Von Besen und Wilderern

Vorabdruck Gregor Gysi und Hans Modrow haben sich zum Gespräch zusammenführen lassen. Sie diskutierten unter anderem über den Übergang von SED zu PDS

In: junge Welt online vom 16.01.2013

Gregor Gysi, Vorsitzender der Bundestagsfraktion der Linkspartei, feiert am heutigen Mittwoch seinen 65., Hans Modrow, der dem Ältestenrat der Partei vorsteht, am 27. Januar seinen 85. Geburtstag. Frank Schumann, Leiter des Verlages edition ost, sprach am 13. Dezember 2012 mit den beiden in Gysis Bundestagsbüro. Es ist der Tag, an dem der Abgeordnete Wolfgang Neskovic seinen Rückzug aus der Linksfraktion verkündet. jW druckt, um wenige Passagen und die Fußnoten gekürzt, das zweite Kapitel des Gesprächs, das in diesen Tagen unter dem Titel »Ostdeutsch oder angepaßt« erscheint.

Wann seid ihr euch zum ersten Mal begegnet?

Gysi: Am 3. Dezember 1989. Ich wurde nach der Kreisdelegiertenkonferenz ins ZK geschickt und fürchtete, wegen meiner Rede dort Maß genommen zu werden.

Dort traf ich Hans, der seit zwei, drei Wochen Ministerpräsident war.

Modrow: Das war der Tag, als zunächst eine außerordentliche Tagung des Zentralkomitees eine Reihe Spitzenfunktionäre - darunter Honecker, Stoph, Sindermann, Mielke und Tisch - aus der SED ausschloß, anschließend traten Politbüro und Zentralkomitee zurück. Es wurde ein Arbeitsausschuß zur Vorbereitung des Parteitages gebildet, und dieser berief eine Untersuchungskommission zur Überprüfung von Machtmißbrauch und Korruption.

Mit deren Leitung wurde Gregor Gysi beauftragt. Deshalb hatte man dich gerufen.

Warum ausgerechnet er? Mit Verlaub: Er war ein bis dato weitgehend unbekannter Rechtsanwalt.

Gysi: Keine Ahnung. Ich hatte Anfang November meinen ersten Fernsehauftritt, als es eine Diskussion über den verkorksten Entwurf eines Reisegesetzes gab. Sonst kannten mich allenfalls Kollegen und Mandanten.

Modrow: Ich kannte Gregor bis dahin nicht. Er war Anwalt in Berlin, ich saß in Dresden. Wer ihn jedoch in diese Stellung brachte, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht war es Markus Wolf.

Gysi: Möglicherweise. Er spielte in jener Zeit eine nicht unwesentliche Rolle.

Modrow: Er war als Mielkes Stellvertreter 1986 aus dem MfS ausgeschieden und angeblich nur noch als Schriftsteller unterwegs. Mischa genoß bei Freund wie Feind hohes Ansehen, auch bei »den Freunden«. Am 4. November, bei seinem Auftritt auf dem Alexanderplatz, hatte er Mut und Charakter bewiesen. Dort sah ich ihn zum ersten Male.

Gysi hat ebenfalls auf dieser Kundgebung gesprochen.

Modrow: Wirklich? Ich habe ihn dort nicht bewußt wahrgenommen.

[Die Sekretärin steckt den Kopf durch die Tür, es gibt einen Blickwechsel, Gysi erhebt sich eilig. Tut mir leid, meine Herrn, sagt er, das ist alles wegen dem Neskovic, ich bin gleich wieder da. Modrow sagt sarkastisch, so erführe man als Politiker, daß man wichtig sei, auch wenn nichts zu entscheiden ist. Das wäre einer der Unterschiede zwischen Politikern in der DDR und in der BRD gewesen. Er habe als 1. Sekretär der Bezirksleitung entscheiden müssen, jeden Tag, auf unterschiedlichen Gebieten, und dafür dann auch die Verantwortung übernehmen müssen. Wenn man etwa als Parlamentarier heute etwas entscheide, bleibe das persönlich folgenlos.

