Vernichter der Moderne  

Philosophie. Konstruierte Unschuld, Nazismus, Antisemitismus und wie die postmoderne Linke dazu steht. Über Martin Heidegger aus Anlaß seines 125. Geburtstages  

Stefano G. Azzarà 

In: junge Welt online vom 26.09.2014 

 

Nicht wenige Interpreten Martin Heideggers haben immer wieder versucht, im Nachhinein dessen Unschuld zu konstruieren. Sie friedeten seine Schriften auf exklusiv philosophisches Terrain ein und taten seine Unterstützung des Faschismus als ein Mißverständnis, das nur wenige Monate währte, ab. 

Allerdings sorgte die Macht des Faktischen noch stets dafür, daß jede Debatte über den Philosophen aus dem oberschwäbischen Meßkirch am Ende auch und vor allen Dingen eine politische war. (Dies gilt nicht zuletzt deshalb, weil alles Politische in Wirklichkeit den originellsten Teil seiner Philosophie ausmacht.) Das war schon in den 1930er Jahren so und trifft auch heute noch zu, wie uns die berüchtigten »Schwarzen Hefte«, jene 33 philosophischen Notizbücher bestätigen, an denen Heidegger seit 1931 bis zum Beginn der 1970er Jahre gearbeitet hat. Diejenigen bis zum Jahr 1941 erschienen kürzlich im Verlag Vittorio Klostermann in Rahmen der Gesamtausgabe. 

Der Schock der »Schwarzen Hefte« 

Entstanden als persönliche Meditationen und folglich in der Sprache expliziter als etwa Vorlesungen oder unmittelbar für die Veröffentlichung vorgesehene Texte sind diese »Überlegungen« in der philosophischen Debatte als radikales Novum wahrgenommen worden und haben neuen Streit hervorgerufen. Der Vorabdruck der Notizhefte in den großen europäischen Tageszeitungen Anfang des Jahres hatte die Konsequenz, daß der Verteidigungswall der am meisten mit Heidegger sympathisierenden Intellektuellen zum Einsturz gebracht wurde. Auch jene Akademiker, die in ihrer Wiedergabe und Auslegung dessen »dichtendem Denken« bisher ganz ergeben waren, haben sich zurücknehmen müssen. Bis dahin immer bestrebt, das politisch Kompromittierende zu verschleiern, mußten sie nun die ganze Brutalität des präsentierten Vokabulars zur Kenntnis nehmen, wodurch viele ihrer bisherigen Gewißheiten in die Krise gerieten. 

Der Herausgeber der »Schwarzen Hefte«, Peter Trawny, sprach mit Bedauern von einem »seinsgeschichtlichen Antisemitismus«, während einer der wichtigsten französischen Heidegger-Übersetzer, Hadrien France-Lanord, bekannte, er sei »profondément affligé«, zutiefst betrübt, über diese unerhörte Entdeckung. Dem Schriftsteller Stéphane Zagdanski zufolge verliert hier »ein außergewöhnlicher Geist infolge eines zerstörerischen Zaubers seinen Glanz«, so daß »manche seiner Sätze die Gestalt eines bestürzenden Kretinismus und einer gemeinen Dummheit annehmen«. Die italienische Philosophin und stellvertretende Vorsitzende der Martin-Heidegger-Gesellschaft, Donatella Di Cesare, offenbarte: »Die Lektüre dieser Seiten hat mich erschüttert zurückgelassen«, so sehr, daß es »mein erster Impuls war, vom Posten der Vizepräsidentin zurückzutreten«. 

»Die antisemitischen Sätze in den `Schwarzen Heften´ sind widerlich und entsetzlich«, bekannte schließlich der Präsident der nämlichen Vereinigung, der namhafte Philosoph Günter Figal. »Ich hätte nie gedacht, derlei bei Heidegger zu finden.« Einzig der französische Kollege François Fédier spielte die Angelegenheit herunter und vertrat unerschrocken den Standpunkt, daß »diese Sätze aus ihrem Kontext gerissen abscheulich erscheinen mögen. Aber eingebettet in die Logik des Heideggerschen Denkens artikuliert sich darin keinerlei Antisemitismus«. 

