jeder hatte einen dicken großen Block, einen langen dicken Stift und jedes Wort, was Himmler sprach, wurde von diesen zwölf Leuten aufgeschrieben. 

Nun hat er sich so die führenden Frauen, deren Männer auch bekannt waren - Mattach Wallek zum Beispiel, der ein Gewerkschaftsführer gewesen [ist] in der Weimarer Zeit - also Namen, die bekannt waren. Unter anderem halt auch Lena Oberlach und auch mich hat er kommen lassen - und hat dann richtige Gespräche mit den einzelnen geführt. Was sie alles geschafft haben, Autobahnen, Arbeitslosigkeit beseitigt, alle haben Arbeit, alle verdienen gut, alle schaffen sich alles an. Und als er mit mir spricht, da sag' ich: »Ja ich bin sechs Jahre in Haft, und wir dürfen ja nicht einmal den Völkischen Beobachter lesen, um uns zu orientieren, was draußen ist und in unseren Briefen von unseren Familien darf nix drinstehen, also was Sie uns sagen, das kennen wir ja gar nicht.« Und da sagt er: »Ja wissen Sie, ich wollte verhindern, daß eine Heuchelei entsteht beim Lesen des Völkischen Beobachters und daß sich Häftlinge als Nationalsozialisten erklären und damit sich Vorteile zur Freilassung usw. beschafften.« So hat er das dargestellt und immer wieder hat er angegeben, was sie alles schon gemacht haben. Und ich habe gesagt: »Ja wenn das so ist, dann brauchen Sie uns doch nicht mehr zu fürchten. Wir haben dafür gekämpft, daß die arbeitenden Menschen es leichter haben, daß sie Arbeit haben, daß sie ihre Familien satt kriegen, wenn Sie das besorgt haben, dann sind wir Kommunisten gar nicht neidisch. 

Das Wichtigste ist, daß es so ist, und wenn das so ist, dann verstehe ich nicht, daß sie uns hier festhalten.« »Ja«, sagte er, »meinen Sie das wirklich ehrlich?« »Ja«, sag ich, »wenn das so ist, warum denn nicht, wenn ich morgen Arbeit bekomme und zu meiner Familie komme, da kann ich doch auch nur froh sein.« Also es hätte doch keinen Zweck [gehabt] zu sagen: Wir wissen, warum sie das machen: zur Vorbereitung des Krieges. Wir haben selber schon erlebt, in demselben KZ, da war ein altes Schloß, die Lichtenburg, und da ist eine kleine Kapelle, und die ist damals von den Nazis auch noch unter Denkmalschutz gestellt worden, und da haben sie eine Nacht Waffen abgeladen. Heimlich kamen Wagen herangefahren aus Stroh, so Leiterwagen, und da haben sie herausgeholt - Gewehre. Wir haben darüber geschlafen, ohne Schlafsack, da haben wir geguckt und gesehen. Aber ich wäre ja dumm gewesen, wenn ich gesagt hätte, ich weiß ja, daß alles, was sie gemacht haben - die Autostraßen und die Arbeitslosigkeit aufheben -, um Rüstung zu machen. 

Das wäre doch zwecklos gewesen. Also ich sagte immer: »Ja, wenn das so ist, dann verstehe ich nicht.« Und tatsächlich hat er mich da entlassen. Bloß, die anderen wurden sofort mit Handschlag entlassen und konnten nach Hause gehen, aber bei mir war noch ein Zwischenfall. 

Ich hatte mir im Dezember 1937 einen Arm gebrochen durch eine Aufseherin, die uns gezwungen hatte, in der Freistunde über blankes Eis zu gehen, und da haben sie aber auch anerkannt, daß es die Schuld der Aufseherin war. 

Damit kam ich nach der Lichtenburg, und die haben dann nichts unternommen. 