Eigentlich trüge niemand Verantwortung. (...) Gregor Gysi fliegt durch die Tür. »Entschuldigt, zurück zum Dezember 1989. Was wolltest du gerade fragen?« erkundigt er sich und nimmt wieder neben Hans Modrow Platz. Doch er hat den Faden bereits wieder aufgenommen.]

Gysi: Das war an jenem 3. Dezember. Das hat nun nichts mit Hans zu tun, aber ich will das trotzdem erzählen. Da bin ich mit Edwin Schwertner, dem Leiter des Büros des Politbüros, durch die endlosen Gänge mit den vielen Türen gegangen, und wir haben überlegt, was zu tun ist. Als erstes haben wir als Untersuchungskommission die Türen der Politbüromitglieder versiegeln lassen.

Modrow: Was man dir hinterher zum Vorwurf machte.

Gysi: Ja. Dann haben wir die Türen der Finanzabteilung versiegeln lassen.

Aber das war ein Denkfehler. Ich wußte ja nicht, daß die geheimen und die Westfinanzen über die Verkehrsabteilung laufen. Falls es Edwin Schwertner gewußt haben sollte, hat er es mir jedenfalls nicht gesagt. Aber vielleicht hat auch er es nicht gewußt. Ich dachte damals, daß die Verkehrsabteilung für die Reichsbahn und den Straßenverkehr verantwortlich war.

Die Namen der Mitglieder dieser Untersuchungskommission sind nie publik geworden. Wir haben unlängst in den Memoiren eines VP-Offiziers, Gerhard Lauter sein Name, eine von dir unterschriebene Mitgliedskarte veröffentlicht. Er gehörte diesem Gremium an. Darauf reagierte mindestens ein weiteres Kommissionsmitglied sehr kritisch. Es habe eine Verabredung aller gegeben, keine Namen zu nennen. Gab es ein solches Schweigegelübde?

Gysi: Ach, da verläßt mich meine Erinnerung. Ich entsinne mich lediglich, daß sich am nächsten Tag eine kleine Gruppe aus dem ZK-Apparat bei mir meldete, die heimlich Material gesammelt hatte und es mir übergab. Das war für mich eine große Hilfe. Und dann ...

[Die Sekretärin steckt den Kopf durch die Tür. »Entschuldigung, Maurer ist am Telefon. Dringend.« Gysi geht in sein Zimmer hinüber.]

Modrow: Wir müssen folgende Sache in diesem Zusammenhang bedenken. Die ist meines Wissens nie richtig aufgearbeitet worden. Es gab diese von der Partei eingesetzte Untersuchungskommission mit Gregor, die eigentlich nie richtig wirksam geworden ist. Und eine zweite Parteikommission mit Werner Eberlein, die die Parteiausschluß- und -rehabilitationsverfahren durchführte. Unabhängig davon bildete die Volkskammer einen Ausschuß zur Untersuchung von Amtsmißbrauch und Korruption unter Leitung von Exrichter Heinrich Toeplitz, weil die meisten Politbüromitglieder auch Volkskammerabgordnete waren. Die Mehrheit von ihnen wurde auch von diesem Volkskammerausschuß vernommen. Das heißt, es wurden sowohl aus dem parlamentarischen Bereich als auch aus der SED selbst Ermittlungen gegen Parteifunktionäre geführt. Da entwickelten sich Prozesse, die parallel liefen. Toeplitz war CDU-Mitglied, der wollte genau wissen, was für Privilegien die SED-Funktionäre genossen. Das heißt, es ging weniger um juristische, sondern mehr um politische Probleme. Das einzige juristische Verfahren, das sich daraus ergab, richtete sich gegen Gerhard Müller, den 1. Sekretär der Bezirksleitung Erfurt, wegen einer Jagdhütte, also persönliche Bereicherung. Die rechtlichen Fragen tauchten erst im Zusammenhang mit der Grenzsicherung auf, also mit den sogenannten Schüssen an der Grenze.

