Manifest des Gewissens  

Geschichte. Vor 70 Jahren wurde bei Moskau das Nationalkomitee »Freies Deutschland« gegründet. Aus kriegsgefangenen Wehrmachtsangehörigen entwickelte sich eine schlagkräftige antifaschistische Widerstandsbewegung  

Peter Rau 

In: junge Welt online vom 12.07.2013 

 

An der Bewertung des 12./13. Juli 1943 durch die offizielle Bundesrepublik hat sich bis heute nichts Wesentliches geändert. So bietet der anstehende 70. Jahrestag der Gründung des Nationalkomitees »Freies Deutschland« einmal mehr Gelegenheit, kräftig gegen den Strich der einseitigen bürgerlichen Geschichtsschreibung zu bürsten. Denn in Sachen Ausgrenzung aus dem antifaschistischen Widerstand gilt nach wie vor das schon vor zehn Jahren bekräftigte Verdikt aus dem Bundesministerium der Verteidigung. Danach würden NKFD und »Bund Deutscher Offiziere« (BDO) erstens dem aus dem Grundgesetz der BRD abgeleiteten Traditionsverständnis der Bundeswehr zuwiderlaufen, zweitens sei wirklicher Widerstand aus der Kriegsgefangenschaft heraus nicht möglich gewesen, und drittens stehe dessen »starke kommunistische Prägung« einer umfangreichen Würdigung im Wege. 

Damit folgt man - abgesehen von der einst üblichen antisemitischen Attitüde - der Sichtweise der faschistischen Wehrmachtsführung. Aber das ficht die heutigen Apologeten mitnichten an. Immerhin hatte der hochdekorierte Panzerkommandeur und Generaloberst Heinz Guderian 1944 als Generalstabschef des Heeres die Angehörigen des Nationalkomitees als feige Überläufer und Verräter sowie »willenlose Werkzeuge in der Hand Stalins« diffamiert. Schon die Sondernummer der vom Oberkommando der Wehrmacht herausgegebenen »Mitteilungen für das Offizierskorps zum Moskauer Komitee rFreies Deutschlandl« vom Oktober 1943 hatte die Richtung vorgegeben: »Diese ganze Sippe steht im Solde Moskaus, sie stellt nichts anderes dar als einen Bestandteil der deutschen Sektion der formell raufgelöstenl Komintern. Kein deutscher Soldat wird auf sie hineinfallen.« Verunglimpft wird etwa die Forderung des Nationalkomitees nach Beseitigung aller »auf Völker- und Rassenhaß beruhenden Gesetze«: »Damit würde also der Jude in Deutschland wieder freie Hand bekommen.« Bezogen auf die Gründung des im September 1943 entstandenen Offiziersbundes heißt es weiter, »daß es ganz und gar unwahrscheinlich ist, daß sich deutsche Offiziere und Soldaten, die sich so heldenhaft geschlagen haben, aus freien Stücken zu einem derartigen Schritt entschlossen haben« und »hochverdiente deutsche Offiziere, die z.T. aus berühmten alten Soldatengeschlechtern stammen, nach einer Dienstzeit von 25 bis 30 Jahren ihre Überzeugung innerhalb eines halben Jahres wie einen Handschuh wechseln. (...) Was aber wissen wir darüber? Wissen wir, ob alle diese Männer überhaupt noch leben? Ob ihre Namen und Unterschriften nicht einfach gefälscht sind? (...) Aus allen diesen Gründen muß man auch die rDeutsche Offiziers-Unionl als einen plumpen bolschewistischen Schwindel bezeichnen, bei dem Juden, Emigranten und die Agitatoren Moskaus Pate gestanden haben.« 

Die in den folgenden Wochen und Monaten von den beiden genannten Organisationen präsentierten Fakten und Aktionen sprachen jedoch eine andere Sprache als dieses im Stil der Goebbels-Propaganda abgefaßte Pamphlet. 

Zur Vorgeschichte des NKFD 

In der Tat handelte es sich bei der Gründung des Nationalkomitees wie des zwei Monate später entstandenen »Bundes Deutscher Offiziere« (BDO), der sich umgehend dem NKFD angeschlossen hatte, um eine neue Qualität in der deutschen Widerstandsbewegung gegen Hitler und Konsorten. Denn erstmals wurde damit der 1935 von der Kommunistischen Internationale, kurz Komintern, auf ihrem VII. Weltkongreß beschlossene Kurs der Volks- und Einheitsfront aller antifaschistischen Kräfte in einem größeren Rahmen in die Praxis umgesetzt. Doch anders als nach dem Krieg jahrzehntelang von der SED propagiert, war die Initiative dazu keineswegs allein von der KPD ausgegangen. Zwar hatte sich bereits Ende 1941 in Mexiko eine maßgeblich von kommunistischen Emigranten inspirierte überparteiliche Bewegung Freies Deutschland konstituiert. Doch in der Sowjetunion wurde eine solche Gründung erst im Verlauf des Jahres 1942 spruchreif. Auch wenn es da schon - im Spätherbst 1941 etwa mit dem Appell von 158 Kriegsgefangenen »An das deutsche Volk« im Durchgangslager 58 in Temnikow in der Mordwinischen ASSR - eine erste gewichtige Wortmeldung zur raschen Beendigung des Krieges gegeben hatte. 

Vom Manneswort ... 

Unterstützt von Beauftragten der Komintern und Emigranten vor allem aus den Reihen der KPD, kam es auch in anderen Lagern zu entsprechenden Willensbekundungen, so im Mai 1942 im Lager Jelabuga an der Kama, einem Nebenfluß der Wolga. Dort machte der Reservehauptmann Dr. Ernst Hadermann, bereits am 18. Juli 1941 schwerverwundet in Gefangenschaft geraten, mit einer Rede auf sich aufmerksam, die wenig später in einer Auflage von 500000 Exemplaren gedruckt wurde. Die mit einem Vorwort des kommunistischen Schriftstellers Erich Weinert versehene Broschüre »Wie der Krieg zu beenden ist. Manneswort eines deutschen Hauptmanns« wurde über den deutschen Linien abgeworfen und in den Gefangenenlagern verteilt. Der damals 46jährige Studienrat aus Kassel hatte mit seinen darin geäußerten Gedanken um Vaterlandsverrat und den einst auf Hitler geleisteten Treueeid vielen Mitgefangenen Denkanstöße vermittelt. Aber deren überwiegende Mehrheit setzte weiterhin - verblendet von faschistischem Gedankengut und großdeutschem Größenwahn - in treuer »Führer«-Gefolgschaft auf den versprochenen Blitzkrieg nebst Endsieg. 

Allerdings war die Zahl der in sowjetische Kriegsgefangenschaft geratenen Wehrmachtsangehörigen erst mit der vernichtenden Niederlage in der Schlacht um Stalingrad Ende Januar, Anfang Februar 1943 nennenswert angewachsen. 

Waren 1941 lediglich 32500 Gefangene registriert worden, so stieg ihre Zahl im Verlauf des folgenden Jahres um 140000 an. Bis zum Februar 1943 kamen 170000 weitere Soldaten und Offiziere hinzu, darunter vor allem die im Umfeld der Metropole an der Wolga eingekesselten und zur bedingungslosen Kapitulation gezwungenen Überlebenden der von Generalfeldmarschall Friedrich Paulus nach Stalingrad geführten 6.Armee. Deren Zahl lag verschiedenen Quellen zufolge zwischen 91000 und 123000 Mann. 

Insbesondere ihre Erfahrungen machten die überlebenden »Stalingrader« empfänglich für das Werben Moskaus. Immerhin hatten sie sowohl den aufopferungsvollen Kampf der Rotarmisten erlebt als auch das Scheitern der großspurig versprochenenen Versuche zum Ausbruch aus dem Kessel. Und sie mußten die bornierte Ablehnung der fairen sowjetischen Kapitulationsangebote hinnehmen wie ihren von Berlin in Kauf genommenen und entsprechend gefeierten »Heldentod«. Andererseits hatte Stalin in seiner Funktion als Volkskommissar für Verteidigung schon im Februar 1942 den faschistischen Weltanschauungskriegern ins Stammbuch geschrieben: »Die Rote Armee nimmt deutsche Soldaten und Offiziere, wenn sie sich ergeben, gefangen und schont ihr Leben. Die Rote Armee vernichtet deutsche Soldaten und Offiziere, wenn sie es ablehnen, die Waffen zu strecken, und wenn sie mit der Waffe in der Hand unsere Heimat zu unterjochen suchen.« An anderer Stelle seiner Rede zum 24. Jahrestag der sowjetischen Streitkräfte hob er prophetisch hervor: »Es ist sehr wahrscheinlich, daß der Krieg für die Befreiung des Sowjetbodens zur Vertreibung oder Vernichtung der Hitlerclique führen wird. Wir würden einen solchen Ausgang begrüßen. Es wäre aber lächerlich, die Hitlerclique mit dem deutschen Volk, mit dem deutschen Staat gleichzusetzen. Die Erfahrungen der Geschichte besagen, daß die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleibt.« 

Getreu dieser Maximen handelte die sowjetische Parteispitze in den folgenden Monaten. Unter der Federführung von Dmitri Manuilski, damals noch Sekretär im Exekutivkomitee der Komintern und Verantwortlicher der KPdSU für die politische Aufklärungsarbeit unter den Kriegsgefangenen, nahm die Idee rasch Gestalt an, Vertreter der deutschen Emigration mit (inzwischen) antifaschistisch gesinnten ehemaligen Wehrmachtsangehörigen zusammenzubringen, um ein entsprechendes überparteiliches Gremium zu schaffen. Es sollte - anders als die in der Roten Armee bestehenden Abteilungen zur Zersetzung des Gegners - die Frontpropaganda gezielter auf die schnellstmögliche Beendigung des Krieges orientieren und die antifaschistische Aufklärungsarbeit in den Lagern koordinieren und intensivieren. 

Inzwischen hatten neben der im Frühjahr 1942 in Oranki bei Gorki eingerichteten ersten zentralen Antifaschule, die Anfang 1943 nach Krasnogorsk verlegt worden war, weitere vergleichbare Einrichtungen ihre Arbeit aufgenommen. In denen konnten sich ehemalige Wehrmachtsangehörige auf freiwilliger Basis in mehrmonatigen Lehrgängen das für die bevorstehenden Kämpfe erforderliche Rüstzeug aneignen. Als Lehrer an diesen Schulen waren gleichermaßen sowjetische Spezialisten wie deutsche Emigranten tätig. Im Mai und Juni 1943 erörterten Vertreter des ZK der KPD in Moskau die Grundfragen der Bildung eines nationalen Komitees »Freies Deutschland«. Ende Juni wurde ein »Vorbereitender Ausschuß für die Bildung eines deutschen Nationalkomitees« geschaffen. Unter dem Vorsitz von Erich Weinert, der nach seinem Einsatz in Spanien in der Sowjetunion Aufnahme gefunden hatte, gehörten dazu neben Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht noch der Schriftsteller Johannes R. Becher und der frühere KJVD-Funktionär Hans Mahle sowie vier Kriegsgefangene: Hauptmann Ernst Hadermann, Leutnant Bernt von Kügelgen, Feldwebel Herbert Stresow und Gefreiter Jakob Eschborn. Sie sollten den Ablauf der Gründungskonferenz und die Zusammensetzung des künftigen Komitees beraten und den Entwurf eines Manifests erörtern, der der Konferenz zur Beschlußfassung vorgelegt werden sollte. Stalin selbst, der sich wiederholt vom Fortgang der Arbeiten berichten ließ, hatte schließlich die Order erteilt, wonach es höchste Zeit sei, »daß die Deutschen eine antifaschistische Front auf breitester Grundlage bilden«. 