Endlich scheint sich also die Position jener zu bestätigen, die, wie der französische Philosoph Emmanuel Faye schon vor einigen Jahren, die Auffassung vertreten, daß mit Heidegger »die wissentliche Einführung der Fundamente des Nazismus und des Hitlerismus in die Philosophie und deren Lehre« erfolgt sei. Oder anders gesagt, daß in philosophischer und eben nicht nur in biographischer Hinsicht eine feste Verbindung zwischen dem Denken Heideggers und dessen Erleben der Nazizeit bestehe. Es bleibt dies indes nur eine flüchtige Genugtuung. Mit der Fixierung auf diesen Punkt ist nämlich angezeigt, daß die laufende Debatte Gefahr läuft, an der Oberfläche zu verharren und sich dem Kern des Problems zu entziehen beziehungsweise die gesamte Tragweite des politischen Engagements Heideggers dadurch zu unterschätzen, daß man sich auf einen einzelnen Aspekt beschränkt. 

Entwurzelung alles Seienden 

Die empörten Reaktionen auf die »Schwarzen Hefte« verdanken sich dem Skandal, daß man bei dem Philosophen Antisemitismus entdeckt hat. In diesem Zusammenhang sollte man jedoch achtgeben, den Verteidigern Heideggers nicht allzu leichtfertig Gegenargumente zu liefern. 

Denn sofern unter Antisemitismus eine Abneigung gegen die Juden auf der Grundlage rassistischer Motive zu verstehen ist, trifft dieser Vorwurf nicht ganz. Sicherlich, Heidegger mochte die Juden nicht und stand zu deren Diskriminierung zur Verfügung. Gleichwohl sind seine Positionen zur Judenfrage sehr viel mehr denen Nietzsches ähnlich, die dieser in der ersten Phase seines Schaffens zum Ausdruck gebracht hatte (etwa in der »Geburt der Tragödie« sowie in einigen zeitgenössischen Beiträgen wie jenem über »Sokrates und die Tragödie«): Sie nehmen an keiner Stelle Bezug auf Kategorien wie »Rasse« oder »Natur«. Und auch wenn diese Positionen vor dem konkreten historischen Hintergrund schwer erträglich sind, sollte nicht der Fehler begangen werden, sie ganz einfach mit einem biologistischen Antisemitismus gleichzusetzen. Kurzum, Heidegger hat sich der Begeisterung für Schädelmessungen oder der Perversion einer staatlich betriebenen Eugenik nie angeschlossen. 

Genau wie der Liberalismus, der Amerikanismus oder der Sozialismus, mit denen es auf eine Stufe gestellt wird, hat das »Weltjudentum«, über das er in den »Schwarzen Heften« wiederholt Klage erhebt, bei Heidegger keine naturalistische sehr wohl aber eine kulturelle Dimension. Es ist für ihn vor allem ein Synonym für die Moderne beziehungsweise für den Humanismus. 

Ein Synonym mithin für die Prozesse der Demokratisierung und der Egalisierung - der Herausbildung der Gattung Mensch, hätte Lukács gesagt -, die sich jahrhundertelang unter dem Zeichen der modernen Technik abspielten, oder besser gesagt durch die technischen Revolutionen in der Produktivkraftentwicklung und durch den Erfolg eines modernen »Promethismus« in Gang gesetzt wurden (eine Sichtweise, aus der für Heidegger folgt, daß Kapitalismus und Sozialismus lediglich austauschbare Spielarten darstellen). 

So notiert Heidegger selbst in seiner esoterischen Sprache: »Die Frage nach der Rolle des Weltjudentums ist keine rassische, sondern die metaphysische Frage«. Und diese Frage schreibt den Juden jene »Menschentümlichkeit« zu, »die schlechthin ungebunden die Entwurzelung alles Seienden aus dem Sein als rweltgeschichtlichel Aufgabe übernehmen kann«. In dieser Perspektive ist »die zeitweilige Machtsteigerung des Judentums« nicht, wie für Hitler oder den NSDAP-Chefideologen Alfred Rosenberg, die Folge eines Komplotts, sondern gewissermaßen eine vom Schicksal diktierte metaphysische Mission: Sie »hat darin ihren Grund, daß die Metaphysik des Abendlandes, zumal in ihrer neuzeitlichen Entfaltung, die Ansatzstelle bot für das Sichbreitmachen einer sonst leeren Rationalität und Rechenfähigkeit, die sich auf solchem Wege eine Unterkunft im rGeistl verschaffte«. 