[Gysi kehrt ins Zimmer zurück. Will Maurer nun auch austreten? Nein, nein, iwo, sagt Gysi leicht genervt und setzt sich.]

Modrow: Wir waren bei der Feststellung, daß aus der Tätigkeit der von dir geleiteten Kommission keine juristischen Konsequenzen erwachsen sind.

Gysi: Ja. Ich wollte nur noch ergänzen, daß ich unmittelbar nach meiner Berufung als Kommissionsvorsitzender Post von Parteimitgliedern bekam, die ihre Mitarbeit anboten. Darauf konnte ich aber nicht eingehen, weil ich sie nicht kannte. Ich bat Barbara Erdmann, eine Rechtsanwältin, mich zu unterstützen, und noch weitere Personen, aber an deren Namen kann ich mich nicht mehr erinnern. Auf alle Fälle haben wir in dieser einen Woche bis zum Sonderparteitag eine ganze Menge Arbeit geleistet.

Dort wurdest du gleich am ersten Tag zum Vorsitzenden der SED gewählt.

Statt Blumen gab es einen großen Besen, zum Foto schrieb damals die Nachrichtenagentur ADN, Dr. Gregor Gysi wurde symbolisch zum »großen Saubermacher gekürt«. Den Besen sah ich einige Jahre in deinem Arbeits- bzw. Vorzimmer im Karl-Liebknecht-Haus stehen, eines Tages war er verschwunden. Wo ist der eigentlich abgeblieben?

Gysi: Keine Ahnung. Seine Aufgabe hatte sich ja wohl auch erledigt.

Modrow: Vielleicht sollte man auch noch erwähnen, daß am Vortag des Parteitages, also am 7. Dezember, erstmals der Zentrale Runde Tisch zusammentrat. Das geschah unter dem Dach der Kirche, im Bonhoeffer-Haus in der Ziegelstraße. Im Auftrag des Arbeitsausschusses der SED haben du und Berghofer daran teilgenommen. Dort wurde gleich am ersten Tag der Termin für die Wahl einer neuen Volkskammer vorgeschlagen: 6. Mai 1990.

Gysi: Klar, auch wegen der Symbolik. Am 6. Mai 1989 hatte es ja die umstrittenen Kommunalwahlen gegeben.

Modrow: Der Parteitag in der Berliner Dynamo-Halle mit, glaube ich, mehr als 2700 Delegierten wählte ja nicht nur den Vorsitzenden, sondern auch einen 99köpfigen Vorstand.

Gysi: Vor allem aber, und das war doch das Entscheidende, vollzog er einen radikalen Bruch mit dem Stalinismus und bekannte sich zu den Prinzipien eines demokratischen Sozialismus.

Worüber bis heute gestritten wird, was unter dem »radikalen Bruch mit dem Stalinismus« zu verstehen ist. Der Interpretationsspielraum für »Stalinismus« wird mitunter sehr weit gefaßt, insbesondere dann, wenn diese Titulierung als Totschlagargument - von außen wie auch innerparteilich - benutzt wird.

Gysi: Ich denke, daß damals Michael Schumann in seinem Referat sich dazu sehr präzise geäußert hat.

Mich interessiert zunächst, warum ausgerechnet du Parteivorsitzender geworden bist. Du warst doch kein Politprofi, hattest, pardon, von dieser Maschinerie keine Ahnung. Die SED zählte damals, Ende 1989, vermutlich noch immer rund zwei Millionen Mitglieder, im landesweiten Parteiapparat waren über 44000 Menschen hauptberuflich tätig, allein im ZK fast zweitausend.