... zum Manifest 

Mit dem Entwurf dieses Manifestes hatte Dmitri Manuilski indes die für die Politische Hauptverwaltung der Roten Armee (Glawpurka) tätigen KPD-Funktionäre Rudolf Herrnstadt und Alfred Kurella beauftragt. Anfang Juni 1943 informierte er die beiden sowie Oberst Josef Braginski, den stellvertretenden Chef der für die Frontpropaganda zuständigen 7. Abteilung der Glawpurka, darüber, daß er soeben vom Kreml die Genehmigung zur Gründung eines deutschen Nationalkomitees erhalten habe. Wie sich Herrnstadt später erinnerte, erklärte Manuilski dabei: »Seit Stalingrad befinden sich Massen von Deutschen in der Sowjetunion. Das gibt die Möglichkeit, aus deutschen Kreisen heraus eine organisierte Massenbewegung gegen Hitler erwachsen zu lassen. Wot wam, nemezkije towarischtschi, jetzt zeigen Sie, was Sie können! Wenn wir gut arbeiten, treffen wir mit einem Schuß fünfmal ins Schwarze. 1. Hitler wird durch seine Truppen gestürzt. 2. 

Der Roten Armee werden Ströme von Blut erspart. 3. Deutschland kommt zu einer echten, fortschrittlichen Repräsentation. 4. Die deutsche Arbeiterklasse spielt wieder die ihr gebührende Rolle und 5. allen Beneschs wird das Handwerk gelegt.« Gemeint waren damit Pläne zur Zerstückelung Deutschlands, wie sie von westlichen Alliierten und auch dem tschechoslowakischen Exilpolitiker Edvard Benes verfochten wurden. 

»Das ist ja bereits ein ganzes Aktionsprogramm«, konstatierte Braginski. 

»Eben«, erwiderte Manuilski und äußerte nun den Wunsch, dessentwegen er die drei zu sich gerufen hatte. »Schreiben Sie mir gleich das Manifest. Denn mit einem Manifest muß sich das Nationalkomitee natürlich vorstellen.« Nach den ersten, allerdings noch ziemlich mißlungenen Versuchen - zu sehr Flugblatt, zu sehr Agitation - war Herrnstadts Entwurf dran. Manuilski: »Wot! Das ist der Ton, um den es geht! Hier spricht die kommende Regierung! Boshe moj, was rede ich. Ob aus dem Nationalkomitee jemals eine Regierung wird, darüber werden die Deutschen selber entscheiden. Durch das, was sie tun nämlich. Aber auftreten muß das Nationalkomitee mit der Sprache der Macht. Was Sie da haben, Genosse Gerrnstadt, ist zwar (noch) nicht die Sprache der Macht, sondern ein mächtiges Gestammel. Aber man sieht: Sie stammeln in die richtige Richtung.« 

Herrnstadt weiter: »Der zweite Entwurf, den wir zwei Tage später vorlegten, war bereits die Grundlage für die spätere Endfassung des Manifests. Er enthielt die mit Manuilski vereinbarten Losungen: Für die Truppe - Rückführung an die Reichsgrenzen und Freigabe aller eroberten Gebiete; für die spätere deutsche Regierung: restlose Beseitigung aller auf Völker- und Rassenhaß beruhenden Gesetze, Freiheit des Wortes, der Presse, der Organisation, des Gewissens und der Religion, Sicherung des Rechts auf Arbeit und des rechtmäßig erworbenen Eigentums, Beschlagnahme des Vermögens der Kriegsschuldigen und der Kriegsgewinnler usw.« 

Die so entstandene Fassung des Manifests wurde Stalin vorgelegt und von diesem ohne Korrektur bestätigt. Nach einer stilistischen Überarbeitung unter anderem durch Anton Ackermann von der KPD-Führung wurde dieser Entwurf dem »Vorbereitenden Ausschuß« übergeben. Dort wurden noch einige Veränderungen vorgenommen, die laut Herrnstadt »geeignet waren, das Manifest in den Augen des Offizierskorps der Wehrmacht glaubhafter zu machen. Die wesentlichste dieser Änderungen war die Umstilisierung des ganzen Absatzes über die Lage an den Fronten.« Diese habe von den Offizieren viel sachgerechter beurteilt werden können. 

Während sich der Ruf an die Wehrmacht zur sofortigen Einstellung der Kampfhandlungen im Entwurf nur an die einfachen Soldaten gerichtet hatte, wurden nun auch die Offiziere einbezogen: »Deutsche Soldaten und Offiziere an allen Fronten! Ihr habt die Waffen! Bleibt unter den Waffen! Bahnt Euch mutig unter verantwortungsbewußten Führern, die eins sind mit Euch im Kampf gegen Hitler, den Weg zur Heimat, zum Frieden!« 

Die Konferenz von Krasnogorsk 

Am 12. Juli 1943 versammelten sich die rund 300 Teilnehmer der Gründungskonferenz des Nationalkomitees »Freies Deutschland« in einem Gewerkschaftshaus des nordwestlich von Moskau gelegenen kleinen Städtchens Krasnogorsk. Die mehr als 250 Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere der Wehrmacht waren zuvor in den Gefangenenlagern und Antifaschulen mehr oder weniger demokratisch als Delegierte gewählt worden. Inwieweit sich auch die Vertreter der vieltausendköpfigen politischen Emigration - ehemalige Reichs- bzw. Landtagsabgeordnete der KPD, weitere Parteifunktionäre wie frühere Spanienkämpfer, Intellektuelle wie Schriftsteller - einer Wahl stellen mußten, ist nicht klar. In das Präsidium der Tagung - sie stand unter der Losung »Für ein freies unabhängiges Deutschland!« - wurden neben dem früheren Reichstagsabgeordneten und derzeitigen KPD-Vorsitzenden Wilhelm Pieck sowie dem Schriftsteller Erich Weinert sechs Vertreter der Kriegsgefangenen gewählt: die Majore Karl Hetz und Herbert Stößlein, Hauptmann Ernst Hadermann, der Unteroffizier Matthäus Klein, Gefreiter Hans Zippel und Soldat Max Emendörfer. 

In der von Erich Weinert eröffneten Aussprache ergriffen an den beiden Konferenztagen insgesamt 22 Teilnehmer das Wort. Außer Weinert selbst und Wilhelm Pieck sowie dem Schriftsteller Willi Bredel waren es ausschließlich Kriegsgefangene, die dabei ihre Absage an das Naziregime begründeten. Da sprachen der Berufssoldat und der Wehrmachtsdeserteur, der Arbeiter und der Studienrat, der Diplomingenieur und der Pastor, der kaufmännische Angestellte und der Postbeamte, der Volkswirtschaftler und der Theologiestudent, der Graf, der Bauer und der Verleger - Menschen also, »die nach Herkunft, Weltanschauung und Bekenntnis nicht verschiedener« hätten sein können (Weinert). Nachzulesen ist all das im 164 Seiten umfassenden Protokoll der Gründungstagung des NKFD. 

Einstimmig von der Konferenz gewählt wurden zum Ende des zweiten Tages die 38 Mitglieder des Nationalkomitees, in dem die Kriegsgefangenen mit 25 Soldaten, Unteroffizieren und Offizieren die Mehrheit stellten. Auf der zivilen Seite gehörten dazu u.a. fünf Reichstagsabgeordnete der KPD, darunter Pieck und Ulbricht, deren Mandate 1933 von den Nazis annulliert worden waren. Zum Präsidenten des NKFD wurde Erich Weinert, zu Vizepräsidenten wurden Major Karl Hetz und Leutnant Heinrich Graf von Einsiedel, ein Urenkel Otto von Bismarcks, gewählt. Walter Ulbricht wurde mit der Leitung der operativen Arbeit beauftragt. Eine bedeutsame Erweiterung um zusätzliche 18 Mitglieder sollte dieses Komitee bereits zwei Monate später in Lunjowo, nach der Gründung des »Bundes Deutscher Offiziere« und dessen umgehend erklärtem Anschluß an das NKFD erfahren. 

Trotz Beibehaltung seiner organisatorischen Selbständigkeit wurden vier Generale und sieben Offiziere des BDO, vier Mannschaftsdienstgrade und drei Zivilisten als neue Mitglieder in das Nationalkomitee gewählt. Als weitere Vizepräsidenten traten der Präsident des BDO, General der Artillerie Walther von Seydlitz, und Generalleutnant Alexander Edler von Daniels sowie Soldat Max Emendörfer, einer von drei Wehrmachtsdeserteuren im Komitee, in diese Funktionen ein. 

Zum Abschluß der Konferenz von Krasnogorsk unterzeichneten die gewählten NKFD-Mitglieder das »Manifest des Nationalkomitees Freies Deutschland an die Wehrmacht und an das deutsche Volk«. »Der Tag des Zusammenbruchs naht«, heißt es in diesem Dokument, das übrigens frei war von althergebrachter kommunistischer Agitation und Propaganda. »Der Krieg ist verloren. 

Deutschland kann ihn nur noch hinschleppen um den Preis unermeßlicher Opfer und Entbehrungen. Die Weiterführung des aussichtslosen Krieges würde das Ende der Nation bedeuten. (...) Wenn das deutsche Volk sich weiter willenlos und widerstandslos ins Verderben führen läßt, dann wird es mit jedem Tag nicht nur schwächer, ohnmächtiger, sondern auch schuldiger. Dann wird Hitler nur durch die Waffen der Koalition gestürzt. Das wäre das Ende unserer nationalen Freiheit und unseres Staates, das wäre die Zerstückelung unseres Vaterlandes.« Wenn das Volk jedoch rechtzeitig durch Taten seine Entschlossenheit beweise, Deutschland von Hitler zu befreien, erobere es sich das Recht, über sein künftiges Schicksal selbst zu bestimmen. »Mit Hitler schließt niemand Frieden. Niemand wird auch nur mit ihm verhandeln.« Daraus leitete das NKFD die Notwendigkeit ab, eine wahrhaft demokratische Regierung zu bilden, die sofort den Krieg beendet, die Truppen an die Reichsgrenzen zurückführt und unter Verzicht auf alle eroberten Gebiete Friedensverhandlungen einleitet. Gefordert wird die Schaffung einer »starken demokratischen Staatsmacht, eine Demokratie, die jeden Versuch des Wiederauflebens von Verschwörungen gegen die Freiheitsrechte des Volkes oder gegen den Frieden Europas rücksichtslos schon im Keim erstickt«. Und weiter: »Gerechtes, schonungsloses Gericht über die Kriegsverbrecher, über die Anführer, ihre Hintermänner und Helfer, die Deutschland ins Verderben, in Schuld und Schande stürzten. Amnestie jedoch für alle, die sich rechtzeitig durch ihre Taten von Hitler lossagen und sich der Bewegung für ein freies Deutschland anschließen.« 

Lange vor dem »Aufstand des Gewissens«, der den Männern des 20. Juli 1944 in der Bundesrepublik zugestanden wurde, hatte sich mit diesem Dokument das Verantwortungsgefühl aufrechter Deutscher manifestiert. Dieser Appell konnte alle einigen, die sich vom Naziregime distanzierten. »Was vor kurzem noch unmöglich schien, Deutsche aller Klassen und Bekenntnisse zu einer umfassenden nationalen Kampffront zur Befreiung Deutschlands vom Hitlerjoch zu sammeln, ist hier Wirklichkeit geworden: So ist das Nationalkomitee, dem Vertreter aller deutschen Stände, aller politischen und religiösen Bekenntnisse angehören, legitimiert, im Namen des ganzen deutschen Volkes zu sprechen.« Soweit ein späteres Resümee des Präsidenten des Nationalkomitees. 

