Wochenendbeilage der jungen Welt

vom 10.01.2015 


  

»Würzburg war wirklich eine Schule des Widerstands«  

Gespräch mit Otto Köhler. Über seine Kindheit im Kriegs- und Nachkriegsdeutschland, erste publizistische Gehversuche und eingebettete Journalisten  

Stefan Huth 

In: junge Welt online vom 10.01.2015 

Wochenendbeilage 

 

Otto Köhler, geboren am 10. Januar 1935 in Schweinfurt, veröffentlicht regelmäßig in junge Welt. Er ist Mitherausgeber und regelmäßiger Autor der Zweiwochenschrift Ossietzky sowie Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland. 

Ihre Kindheit in der Nazizeit haben Sie in Franken verbracht, in Schweinfurt und Umgebung. Damals waren Sie nach eigenem Bekunden glühender Anhänger von Hitler ... 

Ich bekam natürlich zu den Kriegsweihnachten als kleiner Junge immer ein Paket voller Soldaten aus Bakelit und begeisterte mich für die Wehrmacht. 

Entscheidenden Einfluss hatte dabei die »Kriegsbücherei der deutschen Jugend«. Mein erstes bewusstes Erlebnis datiert auf den November 1938. Ich war knapp vier Jahre, mein Vater und ich, wir waren beim Rathaus in Schweinfurt am Zeitungskiosk, er kaufte sich sein Abendblatt. Da kamen Rauchwolken vom Osten der Stadt her, und die Leute sagten: »Es brennt bei den Juden.« Das war der 9. November, und ich dachte mir wohl nicht viel dabei. Beim Juden brennt's eben. Ich kann mich an nichts Früheres in meiner Kindheit erinnern. Es war das erste Erlebnis, das in mir blieb, ohne dass sich damals etwas in mir regte, wie: Das darf nicht sein. 

Wurde in Ihrer Familie darüber gesprochen? 

Nein, gar nicht. 

Würden Sie Ihr Elternhaus denn als unpolitisch bezeichnen? 

Das kann man so sagen. Meine Großmutter mütterlicherseits begeisterte sich nach 1945 für Richard Tauber, ein Operettenstar und ein Jude, den man in der Nazizeit nicht hören durfte. Also das hätte doch nicht sein müssen! Das war der Widerstand gegen die Nazis. Die Bibliothek meines Großvaters bestand größtenteils aus Büchern von Karl May, die meines Onkels aus Sammelbänden des erzkatholischen Bundes Neudeutschland. Darin wurde gern geschildert, wie der böse Tscheche mit Spionen in Deutschland eindringt und uns sabotiert. Das waren alles Hefte aus der Weimarer Zeit, richtig nationalistisch. 

Gab es eine geistige Nähe Ihres Vaters zu den Nazis? 

Mein Vater war Feuerwehrmann und vom Fronteinsatz freigestellt, katholisch, Mitglied in einem Sängerverein. Kein Nazi, aber auch kein Antinazi. Er kaufte mir eben diese Spielzeugsoldaten oder die »Kriegsbücherei«, die geschrieben war von Journalisten, die dann später bedeutende Namen in der Bundesrepublik wurden. Die Hefte waren militaristisch, antisemitisch, und so wurde ich zu einem glühenden Anhänger des Führers und der Wehrmacht. 

Anfang 1945 habe ich unter dem Eindruck der »Kriegsbücherei« selbst einmal eine Geschichte in mein Schulheft geschrieben, »Stukas auf Warschau«. Das muss entsetzlich und menschenfeindlich gewesen sein. Das war mein allererster schriftstellerischer Versuch, mit neun oder zehn. 

Haben Sie noch Erinnerungen an den 8. Mai 1945, den Tag der Befreiung? 

An den Tag selbst nicht, aber ich erinnere mich, wie die Amerikaner in unser Dorf einmarschierten. Das waren so geduckte Gestalten, wie Indianer, mit dem Gewehr in der Hand, und ich dachte: Wo ist unsere Wehrmacht und leistet Widerstand? 

Dann geriet ich bald an einen halbwegs vernünftigen Lehrer, damals eine rare Erscheinung. Immer, wenn ich irgend etwas Nazistisches sagte, guckte der mich freundlich lächelnd, aber skeptisch an, fragte vielleicht mal nach - und dann merkte ich langsam: Ganz so in Ordnung war es nicht, was ich da äußerte. Hinzu kam der wohltätige Einfluss des Amerikahauses zunächst in Hammelburg, wo ich bis 1951 das Progymnasium besuchte, später, die letzten beiden Jahre bis zum Abitur, in Schweinfurt. Da wurde man doch mit anderen Dingen konfrontiert, mit der weiten Welt, mit der US-Literatur, aber auch mit Sartre, der mich sehr beeinflusst hat. Da war diese Einrichtung noch nicht gesäubert von den McCarthy-Leuten, und man traf wirklich auf eine liberale, auch ein bißchen sozialistisch angehauchte Welt, und das befreite mich vom Nazitum. 

Nach dem Abitur nahmen Sie 1953 Ihr Studium in Würzburg auf, Philosophie, Geschichte und Volkswirtschaft. Lernten Sie dort auch deutsche antifaschistische Literatur kennen? 

Das kam dann sehr bald, da gab es einen Kommilitonen namens Rolf Hoffmann, der war vor mir Vorsitzender des dortigen, recht kleinen, Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Er lud mich abends öfter ein und las mir vor: Gedichte von Brecht und Kästner. Das hat mich natürlich auch beeindruckt. Als ich später sein Nachfolger wurde, bekamen wir eines Tages wie alle politischen Hochschulgruppen einen Schaukasten im Studentenhaus zugeteilt, und ich hängte darin antimilitaristische Gedichte von Brecht, Tucholsky und Kästner aus. Auch, als dort 1955 ein Fallschirmjägertreffen stattfand - mit dem Kriegsverbrecher General Hermann-Bernhard Ramcke, der gerade, wohl auf Adenauers Fürsprache hin, auf freien Fuß gekommen war. Die versammelten sich in den Würzburger Huttensälen, nicht weit vom Studentenhaus, wo sie aßen und wo dann das Gedicht von Kästner »Wenn wir den Krieg gewonnen hätten« im Kasten hing. Der Chef des Studentenwerkes, ein CSU-Mann, hat das dann schnell entfernt. 

Über das Fallschirmjägertreffen schrieb ich eine Reportage für Die Andere Zeitung, das war die sozialistische Zeitung der frühen Bundesrepublik - und der Beginn meiner journalistischen Laufbahn. 

Wie muss man sich so ein Treffen vorstellen? Das waren ja damals noch keine alten Herren ... 

Die waren alle zwischen 30 und 40. Es wurden die üblichen Reden gehalten. 

Was mir vor allem im Gedächtnis blieb, ist, wie sie am Ende aufstanden und »Deutschland, Deutschland über alles« sangen. Da wollte ich mich dünn machen. Ich wusste: Wenn ich sitzen bleibe, bekomme ich Prügel, also schnell raus. Das hatten die natürlich durchschaut, ich wurde sofort von eisernen Fäusten festgehalten und musste mir das anhören. Auch, wie aus einer Ecke das »Horst-Wessel-Lied« kam, die für mich selbstverständliche vierte Strophe des Deutschlandliedes. Das ist es bis heute für mich geblieben. 

Sie hatten in Würzburg eine frühe Begegnung mit Rudolf Augstein, wenn auch nicht persönlich ... 