Dieser Prozeß kommt zu seinem Abschluß: »Was jetzt geschieht, ist das Ende der Geschichte des großen Anfanges des abendländischen Menschen, in welchem Anfang der Mensch zur Wächterschaft des Seyns berufen wurde, um alsbald diese Berufung umzuwandeln in den Anspruch der Vor-stellung des Seienden in seinem machenschaftlichen Unwesen.« Der Mensch in der Moderne richtet sich zum Herren über das Seiende auf, soll heißen, er ist bestrebt, seine eigene Geschichte aktiv zu gestalten und sich von der passiven Aufgabe einer »Wächterschaft des Seyns« zu befreien. »In diesem Kampf«, bei dem die metaphysischen Mächte auf dem Schlachtfeld der Moderne die Klingen kreuzen, »rsiegtl (...) die größere Bodenlosigkeit, die, an nichts gebunden, alles sich dienstbar macht«. Es siegt, anders gesagt, jenes »Judentum«, das sich mehr als jeder andere »Ismus« im Einklang mit dem Geist der modernen Technik befindet. Der Kampf gegen das Judentum, die Notwendigkeit seiner Vernichtung, übersetzt sich demnach für Heidegger in einen »kulturellen« Kampf zur Beendigung der Moderne mit ihren demokratischen, egalitären und auch bolschewistischen Konsequenzen; einen Kampf, bei dem man sich die Hände nicht schmutzig zu machen braucht durch die explizite Forderung nach physischer Auslöschung. 

Es dürfte folglich klar sein: Eine Kritik an Heidegger, die sich einzig auf dessen Antisemitismus konzentriert und ihn mit Hitler in Verbindung setzt - in der Annahme, es handele sich bei ihm um einen Rassenantisemitismus - macht es seinen Verteidigern einfach, wie bei Fédier zu sehen war. Der hat leichtes Spiel, wenn er an die Abwesenheit jeglicher biologistischer Bezüge in den Schriften erinnert und aufzeigt, daß Heidegger dem Judentum das zuschreibt, was in der Realität »ein Charakteristikum der heutigen Welt« sei. Für den Schwarzwälder Philosophen ist das nun eine Welt, die durch eine »Weltlosigkeit« gekennzeichnet ist, in der »das Judentum nur als« deren »erstes Opfer« und nicht als deren »Grund« erscheint. 

Neuer Menschentypus 

Der Vulgärantisemitismus ist nicht das Terrain, auf dem sich Heidegger und der Nazismus begegnen. Und in dieser Hinsicht bieten die vermuteten »esoterischen« (sprich: geheimen) Schriften, wie auch schon bei anderen großen Philosophen vor ihm, keinerlei ungeahnte Entdeckungen, sondern bekräftigen vielmehr, was die »exoterischen« (sprich: veröffentlichten) Schriften immer schon enthielten. In Wirklichkeit ergibt sich die Nähe Heideggers zu den Nazis aus anderen Gründen. Heidegger schlug sich deshalb auf die Seite der Nazis, weil er von ihnen nichts weniger als »die völlige Umwälzung des gesamten deutschen Daseins« erwartete. Anders gesagt: Heidegger rechnete mit einer totalen »Revolution«, einem vollständigen Umsturz, der, ausgehend von einer drastischen Reform der höheren Lehre und der Universität, den bisherigen Modus des Denkens, des Lebens und der Produktion in Deutschland und Europa überwinden sollte. 

Indem mit der Zentralität des Subjekts in der modernen Philosophie und des Menschen (der Gattung Mensch) in der Geschichte Schluß gemacht werden sollte, erschien es möglich, den »Mächten des Daseins« in der »geschichtlich-geistigen Welt« der Deutschen neuen Raum zu geben. Aus Heideggers esoterischer Sprache übersetzt, bedeutet dies: Es erschien möglich, eine neue historische Epoche einzuläuten, die der Moderne und darüber hinaus 2000 Jahren erst sokratischer, dann aufklärerischer Vernunft definitiv ein Ende setzen sollte. Einmal mehr, wie schon in seinen Auslassungen über Demokratie und Sozialismus, steht Heidegger hier auf den Schultern Nietzsches. 

