Wochenendbeilage der jungen Welt

vom 17.01.2015 


  

»Gattenmord ... mir wär's zu langweilig«  

Ein Gespräch mit Wolfgang Schorlau. Über das Verhältnis von Fiktion und Realität in seinen Kriminalromanen, investigative Recherche und die Grenzen staatlicher Transparenz  

Ben Mendelson 

In: junge Welt online vom 17.01.2015 

Wochenendbeilage 

 

Macht es Spaß, Ihre Protagonisten »an den Säulen der Gesellschaft« sägen zu lassen, wie die Neue Ruhrzeitung einmal schrieb? 

Ich bin mir nicht sicher, ob Schriftsteller heutzutage über so große Sägeblätter verfügen, dass sie das könnten. Literatur sollte jedoch niemals zahnlos sein, und ich hoffe, dass meine Dengler-Romane zumindest so eine Art Laubsäge sind, wer weiß, manchmal vielleicht sogar eine Kreissäge. 

»In diesem Buch ist verdammt wenig erfunden«, steht im Nachwort des dritten Dengler-Krimis, in dem es um weltweite Wasserprivatisierungen geht. Damit sind Ihre Krimis gut beschrieben: Sie betten recherchierte Fakten in eine fiktive Erzählung ein. Wieso machen Sie aus Ihren Recherchen keine realen Reportagen oder Dokumentationen? 

Ich bin fiktiver Erzähler - und zwar mit Herz, Hirn und Seele. In den Dengler-Romanen versuche ich, das Verhältnis von Fiktion und Realität auf das Maximum dessen zu dehnen, das ich mir vorstellen kann. Wenn dies gelingt, entwickeln die Realitätselemente in meinen Büchern zusätzliche Spannungsmomente, und die Fiktion wird so zu einer überdenkenswerten Interpretation gesellschaftlicher Wirklichkeit. 

Im Frühjahr wird der sechste Teil der Dengler-Reihe, »Die letzte Flucht«, im ZDF ausgestrahlt. Darin geht es um Machenschaften der Pharmaindustrie. 

Es scheint sich bei den Sendern etwas geändert zu haben, die Ihre Krimis ja bislang nicht verfilmen wollten. 

Es war eine verblüffende Erkenntnis, dass Sender Stoffe völlig anders betrachten als ich. Sie gehen weniger von Struktur und Handwerk aus, also ob der Spannungsbogen trägt, die Nebenfiguren zu Ende erzählt sind; all die Dinge, die den Erzähler auf Trab halten. Aber wie auch immer: Vielleicht wird der politische Kriminalfilm durch die Dengler-Serie eine Art Renaissance erleben. Der Film ist gut geworden. Schnell, realistisch, er hat eine Anmutung von diesen dänischen Filmen wie »Kommissarin Lund« und »Die Brücke« und ist trotzdem etwas ganz Eigenes. Sehr interessant. Das ist eine neue Sicht der Dinge, vielleicht will das ZDF auf diese Weise auch ein jüngeres Publikum ansprechen. Und nebenbei: Am 20. April wird er ausgestrahlt. 

Ihre Recherche zu dem Vorgängerroman »Das München-Komplott«, den Sie dem Attentat auf das Oktoberfest 1980 gewidmet haben, wurde von zwei Polizisten angestoßen ... 

... von zwei Männern, von denen ich vermutet habe, dass sie Polizisten mit schlechtem Gewissen waren, die mich auf eine Spur setzen wollten. Ich weiß es aber bis heute nicht sicher. Sie riefen mich an und sagten, dass sie Informationen für mich hätten. Sie ließen mich dann eine Nacht lang Akten der Sonderkommission Theresienwiese lesen und wiesen mich auf Stellen hin, die nicht mit dem offiziellen Ermittlungsergebnis zusammenpassten. Zum Beispiel auf die Aussagen des Zeugen Frank Lauterjung, der angab, den angeblich alleinhandelnden Attentäter nahe des Tatorts kurz zuvor mit mehreren anderen Männern in einer erregten Diskussion gesehen zu haben. 

Ich habe dann das Buch des Journalisten Ulrich Chaussy gelesen und Kontakt zu Werner Dietrich aufgenommen, dem Münchner Anwalt, der einige der damals Verletzten und der hinterbliebenen Angehörigen vertritt. Später kam der Kontakt zu Tobias von Heymann dazu. 

Nun wird das Verfahren um das Attentat erneut aufgerollt - glauben Sie, dass die Bundesanwaltschaft dabei an der Einzeltätertheorie festhalten kann? 

Nein, die war nie haltbar - schon 1980 war sie nicht glaubhaft. Die Soko Theresienwiese und die Bundesanwaltschaft haben den rechtsradikalen Hintergrund der Tat systematisch wegermittelt, so dass am Schluss ein Junge übrigblieb, der Liebeskummer und Schwierigkeiten im Studium hatte und die Bombe aus rein persönlichem Motiv entwickelte und zündete. Die Kritik an dieser Ermittlungsweise ist nie abgerissen, die Bundesanwaltschaft sieht sich nun gezwungen, aufgrund des öffentlichen Drucks etwas zu unternehmen. 

Ob sie wirklich vorhat, tatsächlich neu zu untersuchen, wird man sehen. 

Wie tief steckte der Staat beim Oktoberfestattentat mit drin im braunen Sumpf? 

Sehr tief. Dass wir darüber Bescheid wissen, ist das Verdienst von Tobias von Heymann, der die Stasi-Unterlagen unter diesem Gesichtspunkt gesichtet hat. Die Stasi wusste von einer Geheimdienstoperation, genannt »Operation Wandervogel«, die am selben Tag in München stattgefunden hat. Es wäre gut, wenn sich die Bundesanwaltschaft diese Akten beschafft. 

In den 1970er Jahren waren die Staatsschutzbehörden so eng mit der rechtsradikalen Szene versippt, dass Ursache und Wirkung kaum auseinanderzuhalten sind. Man darf nicht vergessen, dass das NPD-Verbotsverfahren daran gescheitert ist, dass die Verfassungsschutzbehörden maßgeblichen Einfluss auf die NPD genommen haben - im Landesvorstand der NPD Nordrhein-Westfalen sollen mehr V-Leute gesessen haben als Nicht-V-Leute. 

In »Das München-Komplott« beschreiben Sie auch die Operationen der NATO-Geheimarmee »Gladio«, besteht da ein Zusammenhang zum Oktoberfestattentat? 

Wir wissen über die Gladio-Operationen in Italien durch die Untersuchungen des italienischen Parlaments. Zwischen den Attentaten von Mailand und Bologna sowie dem Münchner Attentat, die etwa zur selben Zeit stattfanden, gibt es verblüffende Ähnlichkeiten. Erstens gehörten sie damals zur Strategie der Spannung, die die amerikanischen Geheimdienste ausgerufen hatten. Auch das Münchner Attentat fand zu einer zugespitzten Zeit statt: im Bundestagswahlkampf 1980. Der Zweck der rechtsterroristischen Anschläge in Italien und sonst in Europa war die Verschiebung der öffentlichen Meinung nach rechts, nicht zuletzt durch die Diskreditierung der Linken und der Mitte. Ich weiß nicht, ob es zwischen München und Gladio eine tatsächliche Verbindung gibt. Ich vermute es. Und genau an solchen Bruchstellen setzt die Fiktion an. Und die Fiktion ist glaubwürdig, denn die Struktur ist ähnlich: Die Neonazis machen die Schmutzarbeit, und Geheimdienste ziehen die Fäden im Hintergrund. Und über allem wacht der amerikanische Bruder. 