Das war das bestimmende Erlebnis, als ich mich im Herbst 1953 gerade eingeschrieben hatte. Danach saß ich vor der Universität auf einer Parkbank, las den Spiegel und ein kleines rot-gelbes Buch »Deutschland - ein Rheinbund?«, eine Sammlung von Kommentaren von Jens Daniel, das damalige Pseudonym von Augstein, was aber nicht bekannt war. Sein Protest gegen Adenauer und die Remilitarisierung begeisterte mich. Dann las ich Augsteins »Kasten« - so nannte man das, wenn einer im Spiegel, dessen Beiträge ja damals völlig anonym erschienen, eine Kolumne mit eigenem Namen hatte. Und dachte: Hm, so was hätte ich auch gern, so einen Kasten im Spiegel mit meinem Namen. 13 Jahre später, 1966, hatte ich's. 

In Würzburg damals sah ich am selben Tag, wie zwei uniformierte Korporierte einen dritten in ihrer Mitte aus dem Studentenhaus herausgeleiteten, ihn festhielten, dass er nicht fällt. Er war stinkbesoffen, und diese ehrfürchtige Haltung, mit der diese Korporierten diesen Mann, ihren Fuchsmajor wahrscheinlich, stützten, das hat mich so angekotzt, dass ich seither jegliche Autoritäten verachte. Das alles an einem Tag: Augstein und die Korpsstudenten ... 

Wie kam Ihr Entschluss zustande, sich politisch im SDS organisieren? 

Ich war ja bereits 1953, als Schüler, der SPD beigetreten. Politisch engagiert war ich schon vorher. Eine sehr emotionale Geschichte: Der Justizminister Thomas Dehler, ein FDP-Mann, sprach in Schweinfurt. Zuvor hatte er die Gewerkschafter beschimpft, sie gehörten alle ins Zuchthaus wegen ihrer Haltung. Seine Versammlung wurde dann von Gewerkschaftsleuten gesprengt, und das hat mich sehr begeistert. Am nächsten Tag trat ich der SPD bei, mit 17 Jahren. 

Als SDS-Vorsitzender hatten Sie nicht nur mit faschistischen Veteranentreffen zu tun, sondern auch mit Politprominenz brauner Herkunft. 

Eines Tages hörte ich, dass der neue Kultusminister in Bayern, der Jurist Theodor Maunz, eine wirklich üble Geschichte haben musste. Ich ging in die Bibliotheken, guckte nach, was da von ihm zu finden war: kein Buch aus der Nazizeit. Dann sah ich in »Kürschners Deutschem Gelehrten-Kalender« nach, dem von 1940/41. Hier waren penibel alle seine Veröffentlichungen aufgelistet. Seine Bücher waren zwar vorhanden, jedoch weggeschlossen. Aber es standen da auch die Zeitschriftenartikel, und die kann man ja nicht so einfach aus Bibliotheken entfernen. Und so schaute ich dann im Juristischen Seminar nach, was der Herr da alles über die Segnungen des Führerstaates geschrieben hatte. 

Das endete damit, dass ich für den SDS auf der nächsten Vollversammlung einen Antrag einbrachte, demzufolge wir Würzburger Studenten uns durch diesen Kultusminister nicht vertreten fühlen und gegen ihn protestieren. 

Natürlich mit Zitaten aus seinen Werken, und es war seltsam: Als ich in der Vollversammlung zu argumentieren begann, merkte ich doch, dass einige nachdenklich wurden. Es sah so aus, als könnte mein Antrag durchkommen, doch die Korporation hielt Filibusterreden: Ihre Vertreter redeten ohne Unterlass, als ob sie auf etwas warteten. Nach drei, vier Stunden kam ein Volkswagen aus München mit Entlastungsmaterial für Maunz, u. a. von einem sehr guten Kronjuristen der SPD, Adolf Arndt. Er hätte Juden geholfen, der Maunz. Zusammengestellt hatte das Material, das erfuhr ich erst später, Maunz' Assistent, unser späterer Bundespräsident Roman Herzog. Dann haben die Korporationen natürlich losgedonnert, was für ein braver Mann unser Maunz doch war im Dritten Reich. Und mein Antrag wurde natürlich abgelehnt. 

Aber daß ich vorher erleben durfte, wie einige Studenten nachdenklich wurden, das hat mich mit Würzburg ein bißchen versöhnt. Denn damals dort zu studieren, das war nun wirklich eine Schule des Widerstands. 

In der »Frontstadt« Westberlin, wo Sie ab 1958 weitere fünf Jahre verbrachten, war das politische Klima vermutlich ebenfalls recht rauh. Die antikommunistische Hysterie nahm dort ja besondere Formen an. 

Ich studierte an der FU, wo selbst auf den Blättern des Klopapiers stand, dass es sich um die »Freie Universität« handelte. Oft hielt ich mich im Henry-Ford-Bau auf, benannt nach dem großen Industriellen und Antisemiten, dem Freund Hitlers. Der hat ihm den Deutschen Adlerorden verliehen, die höchste Auszeichnung für Ausländer. 

Aber die FU war für mich trotzdem eine Befreiung, keine Korporierten, und es gab so allerlei fortschrittliche Kreise. Vor allem: Ich konnte rüber nach Ostberlin ins Theater, ins Berliner Ensemble, da war ich ständig, kaufte Bücher zum Schwindelkurs, das war ja natürlich ein Paradies für uns Westberliner. 

Die Schließung der DDR-Grenze, den Mauerbau, haben Sie unmittelbar miterlebt ... 

Ja, und da gab es danach eine Zitterprämie für alle, die in Berlin blieben. 

Ich bekam sie nicht. Ich habe dagegen protestiert und wollte wissen, ob es irgendwelche Erkenntnisse etwa des Verfassungsschutzes über mich gäbe. 

Danach bekam ich sie dann doch, stillschweigend. 

Aber in Berlin war ich schon nicht mehr Mitglied des SDS, ich war schon ausgeschlossen, weil ich von Würzburg aus, 1955, am Wartburgtreffen der Freien Deutschen Jugend teilgenommen hatte. Ich war als SDS-Vorsitzender von der Universität Jena da sozusagen offiziell eingeladen worden, und ging mit einem Genossen aus dem SDS rüber. Und wir vertraten da sehr heftig die freiheitlich-demokratische Grundordnung gegen den Kommunismus. Ich war kein kalter Krieger, aber es war, bei allen Annäherungen, die es gab, doch ein Distanzverhältnis. 

Jedenfalls, war ich, als ich nach Berlin kam, nicht mehr Mitglied des SDS, sondern Mitglied der Konkret-Truppe ... 

... und haben parallel für den Monat geschrieben? 

Ich wurde gleichzeitig von der SED und der CIA bezahlt: Ich habe einerseits in Konkret veröffentlicht, den Vertrieb der Zeitschrift an der FU übernommen und immer die Pakete am Flughafen abgeholt. Chefredakteur Klaus-Rainer Röhl, heimliches Mitglied der KPD, wies meine kritischen Nachfragen immer zurück. Jedenfalls ließ ich mich gern überzeugen, dass da kein SED-Geld drinsteckte. Gelegentlich veröffentlichte ich auch im Monat, da war Fritz René Alleman Chefredakteur. Ich weiß noch, einmal saß ich gerade vor ihm, da bekam er einen Anruf aus Paris. Erst viel später überlegte ich - das war wohl die CIA, und er telefonierte über das nächste Heft. Ich war sehr beeindruckt, wie kosmopolitisch das da zuging. 

In Berlin haben Sie 1963 Ihre Frau Monika kennengelernt - ausgerechnet im »Massengrab«. 

Das war ein Kellerlokal der »Ulitimisten«, eine literarische Gruppe. 

Eine späte, etwas faule Frucht des Existentialismus? 

