.

»Wir haben neu zu beginnen«

Gespräch mit Bruno Mahlow. Über seine Kindheit in der Sowjetunion, über Stalin, Wladimir Putin und Barack Obama, über Systemfehler und Erlebnisse mit Erich Honecker Robert Allertz

In: junge Welt vom 01.09.2012

Wochenendbeilage

Bruno Mahlow (75), als Sohn eines kommunistischen Emigranten in Moskau geboren, kam mit zehn Jahren nach Deutschland. Nach Abitur und Studium am Institut für Internationale Beziehungen in Moskau (IMO) trat er in den diplomatischen Dienst der DDR ein, war u. a. Erster Sekretär an der Botschaft der DDR in Peking. Danach arbeitete er in Berlin in der Abteilung Internationale Verbindungen des ZK der SED, zuletzt als deren Leiter. Der Vater von vier Töchtern gehört dem Ältestenrat der Linkspartei an.

Es ist bei einigen Kindern von Emigranten, die in die Sowjetunion gegangen waren, in Mode gekommen, sich als publizistische Vatermörder zu betätigen.

Des Beifalls im bürgerlichen Feuilleton können sie sich sicher sein ...

Ich gehöre ganz gewiß nicht zur Ruge-Liebmann-Fraktion. Meine Erinnerung an die Sowjetunion, an meinen Vater und dessen Exil - ich selbst wurde ja in Moskau geboren und lebte dann mit meinen Eltern in Astrachan und einige Jahre in Usbekistan - ist frei von jedem Abrechnungseifer.

Erzählen Sie mal etwas über Ihren Vater. Außer der Tatsache, daß er Ihren Vornamen trägt, kennt ihn gewiß kaum noch einer.

Er hieß Bruno wie ich, das stimmt. Und um Verwechslungen zu vermeiden, hieß ich in der Sowjetunion Bruno Brunowitsch Mahlow. Manche nennen mich heute noch so. Vater war im Spartakusbund und in der KPD, war Mitglied der Bezirksleitung Berlin-Brandenburg. Er saß für die Partei in Berlin-Kreuzberg im Bezirksparlament und war von 1924 bis 1933 Mitarbeiter in der Gewerkschaftsabteilung des ZK der KPD, ab 1930 gehörte er der Reichsleitung der RGO an, der Revolutionären Gewerkschaftsopposition, speziell der RGO Grafik, schließlich war er gelernter Buchdrucker und hatte bei Büxenstein gearbeitet. Er war ein ziemlich bekannter Gewerkschaftsfunktionär seinerzeit. 1933 wurde er von der Gestapo gesucht.

Er tauchte unter, versteckte sich einige Zeit auf jüdischen Friedhöfen in Berlin und ging mit Hilfe deutscher und tschechischer Genossen über die grüne Grenze nach Prag.

Hatte er Familie?

Ja, natürlich. Meine Mutter - sie schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch - und meine Schwester Hedwig, 1925 geboren, folgten ihm nach. Mutter wurde von den Nazis festgenommen, sie ließen sie aber laufen, da sie Gelbsucht hatte. So reisten beide mit Hilfe von Genossen aus.

Mit der Flucht Ihres Vaters begann das Drama.

So kann man es sagen. Er stürzte im Grenzgebiet schwer und verletzte sich am Rückgrat, so daß er in Prag ins Krankenhaus mußte. Selbst im Hospital stöberten ihn die Gestapo-Agenten auf, weshalb deutsche Freunde und der tschechische Genosse Kopta ihn von dort entführten und sein Exil in der Sowjetunion vorbereiteten. Man konnte dort als Emigrant nicht einfach einreisen, dazu bedurfte es eines Beschlusses und eines Papiers. Seins unterschrieb Fritz Heckert, der der Vertreter der KPD im Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale war und den die Nazis ausgebürgert hatten. In Moskau wurde Vater als verantwortlicher Sekretär der Internationalen Kommission der Arbeiter der Polygraphischen Industrie bei der Profintern (Rote Gewerkschaftsinternationale, RGI) und in der Gewerkschaftsabteilung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale tätig.

Und dann geriet er 1937 vermutlich in die »Tschistka«, die Parteisäuberung.