Gysi: Wir hatten zuvor im Arbeitsausschuß diskutiert, wer den Parteivorsitzenden machen sollte. Erst wurde Herbert Kroker vorgeschlagen, der lehnte ab. Danach wurde Wolfgang Berghofer vorgeschlagen, der lehnte auch ab, schlug aber mich vor. Ich zögerte ebenfalls. Daraufhin hat Berghofer ein Gespräch mit mir geführt und mich bearbeitet. Schließlich willigte ich ein - allerdings mit der Maßgabe, daß ich es nur machte, wenn er mein Stellvertreter würde. Darauf sagte er Ja ... Ich hatte allerdings keine Frist mit ihm vereinbart.

Berghofer verließ gemeinsam mit dreißig Spitzenfunktionären bereits nach sechs Wochen die SED-PDS, wie sie sich seit dem 16. Dezember nannte. Er selbst begründete mir gegenüber diesen Schritt in einem Interview, das am 19. April 1990 die Junge Welt veröffentlichte, so: »Ich war der festen Überzeugung, man kann die SED von Grund auf ändern, indem man sich von den Hauptschuldigen trennt, indem man mit der Aufarbeitung des Systems beginnt - das hat der Dezemberparteitag ja versucht, indem man sich klar zu Schuld und Verantwortung bekennt - auch das geschah auf diesem Parteitag -, und indem man dieser Partei eine völlig neue demokratische Basis gibt. Das hielt ich für machbar. Ich habe gehofft, eine Partei mit sozialdemokratischer Programmatik entwickeln zu können - und der Name Partei des Demokratischen Sozialismus gab ja auch Anlaß für diese Hoffnung.

In Berlin lernte ich das Gefühl kennen, vom Mitverantwortlichen zum Mitschuldigen zu werden. Der alte Parteiapparat war ja noch intakt und arbeitete auf allen Etagen. Bei jedem rannte man gegen Gummi. Dazu kamen scharfe Auseinandersetzungen in Dresden ... Ich plädierte für die Auflösung der Partei, um damit den Weg freizumachen für einen tatsächlichen demokratischen Neubeginn zur Überwindung der tiefen Krise in unserem Land.

Das passierte aber nicht. Deshalb sagte ich: Jetzt ist Schluß, ich trete aus.« Berghofer war seit 1986 Oberbürgermeister von Dresden, es hieß, er sei mit dem dortigen 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung befreundet. Beide, Berghofer und Modrow, galten als Hoffnungsträger der Reformer, sie hatten in Dresden am 8. Oktober den ersten Runden Tisch in der DDR initiiert, der dann zum Vorbild fürs ganze Land wurde. - Was war da passiert?

Modrow: Da hatte sich der gute Wolfgang seine Wahrheit ein wenig zurechtgebogen. So oft kann er das von ihm beschriebene »Gefühl« in Berlin kaum erfahren haben. Denn im Unterschied zu mir, der ich bei meiner Berufung zum Ministerpräsidenten sofort nach Berlin gezogen war - ich bezog im Gästehaus des Ministerrates Johannishof Quartier - blieb Berghofer in Dresden. Und konferierte, was er im Interview verschwieg, mit Hamburger Sozialdemokraten wie Henning Voscherau und anderen. Ihm ging es nicht um eine reformierte SED, sondern um die Überführung zumindest großer Teile der Partei in die SPD. Als ich mit Kohl am 19. Dezember in Dresden sprach, mehr noch auf der Kundgebung mit dem Kanzler vor der Ruine der Frauenkirche, war doch klar, wohin die Reise gehen würde: ab nach Deutschland. Insofern stellte sich die Frage nach einer zweiten »Partei mit sozialdemokratischer Programmatik« nicht - es gab bereits eine SPD. Die Genossen in Hamburg und gewiß auch die meisten in der Bonner Baracke (Erich-Ollenhauer-Haus, ehemalige Zentrale der SPD, Anm. d. Red.) waren mit einer solchen mit Berghofer denkbaren Übernahme eines Teils der SED-Mitglieder sehr einverstanden. Egon Bahr sagte einmal: Wir wollen unser Blut zurück.