Die waren harmlos, an diesem Abend besonders: Sie machten eine erotische Lesung, Retif de la Bretonne, und das war stinklangweilig. Aber: Monika saß mir gegenüber. Und aus Langeweile versank ich in ihre Augen ... (Einwurf von Monika Köhler: »Aha, nur aus Langeweile.«) ... kam aber nicht wieder raus. Da lernten wir uns kennen und wechselten schon zwei Stunden später die Lokalität ... 

Sie sprachen davon, wie Sie bereits in der Nazizeit Bekanntschaft mit Autoren gemacht hatten, die später in der BRD wieder einigen publizistischen Einfluss erlangten. Einige schrieben dann im Spiegel, für den Sie von 1966 bis zu Ihrem Rauswurf durch Augstein 1972 als Medienkolumnist arbeiteten. Wie sind Sie auf deren Spur geraten? 

1992 gab es die große Kampagne von Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust gegen Manfred Stolpe, der der Stasi-Mitarbeit geziehen wurde. Die Frankfurter Rundschau machte da eine Bemerkung, dass es doch eine richtige Kampagne und übel sei, was der Spiegel da veranstaltet. Daraufhin verteidigte Augstein in der nächsten Nummer Aust: Der Spiegel sei von Anbeginn ein »Organ der Aufklärung« gewesen. Das wollte ich nachprüfen: Was stand denn da im Spiegel? Ich hatte Faksimile-Bände der ersten Jahrgänge. Das allererste, was mir auffiel, war, dass der Chef der Gestapo, der auch als solcher ausgewiesen wurde, Rudolf Diels, eine lange Serie hatte mit dem Titel »Die Nacht der langen Messer fand nicht statt«. Das heißt: 1933 nach dem Reichstagsbrand, das sei harmlos gewesen, es habe also keine Mordaktion gegeben. Dann fielen mir noch andere ehemalige Nazis auf, die dort Serien schrieben. Jedenfalls kam eine ganze Menge Nazigeschichten hoch, und ich war wirklich entsetzt und bot der Zeit an, darüber zu schreiben. Ulrich Greiner, der Feuilletonchef, mit dem ich meist zu tun hatte, akzeptierte sofort. Ich lieferte ab, kam ein paar Tage später wieder und sah ihn zerknirscht: Theo Sommer hatte den Abdruck abgelehnt. Der habe gemeint, dergleichen könne man ja auch über die Zeit, schreiben. Der Artikel erschien dann 1992 in Konkret, aber natürlich mit deutlich geringerer Reichweite als in der Zeit. 

Im Jahr 2001 wurde Augstein mit dem Ludwig-Börne-Preis geehrt, Juror und Laudator war Frank Schirrmacher, der im vergangenen Jahr verstorbene Feuilletonchef der FAZ. Wie kam es dazu? 

Mir war aufgefallen, dass Schirrmacher 1996, genau fünf Jahre zuvor, wüst vom Spiegel beschimpft wurde: Der Mann mit dem »weichen Primanergesicht« bringe die Redakteure zur Verzweiflung, er verbreite Räubermärchen über sich, seine Dissertation sei ein Selbstplagiat. Kurzum, es war ein vernichtender Artikel. Ich überlegte mir, was Schirrmacher sich dabei gedacht haben könnte: Börne-Preis, der jüdische Preis, Augstein, der Mensch, der sich mehrmals eindeutig antisemitisch geäußert hatte - der jüdische Anwalt watschelt durch den Gerichtssaal, das ist doch Stürmer-Sprache. Ich habe dann in meiner Augstein-Biographie 2002 die Preisverleihung als Racheakt von Schirrmacher interpretiert. Der hat schließlich das, was weder mir noch anderen bis dahin gelungen war, heraufbeschworen: eine Diskussion über die Nazivergangenheit des Spiegels. 

Schirrmacher hat nie auf meine Rache-Theorie reagiert. Aber ich glaube, er fühlte sich fröhlich durchschaut. 

Springen wir in die jüngste Vergangenheit: Spätestens seit dem Jugoslawien-Krieg 1999 ist Deutschland wieder mit Soldaten überall auf dem Globus präsent. Das wird journalistisch entsprechend begleitet. Seit Anfang 2014 kann man in vielen Medien eine gesteigerte Kriegstreiberei registrieren, von Zeit bis Spiegel auch in solchen, für die Sie einst tätig waren. Wie beurteilen Sie den gegenwärtigen Zustand der hiesigen Publizistik? 

Die Zeit, das ist heute wirklich das Zentralorgan des deutschen Bellizismus. Das hat damit angefangen, dass ihr Politikchef, Bernd Ulrich, 2011 bei Rowohlt ein Buch rausbrachte mit dem Titel »Wofür Deutschland Krieg führen darf. Und muss.« Seither erscheinen dort nun ständig kriegslüsterne Artikel. Das ist wirklich nicht mehr das Blatt, für das ich vor 1996 arbeitete. Beim Spiegel ist die Lage genauso, die Süddeutsche ist vielleicht ein bisschen besser, aber im Grunde auch auf Linie. Die Frankfurter Rundschau ist inzwischen ein Witz, die taz, für die ich nie gearbeitet habe, nicht besser. Es gibt einfach keine kritischen Publikationen mehr - Ausnahmen wie junge Welt oder Ossietzky bestätigen die Regel. 

Der Medienwissenschaftler Uwe Krüger hat 2013 in seinem Buch »Meinungsmacht« gezeigt, wie sehr die Berichterstattung in bundesdeutschen Leitmedien von Elitenetzwerken bestimmt wird. Auch über die Nähe maßgeblicher Journalisten zu westlichen Geheimdiensten muss man inzwischen kaum mehr spekulieren. 

Jeder Zweifel hörte für mich auf, als in den 1990er Jahren der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Hamburgs, Hans-Josef Horchem, seine Memoiren herausgab. Da berichtete er ganz selbstverständlich, wie er alle vier Wochen eine Unterrichtung veranstaltete in seiner Villa an der Alster, seine Frau kochte, Hamburger Journalisten waren eingeladen. Allen voran Haug von Kuenheim und Nina Grunenberg von der Zeit. Die haben dort verkehrt. Die schönste Szene, die Horchem schildert, ist, wie Frau Grunenberg auf ihn zukommt und sagt: Ja, wissen Sie denn nicht, dass am Montag eine Geschichte im Spiegel über Sie steht? Die hat also den Spiegel an den Verfassungsschutzchef verpetzt. Und alle wurden gemeinsam bekocht von Frau Horchem. Leute von der CIA hielten da Vorträge, es war das Briefing des Hamburger Jornalismus. 

Buchveröffentlichungen Otto Köhlers (Auswahl):- ... und heute die ganze Welt. Die Geschichte der IG Farben und ihrer Väter, Hamburg 1986 

- Wir Schreibmaschinentäter, Köln 1989 

- Die große Enteignung. Wie die Treuhand eine Volkswirtschaft liquidierte (erweiterte Neuausgabe Berlin 2011 

- Unheimliche Publizisten. Die verdrängte Vergangenheit der Medienmacher, München 1995 

- Rudolf Augstein. Ein Leben für Deutschland, München 2002 

 

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Der Schwarze Kanal: Rechter Flügelmann 

In: junge Welt online vom 10.01.2015 

Wochenendbeilage 

 

Vor einem Jahr, am 13. Januar 2014, starb der Kärntner Autor und Marxist Werner Pirker. Als Kommentator, Verfasser zahlreicher Analysen auf den jW-Themaseiten und medienkritischer Beiträge für den »Schwarzen Kanal«, der seit 2004 allwöchentlich an dieser Stelle erscheint und der aufs engste mit seinem Namen verbunden ist, prägte er in entscheidenden politischen Fragen die Linie der jungen Welt. Sein Tod ist bis heute ein schmerzlicher Verlust für die Zeitung. Genauer muss es wohl heißen: insbesondere heute, da die Begriffsverwirrungen in der Linken zunehmen, mitunter auch die Anpassungsbereitschaft an herrschende Politik - trotz oder aufgrund der imperialistischen Angriffskriege, die in dem Jahr seit Werners Tod mit ungekannter Wucht ganze Erdteile verheeren. 