Der Bundesnachrichtendienst hat kürzlich die Existenz der »Schattenarmee Stay behind« zugegeben. Gab und gibt es also »tiefe Staaten« in Europa? 

Ja, in Italien, der Türkei, Belgien und der Schweiz wurden sie nachgewiesen, und es gab dort auch parlamentarische Untersuchungsausschüsse zu diesem Thema. Leider ist das in Deutschland noch nicht passiert. Ob es diese Strukturen noch heute gibt, weiß ich nicht - das weiß hierzulande vermutlich nur der BND. 

Sie arbeiten gerade am nächsten Dengler-Krimi, der den vorläufigen Titel »Die schützende Hand« trägt und die Mordserie der rechtsextremen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) thematisiert. Auf welchen Schwerpunkt konzentrieren Sie sich dabei? 

Mich interessiert, ob unser Bild von dem liberalen, demokratischen Staatswesen Bundesrepublik zutreffend ist. Ist es eine Illusion? Oder lief teilweise etwas aus dem Ruder? Oder ist der Aufbau rechtsradikaler Strukturen das normale Handwerk der Staatsschutzbehörden? Deshalb interessiert mich die Arbeit dieser Behörden im Zusammenhang mit dem NSU. 

Letztlich will ich mir selbst die Frage beantworten: In welchem Staat lebe ich eigentlich? 

Wie recherchieren Sie dafür? 

Ich lese möglichst viel zu dem Thema, schaue mir alle Tatorte und Schauplätze an, rede mit Leuten, die zu diesen Themen mehr wissen als ich. 

In Thüringen, wo ich auch Polizisten befragt habe, hat die Polizei ja beispielsweise schon sehr früh gegen den »Thüringer Heimatschutz« ermittelt. 

Gibt es bei der Polizei Zweifel an der offiziellen NSU-Version? 

Es gibt an vielen Orten Polizisten, die unter anderem den sogenannten Selbstmord von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt anzweifeln und sich ihre eigenen Gedanken über die Rolle des Verfassungsschutzes im NSU-Komplex machen. So wie ich das sehe, sind die Zweifler meist die besten und klügsten Polizisten, aber sie sind in der Minderheit, und leider pflegt die Polizei immer noch einen manchmal fatalen Korpsgeist. 

Wie sieht die Gesprächsbereitschaft der Mitarbeiter des Verfassungsschutzes aus? 

Ich habe auch mit Beamten der Behörde gesprochen. Ich war Ende September Moderator der Diskussionsveranstaltung »Geheimsache Verfassungsschutz« im Stuttgarter Literaturhaus. Dort saß Beate Bube, die Präsidentin des hiesigen Landesamts, auf dem Podium, ebenso Winfried Ridder, der ein hoher Beamter im Bundesamt war. Die Frage der Veranstaltung war, ob der Einsatz von V-Leuten tatsächlich sinnvoll ist oder nicht. Ridder hält ihn für einen großen Fehler, Frau Bube verteidigte ihn. Sie glaubt, dass man nur durch V-Leute bestimmte Informationen bekommt, die man sonst nicht hätte. 

Halten Sie das für plausibel? 

Nein. Es gibt jetzt ein neues Verbotsverfahren gegen die NPD, und die Materialien dazu wurden ja ausschließlich ohne V-Leute gesammelt. 

Wie schätzen Sie vor diesem Hintergrund die Rolle des Verfassungsschutzes, gerade in Thüringen, ein? 

In Thüringen hat er eine üble Rolle gespielt und weit mehr Schaden angerichtet als genutzt. Der Verfassungsschutz hat dort die rechtsradikale Szene gesammelt und aufgebaut. Die führenden Beamten kamen aus dem Westen, das waren erprobte kalte Krieger. Die haben in Jena die Punkszene als eine größere Bedrohung angesehen als die Neonazis. 

In der DDR gab es eine beachtliche Neonaziszene. Die Stasi hat sie beobachtet, aber auch gewähren lassen. Für alle Geheimdienste scheinen Neonazis nützliche Idioten zu sein, die man die gewalttätige Drecksarbeit machen lassen kann. Das gilt auch für die Stasi, die versucht hat, diese gegen die Bürgerrechtsbewegung zu mobilisieren. Es ist deprimierend zu sehen, dass der thüringische Verfassungsschutz wohl ähnlich gedacht hat. 

Wie das Attentat auf das Münchner Oktoberfest wird auch die NSU-Mordserie von staatlicher Seite in einer Version dargestellt, die sich anzweifeln lässt. Dass es sich zum Beispiel nur um ein Trio handelte, dass Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in ihrem Wohnmobil Selbstmord begingen oder die Polizistin Michèle Kiesewetter nur ein zufälliges Opfer der rechtsextremen Terroristen war. Glauben Sie an diese offizielle NSU-Version? 

Nein, ich glaube der offiziellen Version in allen drei Punkten nicht. Und im Falle des vermeintlichen Selbstmords der beiden Uwes weiß ich, dass es nicht so war. Ich kann die Geschichte noch nicht ganz rekonstruieren, aber die beiden Patronenhülsen, die im Wohnmobil gefunden wurden, sind ein erster Hinweis. Um die zweite Patronenhülse aus dem Gewehr auszuwerfen, hätte Uwe Böhnhardt durchladen müssen - nachdem er sich angeblich selbst erschossen hatte. 

An die Triotheorie glaube ich ebenfalls nicht, weil der Thüringer Heimatschutz von insgesamt 40 bis 45 V-Leuten durchwandert war - bei einer Gesamtstärke von rund 160 Personen! Mundlos und Böhnhardt waren im »Thüringer Heimatschutz« fester Bestandteil eines komplexen Netzwerks. Da gehören noch deutlich mehr Leute dazu - manche davon sitzen auch in München auf der Anklagebank. 

Fehlen auch Mitglieder dieses Netzwerks auf der Anklagebank? 

Einige fehlen. Unter anderem André Kapke, einer der unangenehmsten Schlägertypen, ein Mann fürs Grobe. Den würde ich dort gerne sehen. 

Sie haben in einem Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung gesagt, dass Ihre Rechercheergebnisse angsterregend seien, dass Sie »an Erkenntnisfurcht« litten. Vor welcher Erkenntnis fürchten Sie sich? 

Der Verdacht, der begründetermaßen besteht, ist der, dass von staatlicher Seite aus diese radikale Szene erst ermöglicht worden ist - und das ist keine erfreuliche Sache. 

Glauben Sie, dass eine solche Erkenntnisfurcht auch bei einigen Politikern vorherrscht, die in Bayern, Thüringen, Sachsen, Nordrhein-Westfalen und nun auch in Baden-Württemberg in Untersuchungsausschüssen versuchen sollen, die Umstände der Mordserie aufzuarbeiten? 

Das hoffe ich nicht. Ich gehe mit einem gewissen Optimismus an die verschiedenen Untersuchungsausschüsse heran und hoffe, dass etwas dabei rauskommt, gerade bei denen in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. 

Zugleich bräuchten wir aber wieder einen Untersuchungsausschuss im Bundestag, der leider im Sommer 2013 auf halber Strecke stehengeblieben ist. Dort wurden die richtigen Fragen gestellt, aber das Ergebnis, das im Abschlussbericht vorgestellt wurde, ist sehr bescheiden. Sie lesen auf 1.300 Seiten, was dort alles versemmelt wurde, und das Resümee des Ganzen ist: Gebt den gleichen Leuten mehr Geld, mehr Personal, mehr Kompetenzen. 