Damit spielte er auf die KPD-Gründung 1918 an, in deren Tradition sich die SED sah, obgleich sie selbst aus einer Vereinigung von KPD und SPD hervorgegangen war. Wir sind wieder bei Marx, unter seinem Banner, hatte damals Rosa Luxemburg bei der Konstituierung der KPD erklärt. Aus Sicht der Sozialdemokratie war dies jedoch eine Abspaltung von der Mutterpartei, die sie revidieren wollte, indem nun die »Abtrünnigen« in den Schoß der Partei zurückkehrten. Allerdings hatte die westdeutsche SPD die Rechnung ohne die ostdeutsche SDP gemacht: Die wollten mit den Genossen, die aus der SED kamen, nichts zu tun haben.

Modrow: Das war ein schwerer strategischer Fehler. Denn wären sie damals nicht der Absage von Ibrahim Böhme, Markus Meckel & Co. gefolgt - ich bin mir nicht sicher, ob das unsere Partei überlebt hätte.

Gysi: Ich glaube eher, daß die Ablehnung auf der Fehleinschätzung der westdeutschen SPD fußte, ihre Ost-Genossen würden aus den Volkskammerwahlen als stärkste Kraft hervorgehen. Da wollte man sich nicht mit der SED belasten.

Sozialdemokraten aus dem Westen haben seinerzeit in der SED zu wildern versucht, ohne daß dies öffentlich wurde. Ich erinnere mich eines Treffens mit dem Sohn eines Mannes vom 20. Juli am Savigny-Platz. Jahre zuvor hatten wir uns in der DDR-Akademie der Künste kennengelernt, dann war er mit Forschungsauftrag nach Nepal gegangen. Plötzlich war er wieder da und lud mich zum Essen ein. Dabei offenbarte er mir den Grund seiner vorzeitigen Rückkehr und den für diese Zusammenkunft. Er habe den Auftrag, beim Aufbau der SPD in Ostberlin mitzuwirken. Unumwunden lud er mich ein, in seine Partei einzutreten - wissend, wer ich war. Das störte ihn nicht, im Gegenteil. Wir haben uns später noch ein-, zweimal in Potsdam getroffen, da bereitete er sich gerade auf seine nächste Aufgabe vor: Er sollte in der Landeshauptstadt Polizeipräsident werden, was er dann bis zu seiner Pensionierung auch war.

Gysi: Natürlich gab es Abwerbungsversuche.

Modrow: Die aber mehrheitlich erfolglos blieben. Und zwar nicht, weil sich die Angesprochenen verweigerten, sondern - ich erinnere nur an Manfred Uschner, einst Mitarbeiter im Zentralkomitee -, weil die SPD-Gliederungen sie rigoros ablehnten. (...)

Gab es in jener Situation zwischen euch beiden überhaupt eine Kommunikation?

Gysi: Ja, natürlich. Hans übernachtete in der Johannisstraße, keine hundert Meter vom Bonhoeffer-Haus entfernt, an dem heute eine Gedenktafel an den Runden Tisch erinnert. Wir trafen uns im Johannishof. Er hat mich beraten und mir Hinweise gegeben. Ich entsinne mich, daß wir vor einem Treffen mit den SED-Ministern dieses gemeinsam vorbereitet haben, an dem er aber aus prinzipiellen Erwägungen nicht teilnehmen wollte. Er war zwar Premierminister, aber vertrat nicht die Partei. Ich müsse mich auf Kritik von den SED-Ministern vorbereiten, die dann prompt auch kam - schließlich war ich ja nun deren Parteichef. Und die erwarteten Rückendeckung und Unterstützung für ihre Arbeit. Hans und ich besprachen im Johannishof auch, daß wir besser die Wahl vom 6. Mai auf den 18. März vorziehen sollten, weil der öffentliche Druck ständig zunahm. Angriffspunkt war die in Abrede gestellte demokratische Legitimierung des Parlaments und damit der von ihm bestellten Regierungsgremien ...