Ich habe gesagt, die sollen mir Tabletten und Kalk usw. verordnen, denn der Körper ist doch ausgepowert nach sechs Jahren Haft, und ich hatte noch vorher eine Vitaminmangelkrankheit, da war der ganze Körper ganz wund, und da sagte die Ärztin »Unsere Ernährung enthält alles, was der menschliche Körper braucht.« Dann mußten sie aber mit mir zum Kreisarzt und der Kreisarzt, der hat einmal durchgeguckt, der hat einen dicken Gipsverband gemacht, und gesagt, »Kommen Sie in acht Tagen wieder«. Als ich wiederkam, hat er den Kopf geschüttelt, »Wieder in acht Tagen«. Als ich dann das zweite Mal kam, hat er sich wieder gewundert, und wieder gesagt: »Acht Tage«, und beim dritten Mal: »Was ist denn mit Ihnen los?« und ich will den Mund aufmachen und sagen, na ich bin seit sechs Jahren in Haft. Da war ich aber in Begleitung mit einer SS-Frau und mit einem SS-Mann, und die haben mich so wütend angeguckt, daß ich wieder den Mund zugemacht habe, ohne ein Wort zu sagen. Aber der Arzt war sehr mutig, er nahm mich an die Hand und hat gesagt: »Kommen Sie mal mit«. Führte mich in sein Sprechzimmer, und der SS-Mann hinterher, und der Arzt hatte so Glastüren, die er so zusammenschob, und ehe er ganz geschlossen hatte die Tür, da hat der SS-Mann den Fuß dazwischen gesetzt. 

Da hatte der Mann den Mut zu sagen: »Nehmen Sie mal Ihren Fuß weg, hier bestimme ich!« Und da mußte der abziehen, der SS-Mann. Da habe ich ihm dann alles erzählt, und da hat er gesagt: »Na denen werde ich jetzt schreiben. 

Die sollen Ihre Ernährung ändern und nicht eher kommen«, und ich bin dann ein halbes Jahr dagesessen und mußte genauso, wie alle anderen, zum Appell antreten und alles. Sie haben mich aus dem Krankenhaus entlassen und niemand hat sich gekümmert um meinen Arm. Sie haben mir Mohrrüben verschrieben und auch Obsteinkauf gestattet, aber das war auch alles. Und jetzt komme ich mit dem hängenden Ärmel vor den Himmler: »Was ist denn mit der Frau los«. Ja das paßte nicht in sein Konzept. Na und da fing der Kommandant an zu stottern, ja wir haben alles versucht, nach Leipzig haben wir geschrieben, nach der Charité und überall haben sie abgelehnt, weil sie nicht genügend Schutzmaßnahmen bei weiblichen Häftlingen hatten - also nicht genügend Gitter und nicht genügend Schlösser. Und der Himmler hat einen Skandal gemacht: »Was, das muß sofort geändert werden, die Frau muß doch wieder arbeitsfähig gemacht werden.« Also ein Vater hätte nicht besser eintreten können für sein Kind, wie der Himmler da das Theater aufgezogen hat. »Sofort muß die Frau in die Charité, sofort muß das operiert werden, wenn das nicht zusammenwächst. Aber die Frau muß arbeitsfähig sein.« 

Also ich war die einzige, die in der Lichtenburg zurückgeblieben ist von dem ausgesuchten Kreis und kam dann später noch einmal zu diesem Arzt ins Kreiskrankenhaus, und da sagt er: »Naja, warum denn nicht gleich so?« Da war es inzwischen tatsächlich zusammengewachsen, und ich brauchte nun nicht mehr in die Charité. Alle hatten sich schon gefreut: Wenn Du in die Charité kommst, dann kannst Du Besuch empfangen. »Ach red' doch nicht«, hab' ich gesagt, »das wird schon nicht so sein.« Na und dann sind sie umgezogen, und es wurde Mai, und in Ravensbrück hat keiner mehr davon gesprochen, und ich habe auch gar nicht mehr daran gedacht, daß ich da rauskomme, und dann am 24. Mai kam die Aufseherin und sagte: »Kommen Sie mal mit, Sie haben sich zum Arzt gemeldet.« Ich: »Nein, Frau Aufseherin, ich habe mich nicht zum Arzt gemeldet.« Den ganzen Weg und auf einmal sehe ich schon, wie meine Genossinnen alle freudige Augen haben und die Fäuste leicht erhoben, also ich bin irgendwie durch das ganze Lager gegangen zum Arzt, und alles war voller Freude. Die Aufseherin hat mir aber nicht gesagt, warum sie mich holt. Als ich dann beim Arzt war, mußte ich sagen, was mit meinem Arm ist und ob ich Ansprüche stelle. »Nein«, sagte ich, »ist wieder gut. Ich stelle keine Ansprüche.« Na und dann haben sie mich in die Politische geführt, und da haben sie mir gesagt, ich werde entlassen. Ich muß aber unterschreiben, daß ich mich nicht mehr marxistisch betätige. Und wir haben vorher schon von der Partei Bescheid bekommen, wenn solche Fragen an uns gestellt werden, sollen wir ruhig unterschreiben. Die Menschen draußen werden das zu schätzen wissen und werden uns nicht als Verräter ansehen. 