Von wegen »Proklamationen« 

Von »Proklamationen aus der Gefangenschaft« oder einem »Widerstand hinter Stacheldraht«, der den Angehörigen der Bewegung namentlich in Westen geringschätzend nachgesagt wurde, konnte indes keine Rede sein. Zu den ersten Ergebnissen der Krasnogorsker Tagung gehörten etwa die Herausgabe der Wochenzeitung Freies Deutschland und die Einrichtung eines gleichnamigen Radiosenders mit großer Reichweite, der bis nach Deutschland hinein wirken konnte. In beiden Redaktionen waren ebenso freie wie kriegsgefangene Angehörige der Bewegung tätig. Allein das Manifest wurde neben der Veröffentlichung in der Zeitung millionenfach als Flugblatt für die unmittelbare Frontpropaganda gedruckt. 

Größtes Gewicht kam der sogenannten Frontorganisation des NKFD zu. Noch in dessen Gründungsmonat nahmen die ersten Bevollmächtigten beider Gruppierungen ihre Arbeit in den vordersten Linien auf. Binnen Jahresfrist waren es bereits über tausend und bis zum Kriegsende rund 4000 ehemalige Wehrmachtsangehörige aus den Reihen des NKFD und des BDO, die in den Stäben der - einer deutschen Heeresgruppe vergleichbaren - sowjetischen Fronten, als Armeebeauftragte oder Divisionshelfer fern von Moskau und damit der Zentrale des Nationalkomitees wirksam wurden. Nicht zu vergessen die im Hinterland des Gegners, meist bei Partisanenverbänden eingesetzten oder auch mit besonderen Aufklärungsmissionen selbst in Deutschland betrauten Soldaten und Offiziere. In der Organisationsstruktur des NKFD spielten darüber hinaus die verschiedenen Kommissionen, Arbeitskreise und Fachgruppen - etwa für wirtschaftliche, sozialpolitische, kulturelle, rechtliche, kirchliche oder (militär)historische Fragen - eine weit in die Zukunft weisende Rolle. 

Hinzu kamen schließlich die beträchtlichen, wenn auch meist indirekten Außenwirkungen des Nationalkomitees, die sich mit den noch im Jahr 1943 entstandenen Bewegungen »Freies Deutschland«, so in Frankreich, Großbritannien, der Schweiz, Schweden, auf dem Balkan und selbst in den USA, gewissermaßen weltweit Gehör verschafften. Doch das wäre schon wieder, ebenso wie die Geschichte der 1941/1942 in Mexiko ins Leben gerufenen Bewegung »Alemania Libre«, ein Thema für sich. 

Festzuhalten bleibt, daß das NKFD seine im und mit dem Manifest gesetzten Ziele letztlich nicht erreichte. Als Komitee und BDO im November 1945 ihre Tätigkeit einstellten und ihre Selbstauflösung beschlossen, war eingetreten, was sie eigentlich verhindern wollten: Deutschland lag in Trümmern und war von den siegreichen Alliierten in Besatzungszonen aufgeteilt. Trotz aller Erfolge beim Zusammenschluß unterschiedlichster politischer Kräfte war es nicht gelungen, Volk und Wehrmacht zum Bruch mit dem Hitlerregime zu bewegen. 

Das hatte allerdings auch keine andere deutsche Widerstandsbewegung zuwege gebracht, selbst die Militärverschwörer um Oberst Graf Schenk von Stauffenberg nicht. Der im Manifest empfohlene Rückzug der Truppen auf die Reichsgrenzen gestaltete sich unfreiwillig und vollzog sich vielmehr nach den Regeln einer Taktik der verbrannten Erde. Andererseits hat insbesondere die Frontorganisation des NKFD Zehn-, wenn nicht gar Hunderttausenden Wehrmachtsangehörigen den Weg in die Gefangenschaft gewiesen. Die Flugblätter mit dem Signum der Bewegung erwiesen sich zigtausendfach als Passierschein in ein Leben nach dem Krieg. Keine andere deutsche Widerstandsorganisation hat eine solche Breite und Tiefenwirkung erzielt und dem Naziregime einen solch unmittelbaren Schaden zugefügt. 

 

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»Es war ein Weg der Selbstbefreiung«  

Gespräch mit Erhard Lonscher. Über seine Jugend in Nazideutschland, seine knapp verhinderte Ausbildung zum Kamikazeflieger und seinen ideologischen Wandel in sowjetischer Kriegsgefangenschaft  

Michael Polster 

In: junge Welt online vom 29.06.2013 

Wochenendbeilage 

 

Erhard Lonscher (geb. 1925) wurde im Frühjahr 1945 Fähnrich und Flugzeugführer und kam am 2. Mai 1945 an der Elbe in sowjetische Kriegsgefangenschaft. In ihr lernte er das Nationalkomitee »Freies Deutschland« (NKFD) kennen und absolvierte einen Halbjahreslehrgang der Antifazentralschule, wo er auch den damaligen Kursanten und späteren DDR-Ministerpräsidenten Hans Modrow traf. Beide wurden am 13. Januar 1949 mit demselben Transport entlassen. Lonscher wurde Mitglied der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NDPD), Sekretär ihres Hauptausschusses und Direktor ihrer Zentralen Parteischule. Er lebt in Berlin. 

Mit welchem sozialen Hintergrund sind Sie aufgewachsen? 

Das waren kleinbürgerliche, ärmliche Verhältnisse. Meine Mutter war Hausangestellte, und meine Kindheit verbrachte ich bei meinem Großvater. In meiner Klasse war ich der Beste, hatte aber aus finanziellen Gründen nicht die Möglichkeit, ein Gymnasium zu besuchen. Als einziger meines Jahrgangs in meiner oberschlesischen Heimatstadt Patschkau - heute Paczków in Polen - konnte ich kostenlos eine Lehrerbildungsanstalt besuchen. Dort lernte ich Jungen kennen, die alle aus ähnlichen Verhältnissen stammten wie ich. Ihre Eltern waren in Oberschlesien oft Arbeiter oder Bergleute. Ihren Stolz auf uns brachten sie mit dem faschistischen Staat in Verbindung, weil er ihren Kindern eine bessere Schulbildung bot, als sie sie je erfahren hatten. Die soziale und nationale Demagogie und ein aufgeputschter Chauvinismus mit seinem »Grenzlanddeutschtum« tat ein Übriges und machte uns zu begeisterten Anhängern des Systems und seiner Politik. Man muß wissen, daß ich katholisch erzogen wurde, als Junge Meßdiener war und mich im Faschismus von der Kirche löste. Als ich damals Rosenbergs »Mythus des 20. 

Jahrhunderts« las, imponierte mir das Buch sehr, das, wie ich damals glaubte, wissenschaftlich bewies, daß man als moderner Mensch nicht mehr in der Kirche sein kann und muß. 

Welche Rolle spielte die Lehrerbildungsanstalt für Sie? 

Ich besuchte sie von 1940 bis 1943. Sie war im Kreis Gleiwitz in einem an den Staat vermieteten Barockschloß untergebracht, das gern auch als oberschlesisches Versailles bezeichnet wurde. Es handelte sich um eine ehemalige Residenz der Grafen Henckel von Donnersmarck. Sie waren schon seit 1629 in Oberschlesien ansässig, besaßen ausgedehnten Grundbesitz in ganz Osteuropa und zahlreiche Industriebetriebe, insbesondere Bergwerke und Eisenhütten. Diese Umgebung machte auf uns Jungen großen Eindruck. Ich wurde im Internat Gefolgschaftsführer der Hitlerjugend und später mit den Kameraden meines Jahrganges 1943 in die NSDAP übernommen, ein Akt, den wir Achtzehnjährige damals als eine Ehre empfanden. Die Kultivierung eines Elitedenkens, des Wahns vom deutschen Herrenmenschentum und meine Begeisterung für den Sport und das Fliegen führten mich geradewegs zur faschistischen Luftwaffe. Begriffe wie Ehre, germanische Treue und Heldentum bestimmten dabei mein, unser Denken und Handeln. 

Wann und wo wurden Sie Soldat der Wehrmacht? 

1943 meldete ich mich freiwillig als Offiziersanwärter zur Luftwaffe. Nach einem halben Jahr im Arbeitsdienst und mehreren Ausbildungsstationen wurde ich im Frühjahr 1945 Fähnrich und Flugzeugführer. Für uns galt, daß wir Deutschland in dieser schweren Zeit die Treue halten müßten. Wir glaubten an den Endsieg und wollten dafür alles tun. 

Sie sollten noch zum Kamikazeflieger ausgebildet werden. 

Es war im Frühjahr 1945. Bei Messerschmitt baute man Flugzeuge, die im Huckepackflug von einer Dornier 215 bis an wichtige Objekte herangeführt werden sollten, um dann vom Piloten direkt in das Ziel gelenkt zu werden und mit ihm in die Luft zu fliegen. Selbstopfereinsätze nannte man nach dem japanischen Vorbild der Kamikazeflieger solche Kommandos. Unser Geschwader lag damals in Dänemark. Hier verlas man uns eines Tages einen Befehl des obersten Fliegerchefs, Reichsmarschalls Hermann Göring, in dem er uns aufforderte, uns »freiwillig« zu einem Sondereinsatz zu melden, von dem es kein Zurück mehr geben sollte. Doch das stand für uns nicht im Vordergrund. 

Wir waren damals so fanatisch erzogen, daß ich mich mit vier meiner Kameraden nach einer nächtlichen hitzigen Diskussion für einen solchen Einsatz meldete. Die Messerschmitts konnten aber nicht mehr fertiggestellt werden, die wahnwitzige Idee blieb unerfüllt und ich am Leben. 

Wann und wo begann Ihr Weg in die Gefangenschaft? Oder besser gesagt, wie erlebten Sie den Tag der Befreiung und wo? 