Das weiß ich nur aus Erzählungen anderer und aus späteren Veröffentlichungen. Demnach sei Vater 1937 verhaftet worden, war dann infolge seiner Rückgrat-Verletzung gelähmt und kam daher nicht ins Lager.

Seither war er ans Bett gefesselt. Ich kannte meinen Vater bis Anfang der 50er Jahre nur im Bett liegend.

Ihr Vater wurde aufgrund dieser Lähmung invalidisiert. Hatte sich damit auch sein politisches Engagement erledigt?

Keineswegs. Ich sehe ihn noch heute, wie er im Liegen Texte für Flugblätter und andere antifaschistische Beiträge diktierte. Und nun komme ich zu jenem Punkt, der möglicherweise die Ausgangsfrage provozierte. Dieser Mann, mein Vater, war nun wahrlich vom Leben gezeichnet, er hatte allen Grund zu klagen und mit seinem Schicksal zu hadern - er blieb ja bis ans Ende seiner Tage 1964 ans Krankenlager und an den Rollstuhl gefesselt. Wie alle anderen Deutschen mußte er selbst als Behinderter nach dem Überfall Nazideutschlands Moskau verlassen. Über viele Stationen landeten wir schließlich in Usbekistan, in Taschkent, wo ich 1944 eingeschult und »Oktoberkind« (eine Vorfeldorganisation der Leninpioniere für Sieben- bis Neunjährige) wurde. Die Umstände waren selbst für Gesunde sehr, sehr hart.

Aber Vater stand das durch. Er blieb seiner Überzeugung treu, zeigte nie Schwäche und blieb notorischer Optimist. Vor allem bewahrte er sich seinen grenzenlosen Humor. Seine Heiterkeit erhellte uns die Finsternis, wie es bei Inge von Wangenheim in ihrem Buch »Auf weitem Feld« über meinen Vater heißt. In dieser Hinsicht wurde er mir zum Vorbild. Es gab später wiederholt Phasen in meinem Leben, wo ich weiche Knie bekam und die Neigung verspürte zu verzweifeln. An Vaters Stärke richtete ich mich auf, und das hilft mir auch heute.

Gut, das meint die moralische Stärke, den Überlebenswillen, der zunächst nichts mit der politischen Überzeugung zu tun hat.

Das würde ich nicht trennen. Haltung und Moral wurzeln in politischen Überzeugungen, in einem bestimmten Glauben.

Der aber wiederholt erschüttert wurde, wenn man Kommunist war.

Ja und nein. Natürlich hat uns der XX. Parteitag der KPdSU tief getroffen, auch dieser Vertrag mit Hitler-Deutschland, der gewiß Zeitgewinn, aber in seinem geheimen Zusatzteil auch Bruch des Völkerrechts bedeutete. Eine von Vaters Schlußfolgerungen lautete: Junge, verheirate dich in der Partei nie mit einer Person, sondern diene der Sache! Man sollte, so hieß seine Botschaft, immer abstrahieren, nie Ideale und Sehnsüchte an eine konkrete Person binden. Kein Parteiführer habe das Zeug zum Messias, es seien Menschen aus Fleisch und Blut, mit charakterlichen Stärken und Schwächen.

Das galt auch für Stalin?

Natürlich. Walter Ruge meinte in seinem Buch »Treibeis am Jenissei«, das eigentliche Verbrechen Stalins habe darin bestanden, die große Vision der Befreiung der Arbeit gelyncht zu haben. Alle anderen Ärgernisse, die man heute unter »Stalinismus« subsumiert - ich benutze diesen Totschlagbegriff des Antikommunismus und Antisowjetismus nicht -, sind der Zeit und nicht den sozialistischen Ideen und Prinzipien geschuldet. Im übrigen findet sich dazu einiges in meinem Buch.

Sehen Sie, das ist doch heute mit Putin nicht anders, ohne daß ich nun Putin mit Stalin vergleiche oder gar gleichsetzte. Ich zitiere in meinem Buch Boris M., einen russischen Freund und ehemals leitenden Diplomaten. Er sagt nicht, daß Putin als Präsident gut oder schlecht sei, aber es gäbe derzeit keinen anderen führenden Politiker mit höherer Autorität in Moskau als ihn, meint Boris. Putin habe die Einheit Rußlands bewahrt und den Traum der CIA bislang erfolgreich abgewehrt, das Land in »Fürstentümer« zu zerlegen, mit denen der Westen leichtes Spiel hätte. Das erklärt, weshalb sie im Westen Putin heute auf dem Zettel haben, nachdem er anfänglich dort als »lupenreiner Demokrat« hofiert worden war. Moskau wird attackiert wie Peking. Als Großmächte sind Rußland und China Störfaktoren in der imperialistischen Globalpolitik. Sie stören ihre Kreise, und sei es mit ihrem Veto in der UNO.