Auch wenn er mit seinem Anspruch, innerhalb des Nazismus eine führende Rolle zu spielen - er versuchte, »den Führer zu führen« und eine eigene politisch-kulturelle Hegemonie zu errichten - schon bald scheiterte, kam es jedoch seitens Heideggers niemals zu einer konkreten Beschäftigung mit den Auseinandersetzungen innerhalb der Naziherrschaft über deren politische und militärische Ziele. Und auch nach 1934 fuhr er fort, den Hitlerismus metaphysisch zu verklären. In seiner Vorlesung des Sommersemesters 1935 über die »Einführung in die Metaphysik«, die von der Lektüre der beiden Schriften Ernst Jüngers »Der Arbeiter« und »Die totale Mobilmachung« inspiriert wurde, präzisiert er seinen Ansatz. Die philosophisch-politische Anforderung der Zeit liege nicht darin, in nostalgischer Weise auf die moderne Technik und auf die Prozesse der Modernisierung und der Vermassung der Gesellschaft, die auch Nazideutschland erfaßt hatten, zu reagieren - so wie es etwa der rückständigste Teil der »Konservativen Revolution« beabsichtigt hatte. Das Problem bestehe vielmehr darin, wie das Jünger und, noch vor diesem, Arthur Moeller van den Bruck ausgeführt hatten, einen Menschentypus zu finden und zu erziehen, der befähigt sei, diese Technik und diese äußerst gefahrbringenden Prozesse zu kontrollieren, ohne sich von ihnen beherrschen zu lassen. Deutschland sei exakt jenes »Land der Mitte«, das dank seiner allerfestesten Verwurzelung in der geschichtlichen Tradition in der Lage sei, diesen beispiellosen Ansatz gegenüber der Technik und der Industrie zu entwickeln. Es gelte sowohl der wehrlosen Nostalgie einer vorindustriellen Agrargemeinschaft (mit der sich weder Flugzeuge noch Panzer herstellen ließen) als auch der unterwürfigen technophilen Begeisterung (bei der die Maschinen schließlich über den Menschen und dessen individuellen Heroismus herrschen) zu entrinnen. 

»Aktiver Nihilismus« 

Ausgleich und Synthese von Technik und Tradition lautet die Maßgabe: Der Nazismus schien Heidegger befähigt, den Prototypen jenes Menschen zu schaffen, der am geeignetsten wäre, derlei Alchimie ins Werk zu setzen. 

Auch als die Hitlerfaschisten in den Augen des Denkers ihr Unvermögen in dieser Sache demonstrieren sollten und sich jener Moderne und jener Technik, die sie doch hätten beherrschen müssen, in Gänze unterwarfen, folgte aus dieser Enttäuschung für Heidegger zu keiner Zeit eine innere Dissidenz, wie das viele seiner Verteidiger zu zeigen beabsichtigt haben. 

Allenfalls übersetzte sich diese Enttäuschung in die Erwartung ihrer weiteren Radikalisierung. 

Erwies sich derselbe Nazismus nicht bereits als zu modern in seiner Massenpolitik? Und war vielleicht ausgerechnet dieser Nazismus nicht die höchste Verkörperung der Moderne? Folglich müsse er seine ureigene Mission zu Ende führen und die Erschöpfung eben dieser Moderne beschleunigen, und zwar in Sinne eines bereits von Nietzsche beschworenen »aktiven Nihilismus«: alles zu zerstören, was sich ihm in den Weg stellt, und in diesem Zerstörungswerk sich selbst zu zerstören. 

Bis zum äußersten besaß Heidegger eine Empathie für Nazideutschland und auch dessen katastrophalste politische Entscheidungen. Er tat dies so sehr, daß er 1943 - seine Söhne kämpften da an der Ostfront - in einem Beitrag über Hölderlin, der gemeinhin der Gattung der Ästhetik zugerechnet wird, eine Art metaphysische Transkription von Joseph Goebbels Rede über den totalen Krieg betrieb. Die Deutschen an der »Heimatfront« forderte er auf, dem Opfer der Wehrmachtssoldaten in Stalingrad gerecht zu werden und sich für den letzten Opfergang zur Verteidigung des Vaterlandes vor den bolschewistischen Horden bereitzuhalten. 

Extrem ambitioniert und extrem reaktionär waren also die Erwartungen, die Heidegger an den Nazismus stellte. Seine Philosophie steht ohne Zweifel im Einklang mit allen Dimensionen dieser Strömung: der Feindschaft gegenüber der Demokratie und den Prinzipien der Gleichheit, der Verneinung der gemeinsamen Wesenheit der menschlichen Gattung, der Theorie und der Praxis der kolonialen Vernichtung, kurzum: mit allem, was den Nazismus als ultimative und mächtigste konterrevolutionäre Welle gegen die Moderne ausmachte. Es ist deshalb nicht möglich, den Anteil des Politischen an seiner Philosophie hinauszudrängen. 