Da unsere Mission buchstäblich eine Luftnummer war, wurde ich mit anderen Flugzeugführern im Erdkampf zwischen der Oder und Berlin eingesetzt. Wir sollten sozusagen fünf vor zwölf die Hauptstadt und das Reich retten. Die Rote Armee war uns aber ständig auf den Fersen, wir lagen in ihrem Granatwerferfeuer und unter ständigem Beschuß. Da keine der uns im Goebbelsschen Propagandakampfblatt Der Panzerbär angekündigten deutschen Wunderwaffen zum Einsatz gelangte, wurde auch uns letztlich klar: Jetzt war nichts mehr zu retten. Trotz unserer Kamikazeambitionen hingen wir am Leben und liefen in Richtung Elbe. Dort hatten die US-Truppen an der Havelmündung bereits einen Brückenkopf errichtet. Wir hatten die Hoffnung, in ihre und nicht in die gefürchtete »bolschewistische« Kriegsgefangenschaft zu geraten. Am 2. Mai erreichten wir das Flußufer und wollten übersetzen. Als am Abend der Dampfer ausblieb, verkündete von der gegenüberliegenden Elbseite ein Lautsprecher der Amerikaner: »Alle deutschen Soldaten, die sich auf dem Ostufer der Elbe befinden, sind Kriegsgefangene unseres russischen Verbündeten«. Rat- und Hoffnungslosigkeit breiteten sich aus. 

Viele versuchten, schwimmend an das westliche Ufer zu gelangen. In diesen Stunden sah ich, wie Hunderte jämmerlich in der Strömung ertranken. Mit dem Ruf »Ruki werch, Gitler kaput, woina kaput« wurden wir in den frühen Morgenstunden des 3. Mai 1945 aufgeschreckt. Zum Selbsterschießen, das wir uns im Fall einer russischen Gefangenschaft vorgenommen hatten, war keine Möglichkeit mehr. Für mich, den Offiziersschüler und Flugzeugführer des 104. Regiments der Luftwaffe, war der Krieg im Prignitzdorf Quitzöbel an der Elbe zu Ende, und ich war am Leben geblieben. 

Welche Empfindungen hatten Sie, was ging Ihnen durch den Kopf? 

Für uns brach eine Welt zusammen, von der wir geglaubt hatten, daß es die einzig mögliche und die beste aller Welten sei. Ich bin den ganzen Weg, den ich kämpfend zu Fuß von der Oder bis an die Elbe hinter mich gebracht hatte, als Kriegsgefangener tagelang zurückmarschiert. Wir schliefen abseits der Straße auf dem Acker - auch im Regen. Die russischen Wachmannschaften sahen sich in den ersten Tagen außerstande, die schier endlose Heerschlange zu verpflegen. Ich befand mich in einem weltanschaulichen Vakuum. In meiner Erinnerung waren diese Tage für mich auch die der persönlichen Niederlage. Vom »Tag der Befreiung vom Faschismus« sprach damals in unserer Gefangenenkolonne niemand. 

Als Soldat hatten Sie nie russischen Boden betreten und kamen nun in der Sowjetunion in zahlreiche Kriegsgefangenenlager. Wie erging es Ihnen dabei? 

Da ich in der Sowjetunion nichts zerstört haben konnte, begriff ich auch eine Wiedergutmachungspflicht erst, als ich von den durch Wehrmacht und SS angerichteten Verwüstungen des Landes hörte und sie selbst sah. Ich kam nach Weißrußland, nach Slobin am Dnepr, ins Lager Nummer 56, später nach Bobruisk ins Lager Nummer 168 und ins Traktorenwerk Minsk. Auf einer großen Wiese bauten wir Kriegsgefangenen unser Arbeitslager selbst auf. Dann ging es jeden Tag vom frühen Morgen bis spätabends zur Arbeit. Diejenigen, die eine praktische Berufsausbildung hatten, erhielten die Möglichkeit, in ihrem Fach zu arbeiten. Ehemalige Schüler, Studenten, Lehrer und andere Intellektuelle mußten Schutt wegräumen, Gräben ausheben, Holz fällen, Torf stechen, Eisenbahnschwellen verlegen oder Häuser bauen. Ich habe zwar gehungert, wurde aber menschlich behandelt. Anders als die über drei Millionen sowjetischer Kriegsgefangener, die in deutschen Lagern verhungert, an Krankheiten gestorben sind oder ermordet wurden. 

Wie konnte man sich im Lager der von der faschistischen Ideologie lösen? 

Meine geistig-politische Befreiung begann konfliktreich und schmerzlich in diesen belorussischen Arbeitslagern. Sie wurde durch die Neugier auf die Literatur in der Lagerbibliothek und die Teilnahme an antifaschistischen Zirkeln gefördert. Die fanden nach der für mich schweren körperlichen Tagesarbeit statt, während die meisten Gefangenen auf ihren Pritsche lagen. 

Kameradschaft und Hilfsbereitschaft galten damals nicht. Einer stahl dem anderen sein Stückchen Brot, mancher schreckte nicht einmal vor Gewalttaten zurück, um sich eine Sonderration zu verschaffen. Anbiederung und Opportunismus machten sich breit, um diese oder jene Vergünstigung zu erhalten. Die »Kaschisten« - diejenigen, die für einen Teller Kascha, also Suppe, alles taten - verrieten und denunzierten so manchen Kameraden. Für mich gab es nur eine einzige Frage: Wie kannst du weiterleben, wie? Alles andere interessierte mich nicht mehr. Ein neuer schwerer Schlag traf mich, als die Kunde kam, daß Schlesien, meine Heimat, von Deutschland an Polen übergehen sollte. Ich war hin- und hergerissen zwischen wilder Verzweiflung, Resignation und vagen Hoffnungen. 

Wie kamen Sie mit den Ideen und Gedanken des Nationalkomitees Freies Deutschland, des NKFD, in Kontakt? 

In Krasnogorsk bei Moskau war im Juli 1943 von deutschen Kriegsgefangenen und von kommunistischen Emigranten das NKFD gegründet worden. Seine Ideen haben mich erst zum Hitler-Gegner und später zum Antifaschisten werden lassen. Begonnen hat das sehr unspektakulär und sehr mühsam. Ich besuchte wie gesagt einen der antifaschistischen Zirkel im Lager, anfangs nur mit dem Ziel, mich irgendwie geistig zu beschäftigen, und vor allem, um mir selbst gegenüber die Richtigkeit meiner politischen Auffassungen zu bestätigen. Aber von Diskussion zu Diskussion spürte ich, daß meine Überzeugung brüchig wurde, meine Argumente nicht mehr einleuchteten. Als mich der Leiter des Antifaaktivs dann auch noch fragte, ob ich nicht die Lagerbibliothek übernehmen könne, begannen für mich innere Konflikte, die an meiner Grundauffassung nagten. Der Mann ließ nicht locker, bis ich schließlich die Aufgabe übernahm. Von da ab nutzte ich jede freie Minute zum Lesen - nach der Arbeit, nach dem Essen, bis nachts um zwölf, Nacht für Nacht. Alles, was es dort gab, habe ich gelesen. Leider gab es fast ausschließlich Broschüren, von denen mich manche nicht besonders überzeugten, obwohl sie einige Grundwahrheiten enthielten. Ich las die deutschsprachige sowjetische Monatszeitschrift Neue Zeit und die Zeitung Freies Deutschland, das Organ des NKFD, sowie nach deren Einstellung die Zeitung Nachrichten mit dem Untertitel »Für deutsche Kriegsgefangene«. 

Deren Chefredakteur war übrigens, unter dem Pseudonym Rudolf Germersheim, Lothar Bolz (1903-1986 - d. Red.). Er wurde 1948 der erste Vorsitzende der neugegründeten Nationaldemokratischen Partei Deutschlands, der NDPD, und ein Jahr später DDR-Minister für Aufbau. Er leitete die Partei bis 1972 und war von 1953 bis 1965 Außenminister. Er war untrennbar mit meiner politischen Lebensbahn verbunden. Einige Wochen nach meiner Heimkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft, im Januar 1949, lag auf dem Tisch meiner Eltern in Berlin-Wedding ein Telegramm von ihm mit der Bitte, ihn im Haus des Parteivorstandes aufzusuchen, was ich tat. In seinem Dienstzimmer empfing er mich im Beisein des damaligen politischen Geschäftsführers der NDPD, Generalleutnant a. D. Vincenz Müller (1894-1961 - d. Red.). Er war ebenfalls Mitglied des NKFD gewesen, in der DDR wurde er 1953 Chef des Stabes der Kasernierten Volkspolizei, nach Gründung der Nationalen Volksarmee, der NVA, 1956 wechselte er ins Verteidigungsministerium und war bis 1958 Stellvertreter des Ministers und Chef des NVA-Hauptstabes. Den Raum verließ ich nach einem längeren Gespräch als Mitglied der NDPD. Der Nachfolger von Bolz als NDPD-Parteivorsitzender war dann Heinrich Homann (1911-1994 - d. Red.), der ebenfalls Mitbegründer des NKFD gewesen war. Er, Herbert Stößlein und Karl Hetz, alle drei Majore, waren dabei die ranghöchsten Offiziere. 

Aber zurück zu meiner Kriegsgefangenschaft: Zunächst die Zirkel, dann stundenlange nächtliche Gespräche mit dem Leiter des Antifaaktivs haben mich schließlich zum Antifaschisten werden lassen. Es vergingen mehrere Monate, bis ich nicht mehr zu den Opponenten gehörte, sondern zu denjenigen, die sich bemühten, Fragenden inner- und außerhalb des Zirkels weiterzuhelfen. 

Wie kann man sich diese Einsichten vorstellen. Wie weit gingen sie? 

Mir wurde klar, daß Hitler kein Führer, sondern ein Verbrecher gewesen war, daß das System des Nationalsozialismus mit seinen Wirtschaftsgewaltigen wie den von Donnersmarcks diesen furchtbaren Krieg verursacht hatte. Denen, hinter deren Fahnen ich begeistert hergelaufen war, hatte ich nun auch noch den Verlust meiner schlesischen Heimat zu verdanken. Ich begann die Pflicht zur Wiedergutmachung unseres Volkes gegenüber den Opfern der Aggression Hitler-Deutschlands zu begreifen, obwohl ich fast noch ein Kind gewesen war, als der Krieg begann. 

Wie sahen Sie die Sowjetunion, deren Gefangener sie ja waren? 

Über Umwege, über ein Krankenlager, kam ich nach Minsk, auf eine riesige, für damalige Verhältnisse moderne Baustelle, wie ich sie vorher noch nie gesehen hatte. Hier entstand das größte Traktorenwerk Europas. Nach einiger Zeit erhielt ich den Auftrag, die jüngeren Kriegsgefangenen politisch zu betreuen. Meine Brigade und ich wurden als Jungaktivisten ausgezeichnet, weil wir die Norm übererfüllten. Ich zitiere an dieser Stelle einmal aus meiner mir vorliegenden Akte aus dem Lager Nummer 168: »In der Lagerabteilung erwies sich der Gefangene diszipliniert. Er ist Brigadier der Hilfsarbeiter auf dem Bau des 4. Blocks Beltraktorostroj. Seine Brigade erfüllt die Produktionsnormen mit 110 bis 120 Prozent. Er ist Mitglied des Antifaaktivs, führt unter den Kriegsgefangenen Gespräche zu den politischen Themen, besucht den Politzirkel und nimmt aktiv an den Besprechungen teil, schreibt systematisch über die Produktionsleistungen in die Wandzeitung. 