Die Aktualität seiner Texte, die er in äußerst präziser Diktion verfasste, zeigt der nachstehende Kommentar, der in der jungen Welt vom 4. Januar 2014 erschien und den wir im Gedenken an ihn wiederveröffentlichen.  

Redaktion und Verlag 

Rechter Flügelmann Gysi kritisiert Europaprogrammentwurf 

Mit seiner gegenüber der Nachrichtenagentur dpa geäußerten Kritik am Europaprogramm der Linkspartei hat Gregor Gysi ein weiteres Mal deutlich gemacht, dass es schon einer sehr verzerrten Optik bedarf, um ihn im linken Richtungsstreit als »Zentristen« einzuschätzen. Der Linken-Fraktionsvorsitzende hält es, obwohl offiziell keiner Seite zugehörig, eindeutig mit der Parteirechten. Ein taktischer Zentrist, der strategisch den Ausschlag zugunsten des rechten Flügels gibt. Das hat er mit seiner »Wutrede« auf dem Göttinger Parteitag 2012 klar zum Ausdruck gebracht. Das ist auch mit seiner Drohung offenkundig geworden, als Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag zurückzutreten, sollte diese seinen Auflagen zur Positionierung in der Nahostpolitik, zu denen die strikte Ablehnung der Forderung nach einem demokratischen Staat mit gleichen Rechten für alle Bürger in Israel/Palästina gehört, nicht Folge leisten. 

Nun ist es der Entwurf des Parteivorstandes für das Europawahlprogramm, der Gysis Missfallen erregt. Darin wird die EU als »neoliberale, militaristische und weithin undemokratische Macht« bezeichnet. Das sei nicht ganz gelungen, meint der Fraktionschef. Und: »Ich bin sicher, dass da noch etwas geändert wird.« Darauf kann man wetten. 

Dabei ist auch Gysi der Meinung, dass die EU eine »neoliberale Wirtschaftspolitik« betreibe und »jetzt für das Unsoziale« stehe, »wenn ich an die knallharten Auflagen der Troika denke«. Das lässt seine Kritik insofern als völlig absurd erscheinen, als auch die Verfasser des Entwurfes keineswegs der Meinung sind, dass die von ihnen aufgezeigten Verwerfungen auf das Wesen der Europäischen Union als imperialistische Allianz zurückgehen und deshalb für das EU-Regime konstitutiv sind. Das entspräche zwar der Wahrheit, aber nicht dem allgemeinen Bewusstseinsstand in der Linkspartei. 

Dass sich Gregor Gysi über eine EU-kritische Textstelle mokiert, deren Autoren ohnedies brav der Meinung sind, dass unter imperialistischen Bedingungen eine andere Europäische Union - nämlich demokratisch und sozial - möglich wäre, lässt sich nur aus seiner Loyalität gegenüber den Rechtsauslegern innerhalb der Linkspartei erklären. Die führen nämlich schon seit Wochen eine aggressive Kampagne gegen den Programmentwurf des Vorstandes. Gysis Wortmeldung hat sie nun voll in die Offensive gebracht. 

Der Linken-Fraktionschef ist ferner der Meinung, dass sich auch die NATO demokratisieren und vielleicht sogar friedfertig machen ließe. Deshalb ist er gegen einen Austritt Deutschlands aus den militärischen Strukturen des Nordatlantikpaktes, da ein solcher die NATO unverändert ließe. 

Linkspartei-Vorsitzende Katja Kipping hat für das Kriegsbündnis schon jetzt den Begriff »nordatlantische Sicherheitsarchitektur« kreiert. In bezug auf imperialistisches »Neusprech« sind die Rechten in der Linken bereits voll kriegstauglich. 

Mehr als ein Gedenkband: »Dialektik der Konterrevolution. Schriften gegen Restauration und Weltordnungskriege«. Ausgewählte Texte Werner Pirkers aus der jungen Welt (1997 bis 2014), herausgegeben von der jW-Redaktion, Promedia Verlag, Wien, 224 Seiten, broschiert, 17,90 Euro - auch im jW-Shop erhältlich 

 

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Umfassender Volksbetrug  

Lenin über den Charakter des Krieges 1914 bis 1918. Resolutionen einer Konferenz der Bolschewiki (Teil 1) 

In: junge Welt online vom 10.01.2015 

Wochenendbeilage 

 

Auf Lenins Initiative fand vom 27. Februar bis 4. März 1915 in Bern eine Konferenz der Auslandssektionen der Sozialistischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) statt. Das Treffen, an dem Vertreter verschiedener bolschewistischer Sektionen teilnahmen, wurde von ihm geleitet; er hielt auch das Referat zum Hauptpunkt der Tagesordnung »Der Krieg und die Aufgaben der Partei«. Die Konferenz nahm die von Lenin verfassten und im folgenden dokumentierten Resolutionen über den Krieg an. 

  

Über den Charakter des KriegesDer gegenwärtige Krieg trägt imperialistischen Charakter. Dieser Krieg ist aus den Bedingungen einer Epoche hervorgegangen, in der der Kapitalismus sein höchstes Entwicklungsstadium erreicht hat; in der bereits nicht nur der Export von Waren, sondern auch der Export von Kapital die wesentlichste Bedeutung hat; in der die Kartellierung der Industrie und die Internationalisierung des Wirtschaftslebens beträchtliche Ausmaße erreicht haben; in der die Kolonialpolitik zur Aufteilung fast des ganzen Erdballs geführt hat; in der die Produktivkräfte des Weltkapitalismus über die engen Schranken der nationalstaatlichen Gliederung hinausgewachsen und die objektiven Bedingungen für die Verwirklichung des Sozialismus völlig herangereift sind. 

Über die Losung der »Vaterlandsverteidigung«Das wahre Wesen des gegenwärtigen Krieges besteht in dem Kampf zwischen England, Frankreich und Deutschland um die Aufteilung der Kolonien und um die Ausplünderung der konkurrierenden Länder sowie in dem Streben des Zarismus und der herrschenden Klassen Russlands nach der Eroberung Persiens, der Mongolei, der asiatischen Türkei, Konstantinopels, Galiziens usw. Das nationale Element im österreichisch-serbischen Krieg ist von ganz untergeordneter Bedeutung und ändert nichts an dem allgemeinen imperialistischen Charakter des Krieges. 

Die ganze ökonomische und diplomatische Geschichte der letzten Jahrzehnte zeigt, dass die beiden Gruppen der kriegführenden Nationen eben einen solchen Krieg systematisch vorbereitet haben. Die Frage, welche Gruppe den ersten militärischen Schlag geführt oder als erste den Krieg erklärt hat, ist bei der Festlegung der Taktik der Sozialisten ohne jede Bedeutung. Die Phrasen von der Verteidigung des Vaterlandes, von der Abwehr eines feindlichen Überfalls, vom Defensivkrieg usw. sind auf beiden Seiten reiner Volksbetrug. 