Stalin?

Er hat das Land, hat die Sowjetvölker im Kampf gegen die imperialistischen Okkupanten geeint. Und das bleibt. Und genau deshalb macht man ihn zur Unperson und fordert eine Entstalinisierung der Geschichte Rußlands, heute noch stärker als damals, nach 1956.

Ihre Familie kehrte 1947 nach Berlin zurück, in ein für Sie fremdes Land.

Kannten Sie überhaupt Deutsche?

Die Sowjetunion war zu jener Zeit meine Heimat. Ich wuchs zwar zweisprachig auf, war aber in der Schule und auf dem Hof »Fritz«. Das war inbesondere während des Kriegs oft nicht leicht, es gab mitunter Tränen und Schläge.

Das wiederholte sich später an der Berliner Penne, dort jedoch war ich der »Iwan«. Aber immerhin durfte ich bei den Kinderspielen in Usbekistan auf der Partisanenseite »kämpfen«.

Ja, die Eingewöhnung in Deutschland fiel mir schwer, aber ich hatte das Glück, in der Sowjetunion deutsche Freunde kennengelernt zu haben. Wilhelm Pieck zum Beispiel, der uns auch gleich nach unser Ankunft in der Wallstraße besuchte. Ich besitze Briefe aus der Korrespondenz meines Vaters mit Pieck und mit anderen Genossen. Ich entsinne mich auch eines, nun ja, Meinungsstreits in Moskau. Pieck sagte, Bruno müsse keinen Parteibeitrag zahlen, er sei Invalide und habe nur wenig Geld. Ob er deshalb auch kein vollwertiges Parteimitglied mehr sei, fragte Vater empört, was Pieck natürlich nicht in Abrede stellte. Also werde er auch seinen vollen Betrag entrichten, entschied mein Vater.

Und wir waren in Taschkent mit Karl Polak zusammen, der als Jude unmittelbar nach Verleihung des Doktortitels in die Sowjetunion emigriert war. Er ist einer der Väter des Verfassungsentwurfes, den 1946 die SED deutschlandweit zur Diskussion stellte und aus dem 1949 die erste DDR-Verfassung wurde. Polak wurde in jenem Jahr in Leipzig Professor für Staats- und Völkerrecht. Nach Bildung des Staatsrates gehörte er dem Gremium bis zu seinem Tode 1963 an.

Oder ich entsinne mich an Gabriele Haenisch, die später in der DDR heiratete, dann Stammberger hieß und als Lektorin im Dietz Verlag arbeitete. Sie war mit ihrem Mann Walter 1932 nach Moskau gekommen und arbeitete am Marx-Engels-Institut. Haenisch wurde 1938 als »Spion« verhaftet und erschossen, 1941 mußte Gabriele mit ihren beiden Kindern und ihrem Lebensgefährten wie wir nach Usbekistan. Dort starben erst ihre Söhne und 1945 auch ihr Partner. Sie arbeitete als Lehrerin bis 1954 in Usbekistan. Befreundet waren wir auch mit Gustav und Inge von Wangenheim.

Schwere Schicksale, vergessene Lebensgeschichten. Und Ihre eigene Biographie ist ja nicht minder bewegt und interessant. Zu Ihrem 75.

Geburtstag erschien im Juli ein Sammelband von Ihnen: »Wir stehen in der Geschichte und damit in der Verantwortung. Texte 2004 bis 2012«. In der Verlagsankündigung heißt es, das sei Ihr erstes Buch. Warum gibt es noch keine Memoiren von Ihnen?

Ich glaube, ich tauge nicht für Memoiren, die würden zu trocken geraten.

Ich bleibe in der Zeit, in der ich lebe, und vermittle gesammelte Erfahrungen. Ich schreibe fortgesetzt Beiträge, halte Vorträge, manchmal auch Reden, erarbeite Analysen. Da kann ich manches zum Verständnis des heutigen Geschehens aus der erlebten Geschichte einfließen lassen. Ich hätte aber nichts dagegen, wenn mir jemand beim Aufschreiben meiner Erinnerungen behilflich wäre.