Anhänger der demokratischen Umwandlungen in Deutschland. Einstellung zur Sowjetunion - loyal. Die operative Abteilung verfügt über keine kompromittierenden Dokumente über den Kriegsgefangenen Lonscher.« Unterschrieben hat das Oberstleutnant Repin, der Leiter Lagerverwaltung im Innenministerium der UdSSR. 

Nach zwei Jahren anstrengender körperlicher Arbeit auf der Baustelle fragte mich die Leitung des Antifaaktivs, ob ich bereit wäre, eine Schule für deutsche Kriegsgefangene zu besuchen. Von über tausend Kriegsgefangenen wurden drei ausgesucht, einer davon war ich. Ich habe damals schnell zugesagt, um endlich für ein halbes Jahr die Knochenarbeit loszuwerden, zumal es wieder auf den Winter zuging. Auf dem Halbjahreslehrgang der Antifazentralschule für deutsche Kriegsgefangene in Rjasan, im Sonderobjekt Nummer 40, nahe Moskau, studierte ich deutsche und russische Geschichte aus mir völlig neuer Sicht, vor allem die mir bis dahin unbekannte Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Hier hörte ich zum ersten Mal Vorlesungen über politische Ökonomie bei Professor Robert Naumann und Philosophie bei Professor Nikolai Janzen. Er war sehr beliebt und blieb vielen Absolventen in besonders guter Erinnerung. Ich habe alle Lektionen wie ein trockener Schwamm begierig aufgesogen. Für mich war es das erste Mal, daß mir jemand eine befriedigende Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens gab. Am Ende des Lehrgangs wurde mir die Frage vorgelegt, ob ich als Assistent an der Schule bleiben oder mit den anderen nach Deutschland zurückkehren wollte. Ich entschied mich für die Lehrtätigkeit, eine Arbeit, die später zu meiner Berufsgrundlage werden sollte. 

Wie sind Sie nach Deutschland zurückgekommen? 

Im Januar 1949 fuhr ich nach Deutschland zurück, in eine politisch wie territorial neue Heimat. In der damaligen sowjetischen Besatzungszone war wie erwähnt kurz zuvor die NDPD gegründet worden. Sie hatte sich das Ziel gesetzt, Handwerkern und Einzelhändlern, Unternehmern und Geistesschaffenden, darunter besonders ehemaligen Mitgliedern der NSDAP sowie ehemaligen Offizieren und Berufssoldaten der Hitler-Wehrmacht, zu helfen, die richtigen Lehren aus ihrem politischen Irrweg zu ziehen. Ich habe dann von 1951 bis 1954 an der juristischen Fakultät der Deutschen Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft »Walter Ulbricht« studiert und schloß mit Bestnote ab. 

Wie würden Sie aus heutiger Sicht die Arbeit des NKFD einschätzen? 

Es gab für Menschen wie mich keinen Umerziehungsprozeß, sondern einen Weg der ideologischen Selbstbefreiung, der Selbstfindung. Dabei unterstützten uns die Freunde und Kameraden des NKFD. Seine Ideen haben eine ganze Generation von damals jungen Leuten wie mich geprägt. In diesem Sinne war die Bewegung »Freies Deutschland« mehr als nur Propagandatätigkeit. Sie wollte aus der Kriegsgefangenschaft heraus für den Sturz des Faschismus und für ein besseres Deutschland arbeiten, ihre Aktivisten betrachteten sich als Patrioten und auch als Teil des Widerstandes gegen den Hitler-Faschismus. Sie einte das im NKFD-Manifest festgehaltene Ziel: »Freies Deutschland. Das bedeutet: Eine starke demokratische Staatsmacht, die nichts gemein hat mit der Ohnmacht des Weimarer Regimes, eine Demokratie, die jeden Versuch des Wiederauflebens von Verschwörungen gegen die Freiheitsrechte des Volkes oder gegen den Frieden Europas rücksichtslos schon im Keim erstickt.« 

1942 bildete sich im Kriegsgefangenenlager Jelabuga die erste »antifaschistische« Offiziersgruppe unter Hauptmann Ernst Hadermann (1893-1968), der mit seinem hunderttausendfach verbreiteten Flugblatt »Das Manneswort eines Hauptmanns« viele Wehrmachtssoldaten und Kriegsgefangene beeindruckte. Am 31. Mai 1942 fand die erste antifaschistische Offizierskonferenz statt, auf der 23 Teilnehmer einen Aufruf an alle kriegsgefangenen Offiziere unterschrieben. Im Lager Lunjowo im Moskauer Vorort Krasnogorsk wurde ein vorbereitender Ausschuß installiert. Im Juni 1943 erhielten die kommunistischen Emigranten Alfred Kurella (1895-1975) und Rudolf Herrnstadt (1903-1966) von der KPD den Auftrag, ein Manifest für ein Komitee zu erarbeiten. Am 22. Juni 1943 kam es zur Bildung des Vorbereitungskomitees, vom 12. bis zum 13. Juli 1943 fand in Krasnogorsk die Gründungskonferenz des »Nationalkomitees Freies Deutschland« statt. Der Schriftsteller Erich Weinert (1890-1953) wurde zu seinem Präsidenten gewählt. Zwei Monate später gründete sich der Bund Deutscher Offiziere (BDO) unter General der Artillerie Walther von Seydlitz (1888-1976). Kurz danach schloß sich der BDO dem NKFD an. 

Am Sonnabend, dem 29. Juni, findet in der Berliner Begegnungsstätte »Undine«, Hagenstr. 57 (Nahe U- und S-Bahnhof Lichtenberg) zum 70. 

Jahrestag der Gründung des NKFD von 10.30 Uhr bis 18 Uhr eine Tagung des Marxistischen Arbeitskreises zur Geschichte der Arbeiterbewegung bei der Partei Die Linke und der Marx-Engels-Stiftung Wuppertal statt. Referenten sind Michael Polster, Hermann Kopp und Rainer Zilkenat. 

 

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Kampfansage an die Verdränger  

Marxistische Historiker würdigten 70. Jahrestag der Gründung des Nationalkomitees »Freies Deutschland«  

Peter Rau 

In: junge Welt online vom 03.07.2013 

 

Die derzeitigen selbsterklärten Sieger der Geschichte nennen sie seit Jahrzehnten nur verächtlich »Vaterlandsverräter« oder »Handlanger Stalins«: die Angehörigen des vor 70 Jahren bei Moskau gegründeten Nationalkomitees »Freies Deutschland«. Und so verwundert es kaum, wenn im offiziellen Gedenkkalender für das Jahr 2013 das Datum 12./13. Juli 1943 keinerlei Erwähnung findet. Ganz anders stellt sich das aus der Sicht linker Historiker dar. Sie hatten am vergangenen Sonnabend zu einer Tagung in die Begegnungsstätte »Undine« in Berlin-Lichtenberg eingeladen. Veranstaltet vom Marxistischen Arbeitskreis zur Geschichte der Arbeiterbewegung bei der Partei Die Linke, der Marx-Engels-Stiftung Wuppertal und der Geschichtskommission beim Parteivorstand der DKP wurde das Thema »Das Nationalkomitee rFreies Deutschlandl und der antifaschistische Kampf« beleuchtet und diskutiert. Die einleitenden Vorträge hielten Michael Polster, Hermann Kopp und Rainer Zilkenat. Obwohl keiner der wenigen noch lebenden und inzwischen hochbetagten Zeitzeugen daran teilnehmen konnte, so entspann sich im Anschluß daran doch eine lebhafte Diskussion. 

An jenem Wochenende im Sommer 1943 hatten sich in Krasnogorsk am nordwestlichen Rand der sowjetischen Hauptstadt etwa 250 Kriegsgefangene der faschistischen Wehrmacht eingefunden, um dem zwei Jahre zuvor auch von ihnen entfesselten Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion den Krieg zu erklären. Hinzu kamen ein paar Dutzend Politemigranten aus Hitlerdeutschland - zumeist aus den Reihen der dort seit mehr als zehn Jahren verbotenen und in die Illegalität gedrängten KPD. Die Gründung vollzog sich auf Initiative und mit Billigung der entsprechenden sowjetischen Behörden. Stalin selbst ließ sich im Vorfeld wiederholt über den Stand der Vorbereitungen berichten; Georgi Dimitroff, der Generalsekretär der im Juni 1943 aufgelösten Kommunistischen Internationale, war ebenso involviert wie die Politische Hauptverwaltung der Roten Armee. Letztere war gemeinsam mit KPD-Vertretern federführend bei der Erarbeitung des im Juli in Krasnogorsk beschlossenen »Manifests des NKFD an die Wehrmacht und an das deutsche Volk« als programmatische Grundlage der Bewegung. Deren Ziel entsprach den Überlebensinteressen des deutschen Volkes wie denen der UdSSR: Sturz des Faschismus, Beendigung des Krieges, Schaffung eines demokratischen Deutschlands. 

Darüber wie über Vorgeschichte und Verlauf der Gründungsveranstaltung referierte Michael Polster. Der Autor eines vor 25 Jahren in der DDR entstandenen Dokumentarfilms über das Nationalkomitee wertete dessen Gründung als Ereignis, das in der Tradition des Vertrages von Tauroggen aus dem Jahre 1812 stand. Die damalige preußisch-russische Vereinbarung hatte den Anstoß für den gemeinsamen Kampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft gegeben. An den verschiedenen Lebenswegen einiger Protagonisten des NKFD machte er deren Ungleichbehandlung in Ost wie West deutlich. Hermann Kopp, Vorsitzender der Marx-Engels-Stiftung, befaßte sich mit der Tätigkeit des im Herbst 1943 in Frankreich geschaffenen »Komitees rFreies Deutschlandl für den Westen« (CALPO), das als Reaktion auf die NKFD-Gründung entstanden war und nur eine von vielen ähnlichen Bewegungen in Ländern Europas, in Lateinamerika und den USA darstellte. Der Historiker Rainer Zilkenat schließlich beleuchtete die aktuelle bürgerliche Geschichtsschreibung in Sachen Faschismus und Antifaschismus. Am Beispiel der heute üblichen Behandlung des von den Nazis geprägten Begriffs der »Volksgemeinschaft« wies er nach, wie auch dadurch die Erinnerung an den antifaschistischen Widerstand mehr und mehr aus der Geschichte verdrängt werden soll. 

Mit anderen Worten: Die marxistisch geprägte Zunft der Historiker hat weiterhin alle Hände voll zu tun, um gegen diese Verdrängung - ein Teilnehmer nannte es in der Diskussion »Guidoknoppisierung der Geschichtsdarstellung« - Widerstand zu mobilisieren. Denn immerhin handelt es sich bei der Bewegung »Freies Deutschland« mit ihren nach und nach Zehntausende zählenden Mitstreitern, auch wenn sie letztlich ihr Ziel nicht erreichte, durch den Sturz Hitlers und die Rückführung der Wehrmacht Deutschland vor der Katastrophe zu bewahren, um die effektivste aller deutschen Widerstandsorganisationen, wie es einmal in der britischen Times hieß. 

