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Grundfrage der Bewegung – ungelöstAbschaffung des Privateigentums, Aneignung der Welt und Welteigentum. Gedanken zum 160. Jahrestag des »Kommunistischen Manifests« Thomas Kuczynski In: junge Welt vom 22.02.2008
Im Schlußteil des »Kommunistischen Manifests« stellen dessen Verfasser fest: In allen revolutionären Bewegungen heben die Kommunisten »die Eigentumsfrage, welche mehr oder minder entwickelte Form sie auch angenommen haben möge, als die Grundfrage der Bewegung hervor.«1 Das Gros der Vordenker der »Linken«, dieser in vielen deutschen Parlamenten sitzenden Partei, stellt die Wahrheit dieses Satzes seit Jahren in Abrede und meint, es genüge, die »Verfügung« über das Eigentum »sozialen Kriterien« zu unterwerfen. Damit sind diese »Vordenker« ganz auf der Höhe von Sankt Max (vulgo: Max Stirner) angelangt, der in seinem Hauptwerk »Der Einzige und sein Eigentum« meinte: »Das Privateigentum lebt von der Gnade des Rechts.«2 Überdies bleibt zu fragen: Was sind denn die sozialen Kriterien? Vom Standpunkt der Moralität mag man ja Profitabilität ein asoziales Kriterium nennen, aber das ändert nichts daran, daß sie, die Profitabilität, in dieser Gesellschaft ein sozialökonomisches Kriterium ersten Ranges ist. Wer diese Rangordnung grundlegend ändern will, kommt an der Grundfrage nicht vorbei. Und das weiß – im Gegensatz zu den »Vordenkern« – niemand besser als die Bourgeoisie dieses Landes. Deshalb hatte sie ihre Regierung im »Einigungsvertrag« den Grundsatz »Rückgabe vor Entschädigung« festschreiben lassen und damit die juristische Grundfrage aller Eigentumsverhältnisse politisch für sich entschieden. Das Interessante ist aber meiner Meinung nach, daß die Grundfrage auch in einem ganz anderen Sinne »Grundfrage der Bewegung« ist, in dem Sinne nämlich, daß wir keine Antwort auf sie haben. Gewiß »können die Kommunisten ihre Theorie in dem einen Ausdruck: Aufhebung des Privateigentums, zusammenfassen«3 – aber was hat an seine Stelle zu treten? Was also ist die positive Antwort auf die Grundfrage der Bewegung? Wer die Frage mit dem Hinweis auf die »Vergesellschaftung der Produktionsmittel« beantworten will, verschiebt sie nur: Was ist Vergesellschaftung? Bevor wir uns dieser Frage zuwenden, ist es vielleicht vonnöten, in Erinnerung zu rufen, daß es mannigfache Eigentumsformen gibt, unter denen das Privateigentum nur eine und zudem eine historisch sehr spät auftauchende ist. Deshalb meinten die Verfasser des Manifests auch, daß das, was die kommunistische Bewegung auszeichne, »nicht die Abschaffung des Eigentums überhaupt, sondern die Abschaffung des bürgerlichen Eigentums« (d. h. des Privateigentums) sei.4 Aneignung durch Raub Nun ist im Lateinischen (wie im Italienischen) »privato« Partizip Perfekt des Verbs »privare«, rauben, ergo substantiviert ins Deutsche zu übersetzen mit: Das Geraubte. Mithin ist es, zumindest vom Worte her, eine ganz spezifische Form der Aneignung, die das Privateigentum erzeugt – der Raub. In diesem Sinne formulierte der englische utopische Sozialist John Bray (1809–1895), daß »die ganze Transaktion zwischen Produzent und Kapitalist (...) faktisch in Tausenden von Fällen nichts anderes als unverschämter, wenngleich gesetzlich sanktionierter Raub (barefaced though legalised robbery)« sei.5 Wem nun alles Eigentum als Privateigentum gilt, der kann auch mit Brissot, Leroux, Proudhon und all den andern Vorläufern des Anarcho-Kommunismus sagen: »Eigentum – das ist Diebstahl« oder, vom entgegengesetzten Standpunkt aus, aber ebenso ahistorisch, von den Segnungen des Privateigentums, der Privatinitiative usw. reden. Gewiß hat nicht das Staatseigentum an die Stelle des Privateigentums zu treten, denn es ist, auch und gerade nach realsozialistischer Erfahrung, nichts anderes als das auf die Spitze getriebene Privateigentum: Einen Eigentümer nur noch gibt es, den Staat. So waren beispielsweise, angefangen