Den wirklich nationalen Kriegen, die insbesondere in die Epoche von 1789-1871 fielen, lag ein lang dauernder Prozess nationaler Massenbewegungen zugrunde, ein Prozess des Kampfes gegen den Absolutismus und Feudalismus, der Beseitigung nationaler Unterdrückung und der Schaffung von Nationalstaaten als Voraussetzung der kapitalistischen Entwicklung. 

Die durch diese Epoche erzeugte nationale Ideologie hinterließ tiefe Spuren in der Masse des Kleinbürgertums und in einem Teil des Proletariats. Das machen sich die Sophisten der Bourgeoisie und die hinter ihnen einhertrottenden Verräter am Sozialismus heute, in einer ganz anderen, der imperialistischen Epoche, zunutze, um die Arbeiter zu spalten und sie von ihren Klassenaufgaben und vom revolutionären Kampf gegen die Bourgeoisie abzulenken. (...) 

Die Losungen der revolutionären Sozialdemokratie»Die Umwandlung des gegenwärtigen imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg ist die einzig richtige proletarische Losung. Das zeigt die Erfahrung der Kommune, das ist im Basler Manifest (1912) vorgesehen, und das ergibt sich aus den ganzen Bedingungen des imperialistischen Krieges zwischen hochentwickelten bürgerlichen Ländern.«1 

Der Bürgerkrieg, zu dem die revolutionäre Sozialdemokratie in der gegenwärtigen Epoche aufruft, ist der bewaffnete Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie, für die Expropriation der Kapitalistenklasse in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern, für die demokratische Revolution in Russland (demokratische Republik, Achtstundentag, Konfiskation der Gutsbesitzerländereien), überhaupt für die Republik in den rückständigen monarchistischen Ländern usw. 

Das durch den Krieg hervorgerufene äußerste Elend der Massen muss zwangsläufig revolutionäre Stimmungen und Bewegungen erzeugen, zu deren Verallgemeinerung und Lenkung die Losung des Bürgerkriegs dienen soll. 

  

1 Zitat aus der von Lenin verfassten, als Positionspapier der SDAPR Ende September 1914 veröffentlichten Schrift »Der Krieg und die russische Sozialdemokratie« (Lenin: Werke, Band 21, S. 20) 

»Die Konferenz der Auslandssektionen der SDAPR«, zitiert nach Lenin: Werke, Band 21, Berlin/DDR 1968, S. 147 ff. 

 

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Der Fotoreporter der Arbeiter im Ruhrgebiet  

Michael Mäde 

In: junge Welt online vom 10.01.2015 

Wochenendbeilage 

 

Seit dem 9. Dezember 2014 sind in der jW-Ladengalerie 40 Arbeiten des Fotografen Klaus Rose zu sehen. Diese Ausstellung vermag zumindest einen Eindruck von der facettenreichen Arbeit des Fotoreporters zu vermitteln. 

Rose hat seit den 60er Jahren die Wandlung und die sozialen Auseinandersetzungen im Ruhrgebiet kontinuierlich mit der Kamera begleitet. 

Die inhaltliche Nähe des Fotografen zu den Menschen, die für Frieden und Abrüstung demonstrieren, die sich gegen schlechte Arbeitsbedingungen und Arbeitsplatzvernichtung wehren, spiegelt sich sehr direkt in Klaus Roses Fotoreportagen wider. Er vermittelt wie kaum ein anderer ein lebendiges Bild der Klassenauseinandersetzung jener Jahre, macht die Kämpfe erlebbar und dokumentiert nicht zuletzt auch das gewonnene Selbstbewusstsein der Menschen in diesen Auseinandersetzungen. 

Exemplarisch ist dafür die fotografische Dokumentation des sogenannten »wilden Streiks« der Bergarbeiter in Dortmund 1969, den Klaus Rose als einziger Fotoreporter begleitete. Mit jedem dieser Fotos ersteht so etwas wie ein sozialer Raum - entwickelt der Betrachter ein Gefühl für die Situation des Bildes, aber auch für die handelnden Menschen und ihre Solidarität untereinander. Was sich in Roses besten Fotoreportagen vermittelt, ist das Selbstbewusstsein der Arbeiter als Klasse. Roses Bilder dokumentieren aber eben nicht nur die sozialen Abwehrkämpfe im Ruhrgebiet, sondern ebenso die politischen Auseinandersetzungen, den Kampf gegen die Notstandsgesetze, die Demonstrationen gegen den Krieg in Vietnam und die Aufrüstung der Bundeswehr, den Protest gegen Berufsverbote und auch antifaschistische Demonstrationen u. a. gegen die NPD. 

Klaus Rose hat viele Facetten des Ruhrgebietes festgehalten. Auch seine »Szenen« aus dem Alltagsleben jener Zeit sind beeindruckend. Diese Arbeiten beweisen nicht nur ein waches Auge, sondern auch ein tiefes Verständnis für das harte Leben der sogenannten einfachen Leute. 

Klaus Rose: »Soziale Bewegungen und Arbeitskämpfe im Ruhrgebiet 1965-1989«, Fotoausstellung in der jW-Ladengalerie noch bis 6. Februar 2015; Sonderöffnungszeit: Sonntag, 11. Januar, 12-17 Uhr 

Udo Achten/Klaus Rose: Unser Leben. Soziale Bewegungen und Arbeitskämpfe im Ruhrgebiet 1965-1989. Klartext Verlag, Essen 2013, 208 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 24,95 Euro (auch im jW-Shop erhältlich) 

 

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Digitale Klassengesellschaft 

Ausbeutung, Ideologie und Widerstand im Zeitalter sozialer Medien  

Christian Fuchs 

In: junge Welt online vom 10.01.2015 

Wochenendbeilage 

 

»Mit „Schwarmintelligenz" können Unternehmen besser Ideen generieren« (Manager Magazin). »Per Klick zum Job: Wie Freiberufler online an Aufträge kommen« (Wirtschaftswoche). »Gewinn verachtfacht: Facebook wird endgültig zum mobilen Netzwerk« (Manager Magazin). »Uber, Airbnb & Co. machen unser Leben freier« (Die Welt). »Die Crowd bleibt gefragt: Die Finanzierung von Geschäftsideen mit Hilfe der sogenannten Crowd, einer zunächst unbestimmten Anzahl möglicher Investoren, über Plattformen etabliert sich in Deutschland« (Handelsblatt). 

Dieser Schnappschuss aus der neoliberalen und konservativen Presse verdeutlicht, wie sehr neue Kommunikationstechnologien Gegenstand bürgerlicher Ideologien sind. »Soziale Medien«, »Crowdfunding«, »Crowdsourcing«, »Schwarmintelligenz«, »Maker-Kultur«, »Sharing- und Like-Ökonomie« sind einige der dabei heute oft genannten Schlagwörter. 

Als 1877 die Bell Company in den USA begann, das Telefon zu vertreiben, schrieb der Scientific American, dass es durch das Telefon zu einem Ende des berufsbedingten Reisens kommen werde, da Vorträge, Diskussionen und Kultur über das neue Medium organisiert werden könnten, wenn »jede Person des Publikums in einer fernen Stadt mit einem Stück« ausgestattet werde. 

Tim Berners-Lee schuf 1989 das »WWW« als informationelles Gemeingut. Als die New York Times am 8. Dezember 1993 ihren ersten Artikel über diese neue Technologie veröffentliche, sprach sie davon, dass es ein »neues System elektronischen Handels« sei und dass der 1993 entwickelte Mosaic-Browser neue »Geschäftschancen« biete, vor allem für die Verbreitung von Werbung. 