Modrow: Ich glaube, wir müssen hier einiges auseinanderhalten. Es gab die Vorbereitung des Sonderparteitages mit den beiden Sitzungen am 8./9. und 16./17. Dezember. In dieser Phase ging es um die Klärung der Frage, wohin sich die Partei entwickeln soll und welche Schritte als nächste unternommen werden müssen. Darüber haben wir im Arbeitsausschuß diskutiert. Nicht nur wir beide, Gregor, sondern wir alle, einschließlich der fünfzehn neugewählten 1. Sekretäre der SED-Bezirksleitungen. Auch wenn Kroker später nicht Parteivorsitzender werden wollte, so war er doch Vorsitzender des Auschusses und damit eine wichtige Person in der Vorbereitung des Parteitages. Bei ihm lag auch die Initiative zur Bildung von acht Arbeitsgruppen, die das Referat formulierten - mit Lothar Bisky, Heinz Vietze, Michael Schumann, Dieter Klein und anderen. In dieser Diskussion wurde klar, daß das Verhältnis Partei und Regierung neu bestimmt werden muß. Am 1. Dezember hatte schließlich die Volkskammer beschlossen, den Führungsanspruch der SED aus Artikel 1 der Verfassung zu streichen. Daraus erwuchs die Überlegung, daß ich eingangs - gleichsam zur Einführung in den Parteitag - vor den Delegierten als Ministerpräsident über Regierungsarbeit referierte. Was ich auch tat. An der ersten Sitzung des Parteitages nahmen auch einige ehemalige Politbüromitglieder teil. Hager, Keßler, Krenz, Lorenz, Lange und andere hatten eine Erklärung eingereicht, die aber auf Beschluß der Delegierten nicht als Dokument des Parteitages behandelt wurde. Das war noch rasch zu entscheiden gewesen. Wesentlich komplizierter und kontroverser gestaltete sich die nachfolgende Debatte, ob die Partei sich auflösen oder weiter fortbestehen solle, und falls sie bliebe, wann und wie die neue Führung gewählt werden sollte. Erst dann kommst du ins Spiel, Gregor. Alle Beteiligten waren sich jedoch einig, so hatten wir es auch im Arbeitsausschuß besprochen, daß die neue Führung gleich auf der ersten Zusammenkunft gewählt werden müsse, um den Delegierten und der Mitgliedschaft, auch der Bevölkerung, das Signal zu geben: Hier gibt es eine demokratisch legitimierte Führung mit einem klaren Handlungsauftrag, kein mehr oder minder willkürlich zusammengesetzter Ausschuß, der nur die Fäden aufgenommen und das Vakuum gefüllt hatte, das der Rücktritt des Zentralkomitees geschaffen hatte.

Gysi: Die Zuspitzung erfolgte, als jemand aus dem Auditorium den Antrag stellte, die SED aufzulösen.

Modrow: Ich glaube, der Antrag ist noch nicht einmal schriftlich gestellt worden. Das passierte nur mündlich, aus einer Wortmeldung heraus. Das war kurz vor Mitternacht. Wir haben daraufhin erst einmal eine Pause gemacht, in der wir beschlossen haben, daß ich danach als Erster rede, und zwar gegen diesen Antrag.

Gysi: Wir haben den Parteitag zur geschlossenen Sitzung erklärt und die Medienvertreter nach Hause geschickt. Und dann sprach Hans. Man kann sagen, daß er mit seiner Rede die Auflösung der Partei verhindert hat.

Aber auch du selbst hast doch vehement gegen die Auflösung gestritten, nicht zuletzt wegen des Vermögens.

Gysi: Nicht nur deshalb, aber auch deswegen. Das Parteivermögen wäre doch plötzlich herrenloses Gut gewesen. Es gab in der DDR zu jener Zeit überhaupt keine rechtlichen Voraussetzungen, um etwa eine Stiftung zu gründen, in die man das gesamte Parteivermögen für den Übergang hätte geben und dann geordnet übergeben können. Jeder hätte sich Eigentum - Konten, Immobilien, Bargeld, technische Ausrüstungen etc. - unter den Nagel reißen können, dieser Auflösungsprozeß wäre nicht zu steuern und damit zu beherrschen gewesen. Es war damals meine Überzeugung und ist es noch immer: Wir hätten verantwortungslos gehandelt, hätten wir die Partei aufgegeben.