 

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Nichts dazugelernt  

Bundestag verweigert ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen Entschädigung  

Frank Brendle 

In: junge Welt online vom 03.07.2013 

 

Der Bundestag hat in der letzten Sitzung der Wahlperiode am vergangenen Freitag einen Antrag von SPD und Grünen, ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen symbolische Entschädigungszahlungen zu gewähren, abgelehnt. Die Koalitionsfraktionen argumentierten mit »totalitarismustheoretischen« Aufrechnungen. 

Weil SPD und Grüne ihren Antrag erst Anfang Juni kurzfristig eingebracht hatten, war eine richtige Debatte nicht mehr möglich. In der ersten Lesung vor vier Wochen waren die Redebeiträge lediglich zu Protokoll gegeben worden. Bei der Abstimmung am Freitag ging es gar gänzlich ohne Debatte, nach einigen Sekunden war der Versuch, die Mißhandlung und Ermordung dieser Gefangenen als Teil deutscher Kriegsverbrechen wenigstens ansatzweise zu sühnen schon zunichte gemacht. 

SPD-Familienpolitiker Stefan Schwartze wies in seiner - nicht gehaltenen - Rede darauf hin, daß gefangene Rotarmisten KZ-ähnliche Bedingungen erlitten und millionenfach »durch Arbeit vernichtet« oder einfach dem Hungertod preisgegeben wurden. Der Schutz der Genfer Konvention sei ihnen bewußt versagt worden. »An den sowjetischen Kriegsgefangenen wurde Völkermord begangen«, so Schwartze. Neben einem individuellen »Anerkennungsbeitrag« von 2500 Euro forderten SPD und Grüne deswegen eine »Intensivierung der Erinnerungskultur«. 

Für die Linksfraktion begrüßte Ulla Jelpke den Antrag, fragte aber nach, warum die Überlebenden nur 2500 Euro erhalten sollten, da zivile Zwangsarbeiter teilweise das Dreifache dieser Summe erhalten hätten. 

Außerdem schlug sie vor, die Angehörigen von Partisanenverbänden einzubeziehen. Der SPD hielt sie vor, daß ausgerechnet ihr heutiger Kanzlerkandidat Peer Steinbrück in seiner Funktion als Finanzminister im Jahr 2006 eine ähnliche Initiative der Linken abgelehnt hatte. Man müsse, so Steinbrück damals, berücksichtigen, »daß unrechtmäßig zugefügte Leiden auch deutschen Kriegsgefangenen widerfahren sind«, einseitige Lösungen solle es nicht geben. Vielleicht, so Jelpke, habe die SPD seither »dazugelernt«. 

Steinbrücks damalige Äußerungen wurden jetzt von CDU-Mann Manfred Kolbe plagiiert. Auch die Sowjetunion habe Kriegsverbrechen begangen, und nicht zuletzt müsse man berücksichtigen, »daß unrechtmäßig zugefügte Leiden auch deutschen Kriegsgefangenen widerfahren sind und einseitige Regelungen nicht infrage kommen sollten«. Außerdem berief sich Kolbe auf formale Argumente: Die Sowjetunion habe schon 1953 auf Reparationen verzichtet und diesen Verzicht 1990 bekräftigt. Für die FDP sprang Holger Krestel der Union bei: Er nannte die Behandlung gefangener Rotarmisten »nur eine von vielen Menschenrechtsverletzungen, die sich die Kriegsgegner gegenseitig antaten«. 

»Das ist ein Rückfall in den Kalten Krieg«, kommentierte Eberhard Radczuweit gegenüber jW empört. Der ehrenamtliche Geschäftsführer des Vereins »Kontakte« ist der eigentliche Initiator der Entschädigungsforderung. Der Verein kümmert sich um Opfer der Faschisten in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Den damaligen Kriegsgefangenen überweist er aus Spenden je 300 Euro Entschädigung, wesentlich höher sind die humanitären Leistungen, wie Brennstoffhilfen oder die Übernahme medizinischer Behandlungen. Im Jahr 2006 hatte Radczuweit beim Petitionsausschuß eine Entschädigung der Überlebenden gefordert. »Die folgenden Jahre vergingen mit ergebnislosen Diskussionen im Petitionsausschuß«, faßte er den Verlauf zusammen. 

Auf die Unvergleichbarkeit des Kriegsgefangenenschicksals hatte schon in den 1990er Jahren der Historiker Christian Streit (»Keine Kameraden«) hingewiesen: Von 5,7 Millionen Rotarmisten, die in deutsche Gefangenschaft gerieten, waren rund 3,3 Millionen gestorben - verhungert, erfroren, an Krankheiten zugrunde gegangen. Das lag nicht an logistischer Überforderung der Wehrmacht, sondern an den deutschen Kriegszielen, die den Tod von Millionen »überzähliger« Sowjetbürger vorsahen. Ihre Behandlung als »Untermenschen« war kaum weniger mörderisch als die der jüdischen Bevölkerung. 

An finanziellen Schwierigkeiten würde eine Entschädigung nicht scheitern: Dem Verein »Kontakte« zufolge leben heute noch 2000 bis 4000 ehemalige sowjetische Kriegsgefangene. 

 

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»Wild Bill« setzte auch auf Kommunisten

Das Nationalkomitee »Freies Deutschland« und der US-amerikanische Geheimdienst OSS

Von Peter Fisch

Bereits wenige Tage nach der Konstituierung des Nationalkomitees »Freies Deutschland« (NKFD) am 12./13. Juli 1943 in Krasnogorsk bei Moskau stellte der Leiter der Planungsgruppe des US-Geheimdienstes »Office of Strategic Services« (OSS), James Rogers, fest, dies sei einer »der weitreichendsten Schritte, den die sowjetischen Regierungsstellen bis jetzt mit Auswirkungen auf ihre zukünftigen Beziehungen zu den Vereinten Nationen unternommen haben«. Auch die Gründung des Bundes Deutscher Offiziere (BDO) am 21./22.September 1943 in einem Gefangenenlager in Lunjowo, ebenfalls bei Moskau, sowie die Entstehung analoger Bewegungen »Freies Deutschland« in den westlichen Ländern (Frankreich, England, Mexiko u. a.) wurden in den USA aufmerksam und zugleich argwöhnisch beobachtet.

In: Neues Deutschland online vom 13.07.2013

Weiter unter:

URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/827278.wild-bill-setzte-auch-auf-kommunisten.html

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Gegen Hitler und den Krieg  

Mit der Gründung des »Bundes Deutscher Offiziere« vor 70 Jahren erfuhr die Bewegung »Freies Deutschland« eine willkommene Verstärkung  

Peter Rau 

In: junge Welt online vom 10.09.2013 

 

Ohne Generale wird das nichts!« Auf diese knappe Formel brachte ein Teilnehmer an der Gründungsversammlung des Nationalkomitees »Freies Deutschland« im Juli 1943 in Krasnogorsk bei Moskau (siehe jW vom 12. Juli 2013) kurze Zeit danach gegenüber dem KPD-Funktionär Walter Ulbricht seine Bedenken angesichts der bislang weitgehend folgenlos gebliebenen Appelle des NKFD. Zwar hatten mit Oberst Luitpold Steidle, einem Regimentskommandeur der bei Stalingrad geschlagenen Paulus-Armee, und Oberstleutnant Alfred Bredt, dem Chef der Versorgungstruppen des dort eingesetzten XI. Armeekorps, auch höhere Offiziere als Beobachter bzw. 

Gäste an der ersten Versammlung des NKFD teilgenommen. Doch in der Mehrheit waren solche Chargen - von Generalen ganz zu schweigen - der NKFD-Gründung ferngeblieben. 

Werben um die Generalität 

Diese Distanz sollte sich erst nach und nach verringern. Selbst eine von Steidle und Bredt sowie Oberst Hans-Günther van Hooven, dem Nachrichtenchef der 6. Armee, ins Leben gerufene Initiativgruppe zur Schaffung eines eigenständigen Offiziersbundes, die etwa ein Dutzend Mitglieder zählte, stieß anfangs zumeist noch auf taube Ohren. »Es war schwer, gegen traditionelle, starr gewordene Ehrbegriffe zu argumentieren«, konstatierte Erich Weinert, der Präsident des Nationalkomitees, später. Als Hindernisse sah der kommunistische Schriftsteller Bedenken gegen Aktionen von feindlichem Boden aus, die den Offizieren den Vorwurf des Landesverrats einbringen würden. Und auch der ihnen jahrzehntelang eingetrichterte Antikommunismus und das daraus folgende Mißtrauen gegenüber dem NKFD als Propagandainstrument der sowjetischen Regierung waren so rasch nicht zu überwinden. Wenn es schließlich doch gelang, dann war das nicht zuletzt dem Wirken jener meist jüngeren Offiziere zu verdanken, die den schweren Weg der Erkenntnis schon hinter sich hatten. Bei ihnen handelte es sich um Mitglieder von in den Kriegsgefangenenlagern entstandenen Antifa-Aktivs, die nach Begegnungen und Gesprächen mit kommunistischen Emigranten sowie Vertretern der Sowjetarmee zu neuen Einsichten gelangt waren. Sie wurden in den der NKFD-Gründung folgenden Wochen in die Offizierslager gesandt, um für den neuen Bund zu werben. »Nach einem langen Weg des Denkens, Andersdenkens und Anderswerdens«, so Oberst Steidle in seiner Autobiographie »Entscheidung an der Wolga«, reifte allmählich auch bei etlichen höheren Offizieren die Bereitschaft, sich der Bewegung »Freies Deutschland« anzuschließen. Als dann selbst vier der rund 20 in Stalingrad gefangengenommenen Generale bekannten, keine Einwände gegen ein Mittun mehr zu haben, war der Weg zur Gründung des Offiziersbundes geebnet. 

Am 11. und 12. September 1943, einem Wochenende, war es soweit. In Lunowo bei Moskau versammelten sich 94 Delegierte aus fünf Gefangenenlagern für Offiziere sowie zivile Mitglieder des Nationalkomitees und weitere Gäste zur Gründung des »Bundes Deutscher Offiziere«. Wie aus dem Protokoll hervorgeht, nahmen zunächst mit den Obersten van Hooven und Steidle sowie Oberstleutnant Bredt Mitglieder der Initiativgruppe am Vorstandstisch Platz. Als Alterspräsident eröffnete Bredt die Versammlung. Er sprach den Sowjetbehörden Dank dafür aus, »daß sie gemäß Artikel 129 der Verfassung der UdSSR, die denjenigen Asylrecht gewährt, die einen nationalen Befreiungskampf führen, uns die Möglichkeit gaben, die heutige Konferenz einzuberufen«. Den zu gründenden Bund nannte er »ein geeignetes Mittel, um unser Ziel, den Rücktritt des Hitlerregimes, zu erreichen, den Friedenswillen des deutschen Volkes zu bekunden und dadurch zu einem baldigen Friedensschluß beizutragen«. 