Dass mittels Informations- und Kommunikationstechnologien nicht nur Ideologien verbreitet werden, sondern sie auch ideologische Projektionsflächen sind, ist kein neues Phänomen. Soziale Medien, Big Data und Cloud-Computing sind die neusten technologischen Trends der Klassengesellschaft, die eine phantasmagorische Form annehmen. Sie werden oft als Chancen für Wirtschaftswachstum, Arbeitsplätze, Freiheit, Fortschritt und Demokratie präsentiert. Ob die kapitalistische Realität für diese Kommunikationsformen die bestmögliche Organisationsform darstellt, wird dabei in der Regel nicht hinterfragt. Welche Rolle spielen Ausbeutung und Ideologie im digitalen Kapitalismus? 

Gigantische WerbeagenturenVon Januar bis September 2014 machte Facebook 2,2 Milliarden Dollar Profit. Die Plattform hatte im selben Jahr im Durchschnitt 1,35 Milliarden monatliche Nutzer. Facebooks gesamter Profit stammt aus personalisierter Werbung. Das Unternehmen verspricht auf seiner Startseite, dass es dir hilft, »mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen«. Facebooks Fotoplattform Instagram präsentiert sich als »schnelle, schöne und unterhaltsame Art und Weise, um Ihr Leben mit Freunden und Familie zu teilen«. Durch Facebook können wir nicht nur mit Freunden, Kollegen, Bekannten und Unbekannten ständig in Kontakt bleiben, sondern wir sind auch konstant mit der Warenform und ihren Gebrauchswertversprechen in der Form von Werbung konfrontiert. Facebook und Google sind nicht primär Informations- und Kommunikationsunternehmen, sondern die größten Werbeagenturen der Welt. 

2014 hatte Facebook 8.350 Angestellte, die vor allem mit Softwareentwicklung und der Betreuung von Werbekunden beschäftigt sind. 

Eine relativ geringe Anzahl. Andere Konzerne, die über ein mit Facebook vergleichbares Kapitalaufkommen verfügen, haben oft vier- bis fünfmal so viele Beschäftigte: Die australische Fluglinie Qantas und das japanische Pharmaunternehmen Otsuka hatten 2014 genauso wie Facebook ein Kapitalvolumen von 17,9 Milliarden Dollar und eine Beschäftigtenzahl von 33.000 bzw. 25.000. Der Aufstieg sozialer Medien hat zwar viele Hoffnungen, aber kein neues Jobwunder mit sich gebracht. Information und Kommunikation können im Vergleich zu anderen Gütern relativ billig produziert werden und ihre Wertschöpfung kann vergleichsweise einfach an Konsumenten ausgelagert werden. 

Facebooks Onlineplattform ist keine Ware. Wir bezahlen nicht für ihre Nutzung. Die Arbeit, die durch Facebooks Lohnarbeitende geleistet wird, reicht zur Kapitalakkumulation nicht aus. Facebook macht Daten zu einer Ware, die an Werbetreibende verkauft wird. Es handelt sich dabei um persönliche Profildaten, nutzergenerierte Inhalte, das Nutzungsverhalten auf Facebook und anderswo im WWW, Kontakt- und soziale Netzwerkdaten, geographische Daten und kommunikative Inhalts- und Metadaten. Die konstante Überwachung der Nutzer ist ein immanenter Bestandteil der Kapitalakkumulation in sozialen Medien. 

  

Verkaufte AufmerksamkeitDer kanadische Medienökonom Dallas Smythe sprach 1977 davon, dass bei werbefinanzierten Medien das Publikum Arbeit leistet, indem es die Aufmerksamkeit produziert, die als Publikumsware an Werbetreibende verkauft wird. Auf diese Weise beuteten kommerzielle Medienunternehmen ihr Publikum aus. Damit wandte er sich gegen die These, dass Zirkulationsarbeit in der Werbung keinen Wert schaffe, sondern den in anderen Wirtschaftszweigen geschaffenen Wert als »Parasit« verzehre, wie Paul A. Baran und Paul Sweezy in der Monopolkapitalismustheorie behaupteten. 

Im Bereich kommerzieller sozialer Medien haben wir es nicht nur mit Publikumsarbeit und Publikumsware, sondern mit einer durch die digitale Arbeit der Nutzer und Nutzerinnen produzierten Datenware zu tun. 

Widerspricht die Theorie der Publikums- und digitalen Arbeit nicht der Marx zugeschriebenen Auffassung, dass der Mehrwert in der Produktionssphäre produziert und in der Zirkulationssphäre lediglich realisiert wird und dass Zirkulationsarbeit daher generell »unproduktiv« ist? In sozialen Medien ist die Unterscheidung zwischen Produktion, Distribution und Konsumtion verwischt, da die Konsumenten der Plattform zugleich Produzenten von Daten sind, die als Ware an Werbetreibende verkauft werden. Marx schreibt im »Kapital« Band 2 davon, dass Transportarbeiter produktiv sind, da der physische Transport von Waren deren Gebrauchswert verändert. Die Angestellten in der Werbeindustrie produzieren das, was Wolfgang Fritz Haug in seiner »Kritik der Warenästhetik« Gebrauchswertversprechen nennt. Um die Ideologie der Waren an potentielle Konsumenten zu übermitteln, ist eine kulturelle Form der Transportarbeit notwendig. Digitale Arbeit auf Facebook ist Arbeit, die den Transport der Warenideologien durch Datengenerierung und Aufmerksamkeit organisiert. 

Marx schreibt, dass es, um »produktiv zu arbeiten, [...] genügt, Organ des Gesamtarbeiters zu sein« (MEW 23, 531). Eine Linke des 21. Jahrhunderts braucht einen Blick auf die Klassenverhältnisse, welcher es erlaubt, unbezahlte Arbeit und Teile der sogenannten Zirkulationsarbeit als Formen der Ausbeutung zu begreifen. Journalisten, die für werbefinanzierte Medien arbeiten und die Supermarktverkäuferinnen sind nicht unproduktiv. Der Begriff der Arbeiterklasse sollte nicht auf das stark geschrumpfte klassische Industrieproletariat reduziert werden. 

In der Sowjetunion wurde körperliche Arbeit als produktiv angesehen, während Informations-, Sozial- und Dienstleistungsberufe, in denen Frauen die dominante Gruppe waren, als unproduktiv aufgefasst wurden. Dies führte dazu, dass Industriearbeit höher entlohnt wurde, wodurch ein patriarchales Lohngefälle entstand. Die Linke sollte aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und die Arbeiterklasse nicht in eine Zwei- oder Mehrklassenrealität aufspalten. 

Die dominante Form der Kritik an sozialen Medien handelt von der Verletzung der Privatsphäre. Linke Politik sollte diesen Diskurs durch den Kampf gegen digitale Ausbeutung und kapitalistische digitale Medien ersetzen. 

Ist es jedoch möglich und realistisch, gegen etwas zu kämpfen, das Spaß macht und sozial ist und daher nicht unmittelbar als Ausbeutung und Entfremdung empfunden und wahrgenommen wird? Im Warenfetisch nimmt das »bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen [...] die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen« (MEW 23, 165) an. 

Der Fetisch verschleiert das Abstrakte des Sozialen hinter dem Konkreten der Ware. Im Fall von kommerziellen sozialen Medien haben wir es mit einem umgekehrten Warenfetisch zu tun: Hinter den dort stattfindenden sozialen Beziehungen und Kommunikationsmöglichkeiten, dem sozialen Gebrauchswert der kommerziellen Plattformen, verbirgt sich die Warenform von Daten. 