Daraufhin habe ich das unterschrieben, und dann bin ich entlassen worden. 

Erst hinterher habe ich erfahren, daß eine Verhandlung läuft wegen diesem Vertrag (dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt - d. Red.). Da ging mir das Licht auf, was dahinter steckte. Ich habe auch erfahren, daß heimlich schon kleine Fahnen genäht werden mit Sowjetsternen und alles. Erst konnte ich das gar nicht fassen, aber das hing auch zusammen mit diesem Vertrag, und dann haben wir noch erfahren, daß sie auch die Solidarität gefürchtet haben, und dadurch, daß sie die namentlich bekannten Häftlinge herausgenommen haben aus dem Lager, da haben sie sozusagen den Solidaritätsstrom irgendwie abschwächen wollen. Aber das allerallerwichtigste für Himmler war, über uns Genossen, führende Frauen und Männer, es sind damals einige entlassen worden, daß sie über uns gewacht haben, über ganz strenge Beobachtung und Kontrolle, daß sie den Weg zur illegalen Parteiführung finden. Denn die haben uns natürlich auch nicht geglaubt, [unsere] Unterschrift. 

Die haben gewußt, wir sind bis hierher standhaft gewesen, also werden wir es bleiben. Und was wird der nächste Weg sein? Die Beziehung zu deinen Genossen, Beziehung zur Parteileitung und weitere Arbeit. (...) Sie konnten uns jederzeit holen, denn wir mußten ja immer wieder zur Gestapo und mußten immer sagen, mit wem wir zusammengekommen sind, wen wir getroffen haben usw. Da hatten wir Angst, wenn wir auf der Straße gingen, daß uns jemand entgegen kommt und uns womöglich umarmt und sich freut, daß wir da sind, und den hätten sie dann gleich gehabt. (...) Nun war bei mir noch ein Umstand sehr glücklich, ich konnte russisch, und dadurch brauchte ich gar nicht meine illegale Arbeit außerhalb des Hauses zu machen, meine Eltern hatten ein kleines Häuschen, ein Laubenhäuschen, und da konnte ich nicht [nur] die deutschen Nachrichten aus Moskau, sondern die russischen abhören - und die wurden nicht überprüft. 

Und auf diese Weise konnte ich alles, was der Moskauer Sender brachte, schreiben, übersetzen und an die Partei weitergeben - dafür (für die Weitergabe - d. Red.) haben meine Schwestern gesorgt. Auf diese Weise konnte ich meine ganze Zeit, die ich in Freiheit war, parteipolitisch arbeiten, ohne daß sie mir so schnell auf die Spur kamen. Aber als dann das Attentat auf Hitler war, am 20. Juli 1944, da haben sie uns alle wieder geholt, und dann haben wir das ganze Ende noch mitgemacht. Und wenn die Sowjetarmee nicht so schnell gekommen wäre, zum Konzentrationslager wie auch woanders, nach Ravensbrück, dann wären wir alle nicht mehr am Leben. 

Man hat uns schon auf den Todesmarsch geschickt, und wir sollten uns beeilen, da würde es gut sein, wo wir hinkommen, dort können wir ausruhen, dort kriegen wir zu essen, und in Wirklichkeit ist diese Sache dann in die Luft gegangen, noch ehe wir hingingen, weil wir gesagt haben, geht langsam, geht langsam. Das war eine Munitionsfabrik, die sie dann doch sprengen mußten, eh wir angekommen sind, weil die Sowjetarmee nicht nur von der Stadt her, von Berlin her aufs Lager zukam, sondern auch von der Küste. Und so verdanken wir der Sowjetunion unser zweites Leben, und wir haben alles getan, um dieser Befreiung gerecht zu werden. 

Lisa Ullrich wurde am 12. August 1900 als Tochter eines Buchdruckers in Odessa geboren. Sie erlernte den Beruf eine Schneiderin. Im März 1920 trat sie der USPD bei. Kurz darauf war sie Mitglied der KPD. Seit 1927 arbeitete sie in der Frauenabteilung des ZK der KPD. Im Juli 1932 wurde sie Abgeordnete des Reichstages. Seit 1934 war sie wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« zunächst im Frauenzuchthaus Jauer und danach in den Konzentrationslagern Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück eingekerkert. 