Es ist absurd. 

Welche Lehren sollten denn gezogen werden? 

Entweder man stellt die Nachrichtendienste völlig neu ein - oder man löst sie auf. 

Wieso sind Sie überhaupt ein sich einmischender, politischer Schriftsteller geworden? 

Ich sitze an dem Stoff eines Krimis im Schnitt zwei Jahre, diese Zeit würde ich ungern zubringen, wenn dann am Ende nur ein Gattenmord herauskäme. Ich habe aber nichts gegen einen ordentlich durchgeführten Gattenmord, literarisch gesehen, doch mir wär's zu langweilig. Ein Dengler-Roman ist für mich die Möglichkeit, in eine Umgebung zu reisen, von der ich vorher keine Ahnung hatte. Das ist das Großartige an meinem Beruf. 

In Ihrem letzten Roman »Der zwölfte Tag« behandeln Sie die Ausbeutung ausländischer Arbeiter in deutschen Schlachtereibetrieben. Haben Sie nach Ihrer Recherche und dem Buch etwas an Ihrem eigenen Konsum geändert? 

Ja, ich esse kaum noch Fleisch, seit ich weiß, wie es hergestellt wird. 

Wenn Sie mich einladen und Biofleisch machen würden, würde ich nicht herumzicken, aber eigentlich bin ich über diese Recherche zum Vegetarier geworden. 

Sie betreiben investigative Recherchen, treffen Insider, suchen nach offenen Fragen, die vermutlich ungeklärt bleiben würden, wenn sich niemand dessen so annehmen würde. Sind viele gesellschaftliche Wahrheiten hinter einem Vorhang versteckt, den nur wenige Menschen lüften? 

Es verblüfft mich immer wieder, dass wir - obwohl wir angeblich in einem Informationszeitalter leben - über die Dinge, die uns direkt umgeben, im Grunde nicht Bescheid wissen, jedenfalls nicht genau. Wir wissen nicht genau darüber Bescheid, wie Wasser produziert wird, obwohl wir sterben, wenn wir drei Tage lang keinen Zugang dazu haben. Wir wissen nicht, wie das Gesundheitswesen in seinem inneren Kern funktioniert, obwohl wir darauf angewiesen sind, dass es funktioniert. Und wir essen Fleisch, nehmen es über den Mund auf sehr intime Weise zu uns - und trotzdem haben wir keine Ahnung, wie es produziert wird. Es ist schon erstaunlich, dass man offensichtlich für einen Kriminalroman recherchieren muss, um über entscheidende Dinge unserer Gesellschaft Bescheid zu wissen. 

Wenn es bei diesen verborgenen Dingen um wichtige Handlungen des Staates geht, die im verborgenen passieren, hat dann der Staat ein Problem in Sachen Transparenz? 

Sobald man sich in den Bereich des Staatsschutzes begibt, hört die Transparenz völlig auf. Alles, was mit Geheimdiensten zusammenhängt, sind Staatsinteressen, die unseren Blicken verborgen bleiben sollen. Für den Schriftsteller ist das eine Herausforderung. 

Das Gespräch führte Ben Mendelson 

Wolfgang Schorlau ist freier Autor und Schriftsteller, er lebt in Stuttgart. Bundesweit bekannt wurde er mit der Reihe politischer Kriminalromane um den Privatdetektiv und ehemaligen BKA-Fahnder Georg Dengler. Als »Finden und Erfinden« beschreibt Schorlau seine Arbeit, für die er wahre Fakten recherchiert und diese in eine fiktive Geschichte einbettet.  

In der »Dengler«-Reihe erschienen bislang: »Die blaue Liste« (2005) über die Treuhandanstalt, »Das dunkle Schweigen« (2005) über Lynchmorde deutscher Bürger an alliierten Soldaten kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, »Fremde Wasser« (2006) zu weltweiten Privatisierungen der Wasserversorgung, »Brennende Kälte« (2008) über den Einsatz von Mikrowellenwaffen im Afghanistankrieg, »Das München-Komplott« (2009) zu den ungeklärten Fragen um das Attentat auf das Münchner Oktoberfest 1980, »Die letzte Flucht« (2011) über die kriminelle Energie in der Pharmaindustrie und »Am zwölften Tag« (2013) über die Arbeitsbedingungen in der Massentierhaltungsindustrie. Zur Zeit arbeitet Schorlau am achten Teil der Reihe, in dem es um den NSU-Komplex gehen wird. 

2006 erhielt Schorlau den Deutschen, 2012 und 2014 den Stuttgarter Krimipreis. 

 

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Den Burgfrieden beenden  

Lenin über den Charakter des Krieges 1914 bis 1918. Resolutionen einer Konferenz der Bolschewiki (Teil 2 und Schluss) 

In: junge Welt online vom 17.01.2015 

Wochenendbeilage 

 

Auf Wladimir Iljitsch Lenins Initiative fand vom 27. Februar bis 4. März 1915 in Bern eine Konferenz der Auslandssektionen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) statt. Das Treffen, an dem Vertreter verschiedener bolschewistischer Sektionen teilnahmen, wurde von ihm geleitet; er hielt auch das Referat zum Hauptpunkt der Tagesordnung »Der Krieg und die Aufgaben der Partei«. Die Konferenz nahm die von Lenin verfassten und im folgenden dokumentierten Resolutionen über den Krieg an. 

  

Die Organisation der Arbeiterklasse ist gegenwärtig weitgehend zerschlagen. 

Aber die revolutionäre Krise reift trotz allem heran. Nach dem Krieg werden die herrschenden Klassen in allen Ländern noch größere Anstrengungen machen, um die Befreiungsbewegung des Proletariats um Jahrzehnte zurückzuwerfen. Sowohl bei einem raschen Tempo der revolutionären Entwicklung als auch bei einem schleppenden Charakter der Krise wird es die Aufgabe der revolutionären Sozialdemokratie sein, weder auf die ständige, tägliche Kleinarbeit zu verzichten noch irgendeine der früheren Methoden des Klassenkampfes zu vernachlässigen. Es wird ihre Aufgabe sein, im Geiste des revolutionären Kampfes der Massen sowohl den Parlamentarismus als auch den ökonomischen Kampf gegen den Opportunismus zu lenken. 

Als erste Schritte in Richtung auf die Umwandlung des gegenwärtigen imperialistischen Kriegs in den Bürgerkrieg sind zu bezeichnen: 1. 

unbedingte Ablehnung der Kriegskredite und Austritt aus den bürgerlichen Kabinetten; 2. völliger Bruch mit der Politik des »nationalen Friedens« (Bloc national, Burgfrieden); 3. Bildung illegaler Organisationen überall dort, wo Regierung und Bourgeoisie unter Verhängung des Belagerungszustandes die verfassungsmäßigen Freiheiten aufheben; 4. 

Unterstützung der Verbrüderung der Soldaten der kriegführenden Nationen in den Schützengräben und auf den Kriegsschauplätzen überhaupt; 5. 

Unterstützung aller revolutionären Massenaktionen des Proletariats überhaupt. 

  

Der Opportunismus und der Zusammenbruch der II. Internationale 

Der Zusammenbruch der II. Internationale ist der Zusammenbruch des sozialistischen Opportunismus. Letzterer erwuchs als Produkt der vorhergegangenen »friedlichen« Entwicklungsepoche der Arbeiterbewegung. 