mit der Sowjetunion, alle Mitgliedsländer des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW – Comecon) ökonomisch so ausgerichtet, daß sich ihre Regierungen in Verhandlungen prinzipiell im Interesse »ihrer« Staaten als Privateigentümer gegeneinander verhielten. Von einer wie auch immer gearteten internationalen Solidarität konnte da nicht die Rede sein. Zwar formulierte Engels im »Anti-Dühring« vorsichtig-optimistisch: »Das Staatseigentum an den Produktivkräften ist nicht die Lösung des Konflikts, aber es birgt in sich das formelle Mittel, die Handhabe der Lösung«.6 Aber im nachhinein müssen wir feststellen: Das formelle Mittel hat dem realen Zweck nicht genügt. Eine zweite Möglichkeit wurde von Marx 1864 gar schon als »Sieg der politischen Ökonomie der Arbeit über die politische Ökonomie des Kapitals« gefeiert: »Wir sprechen von der Kooperativbewegung, namentlich den Kooperativfabriken, diesem Werk weniger kühnen ›Hände‹ (hands). Der Wert dieser großen Experimente kann nicht überschätzt werden. Durch die Tat, statt durch Argumente, bewiesen sie, daß Produktion auf großer Stufenleiter und im Einklang mit dem Fortschritt moderner Wissenschaft vorgehen kann ohne die Existenz einer Klasse von Meistern (masters), die eine Klasse von ›Händen‹ anwendet; daß (...) die (...) Lohnarbeit nur eine vorübergehende und untergeordnete gesellschaftliche Form ist, bestimmt zu verschwinden vor der assoziierten Arbeit, die ihr Werk mit williger Hand, rüstigem Geist und fröhlichen Herzens verrichtet.«7 Zweierlei Gegner Auch dies war offenbar eine heroische Illusion; das hat uns nicht nur das Schicksal der Genossenschaftsbewegung im Kapitalismus gezeigt, sondern ebenso das des auf dem Gruppeneigentum basierten Sozialismus in Jugoslawien oder das der Kommunen in China. Sehen wir von den an den Staat zu entrichtenden Steuern ab, so verblieben diese Kleinassoziationen entweder auf einem mehr oder minder subsistenzwirtschaftlichen, einem nur scheinbar sich selbst genügenden Niveau, das im realen Konkurrenzkampf dem Privateigentum letztlich immer wieder unterlag und unterliegen mußte, oder sie setzten sich in Konkurrenz mit anderen Kleinassoziationen gegen diese durch und verwandelten sich auf diese Weise in bloß formell assoziiertes, aber reell privatwirtschaftliches Eigentum. Über kurz oder lang ist von »der assoziierten Arbeit, die ihr Werk mit williger Hand, rüstigem Geist und fröhlichen Herzens verrichtet« nichts mehr als die schöne Erinnerung an die wilden Jahre revolutionärer Romantik geblieben. Das Nämliche gilt für die ökosozialen Gemeinden neueren Datums – auch dort wird letztlich wieder, aus dem »Manifest« zu zitieren, »kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen, als das nackte Interesse, als die gefühllose bare Zahlung«, werden »die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt«.8 Aber geben wir uns keinen Illusionen hin. Marx und Engels haben sich zwar zumeist und zu recht sehr wohl davor gehütet, konkrete Vorstellungen darüber zu entwickeln, auf welcher Ebene denn die von ihnen postulierte »Assoziation freier Produzenten« anzusiedeln sei, aber diese wenigen Aussagen zeigen – meines Erachtens – sehr deutlich, daß auch sie ziemlich »kleinteilig« dachten. Zwar verlachten sie im »Manifest« die Stiftung einzelner Phalanstère, die Gründung von Home-Kolonien, die Errichtung eines kleinen Ikariens (»Phalanstère war die Bezeichnung für die von Charles Fourier geplanten sozialistischen Kolonien; Ikarien nannte Cabet seine Utopie und später seine kommunistische Kolonie in Amerika« - Anmerkung von Engels zur englischen Ausgabe von 1888, d. Red.), aber ihr ebenda formulierter Katalog an Forderungen bewegte sich samt und sonders auf der nationalstaatlichen Ebene, ebenso ihre Aussage, daß das »Proletariat eines jeden Landes (...) natürlich zuerst mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig werden« müsse.9 Genau diese Aussage jedoch