Sie waren, zum Beispiel, Dolmetscher bei deutsch-sowjetischen Gipfeltreffen und auch bei den Krimtreffen von Honecker und Breshnew dabei.

Und jedes Mal danach krank.

War's so schlimm? Man kennt ja einiges aus den Protokollen.

Die Protokolle sind von mir und inzwischen bereits ohne mein Zutun veröffentlicht worden. Das Problem war doch: Breshnew erschien zu den Unter-vier-Augen-Gesprächen mit Mannschaft, oft mit Gromyko, Tschernenko und anderen Beratern. Ich saß auf der anderen Seite des Tisches mit Honecker allein. Darum war ich nicht nur, wie man in Rußland sagt, die »verlängerte Zunge« Honeckers. Ich mußte zuhören, eventuell etwas erklären, übersetzen und protokollieren (ohne Steno zu können), höchste Konzentration also. Wenn wir wieder in Berlin waren und die Anspannung abfiel, kam das Fieber. Das lag vor allem daran, daß man sein Gehirn, Wissen und Gewissen und auch Gefühle nicht ausschalten konnte und wegen des Fehlens der notwendigen Offenheit und des Vertrauens zwischen den beiden Seiten enttäuscht sein mußte.

Es heißt, daß es eigentlich kein Gedankenaustausch in lockerer Atmosphäre war, kein Dialog, sondern zwei Monologe.

Das stimmt. Honecker erschien immer mit viel Papier und trug in Zahlen und Prozenten vor, wie sich alles bei uns erfolgreich entwickelte, und Breshnew tat in groben Zügen desgleichen. Dann erzählte er, daß die Ernte wieder schlecht gewesen sei und wieviel sie die Rüstung koste.

Wiederholt stand auf der Agenda die deutsche und die chinesische Frage.

Moskau war stets der Meinung, daß sich die DDR sowohl in der einen wie in der anderen Frage ungehörig bewege und Honecker sich Dinge anmaße, die nur Moskau zustünden.

Diese Haltung teilten auch Breshnews Nachfolger, insbesondere Gorbatschow.

Also nach meinem Eindruck, der später auch von russischen Original- und Tagebuchtexten bestätigt wurde, begann dieses Mißtrauen gegenüber Honecker bereits 1973/74. Das Argument, mit dem Ulbricht durch Breshnew und auf Initiative Honeckers abgelöst worden war - daß nämlich der erste Mann der Partei sich als Lehrmeister aufführe und in einigen Fragen, so auch in der Deutschlandpolitik, sich von Moskaus Linie entferne - wurde nun plötzlich auf Honecker übertragen. Moskau wollte weder in bezug auf Bonn noch auf Peking Eigenmächtigkeiten zulassen. Erich spürte das, und er wußte offensichtlich auch von den heimlichen Kanälen zwischen Moskau und Bonn.

Zu diesem wachsenden Grundmißtrauen kam noch Breshnews, ja, man kann sagen: Verfall. In der Blüte seines Lebens war er ein interessanter, intelligenter Mann, selbst deutsche Frauen waren begeistert von ihm. Ich erinnere mich etwa einer Eloge der Schauspielerin Irma Münch. Doch Ende 1974 hatte Breshnew offensichtlich einen Schlaganfall. Die Tabletten, die er danach einnehmen mußte, waren mit auffälligen Nebenwirkungen verbunden. Einmal, das muß 1976 während der Berliner Konferenz der kommunistischen und Arbeiterparteien gewesen sein, stand ich mit ihm im Hotel Stadt Berlin und wir schauten auf die Stadt. Da war er zeitweise kaum mehr ansprechbar, war geistig völlig abwesend.

Aber physisch blieb er bis 1982, bis er starb, im Amt.

Ja, aber die maßgeblichen politischen Entscheidungen trafen ab Mitte der 70er Jahre bereits Verteidigungsminister Ustinow, Außenminister Gromyko und KGB-Chef Andropow, der anschließend Generalsekretär war, bis er im Februar 1984 verstarb.

War's nicht doch ein Systemfehler, wenn das Schicksal der Sowjetunion und damit der sozialistischen Welt offenkundig mit der Gesundheit des ersten Mannes der Führungsmacht existentiell verknüpft war?