Diese Epoche lehrte die Arbeiterklasse den Gebrauch so wichtiger Kampfmittel wie die Ausnutzung des Parlamentarismus und aller legalen Möglichkeiten, die Gründung ökonomischer und politischer Massenorganisationen, die Schaffung einer weitverbreiteten Arbeiterpresse usw. Andererseits erzeugte diese Epoche eine Tendenz zur Leugnung des Klassenkampfes und zur Predigt des sozialen Friedens, zur Verneinung der sozialistischen Revolution, zur prinzipiellen Ablehnung illegaler Organisationen, zur Bejahung des bürgerlichen Patriotismus usw. Bestimmte Schichten der Arbeiterklasse (die Bürokratie in der Arbeiterbewegung und die Arbeiteraristokratie, für die ein kleiner Teil der Profite aus der Ausbeutung der Kolonien und aus der privilegierten Lage ihres »Vaterlands« auf dem Weltmarkt abfiel) sowie die kleinbürgerlichen Mitläufer innerhalb der sozialistischen Parteien waren die soziale Hauptstütze dieser Tendenzen und die Träger des bürgerlichen Einflusses auf das Proletariat. 

Der verderbliche Einfluss des Opportunismus trat besonders krass in der Politik der Mehrheit der offiziellen sozialdemokratischen Parteien der II. 

Internationale während des Krieges zutage. Bewilligung der Kriegskredite, Eintritt in die Kabinette, Politik des »Burgfriedens«, Verzicht auf illegale Organisationen zu einer Zeit, wo die Legalität aufgehoben ist - das alles bedeutet Durchkreuzung der wichtigsten Beschlüsse der Internationale und direkten Verrat am Sozialismus. 

  

Die III. Internationale 

Die durch den Krieg hervorgerufene Krise deckte das wahre Wesen des Opportunismus auf, indem sie ihn in der Rolle eines direkten Helfers der Bourgeoisie gegen das Proletariat zeigte. Das sogenannte sozialdemokratische »Zentrum« mit Kautsky an der Spitze ist praktisch ganz und gar zum Opportunismus hinabgesunken, dem es mit besonders schädlichen heuchlerischen Phrasen und durch Verfälschung des Marxismus im Sinne des Imperialismus den Schild hält. Die Erfahrung zeigt, dass beispielsweise in Deutschland nur die entschlossene Auflehnung gegen den Willen der Mehrheit der Parteispitzen die Möglichkeit gab, den sozialistischen Standpunkt zu verteidigen. Es wäre eine schädliche Illusion, auf den Wiederaufbau einer wirklich sozialistischen Internationale ohne vorhergehende vollständige organisatorische Abgrenzung von den Opportunisten zu hoffen. 

Die SDAPR (Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands, jW) muss alle internationalen und revolutionären Massenaktionen des Proletariats unterstützen und danach trachten, alle antichauvinistischen Elemente der Internationale zusammenzuschließen. 

»Die Konferenz der Auslandssektionen der SDAPR«, zitiert nach Lenin: Werke, Band 21, Berlin/DDR 1968, S. 150 f. 

 

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Der Schwarze Kanal: Das böse Wort mit K. 

Der Legitimationsbedarf für die Kriege des Westens ist seit 1990 gestiegen  

Arnold Schölzel 

In: junge Welt online vom 17.01.2015 

Wochenendbeilage 

 

Der Legitimationsbedarf für die Kriege des Westens ist seit 1990 gestiegen. 

Der Antikommunismus musste in die zweite Reihe, in den Vordergrund trat die Moral, die der Westen und nur er gepachtet hat. »Humanitäre Interventionen« hießen so die ersten Feldzüge nach 1990, und vom Krieg, den die Bundeswehr seit fast 14 Jahren in Afghanistan führt, sollte lange nicht gesprochen werden. Anders gesagt: »Wir« möchten dabeisein, aber wir reden nicht drüber. Die Zeit der frisch-fröhlichen imperialistischen Feldzüge ist vorbei. 

Wer Angriffskriege führt, aber davon schweigt, kann nur Opfer sein. Seit den Attentaten von Paris sind dies alle westlichen Regierungen, ihre Medien und der französische Flugzeugträger »Charles de Gaulle«, der als Kanonenboot in den Nahen Osten unterwegs ist, heißt »Charlie«. Ein deutsches Oberopfer ist FAZ-Herausgeber Berthold Kohler. Er fegt an Durchschnittstagen rein kommentarmäßig Russland und Putin aus dem weltpolitischen Ring und schreibt dabei selbstverständlich nie das böse Wort mit K. Am 8. Januar aber schmetterte es heraus: Der Anschlag vom 7. 

Januar »stellt eine Kriegserklärung an die ganze freie Welt dar«. Es gehört zu den Kohlerschen Eigenheiten, sich des öfteren mit dem Universum oder dem, was er dafür hält, zu verwechseln, aber dieses Aufplustern einer eher kleineren »Presshyäne« (Karl Kraus) ist schon ein buchenswerter Vorfall im medialen Bestiarium. Was in Kohlers Text nach dem Auftaktpaukenschlag folgt, ist so vorhersehbar wie die Perlenabfolge in einer Gebetskette: »Tatsächlich muss sich niemand wundern, dass sich immer mehr Menschen vor dem Islam fürchten. In seinem Namen und unter Berufung auf den Koran werden Angst und Schrecken verbreitet.« 

Angst und Schrecken lassen sich ins Englische mit »shock and awe« übersetzen, der Methode, die u. a. die US-Armee 2003 bei der Zerstörung und Eroberung des Irak unter Führung des »wiedergeborenen« Christen George W. 

Bush anwandte. Wo der Westen in Afrika oder Asien bombardiert, bevorzugt er sie bis heute. Kohler weiß vermutlich, dass sich immer mehr Menschen in verschiedenen Weltteilen vor solch christlich motivierten Feldzügen fürchten, davon schreiben wäre aber zuviel verlangt. Immerhin heißt es bei ihm: »Und auch hier, im Abendland, ist Hass anzutreffen, der in Gewaltphantasien mündet, auch Bezug auf die rLügenmedienl, gegen die auf den Demonstrationen der Pegida gehetzt wird.« Da hat der Frankfurter, der fast täglich von angreifenden Russen und Moslems deliriert, gerade noch die Kurve bekommen. Ein Tusch: Im »Abendland« gibt es nur Phantasien von illegalen Kriegen, nicht mit Kalkül herbeigeführte, nicht bewusst von westlichen Streitkräften oder deren islamistischen Fußtruppen und Verbündeten zu Hunderttausenden abgeschlachtete Afghanen, Iraker, Syrer, Libyer, Malier, Sudanesen, Somalier, Jemeniten usw. 

Aber gemach: Ein Kohler kennt nur Halluzinationen, keine Gewalt. Das lässt sich spielend überbieten. Am 13. Januar trompete die Süddeutsche Zeitung auf Seite eins: »Europa rüstet gegen den Terror«. Endlich also, nach fast 25 Jahren europäischem Staatsterror gegen vom Westen hochgepäppelte »Terroristen« wird etwas getan. Doch es geht noch besser, denn was sind schon FAZ und SZ im Vergleich zur Zeit. Die Hamburger widmen unter der Schlagzeile »Wofür wir kämpfen müssen« mehr als ein Dutzend Seiten dem, was nach ihrer Meinung jetzt für einen »anderen Islam« getan werden muss. Die Massaker der US-Armee und ihrer Koalitionäre zwischen Pakistan und Westafrika kommen auf keiner dieser Seiten vor. Bestenfalls als journalistische Perle wie diese von Josef Joffe: Der Westen müsse »eindämmen, wo wie in Syrien und Libyen der Krieg aller gegen alle tobt«. 