Nach ihrer Entlassung im Mai 1939 nahm Ullrich die illegale antifaschistische Arbeit wieder auf. 1944 wurde sie erneut verhaftet und kam nach Ravensbrück. Auf dem Todesmarsch der Lagerinsassen wurde sie am 1. 

Mai 1945 von der Roten Armee befreit. Noch im gleichen Monat wurde sie Bürgermeisterin in Berlin-Grünau. Von 1946-1950 arbeitete sie im Parteivorstand der SED, danach in der Zentralverwaltung für Maschinen-Ausleih-Stationen und seit 1951 im Ministerium für Land- und Forstwirtschaft der DDR. 1986 verstarb Lisa Ullrich in Berlin. 

Der Text von Lisa Ullrich ist ein Auszug aus dem gerade erschienenen Buch: »Thälmanns Ansporn. Lisa Ullrich und Albert Buchmann über die KPD, die Ziegenhalser Tagung, den kommunistischen Widerstand und ein Interview mit Ernst Thälmann in der Haft«, herausgegeben vom Freundeskreis Ernst- Thälmann-Gedenkstätte e.V., Ziegenhals, Gedenkstätte Ernst Thälmann (Hamburg), Vera Dehle-Thälmann, Verlag Wiljo Heinen, Berlin und Böklund 2014, 124 Seiten, 10,95 Euro 

 

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Über Der Englische Garten (1)  

Reinhard Jellen 

In: junge Welt online vom 16.08.2014 

Wochenendbeilage  

 

Es gibt Menschen, die sich ständig fragen, wie das Leben in einer würdelosen Welt würdevoll zu fristen sei. Diese Menschen heißen Mods. Das kommt von Modernists, einem englischen Jugendkult aus den 60er Jahren, der von der vollkommen richtigen Einsicht ausgeht, daß gute Platten und angemessene Kleidung viel wichtiger als Menschen sind (was ja leider nicht nur an den Platten, sondern auch an den Menschen liegt). Ein bemerkenswerter Zug dieser Art von Jugendlichen war, daß sie sich - mit Ausnahme der geliebten amerikanischen Soulsänger und der jamaikanischen Rude Boys in der Nachbarschaft - von niemandem als sich selbst groß beeindrucken ließen: Sei dein eigener Star. In diesem Narzißmus schwang immer eine gebrochene Note mit, denn im Grunde war er getragen von einer Sehnsucht nach einer Zukunft, von der sie wußten, daß sie niemals (zumindest in einer bürgerlichen Gesellschaft nicht) kommen würde, und naturgemäß fällt es selbst dem gewieftesten Avantgardisten schwer, Vorreiter von etwas zu sein, das es gar nicht gibt. 

Gleichzeitig ahnten die Modernists, daß man diese Gesellschaft als eine Subkultur am besten negiert, indem man ihre fortschrittlichsten ästhetischen Standards dialektisch aufhebt: sie gleichzeitig bekämpft und bewahrt, indem man sie fortführt und auf eine höhere Ebene bringt. Und irgendwie ging es doch um den Kampf für den glücklichen Augenblick, das gelungene Detail, eine durchtanzte Nacht als Zeichen einer noch nicht ganz vergangenen Zukunft. Auf eine sublime Weise ist Mod gleichbedeutend mit Sex außerhalb der Unterwäsche. 

Narzißmus leuchtet zwar im Glockenbach-Zeitalter gerade den gehirngewaschensten Hohlköpfen sofort ein. Gleichwohl rechne ich damit, daß der, welcher ernsthaft versucht, sein Leben in den Rang eines Kunstwerks zu heben, nahezu unbotmäßige Mühe hat, woraus sich durchaus einmal die Notwendigkeit ergeben könnte, die Welt so umzukrempeln, daß es leichter wird. 

Der smarteste aller Mods, Pete Meaden, erster Manager von The Who, prägte den Ausspruch, Mod sei »clean living under difficult circumstances«. Dem semiotischen Guerillakrieg seiner Glaubensbrüder bescheinigte er subversives Potential und verglich sie noch 1978 mit dem Vietcong: »The Mods were, for me, the revolution (...). There´s a North Vietnamese Army who are stolid troops, and there´s the Vietcong who are like Mods, who are the ones who´ve been fighting all the time. They´ve never let down the side, they´ve always been fighting in a minority group, against the vast armour of the American Army.« 

Wenn ein Teenager, der über Stunden vor dem Spiegel nach dem richtigen Krawattenknoten forscht, dieselbe Mühe darauf verwendete, die Welt adäquat erkennen zu wollen, könnte er auf den Gedanken kommen, es einmal mit Karl Marx zu versuchen. Außerdem: Warum sollte es keine Revolutionäre geben, die maßgeschneiderte Mohairanzüge tragen und den Shing-a-ling tanzen können? 