Der Objektstatus der Nutzer, also der Umstand, dass ihre digitale Arbeit Profite ermöglicht, wird hinter der Attraktivität sozialer Vernetzungsmöglichkeiten versteckt. Digitale Arbeit auf Facebook ist abstrakt, da sie keine Lohnarbeit ist und die Warenform der Daten für die Nutzer nicht unmittelbar sichtbar ist. Dieser abstrakte Charakter der Arbeit und der Ware wird verdeckt durch die Scheinkonkretheit des »freien« Zugangs zur Plattform, Sozialität und eine spielerische Atmosphäre. 

Eine Umfrage unter Facebook-Nutzern, die im Rahmen eines von mir geleiteten Forschungsprojektes (1) durchgeführt wurde, zeigt, dass 82,1 Prozent der 3.558 Befragten personalisierte Werbung generell ablehnen. Dies verdeutlicht, dass Nutzern dem digitalen Kapitalismus durchwegs kritisch gegenüberstehen und den umgekehrten Warenfetisch durchschauen können. 

Prekäre ArbeitPlattformen wie Bloggerjobs.de, Clickworker, Couchjobber, Freelance, Freelance-Market, GULP, Elance, Interlance, Jomondo, MTurk, My Hammer, Odesk, People Per Hour, Taskrabbit oder Twago versprechen, dass Freiberufler »flexibel Geld verdienen« (Clickworker) und »erfolgreich selbständig« (Freelance) sind. In Deutschland sind fast fünf Millionen Menschen, zehn Prozent der Beschäftigten, Freelancer. In den USA sind es 53 Millionen (34 Prozent) und in Großbritannien 1,7 Millionen (sechs Prozent). 

Die relative Mehrheit der Freelancer sind in den Bereichen Information, Kunst, Kultur, Medien- und Digitales tätig, in denen junge Menschen gerne arbeiten. Die Arbeitslosenrate der unter 25jährigen lag 2013 in der EU bei 23,6 Prozent. In Griechenland betrug sie 58,3 Prozent und in Spanien 55,5 Prozent. 42,7 Prozent dieser Altersgruppe war in befristeten Arbeitsverhältnissen tätig, 29,7 Prozent gingen einer unfreiwilligen Teilzeitbeschäftigung nach. 

Freelance-Plattformen versprechen einer durch neoliberale Umverteilungs- und Verschuldungspolitik erzeugten Generation prekär Arbeitender ein besseres Ein- und Auskommen. Es ist kein Zufall, dass diese Plattformen im Zeitalter der Prekarität und der Krise des Kapitalismus boomen. 

Online-Freelancer sind kaum gewerkschaftlich organisiert und konkurrieren auf globaler Ebene gegeneinander. Auf Grund der globalen Dimension des Internets und der primär nationalstaatlichen Dimension der Politik ist diese Form der Tätigkeit arbeitsrechtlich kaum reguliert. Es gibt keinen gesetzlichen Mindestlohn, was dazu führt, dass Online-Freelancer mit dem Druck konfrontiert sind, ihre Honorare gegenseitig zu unterbieten, um an Aufträge zu gelangen. Odesk führte im November 2014 eine Mindestbezahlung von drei Dollar pro Stunde (2,40 Euro). Der Mindestlohn in Deutschland liegt hingegen bei 8,50 und in Großbritannien bei 8,20 Euro. Viele Online-Freelancer arbeiten zu Fixkosten pro Dienstleistung, also auf Basis einer Art Stücklohn, der laut Marx die »fruchtbarste Quelle von Lohnabzügen und kapitalistischer Prellerei« (MEW 23, 576) ist. Freelance-Plattformen machen Profit, indem sie sich einen gewissen Prozentsatz des Gesamthonorars behalten. Bei Odesk sind dies zehn Prozent. Durch diese Praxis wird das Einkommen der Freelancer weiter reduziert. 

Alternativen sind möglichDie Realität digitaler Arbeit im Zeitalter sozialer Medien sind unbezahlte, schlecht bezahlte und prekäre Tätigkeiten. 

Das Bedürfnis nach sozialen Beziehungen, Partizipation und kreativer Tätigkeit wird online durch die Kapital- und Warenform vermittelt. Das kapitalistische Internet hat nicht mehr Freiheit und Demokratie gebracht, sondern ist eine Manifestation von Prekarität und Ausbeutung. Wir sind so sehr an den Kapitalismus des Internets gewöhnt, dass es uns schwerfällt, über ein öffentlich-rechtliches und gemeinwohlorientiertes Internet nachzudenken. Wikipedia ist den meisten ein Begriff, nichtkommerzielle soziale Medien wie N-1, Diaspora, Crabgrass oder Quitter sind hingegen mit einem Mangel an Ressourcen und Nutzern konfrontiert. 

Das Internet ist heute ein unsoziales Medium, das zugleich aber die Vergesellschaftung der digitalen Produktivkräfte und den Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen vorantreibt. 

Alternativen sind möglich. Bei entsprechenden gesetzlichen Rahmenbedingungen könnte ein alternatives Youtube von ZDF, BBC oder einem Netzwerk öffentlicher Universitäten betrieben werden. Führte dies zu mehr staatlicher Überwachung? Nicht notwendigerweise. Und zwar dann nicht, wenn die Unabhängigkeit öffentlicher Institutionen gestärkt wird. Der Rundfunkbeitrag könnte zu einer Mediengebühr weiterentwickelt werden, die nicht nur von Haushalten, sondern vor allem von Unternehmen bezahlt wird. 

Im Rahmen eines partizipativen Budgeting könnten Bürger einen Medienscheck erhalten, den sie an nichtkommerzielle Internet- und Medienprojekte spenden. Auf diese Weise könnten auch Internetplattformen eine Ressourcenbasis erhalten. Alternativen zu Facebook und Twitter in der Zivilgesellschaft könnten dadurch Wirklichkeit werden. Alternative Beschäftigungsformen im Rahmen nichtkommerzieller und öffentlicher Medienprojekte könnten gestärkt werden. 

Das Internet, Medien und Kommunikation sind wichtige Bereiche, in denen der Klassenkonflikt ausgetragen wird. Linke Parteien wie Die Linke, Syriza und Podemos sind daher gefordert, eine progressive Netz- und Medienpolitik zu formulieren, die dazu beiträgt, Kommunikation und Gesellschaft jenseits des Kapitalismus zu denken und zu organisieren. 

Christian Fuchs, geb. 1976, ist Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der University of Westminster in London. 

Christian Fuchs: Social Media: A Critical Introduction. Sage Publications, Los Angeles/London/New Delhi/Singapore/Washington DC 2014, 293 Seiten 

Christian Fuchs: Digital Labour and Karl Marx. Routledge, New York/London 2014, 420 Seiten 

Christian Fuchs: Occupymedia! The Occupy Movement and Social Media in Crisis Capitalism. Zero Books, London 2014, 182 Seiten 

(1) (http://www.sns3.uti.at/) 

 

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Über Queen (2)  

Für Wissen und Fortschritt  

Reinhard Jellen 

In: junge Welt online vom 10.01.2015 

Wochenendbeilage 

 

»You say coke/ I say caine/ You say John/ I say Wayne/ Hot dog I say cool it man / I don't wanna be the President of America/ You say smile/ I say cheese/ Cartier I say please/ Income tax I say Jesus/ I don't want to be a candidate for/ Vietnam or Watergate/ 'Cause all I wanna do is/ Bicycle/ I want to ride my bicycle/ And I want to ride it where I like« 

(Queen, Bicycle Race, 1978) 

Die bombastische nazikompatible Rockscheiße, die Queen in Liedern wie »We Are The Champions« anrührte, wird von der Band immer wieder konterkariert durch glamourös-tuntige Titel wie »Bohemian Rhapsodie«, »Bicycle« (bei dem Sänger Freddie Mercury seine Affäre mit einem US-amerikanischen Tour-de-France-Fahrer verarbeitete, weshalb ich das Lied mit dem Arbeitstitel »Einizipfen« schon einmal ins Bayerische übertragen wollte) oder »I Want To Break Free« (in dessen Video die Bandmitglieder als Frauen auftreten, was ihnen einen Sendeverbot bei MTV America einbrachte, worauf Mercury erklärte, niemals wieder seinen Fuß auf amerikanische Erde zu setzen). 