Heißt: Obwohl NATO und Co. alle Dämme zerstört haben und den Krieg nun in ihren Metropolen wiederfinden, soll es weitergehen wie gehabt. Hauptsache, keiner sagt, dass der Westen Krieg führt, permanent und weil er ihn braucht. 

»Wir« möchten bei jedem Krieg dabei sein, aber wir reden nicht drüber. Die Zeit der frisch-fröhlichen imperialistischen Feldzüge ist vorbei. 

 

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Uhuru  

Leonhard F. Seidl 

In: junge Welt online vom 17.01.2015 

Wochenendbeilage 

 

Wir waren auf dem Weg ins Uhuru-Gebäude (1), ein riesiger Betonkomplex, eingebettet zwischen einer Tankstelle und einem kleinen Markt mit grob gezimmerten Holzständen, auf denen Früchte, Gemüse und Kleider feilgeboten wurden. Kurz vor dem Eingang stoppte Jella und deutete auf einen Pulk, der sich langsam in der Mittagshitze vorwärts schob. Als uns die Menschenmenge erreicht hatte, sahen wir die aufgebrachten Gesichter: Marktfrauen, die gerade noch Bananen verkauft hatten, Kinder, manche in braun-grünen Schuluniformen, aber auch Büroangestellte in Anzügen und zerlumpte Straßenkinder. Ein dicker Mann in einem beigefarbenen Poloshirt hastete vorneweg. Er zog eine Frau hinter sich her. Die einfach gekleidete Frau hatte eine Hand mit einer Handschelle gefesselt, der Mann zog an der anderen Schelle, die nicht geschlossen war. Ein Shirt lag über den Händen, mit dem er versucht hatte, die Handschellen zu überdecken. Nervös tasteten seine Augen die Umgebung ab, probierte er, mit seinem Handy zu telefonieren, zog die Frau immer weiter hinter sich her. Sie hielt sich an einem Marktstand fest, ihr ausgebleichter Rock verfing sich am Holz, die Orangen und Mangos wackelten auf den Holzbrettern. Immer enger schloss sich die Menge um die beiden. Ich packte meine Kamera aus, zögerte, drehte die Schutzkappe hin und her. 

In einem Reiseführer hatte ich gelesen, dass es in Kenia verboten ist, von Polizeistationen Fotos zu knipsen; und von Polizisten. Aber vielleicht war es ein Menschenjäger oder ein wütender Ehemann. 

Plötzlich stand ein dürrer Mann mit Brille neben mir. »Take a picture!«, sagte er und deutete mit seiner Zeitung auf meine Kamera. 

Wieder zögerte ich. Dann nahm ich die Schutzklappe ab. Ich schoss zwei Bilder und noch eins. 

Jetzt passierten wir den Bereich des Marktes, in dem die Fleischer ihre Stände hatten. Von Sehnen, Adern und Muskeln durchzogene Ziegen- und Rinderhälften hingen an den Haken, dahinter standen Männer in weißen Kitteln, um das Fleisch kreisten Fliegen. Der Mann mit dem Handy schleifte die Frau weiter hinter sich her, die Menge folgte ihm. Es stank nach totem Tier. 

Der Mann mit der Brille war wieder verschwunden, eine kleine zierliche Frau in einer blau-braunen Kitenge, einem traditionellen Kleid, lief jetzt neben mir. Ich fragte sie, was passiert sei. Aber sie schüttelte nur den Kopf. 

Da erreichten wir die Hauptstraße, die zwischen dem Marktplatz und einer Häuserreihe mit Bars, Hotels und Geschäften lag, vor denen Schuhputzer, Zeitungsverkäufer, Uhrenmechaniker und Händler ihrem Business nachgingen. 

An anderen Tagen war der Marktplatz ein Ort heiteren Treibens, erfüllt von geschäftigem Gebrabbel. Die Waren gegen die Sonne geschützt von ausgebleichten Regenschirmen und um Kunden wetteifernde Frauen in rotkarierten Schürzen oder um die Hüften geschlungenen Kangas, Wickeltüchern, mit Rosen, Tieren oder anderen Motiven. Aber heute lag die ganze Aufmerksamkeit auf dem brutalen Dicken, der jetzt am Straßenrand stehenblieb. Neben ihm der gelbe Container, auf dem sich jeden Tag zerlumpte Straßenkinder tummelten, um Joghurtpackungen, Obst, Gemüse und Brot zu erbeuten. Der Inhalt des Containers verströmte einen fauligen Geruch, den die Hitze noch verstärkte. 

Ich fragte den Dicken, was passiert sei, aber er gab mir keine Antwort, hackte immer wieder auf die Tastatur seines Handys, ohne die Handschelle auch nur eine Sekunde loszulassen. Ich fotografierte ihn noch einmal. 

Plötzlich fingen die Menschen zu laufen an, drückten, schoben sich voreinander her. Ich hörte Motorengeräusch, Menschen kreischen, drehte mich um und sah einen dunkelblauen Lastwagen, der auf uns zuraste. Auch Jella und ich rannten davon. Von der Ladefläche des Wagens hüpften drei Männer, einer hielt eine Flasche Tränengas in der Hand. Auf der Seitentür des Wagens stand Kisii Police Office, darunter prangte ein goldener Stern. Ich drehte mich von dem Wagen weg und holte mit zitternden Händen die Speicherkarte aus der Kamera, drückte sie Jella in die Hand und schob eine andere hinein. Zu meinem Erstaunen löste der Polizist die Handschelle der Frau und ließ sie gehen. Dann drängte er sich durch die Menge, ohne mich aus den Augen zu lassen: »Wer bist du, dass du ein Bild von mir machen darfst?« 

»Ich bin ein Journalist aus Deutschland«, sagte ich auf Englisch. 

»Zeig mir deinen Presseausweis!« 

»Den habe ich zu Hause«, antwortete ich und deutete auf den Hügel am Ende der Stadt, wo wir ein Zimmer gemietet hatten. Ich hielt ihm meinen Personalausweis unter die Nase. 

»Wer bist du?« wiederholte er wütend, packte mich am Arm und befahl mir, auf den Laster zu steigen. 

Ich ging mit ihm und stieg hinauf. Die Plane war zurückgeklappt. Ich erhaschte einen besorgten Blick von Jella. 

Ich kam mir vor wie in einem schlechten Film über eine südamerikanische Militärdiktatur. Aus meiner Fototasche holte ich mein Notizbuch hervor und warf es Jella zu. Ein Raunen ging durch die Menge. 

»Ruf das Rote Kreuz an, die Hotline für Journalisten in Not«, rief ich mehrmals auf Englisch, damit es auch die Polizisten verstehen konnten. 

Einige von ihnen, alle in Zivil, sprangen vom Wagen, um Jella festzunehmen. 

Aber der Mann mit der Brille führte sie weg. Und auch die Menge stellte sich schützend vor sie. Die Polizisten erkannten, dass sie keine Chance hatten, machten kehrt und stiegen wieder auf die Pritsche des Wagens. Einer hob seine Tränengasflasche hoch, den Finger am Ring, um sie zu öffnen. Er fragte den Dicken, ob er es einsetzen solle, was der aber verneinte. Da setzte der Wagen zurück, fuhr in der entgegengesetzten Richtung davon und ließ die Menge stehen. Die Polizisten blickten sich immer wieder um. Jella war verschwunden. 