wurde durch den Gang der realsozialistischen Revolution widerlegt, denn in all diesen Ländern war man zwar mit der eigenen Bourgeoisie fertig geworden, aber nicht mit der »fremden«, jener, die auch weiterhin diese eine Weltwirtschaft dominierte und den Realsozialismus besiegt hat. »Universelle Revolution« Die kurz zuvor von Engels verfaßten »Grundsätze des Kommunismus« enthielten noch die Feststellung, »die kommunistische Revolution« werde »keine bloß nationale«, sondern »eine in allen zivilisierten Ländern, d. h. wenigstens in England, Amerika, Frankreich und Deutschland gleichzeitig vor sich gehende Revolution sein«, ergo: »Sie ist eine universelle Revolution und wird daher auch ein universelles Terrain haben.«10 Diese Prognose, 1926 von Stalin als falsch verworfen,11 hat sich zumindest in dem Sinne als die richtige erwiesen, daß eine kommunistische Revolution auf nicht-universellem Terrain letztlich zum Scheitern verurteilt ist. Wer heute von globaler Revolution spricht und sie nicht allein im technokratischen Sinne verstanden wissen will, meint nichts anderes als eben Engels' universelle Revolution auf universellem Terrain, also das, was zu Lenins Zeiten politisch mit dem Terminus Weltrevolution ausgesagt worden ist. Was aber bedeutet das für unsere Antwort auf die Grundfrage der Bewegung? Eine über das Staatseigentum als formelles Mittel hinausgehende Lösung, so meinte Engels im »Anti-Dühring«, »kann nur darin liegen, daß die gesellschaftliche Natur der modernen Produktivkräfte tatsächlich anerkannt, daß also die Produktions-, Aneignungs- und Austauschweise in Einklang gesetzt wird mit dem gesellschaftlichen Charakter der Produktionsmittel. Und diese kann nur dadurch geschehn, daß die Gesellschaft offen und ohne Umwege Besitz ergreift von den, jeder andern Leitung außer der ihrigen, entwachsenen Produktivkräften.«12 Es ist sonnenklar, daß die globalen Probleme – ich nenne hier nur Stichworte: Klimakatastrophe, Bevölkerungswachstum, Energieversorgung, Ernährung, Gesundheit, Bildung usw. – allein auf globaler Ebene lösbar sind, daß also die Weltgesellschaft »offen und ohne Umwege Besitz ergreift« und ergreifen muß »von den, jeder andern Leitung außer der ihrigen, entwachsenen Produktivkräften«. Nichts einfacher als der Schluß, daß die Lösung der Grundfrage in der Schaffung eines »Welteigentums« läge. Aber wie wäre dies zu realisieren, wie gelangen wir in der Wirklichkeit, also nicht bloß intellektuell, zu dieser Lösung? Soll dieser heutzutage heillos zerstrittenen Weltgesellschaft eine mit Computern ausgestattete Weltregierung vorgesetzt werden, die aufgrund ihrer Allwissenheit die Probleme schon lösen wird? Eine kindische Vorstellung ... Zumindest erinnert die vorgestellte Lösung allzusehr an die bekannte Klage von Carl Friedrich Gauß, dem großen Mathematiker, daß er längst Resultate habe, aber nicht wisse, wie er zu ihnen gelangen solle. Über die wirkliche Lösung ist also weiter nachzudenken, und die Grundfrage der Bewegung steht daher weiter auf der Tagesordnung. Von vorn beginnen Allem realhistorischen Scheitern zum Trotz muß auch weiterhin nach Eigentumsformen gesucht werden, in denen das Privateigentum aufgehoben ist in jenem dreifachen Sinne, daß es beseitigt, bewahrt und auf eine höhere Stufe gehoben ist. Denn die Fortexistenz des Privateigentums ist die materielle Basis der durch und durch aktuellen Feststellung Walter Benjamins: »Daß es ›so weiter‹ geht, ist die Katastrophe.