 

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Persische Küche  

Ina Bösecke 

In: junge Welt online vom 16.08.2014 

Wochenendbeilage  

 

Es ist niemals leicht in der Fremde. Aber wer nach Wien reist, weil er die »Sissi«-Filme liebt, dem ist eh nicht zu helfen. All sein Hab und Gut hat Ali Mohammed (Fereydoun Farokhzad) verkauft, um mit seiner Schwester und seinem 15jährigen Sohn nach Wien auszuwandern. Leider begegnen ihm keine schönen Kaiserinnen in prachtvollen Kleidern, sondern Huren und Frauen, die ihm Avancen machen, obwohl sie verheiratet sind. Also im Prinzip auch Huren, zumindest für einen gläubigen Moslem, wie Ali einer ist. Aber die Strenge gegenüber seiner Familie und sich selbst führt erst recht zum Chaos. Die schüchterne, schweigsame Schwester hat sich bald einen Mann geangelt, der Teenager schmeißt mit Knallern im Park, und Ali schwillt der Penis an, als ihm die Wirtin seiner Pension den Fleck auf der Hose reinigt (während er sie anhat). Religion und Moralpredigten können eben auch nichts gegen Lust ausrichten. 

In »I love Vienna« (Österreich 1991) von Houchang Allahyari geht es um den Clash der Kulturen. Dem dekadenten und verlotterten Westen begegnet Ali abwechselnd mit Weinen oder Brüllen. Die Wirtin, mit der er »Erotik macht« und in die er sich verliebt, begreift er bald als sein Eigentum. Er will ihr vorschreiben, wie sie singen, trinken, lachen soll. Das führt zu Tumulten und Streitereien. Dazwischen wird viel Tee getrunken, denn die iranischen Männer lieben das. Die iranischen Frauen dürfen ihn servieren. 

Die Wirtin, eine emanzipierte, österreichische Frau mit Herz, bringt dem verwirrten Ali ein persisches Huhn, islamisch geschlachtet. Das rührt den Mann. Kann er sich ändern? »Sieh mal, sie haben mir schlechten Käse verkauft, nur weil ich Ausländer bin«, sagt er zur Wirtin. »Der ist nicht schlecht, Ali«, sagt sie. »Der muß so sein, das ist Schimmelkäse, eine österreichische Spezialität.« Noch so eine Enttäuschung für Ali. Hat Sissi je Schimmelkäse gegessen? Niemals! Deshalb gibt es an dieser Stelle lieber ein Gericht aus der bunten und fein duftenden persischen Küche. 

Hühnerbrüstchen mit Datteln: 50 g getrocknete Aprikosen in kleine Würfel schneiden, mit dem Saft von dreieinhalb Orangen in einer Schüssel mischen. 

Eine Stunde ziehen lassen. 150 g frische Datteln aufschneiden, die Kerne rauslösen. Datteln grob schneiden. Eine Zwiebel und zwei Knoblauchzehen schälen, grob hacken. Datteln mit Zwiebel und Knoblauch im Mixer fein pürieren. Mit einem TL Ras Al-Hanut, Salz und Pfeffer abschmecken. Vier Hähnchenbrustfilets waschen, trockentupfen. Bei jedem Filet an einer Seite vorsichtig eine Tasche einschneiden. Die Dattelfüllung darin verteilen. 

Öffnung mit Zahnstochern verschließen. Hühnerbrüstchen außen salzen und pfeffern. Drei EL Olivenöl in einer Pfanne erhitzen. Hähnchenbrustfilets darin bei mittlerer Hitze pro Seite etwa fünf Minuten braten. Einen Bund Frühlingszwiebeln waschen, in Ringe schneiden. Eine rote Chilischote waschen, entstielen, samt Kernen in Ringe schneiden. Ein halbes Bund Koriander feinhacken. Hühnerbrüstchen zugedeckt warmstellen. Zwiebelringe und Chili im Bratfett zwei Minuten braten. Aprikosen mit Orangensaft dazugeben, kräftig aufkochen. Sauce mit Salz abschmecken. Hühnerbrüstchen auf Teller verteilen, mit der Sauce bedecken und mit Kräutern bestreut servieren. Dazu schmecken Fladenbrot oder Couscous. 

 

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