Ich setzte mich neben eine eingeschüchterte Marktfrau, mit Plastikbehältern voller Mandaazi, Fettgebackenem, auf dem Schoß. Der Wagen stoppte, und weitere Frauen mussten aufsteigen. 

Unser Freund Caleb, in dessen Nachbarschaft wir wohnten, hatte uns erzählt, dass häufig Frauen festgenommen wurden, weil sie ohne Genehmigung Speisen verkauften. Meist wurden sie erst wieder freigelassen, wenn sie die Polizisten ausreichend geschmiert und ihnen ihr Essen überlassen hatten, was in Kenia ein offenes Geheimnis ist. 

»Was habt ihr getan?« fragte ich flüsternd. 

Sie antwortete nicht. Dafür schien sie den anderen Frauen auf Kisuaheli zu erzählen, was ich getan hatte. Die anderen saßen eingeschüchtert auf den Bänken, eine telefonierte mit ihrem Handy. 

Wir fuhren durch die Straßen, die Leute starrten mich an, unterhielten sich, einige besorgt, vereinzelte amüsiert, andere teilnahmslos. Der Polizist schoss sich erneut auf mich ein, wer ich sei, warum ich einfach ein Bild von ihm gemacht habe. Ich erwiderte, ich sei ein Journalist aus Deutschland und dass meine Freundin das Rote Kreuz angerufen habe. Da spielte sein Handy ein Lied des südafrikanischen Menschenrechtsaktivisten Lucky Dube: »All they build will be prisons.« 

Der Dicke ging ran. In seinem Genick rollten sich Fettwülste in der Größe eines Wiener Würstchens, gesalzen mit Schweißtropfen. Auch ich zog mein Handy hervor und wählte Jellas Nummer, rechnete jeden Augenblick damit, dass es mir abgenommen oder aus der Hand geschlagen wurde. Aber nichts geschah. Auch am anderen Ende der Leitung nicht. Ihr Akku war wohl leer. 

Dann versuchte ich es bei Caleb. 

Mittlerweile waren wir wieder am Markt angelangt. Aber die Polizisten hatten dadurch keineswegs ihr Ziel erreicht: Erneut schloss eine Menschenmenge den Wagen ein. Manche machten ein Victory-Zeichen in meine Richtung, andere hoben die Daumen nach oben, die Mehrheit sah mich fragend an. Aber Jella war nicht zu sehen. Der Wagen fuhr wieder an und ich hörte Calebs Stimme. 

»Wir fahren zur Polizeistation. Ruf einen Anwalt an!«, rief ich. 

Wir bogen auf das Polizeigelände ein: Kisii Prison. An einem Mast baumelte eine Kenia-Flagge. Zu meiner Erleichterung standen Jella, Caleb und der Mann mit der Zeitung im Hof, was mir für einen Augenblick wieder Hoffnung gab. Wieder forderte ich sie unüberhörbar auf, das Rote Kreuz und einen Anwalt zu rufen. Der Pritschenwagen fuhr rückwärts an den Eingang heran, und wir mussten herunterspringen. Meine Hoffnung schwand, als ich vor meinem inneren Auge eine dunkle Zelle voller Mörder, Vergewaltiger und Diebe vor mir sah, die einen Mezungu schon immer einmal für sich alleine haben wollten. Eine Polizistin in blau-weißer Uniform stand am Eingang und glotzte mich erstaunt an. Sie führte uns hinter eine Theke, wo ihr Kollege auf uns wartete. 

bIch bin ein Journalist aus Deutschland. Meine Freundin hat schon das Rote Kreuz und einen Anwalt informiertl, sagte ich auf Englisch. 

Da kam der Leiter der Polizeistation, der OCS, in khakifarbener Uniform aus seinem Büro. Auf seinen Schulterklappen glänzten mehrere silberne Sterne. 

Er winkte mich auf die andere Seite der Theke und forderte mich auf, ihm zu folgen. »Mach hier nicht so einen Lärm«, brummelte er genervt, »du bist hier in Kenia.« 

Dankbar für den Hinweis und die Tatsache, vorerst der Zelle entkommen zu sein, ging ich hinter ihm her. Fettwülste rollten sich in seinem Genick. 

Auch der Dicke trottete mit gebeugten Schultern hinterdrein. 

Der OCS ließ sich in einen Ledersessel fallen. Ich streckte ihm die Hand entgegen und fragte »Habari?«, »Wie geht's?« 

Er reagierte nicht. Ich hielt ihm die Hand eine gefühlte Ewigkeit hin. Dann verschwand sie doch noch in seiner aufgequollenen Patsche. 

Ich setzte mich, auch der Dicke nahm neben mir Platz und berichtete auf Kisuaheli, was vorgefallen war. Auf seiner Stirn bildeten sich Schweißtropfen. Ich musterte den Nacken des OCS und fragte mich, ob es wohl für jeden Stern eine Fettwulst zur Belohnung gab und begann zu zählen. 

Noch bevor ich damit geendet hatte, wandte sich der Wurstnacken an mich und sagte, ich solle mich ausweisen. Ich holte meinen Personalausweis heraus und wiederholte: Journalist, Deutschland, Presseausweis, Rotes Kreuz ... 

»Hier in Kisii gibt es viele Journalisten. Hast du schon einmal einen gesehen, der einen Polizisten fotografiert hat?« 

Der Officer befahl mir, die Bilder zu zeigen. Ich schaltete die Kamera an, die ich die ganze Zeit auf den Knien gehalten hatte, um meinen Journalistenstatus zu unterstreichen. Ich drückte auf Review und die beiden rückten näher an mich heran. Ich roch kalten Schweiß. Auf dem ersten Bild waren ausschließlich Mezungus bei einer Geburtstagsfeier in Fürth um einen Tisch versammelt. Der Dicke grunzte. Ich drückte weiter. 

»Das ist meine Freundin mit der kenianischen Theatergruppe.« 

Immer mehr Bilder huschten über den kleinen Bildschirm, aber die Bilder von der brutalen Festnahme waren nicht zu sehen. Der Officer wurde ungeduldig, der Dicke fuhr sich verzweifelt durch die nicht vorhandenen Haare. 

»So, so. Deine Freundin oder deine Frau?« fragte der OCS und räkelte sich in seinem Chefsessel. 

»Meine Freundin.« 

Ich ahnte, was als nächstes kommen würde. 

»Wie alt bist du?« 

»33.« 

»Und du bist noch nicht verheiratet?« 

Ich wusste, dass es für Kenianer in meinem Alter eine Schande war, noch nicht verheiratet zu sein und keine Kinder zu haben. 

Da klopfte es wieder. Jella und Caleb kamen herein. Jella gab mir meinen Internationalen Presseausweis und setzte sich neben mich. Trotzig hielt ich ihn dem Officer unter die Nase. 

»Das ist aber kein Pass. Und wo ist dein Pass?« fragte er Jella. 

Caleb stand die ganze Zeit im Hintergrund. Er verabschiedete sich umgehend wieder, um die Pässe zu holen. 

Da läutete das Handy des OCS. Er ging ran. 

»Wo hast du es versteckt?« fragte ich Jella, darauf bedacht, keine Wörter zu verwenden, die er verstehen könnte, wie Karte oder Kamera. 