«13 Wer aber der Katastrophe sich entgegenstellen will, ohne dabei im Kampf gegen Windmühlen zugrunde zu gehen, muß klug zu Werke gehen, in gewisser Weise klüger als seine Vorgänger, zumindest in dem Sinne, wie es George Herbert schon 1640 formuliert hat: »Ein Zwerg auf eines Riesen Schulter sieht von den beiden weiter« – wenn der Zwerg denn sieht und nicht bloß glotzt.14 Wer nach Alternativen sucht, und das nicht kontemplativ, also letztlich apolitisch, wird zumeist und sofort mit der Frage nach dem revolutionären Subjekt konfrontiert, also danach gefragt, wer eigentlich die vorgestellte Lösung realisieren kann und soll. Mir scheint, daß genau diese Fragestellung in Frage zu stellen ist. Sie ist, ob wir das wollen oder nicht, auf jenem Niveau angesiedelt, wo »der Geist« oder »die Führung« Pläne entwickelt und sich umschaut, wer sie in die Tat umsetzen könne. Auf diese Weise aber wird das nachgefragte revolutionäre Subjekt zum bloßen Mittel degradiert, von anderen ausgedachte Zwecke zu realisieren. Es ist dies die alte sozialdemokratische Vorstellung, die kein anderer als Lenin bestens in der bekannten Feststellung zusammengefaßt hat, »das politische Klassenbewußtsein (könne) dem Arbeiter nur von außen gebracht werden« und daher wäre »den Arbeitern politisches Wissen zu vermitteln.«15 Dem gegenüber steht die Behauptung Rosa Luxemburgs, »daß die proletarische Masse keine ›Führer‹ im bürgerlichen Sinne braucht, daß sie sich selbst Führer ist.«16 Versuchen wir daher, von vorn zu beginnen, ganz von vorn, mit der (unvollendet gebliebenen) Einleitung zu den »Grundrissen« von Marx: »Alle Produktion ist Aneignung der Natur von seiten des Individuums innerhalb und vermittelst einer bestimmten Gesellschaftsform. In diesem Sinn ist es Tautologie, zu sagen, daß Eigentum (Aneignen) eine Bedingung der Produktion sei«, eine Aussage, die er sogleich wiederholt und verschärft: »Daß aber von keiner Produktion, also auch von keiner Gesellschaft die Rede sein kann, wo keine Form des Eigentums existiert, ist eine Tautologie. Eine Aneignung, die sich nichts zu eigen macht, ist contradictio in subjecto« (ein Widerspruch im Begriff des Gegenstandes selbst).17 Für und durch den Menschen Daß nur das unser Eigentum ist, was wir uns angeeignet haben, scheint trivial und mit der Grundfrage wenig zu tun zu haben. Insbesondere scheint diese Trivialität nicht die vorgelegte Frage zu beantworten, wie sich denn die Weltgesellschaft die Welt in dem Sinne aneignen kann, daß ein Welteigentum konstituiert wird. Das ist richtig, aber blättern wir noch ein wenig weiter in der Einleitung, dann stoßen wir tatsächlich auf eine Aussage über die Aneignung der Welt, die jedoch den unbestreitbaren Nachteil hat, daß dort nicht von Eigentum die Rede ist, sondern von wissenschaftlicher Erkenntnis: Diese sei nämlich ein »Produkt des denkenden Kopfes, der sich die Welt in der ihm einzig möglichen Weise aneignet, einer Weise, die verschieden ist von der künstlerisch-, religiös-, praktisch-geistigen Aneignung dieser Welt«.18 Und in der Tat: Auf der Ebene des Geistes eignet sich jedes Individuum die Welt an, ob nun wissenschaftlich, künstlerisch, religiös oder praktisch. Ob dies Individuum nun Physikerin oder Komponist, Pastorin oder Mechaniker ist – sie alle haben ein Bild von dieser Welt, ein Weltbild, und dies Weltbild, wie falsch oder richtig, sei völlig dahingestellt, ist Resultat ihrer geistigen Aneignung der Welt. Ein Blick in die Literatur belehrt uns jedoch, daß die Frage, ob geistige Aneignung und Eigentum im ökonomischen Sinne vielleicht etwas miteinander zu tun haben, faktisch außerhalb jeder Diskussion verblieben ist.19 Der Zusammenhang ist aber von Marx selbst ausgesprochen worden; in den »Ökonomisch-philosophischen Manuskripten« von 1844 ist »der Kommunismus als positive Aufhebung des Privateigentums« für ihn zugleich »die sinnliche Aneignung des menschlichen Wesens und Lebens, des gegenständlichen Menschen, der menschlichen Werke für und durch den Menschen, nicht nur im Sinne des unmittelbaren, einseitigen Genusses zu fassen, nicht nur im Sinne des Besitzens, im Sinne des Habens. Der Mensch eignet sich sein allseitiges Wesen auf eine allseitige Art an, also als ein totaler Mensch. Jedes seiner menschlichen Verhältnisse zur Welt, Sehn, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen, Denken, Anschauen, Empfinden, Wollen, Tätigsein, Lieben, kurz, alle