Gleichfalls hatte sich die Band seit ihrem weltweiten Nr.-1-Hit »Another One Bites The Dust« dem Funk und der Schwarzen Musik zugewandt, was zusammen mit dem offenkundigen Outing von Freddie Mercury eine kommerziell äußerst desaströse Entscheidung war, dafür aber für eine Stadionrockband auch ziemlich cool. Und ein paar beachboysmäßige Stellen und ein gar nicht so schlechtes Stück (»Don't Stop Me Now«) gab es ja auch noch. 

Im nicht unbedingt schwulenfreundlichen England wurde Mercurys Bemerkung, er wolle das Ballett zu den arbeitenden Massen tragen, nicht gerade mit Begeisterung aufgenommen. Ein betrunkener Sid Vicious, der sich mit den Sex Pistols seinerzeit im gleichen Plattenstudio aufhielt, sah sich sogar bemüßigt, der Band einen kleinen Kurzbesuch abzustatten, worauf sich ein kurzes Wortgefecht entspann (Vicious: »So you're the bloke that's supposed to be bringing ballet to the masses?« Mercury: »Ah, Mr. Ferocious! Well, we're trying our best!«) und sich der gute Freddie veranlasst sah, dem frechen Bengel einen saftigen Backenstreich zu verabreichen. 

Andererseits war die Beziehung zwischen Queen und Punk nicht so schlecht, wie man annehmen würde: Der Queen-Gitarrist Brian May war der Mathelehrer von Poly Styrene; Kurt Cobain würdigte die Band in seinem Abschiedbrief (fünf Minuten bevor er sich den Kopf wegschoss, dachte dieser arme Mensch noch an Freddie Mercury!), und wenn man sie mit den Toten Hosen und Möchtegern-Bob Geldof (der ja selbst nichts anderes als ein kümmerlicher Gernegroß ist) Campino vergleicht, muss man sowieso feststellen: Queen waren eindeutig mehr Punk als Punk selber. 

Freddie Mercury war denn auch barocker als München: Jahrelang residierte er in der Stadt der zu unrecht weltberühmten Biere, bezeichnete sich zu dieser Zeit, genervt von seinem Metier, als »Musical prostitute« und hat sich in dem Szenelokal »Deutsche Eiche«, wie man hört, vor allem an übergewichtigen Fernfahrern mit Weißwurstfingern gütlich gehalten. Die Sauna unter der »Deutschen Eiche« gilt als die größte Europas. Sie ist so weitläufig, dass hier zur Wiesn-Zeit angeblich 80 Security-Leute Dienst tun, um die Orgien einigermaßen unter Kontrolle zu halten.  

Außerdem hat sich Freddie Mercury später in Interviews als ein ganz normaler Sozialdemokrat (allerdings mit monarchistischen Neigungen) herausgestellt. So gesehen ist es auch in diesem Punkt verwunderlich, warum Bodo Ramelow seinen Triumphzug in den thüringischen Landtag nicht mit »We Are The Champions« krönte. 

 

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Rebhuhnbrüstchen in Kohl  

Ina Bösecke 

In: junge Welt online vom 10.01.2015 

Wochenendbeilage 

 

Bringt es Menschen, die gern kochen und noch lieber fein essen, weiter, wenn sie Filme über Köche und feines Essen anschauen? Leider nur selten. 

Als Kulturleistung gilt meist schon, wenn der strenge Ton, der in Restaurantküchen üblich ist, glaubhaft vermittelt wird.Das schafft auch »Bon Appetit« (Deutschland, Schweiz, Spanien, Italien) von David Pinillos. 

Man fragt sich, was das eigentlich soll, dieses oberchefmäßige Brüllen allenthalben, als ob nur dadurch die Tomatensuppe heiß und der Rucolasalat grün bleiben würde. Das Küchenproletariat lässt sich einfach zu viel gefallen. 

In »Bon Appetit« hat der Oberchefkoch etwas mit der Sommeliere. Das sind die Menschen im Restaurant, die sich gut mit Weinen auskennen. Die Sommeliere wartet darauf, dass aus der Liebschaft etwas Ernstes wird. Da kann sie lange warten. Ein talentierter Jungkoch aus Spanien vertreibt ihr ein bisschen die Zeit beim Warten. Er hat eine Freundin, die er nicht mehr liebt, er traut sich aber nicht, es ihr einzugestehen. Eigentlich finden sich die Sommeliere und der Jungkoch auch ganz nett. Man hält das alles in der Schwebe. So liegen die Probleme im Film. Einen Herzinfarkt vor Aufregung wird man hier eher nicht erleiden. 

Und koch- und küchentechnisch gesehen? Das Restaurant ist gehobene Küche. 

Also raspelt man über den Lachs noch ein bisschen Estragon und tröpfelt ein Hauch von Honig daneben. Einmal soll der talentierte Jungkoch in der Wohnung der Sommeliere etwas kochen. Die Weinfrau hat aber nur Spaghetti, Eier, Orangen und Minzbonbons vorrätig. Der Jungkoch hantiert ein bisschen geheimnisvoll mit den Kochgeräten herum und tut dann so, als ob er etwas ganz Tolles serviert. Genau das kommt eben nicht rüber im Film. Man glaubt diesem Film kaum etwas. Am Ende kommt die Sommeliere mit dem frischgeborenen Kind vom Oberchefkoch nach Spanien, wo der talentierte Jungkoch gerade versucht, ein heruntergekommenes Restaurant auf Vordermann zu bringen. Spanische Küche im deutschen Winter, das soll es sein. 

Rebhuhnbrüstchen in Kohl gewickelt mit Gemüsesauce: Vier ausgelöste Rebhuhnbrüstchen halbieren, mit Salz und Pfeffer einreiben. 150 g Räucherspeck, eine geschälte Zwiebel, eine Möhre und eine Stange Sellerie in kleine Würfel schneiden. Zwei Tomaten enthäuten, vierteln, entkernen und in kleine Würfel schneiden. Zwei EL Olivenöl erhitzen, das Fleisch auf beiden Seiten sanft jeweils ca. vier Minuten braten. Herausheben, warmstellen. Speck und Zwiebel im Bratfett anschwitzen. Gemüse dazugeben, kurz anbraten. Ein EL Mehl darüber stäuben, hellgelb anrösten. Unter Rühren ein Viertel Liter Geflügelfond und ein Viertel Liter Weißwein angießen und zum Kochen bringen. Bei kleiner Hitze 15 Minute köcheln lassen. Die Rebhuhnbrüstchen in acht gekochte Weißkohlblätter wickeln. Zuerst in Mehl, dann in Ei (zwei verquirlte Eier) wenden und im heißen Schmalz (zwei EL) von beiden Seiten bei mittlerer Hitze goldbraun braten. Aus der Pfanne heben und kurz auf Küchenpapier abtropfen lassen. Die Gemüsesauce mit Salz und Pfeffer würzig abschmecken, ein EL feingehackte Petersilie untermischen. Die Rebhuhnrouladen auf der Gemüsesauce anrichten. 

 

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