»In meinem BH.« 

Ich musste grinsen. Das Oberwürstchen beendete das Gespräch. 

»Wenn ihr euch unterhaltet, dann in Englisch«, befahl er streng. 

Wieder läutete sein Handy. 

»So, das ist also deine Freundin?« sagte er, ohne das Handy aus der Hand zu legen. 

»Wie alt bist du denn?« wandte er sich an Jella. 

Auch dieses Mal wusste ich, auf was er hinauswollte. Wenn in Kenia ein Mann oder eine Frau mit einem jüngeren Mann oder einer jüngeren Frau unter 18 eine Beziehung hat, konnten sie dafür eingesperrt werden. 

»19.« 

»In Kenia gibt es ein Gesetz«, erklärte er genüsslich, »dass eine Beziehung zwischen einem älteren Mann und einer Frau unter zwanzig verbietet, wenn die Frau noch von ihren Eltern unterstützt wird.« 

»Tja«, antwortete ich nicht weniger genüsslich, »in Deutschland erhält man, bis man 25 Jahre alt ist, Kindergeld vom Staat.« 

Es klopfte erneut, und Caleb stand mit meinem Brustbeutel in der Hand in der Tür, in dem die Pässe waren. Er gab ihn mir und ich legte sie dem OCS vor die Nase, der viel zu lange darin blätterte. Caleb fragte auf Kisuaheli, was los sei, und der dicke Polizist begann zu berichten. Der OCS wies ihn schroff zurecht, er solle leise sein, er habe hier nichts zu sagen. 

Caleb erzählte uns später, der OCS habe ihn gebeten, die Bilder nicht zu veröffentlichen. Außerdem wollte er wissen, wie wir nach Kisii gekommen seien. Als ich das Polizeigebäude verließ, begrüßte mich der Mann mit der Zeitung, der Morara hieß und ein Junge, der am Markt neben mir gestanden hatte. Beide fragten mich, wie es mir ginge. Ich sog die Luft tief ein. Es roch nach Rauch. 

»Vielen Dank, Caleb«, sagte ich und sprach meine Sorge aus, »ich hoffe, du wirst dadurch keine Probleme bekommen.« 

»Mach dir da mal keine Gedanken«, beruhigte er mich, »der korrupten Polizei muss man zeigen, dass sie nicht machen kann, was sie will. Der OCS wollte sich eben ein Kito kidogo, eine Kleinigkeit, dazuverdienen.« In der darauffolgenden Nacht wachten wir mehrmals auf, da die Hunde lauter kläfften als in den vorherigen Nächten. 

Kurz vor meiner Abreise fuhr ich auf einem Piki-Piki, einem Motorradtaxi, zu unserer Wohnung. Ich unterhielt mich mit dem Fahrer über die Polizisten, und er erzählte mir, dass etliche seiner Kollegen samt Motorrädern auf der Wache gelandet waren. Ich lachte und sagte, dass ich da auch schon mal war. 

»Ach du warst das«, sagte er, »ich habe davon gehört. Was war denn da los?« 

Ich begann zu erzählen: »Wir waren auf dem Weg ins Uhuru-Gebäude.« 

  

(1) Uhuru ist Kisuaheli und bedeutet wörtlich Freiheit von Sklaverei und Befreiung. Im Freiheitskampf der ostafrikanischen Länder wurde der Begriff gleichbedeutend mit Unabhängigkeit. 

  

Leonhard F. Seidl, geb. 1976, ist Schriftsteller. Derzeit ist er Stipendiat des Literaturhauses München, wo er an einem Roman arbeitet. Am 2.8.2014 erschien von ihm an dieser Stelle die Geschichte »Am Mittwoch kommen die Fenster«. 

 

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Für Wissen und Fortschritt.  

Über »The Walking Dead« (1) 

Reinhard Jellen 

In: junge Welt online vom 17.01.2015 

Wochenendbeilage 

 

T-Dog: »Guess the world changed.« 

G: »No, it's the same as it ever was. The weak get taken.« 

Die Süddeutsche Zeitung hat auf mein Gehirn eine blutdrucksenkende Wirkung. 

Bestimmt hat irgendein Wissenschaftler bereits nachgewiesen, dass noch niemand bei der Lektüre dieses ebenso staatstragenden wie alles andere als kurzweiligen Käseblattes einen Hirnschlag erlitten hat. Einfach deshalb, weil sich hier beständig oberschullehrerhafte Bräsigkeit und linksliberale Unreflektiertheit in Champagnerlaune zuprosten. Wann immer ich die SZ aufblättere, beschleicht mich das Gefühl, als werde mein Gehirn soeben mit Popcorn gesteinigt. 

Während man beim Lesen der Propaganda im Wirtschafts- und Außenpolitikteil ganz einfach die Essenz der Analysen und Berichterstattung mit minus eins multiplizieren muss, um zu vernünftigen Aussagen zu gelangen (das ist natürlich auch eine Leistung), gibt sich das Feuilleton immerhin, wenn auch selten, mit interessanten Themen ab, nur muss man sich dann wundern, wie falsch jemand selbst bei der Beurteilung der einfachsten und offensichtlichsten Sachverhalte liegen kann. 

So behauptete beispielsweise am 3.11. Nicolas Freund in dem Artikel »Sekundentod« über die Freiwillige Selbstkontrolle im Fernsehen, in der Fernsehserie »The Walking Dead« stünden »die existentialistischen Themen im Vordergrund«, hier würde den »philosophischen Fragen nach der Natur des Menschen« nachgegangen. Dies scheint uns einigermaßen kurios, denn »The Walking Dead« verhandelt (unter den künstlerischen Einschränkungen einer Comicverfilmung) ganz klar die Bedingungen des Staatswesens. Dabei wird vollkommen schlüssig aufgezeigt, dass die »Natur« des Menschen an äußere Voraussetzungen sowie Kooperations- bzw. Konfrontationsformen geknüpft ist, welche den möglichen Handlungsrahmen der Individuen beschränken oder erweitern. Das Thema sind Staat und Gesellschaft (das ist übrigens bei dem anderen großartigen Serienhit des US-amerikanischen Bezahlsenders HBO, »Game of Thrones«, nicht anders). In der Welt von »The Walking Dead« könnte niemand, der nur auf sich gestellt ist, länger als zwei Wochen existieren. 

Die Serie zeigt eben nicht, dass man ständig eine Wahl habe, es auch anders zu versuchen, sondern dass einem durch äußere Umstände Handlungsoptionen aufgezwungen werden, die man gar nicht durchführen möchte. Unter diesen ungünstigen Umständen haben sich die Serienhelden dem Projekt »Mensch bleiben« verpflichtet, was aber beileibe nicht automatisch funktioniert. 

Sie haben nur die Wahl zwischen einem hoffnungslosen und einem noch hoffnungsloseren Leben, aber sie versuchen unverdrossen, das Beste daraus zu machen. Nicht die »Menschen« oder die »Umstände« formieren hier die Gesellschaft, sondern die Menschen unter bestimmten Umständen: Um es ein wenig überspitzt zu formulieren, die Drehbuchschreiber haben sich weniger von Albert Camus oder Jean-Paul Sartre als von Aristoteles bzw. Karl Marx (»das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse«) inspirieren lassen. 