Das Ministerium für Staatssicherheit/Amt für Nationale Sicherheit befand sich bereits in Auflösung. Nun auch noch den Parteiapparat zu liquidieren und Mitarbeiter ohne Perspektive und materielle Absicherung auf die Straße zu werfen, das war moralisch und auch politisch nicht zu rechtfertigen. Die DDR kannte keine Arbeitsämter, die hatte sie bis dahin auch nicht nötig.

Also mußte dieser gewaltige Personalabbau, die Klärung von Renten und anderen rechtlichen Ansprüchen von der Partei selbst vorgenommen werden.

Schon darum konnten wir sie nicht auflösen.

War zu keinem späteren Zeitpunkt die Auflösung der seit dem 5. Februar 1990 nur noch als PDS firmierenden Partei denkbar gewesen?

Gysi: Frühestens im Sommer 1990. Da aber waren Mitglieder bzw. die Partei durch Volkskammer- und Landtagswahlen bestätigt und sahen keine Notwendigkeit einer Auflösung mehr. Die PDS hatte sich als politisch eigenständige Kraft links von der SPD in der DDR etabliert. Ja, auch ich war als Parteivorsitzender strikt gegen eine Auflösung der SED, aber ich bleibe dabei: Hans Modrows Rede nach Mitternacht hat bewirkt, daß die Mehrheit der Delegierten des Sonderparteitags gegen den Antrag zur Auflösung der Partei stimmte.

Man kann also sagen: Ohne Modrow gäbe es die Linkspartei nicht?

Gysi: Kann man so sehen.

Das erklärt, weshalb er so an ihr leidet?

Gysi: Hans, du leidest an uns?

[Modrow schweigt.]

Gregor Gysi, Hans Modrow: Ostdeutsch oder angepaßt - Gysi und Modrow im Streitgespräch. edition ost, Berlin 2013, 158 Seiten, 9,99 Euro

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Aus Leserbriefen an die Redaktion

Nicht nur symbolisch

Zu jW vom 16. Januar: »Von Besen und Wilderern«

Respekt und Dank für das Interview mit Gregor Gysi und Hans Modrow.

Schumann entlockte beiden Erinnerungen, die in die Geschichtsschreibung eingehen werden. Ich nenne zwei Stellen. Die »Besen-Aktion« hatte damals nicht nur symbolische Funktion. Damit wurde die »Säuberung« der SED von »Altlasten« (Sektierern, Dogmatikern, Unbelehrbaren usw.) eingeleitet. Als die Einheit der Partei am nötigsten war, wurde sie gespalten und zersetzt.

Besser als die »Reformer« konnte das der Gegner auch nicht tun. Solche Zersetzungspläne waren seit den sechziger Jahren in der Zeitschrift Osteuropa zu lesen. Warum und wie ist der Originalbesen abhanden gekommen? Würde er nicht als Reliquie in das deutsche Nationalmuseum gehören?

Die zweite Stelle: Statt die Lage zu analysieren und den Gegner im Blick zu halten, um ihm erfolgreich begegnen zu können, wurde Ende 1989 unter dem inhaltslosen Schlagwort »Stalinismus« eine innere Front gegen Honecker, Krenz, Kessler usw. eröffnet, die in vorauseilendem Gehorsam von der DDR-Justiz verfolgt wurden. Nicht mehr der Imperialismus, sondern eigene Genossen waren der Feind. Die Rechtsbrüche gegenüber Bürgern der DDR (Hermann Axen als Beispiel) nahmen Ende 1989 in der DDR ihren Anfang. Daß Hans Modrow darunter leidet, ehrt ihn.

Horst Schneider, Dresden

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