Organe seiner Individualität, wie die Organe, welche unmittelbar in ihrer Form als gemeinschaftliche Organe sind, sind in ihrem gegenständlichen Verhalten oder in ihrem Verhalten zum Gegenstand die Aneignung desselben, die Aneignung der menschlichen Wirklichkeit; ihr Verhalten zum Gegenstand ist die Betätigung der menschlichen Wirklichkeit«.20 Natürlich klingt das alles sehr euphorisch. Aber immerhin, der Verfasser war gerade 25 Jahre alt, und in seinem jugendlichen Überschwang meinte er denn auch ganz in diesem Sinne: »Er«, der Kommunismus, »ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung.«21 Jedoch, vielleicht ist auch dieser Euphorie mehr als ein altkluges Belächeln abzugewinnen. Das Individuum eignet sich die Welt geistig an, und das Resultat dieser Aneignung ist sein Weltbild. Dies Weltbild ist keine »Theorie des Weltganzen«, sondern lediglich eine mehr oder minder gut gelungene Annäherung an eine solche. Jedes Individuum verfügt über ein solches Weltbild, auch wenn es das selber vielleicht in Abrede stellen wird. Aber zugleich verfügt es nicht über all das, was die Gesamtheit aller Individuen, die Gesellschaft, sich geistig angeeignet hat. Die Differenz zwischen beidem mag kleiner oder größer sein, sie ist und bleibt stets vorhanden. Kein Mensch kann alles wissen – dieser Satz gilt im doppelten Sinne, eben auch in jenem, daß kein Individuum all das wissen kann, was andere Individuen schon wissen. Jedoch ist es sehr viel einfacher, sich das geistig anzueignen, was schon als Resultat der geistigen Aneignung durch andere zur Verfügung steht. Jedes Schulkind lernt heute die Grundzüge der Newtonschen Physik, eignet sich also einen Teil dessen geistig an, was ursprünglich das Resultat der geistigen Aneignung durch andere gewesen. Deshalb kann unter Umständen der Zwerg auf den Schultern eines Riesen weiter sehen als dieser, weiß das Schulkind in bestimmter Beziehung mehr als das Genie. Was auf der Ebene der geistigen Aneignung, unter welch enormen Schwierigkeiten und mit welch großen Rückschlägen auch immer, sich tagtäglich vollzieht, ist auf der Ebene der wirklichen Aneignung dieser Welt noch zu leisten. Aber daß die Individuen überhaupt in der Lage sind, sich die Resultate von Weltkultur und Weltwissenschaft anzueignen, sich zu eigen zu machen, sollte Anlaß genug sein, die wirkliche Aneignung dieser Welt nicht in das Reich der schönen Phantasie zu verbannen, sondern über die Möglichkeiten ihrer Realisierung nachzudenken. Die Grundfrage der Bewegung steht also weiterhin auf der Tagesordnung. 1 MEW 4: 493 (Marx/Engels: Das Kommunistische Manifest) 2 Siehe MEW 3: 345 (Marx/Engels: Die deutsche Ideologie) 3 MEW 4: 475 4 Ebenda 5 Siehe MEW 4: 100 (Marx: Das Elend der Philosophie) 6 MEW 20: 260 bzw. MEGA I. 27: 443 (Engels: Anti-Dühring) 7 MEW 16: 11 f. bzw. MEGA I. 20: 24 (Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation) 8 MEW 4: 464 f. 9 MEW 4: 473 10 MEW 4: 374 f. 11 Siehe Stalin, Werke 8: 221-223 (Über die sozialdemokratische Abweichung in unserer Partei) 12 MEW 20: 260 bzw. MEGA I. 27: 443 f. 13 Benjamin, Werke 5: 592 (Thesen zur Geschichte) 14 Diese notwendige Ergänzung fehlt in dem wunderbaren Buch von Robert K. Merton: Auf den Schultern von Riesen. Ein Leitfaden durch das Labyrinth der Gelehrsamkeit. Frankfurt/Main 1989, S. 22. 15 Lenin, Werke 5: 436 (Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung) 16 Luxemburg, Werke 3: 42 (Wieder Masse und Führer) 17 MEW 13: 619 bzw. MEGA II. 1.1: 25 18 MEW 13: 633 bzw. MEGA II. 1.1: 37 19 Vgl. z. B. die Artikel »Aneignung« und »Eigentum« im »Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus« Eine rühmliche Ausnahme ist das Buch von Werner Röhr: Aneignung und Persönlichkeit. Berlin/DDR 1979 20 MEW 40: 536 u. 539f . bzw. MEGA I. 2: 389 u. 392 21 MEW 40: 536 bzw. MEGA I. 2: 389 ________________________________________________
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