Die Serie ist eine Verfilmung einer Comicreihe von Robert Kirkwood und spielt in einer postapokalyptischen Welt: Der Sheriff Rick Grimes erwacht in einem Krankenhaus aus dem Koma und muss feststellen, dass in der Zwischenzeit Zombies (also wandelnde Untote, die am liebsten frisches Menschenfleisch konsumieren) das Regiment übernommen haben (bzw. nicht übernommen haben, da diese Spezies zu Reflexionen, die über den Bereich des Stammhirns hinausgehen, unfähig ist und sich dementsprechend auf das Naheliegende, nämlich das Fressen, konzentriert). 

 

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pol & pott. Stachelbeertorte  

Ina Bösecke 

In: junge Welt online vom 17.01.2015 

Wochenendbeilage 

 

Dieses »Schneewittchen« (USA 1937) von David D. Hand ist der erste abendfüllende Zeichentrickfilm aus dem Hause Disney. Man sagt, Walt Disney hat sich mit der Realisierung dieses Films einen Traum erfüllt. 

Zeichentrick diente bis dato nur im Vorprogramm eines Spielfilms als kurzweilige Unterhaltung. Ab »Schneewittchen« durften Zeichentrickfilme auch lang sein und als Hauptfilm im Kinoprogramm stehen. 

Disneys »Schneewittchen« ist mehr oder weniger das Märchen der Gebrüder Grimm, mit der bösen Königin, dem Jäger, dem Prinzen und den sieben Zwergen. Ein paar Dinge klingen hier aber anders. Zum Beispiel verkleidet sich die böse Königin nicht dreimal, um zu Schneewittchen zu gehen und sie um die Ecke zu bringen. Sie trinkt ein magisches Getränk, das sie in ein komplett anderes Wesen, eine wirklich gruselig aussehende alte Hexe, verwandelt. Sie begibt sich nur einmal auf den Weg ins Haus der sieben Zwerge, mit einem vergifteten Apfel. Natürlich gelingt ihr, was sie sich vorgenommen hat, und Schneewittchen fällt tot um. Aber daraufhin wird die böse Königin von den sieben Zwergen verfolgt und stürzt einen großen Abhang hinunter, was sie nicht überlebt. 

Es ist auffällig, dass bei Disneys wirklich herzallerliebstem Werk die sieben Zwerge viel mehr zur Geltung kommen als bei den Grimms. Zwar ziehen sie auch als singende Bergmannstruppe durch den Wald, aber zu Hause wirken sie doch recht individuell beziehungsweise jeder für sich sehr speziell. 

Desweiteren gibt es eine Unmenge putziger Tiere, die Schneewittchen zum Haus der sieben Zwerge führen und ihr dort, so oft es geht, Gesellschaft leisten. Neben Rehkitzen, Hasen, Igeln, einer Schildkröte sind es vor allem die Vögel, die Schneewittchen bei der Hauswirtschaft zur Hand gehen. Einmal bäckt Schneewittchen zusammen mit ihren gefiederten Freunden einen Stachelbeerkuchen. Sie legt den Teig auf die Stachelbeermasse, die Vöglein picken ein feines Muster hinein. 

Stachelbeertorte mit Baiserhaube: 300 g Mehl, 200 g eiskalte Butter, 100 g Zucker, ein Ei miteinander verkneten. Eine Stunde im Kühlschrank ruhen lassen. Teig einen halben Zentimeter dick ausrollen, einen Kreis von 24 Zentimetern Durchmesser ausstechen. 15 Minuten bei 200 Grad backen. Einen halben Liter Milch mit einer längs aufgeschlitzten Vanilleschote aufkochen. 

Eine Prise Salz, 100 g Zucker, fünf Eigelb, 60 g Mehl in einer Schüssel verquirlen. Die kochende Milch hinzugießen, alles gut verrühren. Eiermilch zurück in den Kochtopf schütten, auf mittlerer Hitze unter Rühren einmal aufwallen lassen, sofort vom Herd ziehen. Creme durch ein Sieb streichen. 

500 g Stachelbeeren (aus dem Glas) unterrühren. Abkühlen lassen. 

Stachelbeercreme auf den Mürbeteigboden häufen, zu einer Kuppel formen. Im Kühlschrank fest werden lassen. Vier Eiweiße mit einer Prise Salz und einem EL Zucker weiß schlagen. 190 g Zucker unter ständigem Schlagen hineinrieseln lassen, bis der Eischnee fest und seidig-glänzend geworden ist. Eischnee in einen Spritzbeutel mit großer Sterntülle füllen. In dekorativem Muster die Torte damit überziehen. Torte in den auf 250 Grad vorgeheizten Ofen stellen, Eischnee darin überbacken, bis er überall braune Spitzen zeigt. 

 

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Frieden statt NATO  

Auf nach München und Elmau: Die XX. Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin hat den Friedenskampf 2015 eröffnet  

Rüdiger Göbel 

In: junge Welt online vom 17.01.2015 

Wochenendbeilage 

 

Auch in diesem Jahr wieder Riesenandrang bei der Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin. Warteschlangen schon am Eingang des Urania-Hauses, immer wieder auch drinnen vor dem großen Humboldt-Saal, in dem die Vorträge gehalten werden. Zwischenzeitlich gibt es Murren, weil die Übertragung in die kleineren, ebenfalls proppevollen Räume hakt. Doch das sind Randaspekte eines mehr als gelungenen Neujahrsauftakts der Linken in Deutschland. 

Mehr als 2.300 Besucher hat am 10. Januar das Motto »Frieden statt NATO« angezogen. Es spreche »Verstand und Herzen« der Menschen an, konstatiert Willy Wimmer, der für die CDU 33 Jahre im Bundestag saß und von 1988 bis 1992 als Staatssekretär im Verteidigungsministerium war. Heute gehört er zu den engagiertesten Kritikern der NATO-Kriegspolitik und also mit aufs Podium der Rosa-Luxemburg-Konferenz. Der Rheinländer begeistert in der Diskussion die Zuhörer wie sonst nur der Linke-Politiker Oskar Lafontaine, der darauf beharrt, dass seine Partei am Antikriegskurs festhält - ansonsten wird sie überflüssig. 

Bei aller theoretischen Debatte, die Praxis darf nicht fehlen: Am 7. 

Februar stehen die Proteste gegen die sogenannte Sicherheitskonferenz in München an und Anfang Juni die Demonstrationen und Blockaden gegen den G-7-Gipfel im bayerischen Elmau. Walter Listl und Benjamin Ruß haben in einer »kleinen Expertenrunde« die Konferenzteilnehmer über den Stand der Vorbereitungen informiert und dazu aufgerufen, die Kriegsgegner im Freistaat zu unterstützen. 

Beeindruckend schließlich auch die Ausstellung der Künstlergruppe Tendenzen im »Café K« der DKP. Die Installation zu den Toten der Bundeswehr in Afghanistan muss unbedingt einem noch größeren Publikum zugänglich gemacht werden - bekanntlich sind zwei Drittel der Bevölkerung gegen Kriegseinsätze und damit für »Frieden statt NATO«. 

Nur einer hat gefehlt bei diesem Zusammentreffen von Linken unterschiedlichster Couleur: Unser vor einem Jahr verstorbener Kollege Werner Pirker. 

Die Referate und Dokumente der XX. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz veröffentlicht jW am Mittwoch, dem 28. Januar, in einer Beilage. Mitte März erscheint eine Broschüre mit allen Konferenzmaterialien. 

Videomitschnitte der Vorträge und Diskussionen: www.rosa-luxemburg-konferenz.de 

 

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