Dunkler Fleck der Postmoderne 

Es gibt allerdings einen Grund, warum diese Verdrängung in besonderer Weise unter den demokratischen, gar linken Wissenschaftlern verbreitet ist: Sie neigen oft dazu, lediglich den Antisemitismus des Philosophen zu sehen, während sich Wissenschaftler mit anderer politischer Ausrichtung, wie zum Beispiel Ernst Nolte, paradoxerweise der komplexen politischen Tragweite seines Denkens und folglich der Dimensionen seiner vollständigen Kompromittierung sehr viel mehr bewußt sind. Indem erstere lediglich den Antisemitismus Heideggers denunzieren, verteidigen sich diese Intellektuellen am Ende selbst, weil sie damit die fragwürdigen Ursprünge vieler, heute vorherrschender Positionen auf ihrem Gebiet verbergen. Der Exorzismus gegen den Antisemitismus eskamotiert das reaktionäre Wesen des Heideggerschen Denkens. Damit wird ein Blick in den Spiegel vermieden, der ihnen die ambivalenten Elemente ihres eigenen Denkens zeigen könnte. 

Gerade Heidegger ist, zusammen mit Nietzsche, auf einer Reihe von Feldern ein wahrer Schutzgott großer Teile der zeitgenössischen linken Intelligenz - sowohl in den philosophischen, den historischen wie auch den Sozialwissenschaften. Heidegger und Nietzsche bilden mit ihrer Zerstörung der Fundamente der Metaphysik die Primärquelle jener Kritik an der Moderne, die zum Stimulus der postmodernistischen Wende in den 1970er Jahren wurde. 

Diese Wende, die durch Gilles Deleuze, Michel Foucault und andere Autoren die gesamte Neue Linke beeinflußt hat, führte in der öffentlichen Diskussion zur totalen Delegitimierung der sich auf Hegel und Marx berufenden Denktraditionen und deren Ersatz durch den »Differentialismus« und die »Hermeneutik« (die Differenz anstelle der Gleichheit, die absolut gesetzte individuelle Freiheit anstelle einer kollektiven Freiheit, die spielerische und ästhetische Interpretation der Welt anstelle ihrer Veränderung ...). Noch heute bildet vor allem Heidegger darüber hinaus die wesentliche Inspirationsquelle für viele Modetheorien. Vor allen anderen ist da jene von Serge Latouche entwickelte Theorie der »décroissance heureuse« (soviel wie »fröhliche Wachstumsrücknahme«) zu nennen, die mit ihrer Denunziation des modernen »Hyperproduktivismus« Kapitalismus und Sozialismus in Ablehnung vereint, die Produktivkraftentwicklung delegitimiert und dabei eine totale Mystifikation der Funktionsweise der kapitalistischen Gesellschaft vornimmt. 

Noch heute besteht, wie der italienische Philosoph und Marxist Domenico Losurdo mehrere Male gezeigt hat, eine Aktualität des Denkens von Heidegger und auch von Nietzsche: Beide lehren uns, die aggressive, ja vernichtende Dimension zu begreifen, die die Aufklärung und die universalistischen Ideale annehmen können, wenn dieses an sich positive Erbe - das Vertrauen in die Vernunft, die humanitären und pazifistischen Werte, die Menschenrechte - verzerrt oder instrumentalisiert wird. Im Namen eines solcherart verstümmelten Erbes erweist man sich als unfähig, die Rechte anderer anzuerkennen und maßt sich an, jede Historizität einzuebnen und auch noch die letzten Gebiete der Erde zu kolonisieren und, nachdem diese dem Erdboden gleichgemacht worden sind, die »Demokratie« dorthin zu exportieren (man denke an die zahlreichen heuchlerischen, vom Westen geführten humanitären Kriege im Namen der »Menschenrechte«). 

Gewiß, es war nicht an Heidegger, die Grenzen dieses falschen und unvollendeten Universalismus, der heute ein Synonym für den globalen Imperialismus ist, in Richtung eines authentischen und reichhaltigen Universalismus zu überwinden. Und gewiß, bevor er auch nur über den Zusammenhang von Differenz und Gleichheit unter den Menschen nachdachte, zog er es vor, die Moderne zu verleugnen. Bevor er sich dem Projekt einer universellen Emanzipation der Menschheit verschrieb, verband er seinen Namen lieber mit dem bisher inhumansten politischen Experiment aller Zeiten. Gleichwohl ist das kein Grund dafür, dieselben Fehler zu wiederholen, ahnungslos seinen politisch fragwürdigsten Suggestionen zu erliegen und sich im gleichen Moment einzig und allein deshalb in trügerischer Sicherheit vor jedweder Befleckung zu wiegen, weil man ja schließlich Heideggers Antisemitismus verdammt hat, ohne jedoch die gesamte Tragweite seines politischen Denkens begriffen zu haben. 

Stefano G. Azzarà lehrt und forscht an der Università degli studi di Urbino über die Geschicht der politischen Philosophie. Er betreibt den Blog materialismostorico.it 

Übersetzung aus dem Italienischen von Daniel Bratanovic 

 

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