Das Gebot der Stunde 

Anschließend nahm Oberst Hooven eine Bewertung der Lage aus militärischer, politischer und wirtschaftlicher Sicht vor. Zugleich erinnerte er an den nach der Niederlage von Stalingrad von Propagandaminister Joseph Goebbels ausgerufenen »totalen Krieg«. Sein Resümee: »Der totale Krieg ist total aussichtslos geworden. Seine Fortsetzung wäre daher unsinnig und unsittlich. An seinem Ende stehen völlige Vernichtung, Aufruhr, Kampf aller gegen alle, Blutbad, Teilung des Reiches, Zerstörung der Industrie und Wirtschaft, Hunger, Elend, Sklaverei. (...) Nur ein rechtzeitiger Friedensschluß kann an diesem voraussehbaren Schicksal etwas ändern, weil er das einzige Instrument bewahrt, das die Ordnung sichern und das Chaos verhindern kann: die deutsche Wehrmacht.« Da mit einem freiwilligen Rücktritt der Hitler und Co. nicht zu rechnen sei, bleibe Deutschland nur eine Wahl: »Entweder Krieg unter Hitler bis zur völligen Vernichtung oder Sturz des Regimes und Bildung einer neuen, starken nationalen Volksregierung. (...) Der Krieg muß sofort beendet, ein Waffenstillstand abgeschlossen und das deutsche Heer auf die Grenzen Deutschlands zurückgeführt werden.« Abschließend erinnerte van Hooven noch einmal an das Schicksal der 6. Armee, von der Hitler behaupten ließ, es gebe keine Überlebenden: »Heute erheben sich die Totgesagten und rufen auf zur Besinnung und Rettung des Vaterlandes in letzter Stunde. Und hierzu hat niemand ein größeres Recht als sie. Es lebe das freie, das unabhängige und friedliche Deutschland!« 

Nach ihm ergriff Oberst Steidle das Wort. Er zerpflückte die Legenden, die Hitler von sich selbst als »Mann der Vorsehung« schaffen ließ, geißelte dessen von Rassismus getragene Rechtsbrüche und die mit ihm einhergehende »sittliche Verrohung und Verwahrlosung aller Rechtsbegriffe«. Der »größte Feldherr aller Zeiten« habe sich damit selbst entlarvt. Es gibt daher nur eine Rettung: Los von Hitler!« 

Nach Steidle übernahm General Walther von Seydlitz den Vorsitz der Versammlung. Der Chef eines Armeekorps in Stalingrad referierte zum Thema »Rücktritt Hitlers - das Gebot der Stunde«. »Das Ziel ist, den Krieg bald zu beenden und einen ehrenvollen Frieden vorzubereiten. Die Beseitigung des Hitlerregimes ist die notwendige Vorbedingung. Sie ermöglicht, eine vom Vertrauen des Volkes getragene, friedensentschlossene Regierung zu bilden, in einem Waffenstillstand weitere sinnlose Blutopfer zu ersparen, als Beweis des Friedenswillens die Wehrmacht geordnet an die Grenze zurückzuführen und sie dem Volke zu erhalten. (...) Alle anderen Wege, vor allem die Fortsetzung des Krieges, führen in den Untergang.« Adolf Hitler habe das vom Volk in ihn gesetzte Vertrauen schmählich mißbraucht. »Der Kampf um die Befreiung Deutschlands und die Beendigung des Krieges erfordert den Zusammenschluß aller Kräfte, die guten Willens sind und die denselben Zielen zustreben. In erster Linie wollen wir daher unsere Kameraden, vom General bis zum letzten Flieger und Panzerschützen und bis zum letzten Grenadier und Kanonier, gewinnen und die Kampfkraft durch sie verstärken. Ohne Rücksicht auf Partei und Beruf, auf Klasse und Stand, auf konfessionelle und weltanschauliche Unterschiede soll das ganze deutsche Volk zu einer Einheitsfront zusammengeschlossen werden. Mit dem Nationalkomitee, das den Kampf bereits begonnen hat, wollen wir Schulter an Schulter fechten und uns in die Bewegung rFreies Deutschlandl zu gemeinsamem Vorgehen auf das gemeinsame Ziel einreihen.« 

Dann verlas der General den von der Initiativgruppe in Absprache mit sowjetischen Beratern vorgeschlagenen »Aufruf an die deutschen Generale und Offiziere, an Volk und Wehrmacht«. Ihm folgte Major Hermann Lewerenz, der »Aufgaben und Zielsetzung des Bundes Deutscher Offiziere« vorstellte. 

Nachdem beide Dokumente von allen anwesenden Deligierten unterzeichnet waren, wurden zum Abschluß des ersten Konferenztages die Führungsgremien des Bundes gewählt. Der 55jährige General von Seydlitz, Nachfahr früherer preußischer Generale, zu denen auch ein maßgeblicher Befürworter der historischen Konvention von Tauroggen im Jahr 1812, dem deutsch-russischen Bündnis gegen Napoleon, gehört hatte, wurde erwartungsgemäß an die Spitze des Offiziersbundes gewählt. Ebenfalls einstimmig erfolgte wie Wahl der Vizepräsidenten: Generalleutnant Alexander Edler von Daniels, einer der Divisionskommandeure von Stalingrad, sowie die Obersten van Hooven und Steidle. Zu den etwa 20 Vorstandsmitgliedern gehörten auch Dr. Otto Korfes und Martin Lattmann, die im Range eines Generalmajors in Stalingrad ebenfalls eine Division geführt hatten. 

Am zweiten Tag referierten zunächst Leutnant Adolf Greifenhagen über Propaganda, Presse- und Rundfunkarbeit und Oberstleutnant Gerhard Bechly zum Thema Betreuung und Werbung für den Bund in den Offiziersstammlagern. 

Ihnen folgte General Lattmann, der sich - zum Teil aus ganz persönlicher Sicht - mit Fragen des einst auf Hitler geleisteten Fahneneides auseinandersetzte. »Da wir der Ansicht sind, daß jeder weitere Kampf den Untergang unseres deutschen Volkes herbeiführt, sehen wir den unter ganz anderen Voraussetzungen geleisteten Eid gegenüber der Person Adolf Hitlers als nichtig an. (...) Er aber, dem wir diese Treue gelobten, machte diesen Eid zur Lüge; nun aber halten wir uns unserem Volke umso mehr verpflichtet.« 

»Schritt in Neuland« 

Für die bereits im Nationalkomitee vereinten Offiziere sprach danach Major Karl Hetz, Vizepräsident des NKFD. »Die Gründung des Nationalkomitees war für uns Offiziere ein Schritt in Neuland. Aber wir fürchteten diesen Schritt nicht, im Gegenteil, wir beschleunigten ihn. Unser Herz sprach zu uns, daß das deutsche Volk den Frieden will und den Frieden erkämpfen wird.« Namens der anwesenden Offiziere, die bereits Mitglieder des Nationalkomitees waren, bat er um deren Aufnahme in den »Bund Deutscher Offiziere«. Dieser Bitte wurde entsprochen und im Gegenzug bestätigt, daß das Präsidium des BDO den Antrag stellt, in das NKFD aufgenommen zu werden. 

Grußworte richteten anschließend auch Gefreiter Hans Zippel als im Juli 1943 gewähltes NKFD-Mitglied und Erich Weinert als Präsident des Nationalkomitees an die Delegierten. Wie Zippel, von Beruf kaufmännischer Angestellter, betonte, habe die gemeinsame Liebe zu Deutschland »alle äußeren Schranken, die bisher zwischen uns bestanden, niedergerissen und ein gemeinsames Wollen geboren. Die ernste Gefahr, in der Volk und Vaterland schweben, hat uns zum gemeinsamen Handeln bewegt.« Weiter führte er aus: »Jede echte Volksbewegung kann nur von unten kommen, aus dem Volke selbst. Unsere Bewegung ist eine solche Volksbewegung. Wir sehen hier in unserer nationalen Freiheitsbewegung eine wirklich breite Volksfront von links bis rechts. Hier steht der Kommunist mit dem Sozialdemokraten, dem Mann der bürgerlichen Mitte, dem Deutschnationalen und dem ehemaligen Nationalsozialisten in einer Front. Hier steht die Masse der parteilosen Arbeiter, Angestellten, Gewerbetreibenden, Unternehmer und Intellektuellen mit den Berufssoldaten und Berufsoffizieren zusammen. Sie alle geben der Bewegung die Stoßkraft, die den Sturz Hitlers und die Rettung Deutschlands herbeiführen soll. (...) Bewußt stellen wir heute viele unserer politischen und wirtschaftlichen Forderungen zurück und beschränken uns auf das Programm unserer Bewegung. Nur so, das wissen wir, ist die jetzt so bitter notwendige Einheit aller Deutschen herzustellen, um Volk und Reich zu retten. Wir haben das feste Vertrauen, daß Sie uns in diesem Kampf zur Rettung Deutschlands treue Kampfgefährten sein und gemeinsam mit uns alle Ihre Kraft einsetzen werden.« 

Für das Nationalkomitee begrüßte hernach sein Präsident Weinert die Gründung des Offiziersbundes und dessen angekündigten Anschluß an die Bewegung »Freies Deutschland«. »Wenn wir im Juli auch schon eine breite nationale Front geschaffen hatten, so vermißten wir mit großem Bedauern doch die Teilnahme jener Männer an unserem Kampfe, deren Stimme in der deutschen Wehrmacht ein besonderes Gewicht hat.« Die Gründung des BDO wertete Weinert als »Beweis dafür, daß niemand, der sein Vaterland wahrhaftig liebt, in dieser entscheidenden Stunde resignieren will, aber auch, daß niemand mehr an der Erkenntnis vorbeigehen kann, daß es nur einen Weg gibt - den das Manifest des Nationalkomitees vorgezeichnet hatte.« Voller Hochachtung sprach er vom bereits erwiesenen kameradschaftlichen, ja herzlichen Miteinander beider Organisationen, »nicht etwa um eines diplomatischen Kompromisses willen, sondern um alle diese lebendigen vaterlandsliebenden Kräfte zu einer wahren Kampfgemeinschaft zu sammeln. 

(...) Quittieren Sie den Dienst in der Hitlerarmee nun auch mit dem Herzen! Machen Sie aus dem eingelernten Haß gegen andere Völker den gerechten und edlen Haß gegen die Schänder des deutschen Namens, gegen ihre Fahnen und Embleme!« 

Zum Abschluß der Gründungstagung bekräftigte der Präsident des Offiziersbundes noch einmal die Verbundenheit mit den Vorkämpfern des Nationalkomitees: »Die Lauterkeit ihres Wollens, die Gemeinsamkeit unseres Weges und die Gleichheit des Endzieles binden uns unauflöslich zusammen.« 

Dies fand wenige Tage später auch organisatorisch Ausdruck, als am 14. und 15. September 1943 das Nationalkomitee »Freies Deutschland« zu einer Vollsitzung zusammenkam und dort den Anschluß des »Bundes Deutscher Offiziere« an das NKFD bekanntgab. Einstimmig wurden 18 zusätzliche Mitglieder in das bisher 38köpfige Nationalkomitee gewählt. Neben elf Vertretern des Offiziersbundes, darunter die Generale von Seydlitz, Edler von Daniels, Korfes und Lattmann, gehörten dazu mit Gerhard Klement, Max Emendörfer, Hans Gossens und Theo Grandy vier weitere Unteroffiziere bzw. 