War's ein Systemfehler, als Barack Obama, kaum US-Präsident, den Friedensnobelpreis bekam?

Na ja, das sind doch zwei verschiedene Paar Schuhe.

Finde ich nicht. Offensichtlich sind Parteien, Staaten und Wertegemeinschaften auf einzelne Führungspersönlichkeiten fixiert, von denen sie sich unschwer trennen, selbst wenn erkennbar wird, daß sie die Erwartungen nicht oder nicht mehr erfüllen.

Es gibt den prophetischen Satz von Lenin: »Nichts kann unserer Revolution so schaden wie wir selbst.« Als wir solche Sätze damals lasen, ahnten wir nicht, wie recht er damit hatte. Ahnten Sie, was sich da entwickelte?

Nein, ich gehöre nicht zu jenen, die hinterher schon immer alles besser gewußt und beizeiten erkannt haben wollen, wohin die Reise geht. Hinterher ist leicht klugscheißen. Wenn man, wie ich, in der Sowjetunion geboren, hinten in Mittelasien aufgewachsen ist und später seinen Lebensmittelpunkt nach Mitteleuropa verlegte, dann hat man ein anderes Gespür für geopolitische Dimensionen, als wenn man zeitlebens nicht aus seiner sächsischen Kleinstadt herauskam. Wenn man ein Sechstel der Erde praktisch und tatsächlich dem Imperialismus und seinen Verwertungs- und Ausbeutungsmechanismen entrissen hat, alle Rückeroberungsversuche erfolgreich abgewehrt hat - die Interventionskriege nach dem Ersten Weltkrieg, den imperialistischen Vernichtungskrieg 1941 bis 1944, den Kalten Krieg in den 40er, 50er Jahren ... dann stellt sich das trügerische Gefühl ein: Wir sind unbesiegbar! Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der Imperialismus an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde geht. Er bietet keine Programme zur Lösung der Menschheitsfragen, die Zukunft ist rot!

Man fliegt von Moskau nach Wladiwostok über viele Zeitzonen, über gigantische Wälder in den Weiten Sibiriens mit all den Reichtümern und Rohstoffen, die man zum vernünftigen, sinnvollen Produzieren braucht. Da denkst du gleichermaßen beruhigt wie selbstgefällig: Das reicht als Basis für die Schaffung einer gerechten, ausbeutungsfreien Welt, wo der Mensch Mensch sein kann und nicht zum Getriebenen oder zum Wolf wird. Und schließlich meinten sowjetische Gesprächspartner stets beruhigend: Wsjo budjet, Bruno, hab Geduld, das wird schon. Eine gewisse Blauäugigkeit, von der auch ich nicht frei war, kann ich nicht leugnen.

Naivität allein wird es nicht nur gewesen sein. Aber ich interpretiere es auch so: Man war sich sicher, daß der Sozialismus schon seinen Weg machen werde, egal, wer an der Spitze der Partei steht.

Na ja, das scheint mir sehr vereinfacht. Ich will mich weder zum subjektiven Faktor in der Geschichte noch zum Untergang der Sowjetunion im einzelnen äußern, allenfalls zu unserem Ende. Die DDR war ein Kind dieser Sowjetunion und ist damit auch zwangsläufig mit ihr untergegangen, auch mit unseren hausgemachten Problemen. Die Macht gründete nicht auf festen Überzeugungen und Haltungen von Millionen Menschen. Ist es nicht beschämend zu sehen, was vom angeblich »sozialistischen Bewußtsein der Massen« geblieben ist?

Wir haben wieder von vorn zu beginnen, nicht in allem, es gibt Lehren und Erfahrungen unserer Geschichte, die man nutzen kann. Revolutionäre haben bekanntlich zwei Prüfungen zu bestehen: einmal die Prüfung durch Verfolgung und Folter im Kampf um die Macht, zum anderen die Prüfung durch die Macht, wenn man diese erobert hat. Die zweite haben wir nachweislich nicht bestanden. Wir haben neu zu beginnen.

Bruno Mahlow: Wir stehen in der Geschichte und in der Verantwortung. Texte 2004 bis 2012. verlag am park in der edition ost, Berlin 2012, 331 Seiten, 19,95 Euro

_____________________________________________