Soldaten sowie der Schriftsteller Theodor Plivier und die emigrierten KPD-Mitglieder Hermann Matern und Rudolf Herrnstadt. Als Vizepräsidenten rückten von Seydlitz, Edler von Daniels und Emendörfer in das Führungsgremium des NKFD nach. 

Appell an Volk und Wehrmacht 

Richtschnur des Handelns blieb neben dem wiederholt genannten »Manifest des Nationalkomitees« zunächst der vom Offiziersbund beschlossene »Aufruf an die deutschen Generale und Offiziere, an Volk und Wehrmacht«. In dem von der Wochenzeitung Freies Deutschland am 18. September 1943 veröffentlichten Dokument wird u.a. hervorgehoben: »Jeder denkende deutsche Offizier versteht, daß Hitler den Krieg verloren hat. Das fühlt das ganze Volk. Das wissen auch die regierenden Kreise, die das Unheil heraufbeschworen haben. 

Hitler und sein Regime tragen vor der Geschichte die volle, ungeteilte Verantwortung für die verderblichen Fehlentscheidungen, die Deutschland dem Untergang entgegenführen, wenn Volk und Wehrmacht nicht rechtzeitig die Umkehr erzwingen. (...) Wir sprechen vor allem zu den Heerführern, den Generalen, den Offizieren der Wehrmacht. In Eurer Hand liegt eine große Entscheidung! Deutschland erwartet von Euch den Mut, die Wahrheit zu sehen und demgemäß kühl und unverzüglich zu handeln. Tut das Notwendige, damit es nicht ohne Euch oder gar gegen Euch geschehe! Das nationalsozialistische Regime wird niemals bereit sein, den Weg, der allein zum Frieden führen kann, freizugeben. Diese Erkenntnis gebietet Euch, dem verderblichen Regime den Kampf anzusagen und für die Schaffung einer vom Vertrauen des Volkes getragenen Regierung einzutreten.« 

Wenngleich auch dieser Appell weder in der Heimat noch bei den Führern der Wehrmacht oder den Truppen an der Front nennenswerten Widerhall fand, so vermochte er zumindest doch, in den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern weitere Mitstreiter zu gewinnen. Schon im September zählte der Offiziersbund bereits mehr als 500 Mitglieder, und im Oktober gehörten mit Arno von Lenski, Helmuth Schlömer und Carl Rodenburg auch drei weitere Stalingrad-Generale dazu. 

Ringen um eine »Seydlitz-Armee« 

Noch im September 1943 informierten Generalmajor Iwan Petrow als Leiter der Verwaltung für Kriegsgefangene und Internierte beim Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten der UdSSR und dessen Stellvertreter Nikolai Melnikow ihren Minister über einen Plan des BDO-Präsidenten. Demzufolge hatte Walther von Seydlitz vorgeschlagen, analog zu in der UdSSR bereits formierten Einheiten polnischer und tschechoslowakischer Antifaschisten aus dem Kontingent der deutschen Kriegsgefangenen ein Korps mit drei Divisionen und einer Stärke von insgesamt 30000 Freiwilligen zu bilden. Zudem sollten die Angehörigen der Frontorganisation des NKFD, die seit August im Aufbau begriffen war, für die Bildung von speziellen Kampfgruppen verantwortlich gemacht werden, die hinter den Frontlinien einzusetzen waren. Diese sollten im Hinterland Verbindung zu höheren Truppenkommandeuren aufnehmen und sie für gemeinsame Aktionen gegen die Hitlerregierung gewinnen. Außerdem sollten sie innerhalb der Wehrmacht für den Aufbau von Gruppen der Bewegung »Freies Deutschland« sorgen. 

Während solche Kampfgruppen mit kriegsgefangenen Soldaten und Offizieren tatsächlich nicht nur vereinzelt eingesetzt wurden, hielt sich die sowjetische Seite jedoch allezeit bedeckt, was die Bildung einer deutschen »Befreiungsarmee« betraf. Auch die wiederholt aus den Reihen des Offiziersbundes vorgetragene Bitte um Anerkennung des NKFD als eine Art deutscher Exilregierung fand in Moskau wenig Gegenliebe. Das geschah nicht zuletzt mit Rücksicht auf die westlichen Alliierten der Sowjetunion. Denen gegenüber sah man sich in der Pflicht, alles zu vermeiden, was auf irgendeine Art von Sonderbehandlung des erklärten Kriegsgegners hindeuten könnte. Aus diesem Grunde kam es auch nicht dazu, wie vom BDO vorgeschlagen, »eine zahlenmäßig kleine und kampfkräftige Armee aus den Kriegsgefangenen zu bilden, die bei der Machtergreifung von der neuen Regierung in Deutschland eingesetzt werden könnte«. 

Unabhängig davon absolvierten Generale und Offiziere sowie Vertreter der Mannschaftsdienstgrade und kommunistische Emigranten in den diversen Arbeitsgruppen von NKFD und BDO ein beträchtliches Arbeitspensum. Etwa im »Arbeitskreis für kirchliche Fragen«, bei der Erstellung von Flugblättern zur Frontpropaganda oder in den später geschaffenen Kommissionen zur Wirtschaft im »Dritten Reich«, zur deutschen Geschichte oder zur Umgestaltung des Unterrichtswesens im Nachkriegsdeutschland. 

In den Lagern für Kriegsgefangene trugen Bevollmächtigte der Bewegung gemeinsam mit den politischen Instrukteuren - zumeist deutsche Emigranten - zur Aufklärung der Insassen über das Wesen des Faschismus und die Ursachen des Hitlerkrieges bei. Weinert zufolge bekannten sich in einem der größten Mannschaftslager im Laufe eines Jahres nach anfänglich 4,5 Prozent (Juli 1943) schließlich im Juli 1944 über 90 Prozent der Soldaten und Unteroffiziere zum Nationalkomitee. In einem Offizierslager waren zum 1. 

November 1944 von 3373 Gefangenen 1100 Offiziere als Mitglieder des BDO registriert. 

Maßgeblichen Anteil an solchen Entwicklungen hatten insbesondere auch die Wochenzeitung Freies Deutschland und der gleichnamige Rundfunksender. In beiden Redaktionen wirkten neben kommunistischen Emigranten wie Anton Ackermann, Rudolf Herrnstadt, Hans Mahle, Alfred Kurella oder Wolfgang Leonhard auch namhafte Vertreter des Offiziersbundes wie Major Egbert von Frankenberg und Proschlitz, Hauptmann Ernst Hadermann oder die Majore Heinrich Homann und Herbert Stößlein. Mit militärpolitischen Betrachtungen und Lageeinschätzungen traten dabei immer wieder die BDO-Generale um Korfes, Lattmann oder von Lenski hervor, so daß die Zeitung vielfach schon scherzhaft als »Generalsanzeiger« bezeichnet wurde. 

Einsatz am Kessel 

Auch Walther von Seydlitz beschränkte sich nicht auf seine Tätigkeit in Lunowo, wo NKFD und BDO ihren Sitz hatten. Im Oktober/November 1943 begab er sich an einen Frontabschnitt bei der deutschen Heeresgruppe Nord, um dort den ihm bekannten Befehlshabern persönlich gehaltene Botschaften zukommen zu lassen. Darin informierte er die Wehrmachtskommandeure über die Ziele der Bewegung »Freies Deutschland« und, wenn auch noch ohne durchschlagenden Erfolg, über die Aussichtslosigkeit der Fortsetzung des Krieges. Kein halbes Jahr später eilte der BDO-Präsident erneut an die Front, und zwar an den Kessel von Tscherkassy bei Korsun-Schewtschenko in der Ukraine. In diesem Gebiet waren neun Wehrmachtsdivisionen sowie zwei SS-Verbände eingeschlossen worden. Auch hier ließ er Briefe von ihm wie von Korfes und Edler von Daniels an die Kommandeure übermitteln. Etwa 18000 Mann hatten die Kämpfe überlebt und sich in Gefangenschaft begeben. Während einigen tausend Eingekesselten der Ausbruch gelang, blieb allerdings die Mehrzahl auf dem Schlachtfeld zurück. 

Zu der Zeit hatten NKFD und BDO bereits nicht mehr eine Rückführung der Wehrmacht auf die Reichsgrenzen propagiert, sondern dazu aufgerufen, den Kampf einzustellen, die Waffen niederzulegen und auf die Seite des »Freien Deutschland« überzugehen. Spätestens seit der Konferenz von Teheran im Spätherbst 1943 stand schließlich die gemeinsame Forderung nach einer bedingungslosen Kapitulation Hitlerdeutschlands auf der Tagesordnung. Zum dritten Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion beschwor der BDO-Präsident seine noch immer weiterkämpfenden Generalskollegen, Verbindung mit dem Nationalkomitee aufzunehmen und den Krieg unverzüglich zu beenden. Sein Aufruf schloß mit den Worten: »Hitler muß fallen, damit Deutschland lebe!« 

Aufruf der 50 Generale 

Nach dem 20. Juli 1944 erfuhr die Bewegung einen beträchtlichen Zuwachs, vor allem in den Reihen der Kriegsgefangenen. Zuvor schon hatte mit Generalleutnant Vincenz Müller ein kommandierender Armeechef in der Heeresgruppe Mitte die Kampfhandlungen eingestellt und sich dem Offiziersbund zur Verfügung gestellt. Nach dem euphorisch begrüßten Attentat in der Wolfsschanze folgten noch im selben Monat weitere Generale, die in ihrem Aufruf vom 22. Juli Gehorsamsverweigerung, Einstellung des Kampfes und des sinnlosen Blutvergießens forderten. Nachdem Anfang August 17 Generale ihren Beitritt zum Offiziersbund erklärt hatten, folgte Mitte des Monats endlich auch das langwierig erkämpfte Ja von Generalfeldmarschall Friedrich Paulus zum BDO. Seinem Beispiel schlossen sich weitere hochrangige Truppenkommandeure an, so daß der Aufruf vom 8. 

Dezember 1944 an Volk und Wehrmacht zur sofortigen Beendigung des Krieges die Unterschriften von insgesamt 50 kriegsgefangenen Generalen trug. 

Doch auch deren meist späte Einsicht konnte die Katastrophe, die man fast zwei Jahre zuvor mit der Bildung des Nationalkomitees und des Offiziersbundes noch zu vermeiden trachtete, nicht verhindern. Aber man darf dem NKFD wie dem BDO zugute halten, bis zu ihrer von Moskau angeordneten Selbstauflösung im November 1945 Zehntausenden deutschen Soldaten und Offizieren einen Weg zum Überleben gewiesen zu haben. 

Peter Rau schrieb zuletzt an dieser Stelle am 12. Juli 2013 über die Gründung des Nationalkomitees »Freies Deutschland«. 

 

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