Dialektik der Vernunft

Debatte. Moralität und Historizität, eine Begriffsverwirrung. Anmerkungen zur aktuellen Kommunismus-Diskussion

Hans Heinz Holz

In: junge Welt vom 02.02.2011

(Gegenposition von Hans-Peter Brenner, Nina Hager und Robert Steigerwald hier)

 

Am 3. Januar veröffentlichten wir zur Vorbereitung der XVI. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz an dieser Stelle einen Beitrag über »Wege zum Kommunismus« von Gesine Lötzsch, Vorsitzende der Partei Die Linke. Der Artikel hat in den Mainstreammedien für einige Aufregung gesorgt. Mit dem Verweis auf die »Verbrechen des Kommunismus«, der in kaum einem Bericht fehlte, wurden Lötzsch und ihre Partei massiv angegriffen - in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau war in diesem Zusammenhang sogar die Rede von »roten Faschisten«. Auch in der Linken wurde die jüngste Kommunismus-Debatte durch die Bewertung des historischen Sozialismus bestimmt. jW hat einen Teil der Reaktionen dokumentiert. Der folgende Text des Philosophen Hans Heinz Holz bezieht Stellung zu einigen der aufgeworfenen Fragen.

Daß die Gysi, Bisky, Ernst und ihr Anhang in der Linkspartei auch keinen von seinem revolutionären Kern entsteinten Kommunismus wollen, liegt auf der Hand, obwohl sie zum Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die doch wahrlich revolutionär dachten und handelten, nach Friedrichsfelde mitmarschieren; wer auf diese Bauernfängerei hereinfällt, ist selber schuld. Da kann man Gesine Lötzsch die Sympathie nicht versagen, daß sie wenigstens einen mit Sozialdemokratie verwechselten Kommunismus noch als Fernziel bedenkt - das ist zwar in der Sache der altbekannte reformistische Irrweg und trennt sie um keinen Schritt von der opportunistischen Politik ihrer Parteifreunde, unterscheidet sich aber doch zum mindesten von dem antikommunistischen Geheul der Meute.

Schlimm ist es aber, wenn ein renommierter Historiker, einst Professor in der DDR, jetzt für seine Partei, Die Linke, das Recht auf Disput einfordert, aber sofort mit der Einschränkung, »wir nehmen davon einzig jene Minderheit sich fälschlich als Linke verstehender Leute aus, die entweder unverbesserliche Stalinisten sind oder einfach Spinner, Selbstdarsteller, Krawallmacher, Provokateure ohne vernünftiges Ziel« (jW vom 12.1.2011). Kollege Kurt Pätzold ist zwar Zeithistoriker, er hat in jenen Jahren aber nicht in der BRD gelebt, als mit dem gleichen Wortlaut Diskussions- und Berufsverbote ausgesprochen und ganze Lebensläufe zerstört wurden. Ein Zeithistoriker, der das Wort »Barbarei« gleichermaßen für den deutschen Faschismus und den Aufbau der Sowjetunion unter Stalin gebraucht (jW-Thema vom 28.1.2011), stellt sich auf das Niveau und in den Dienst der primitivsten bürgerlichen Ideologieformel Rot gleich Braun. Er hat den Sinn des Wortes bei Rosa Luxemburg nicht begriffen, ja er hat überhaupt keinen Begriff von gesellschaftlichen Zuständen. Ein rückständiges Land, in dem in zwanzig Jahren der Bildungsstand der entwickelten modernen Welt erreicht wurde, ein Land, in dem unter den Bedingungen allgemeiner Kargheit für jeden Arbeitsplätze und Auskommen, Alters- und Gesundheitsvorsorge gesichert waren, ein armes Land, in dem die Kriminalität minimalisiert wurde (um nur einige Aspekte zu nennen), als Barbarei zu bezeichnen, weil bei der rigiden Durchführung der Neuordnung auch vieles Unrecht geschehen ist, zeugt nicht von historischem Urteil. Ich zitiere als Argumentationshilfe einen der großen Staatsdenker der vorigen Epoche, Georg Wilhelm Friedrich Hegel:

»Die Entwicklung ist auf diese Weise nicht das harmlose und kampflose bloße Hervorgehen, wie die des organischen Lebens, sondern und ferner ist sie nicht bloß das Formelle des Sich-Entwickelns überhaupt, sondern das Hervorbringen eines Zweckes von bestimmtem Inhalte (...) Ein welthistorisches Individuum hat nicht die Nüchternheit, dies oder jenes zu wollen, viel Rücksichten zu nehmen, sondern es gehört ganz rücksichtslos dem einen Zwecke an. So ist es auch der Fall, daß sie andere große, ja heilige Interessen leichtsinnig behandeln, welches Benehmen sich freilich dem moralischen Tadel unterwirft. Aber solche große Gestalt muß manche unschuldige Blume zertreten, manches zertrümmern auf ihrem Wege.« (Hegel, Werke Band 12, S. 76 und 49)1

Revolution und Klassenkampf

Es ist utopistisch, die Vorstellungen von Marx und Engels, wie eine kommunistische Gesellschaft aussehen könne, bereits auf die Zeit der Revolution zu übertragen, die zu den Anfängen dieser neuen Stufe der Menschheitsentwicklung führen soll. Die Revolution ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein Prozeß, der durch den härtesten Klassenkampf bestimmt ist. Die sozialistische Revolution beginnt mit dem Oktober 1917. Die Zeit des »Stalinismus« ist die Periode der Konsolidierung der politischen Macht, die Periode eines ungeheuren gesellschaftlichen Umbaus und Aufbaus. Der Klassenkampf auf dem Lande mobilisierte die bäuerlichen Massen gegen Großbauern und feudalen Großgrundbesitz. Lenin hat darin den entscheidenden Faktor für den Sieg der neuen Ordnung in Rußland gesehen, so auch zwanzig Jahre später in China Mao Tsetung. Problematischer war die zweite Front des Klassenkampfs gegen das Kleinbürgertum. Die Arbeiterklasse war noch nicht stark genug, das weitverzweigte Netz staatlicher Organisation und Administration in dem riesigen Reich zu übernehmen. Sie mußte sich des Knowhows der kleineren und mittleren Bourgeoisie bedienen. Lenin hat schon gleich nach der Revolution 1918 auf diesen Widerspruch hingewiesen. Die revolutionäre Umwälzung konnte nur gesichert werden, wenn auf der Ebene der Verwaltung, deren Personal doch mehrheitlich kleinbürgerlich blieb, eine strenge politische Kontrolle ausgeübt wurde. Das war die Funktion der Diktatur des Proletariats, und sie bedurfte der klaren Organisationsform der Kommunistischen Partei.

Hunderttausende suchten nach dem Sieg der Revolution Anschluß an die Bolschewiki, zum Teil überzeugt und begeistert von der Notwendigkeit des Neuen, zum Teil aus opportunistischer Anpassung an die Macht. Die wenigsten davon waren oder wurden theoretisch geschulte Marxisten, die wenigsten auch von einem neuen Klassenbewußtsein durchdrungen. Einstellungen, Verhaltensweisen, Erwartungen kamen aus dem alten Milieu. Das war das des zaristischen Repressionsapparats. Sowohl die Ausübung wie die Hinnahme von Herrschaft wurden dadurch geprägt. Gegensätzliche Konzepte des Staatsaufbaus trafen aufeinander - es bildeten sich Fraktionen, die die Einheit von Staat und Partei bedrohten.

Und draußen stand der Feind, hochgerüstet und aggressiv.

Er versuchte, Gegensätze zu schüren, Herde der Konterrevolution zu bilden, Sabotage zu treiben, Grenzkonflikte anzustacheln. Es gibt keine Epoche in der Weltgeschichte, in der eine solche Situation nicht mit harten Maßnahmen der Gegenwehr beantwortet worden wäre und in der nicht auch Unschuldige ihnen zum Opfer fielen. Die ihre Herrschaft bedroht fühlten oder die verlorene zurückgewinnen wollten, haben nicht vor extremer Brutalität zurückgeschreckt.

In ihren Schriften zur Pariser Kommune haben Marx und Lenin zwar das humanitäre Ethos der Kommunarden herausgestellt - aber ihre grundsätzliche Kritik besagt, daß die Utopie von Gewaltlosigkeit ihre Verteidigung hilflos machte.

Dreißigtausend von der Soldateska Mac-Mahons hingemordete Pariser, Kommunarden oder auch nicht, zahlten mit ihrem Leben für diese Utopie. Hans-Günter Szalkiewicz hat recht, wenn er in einer Kritik an der Stellungnahme des DKP-Präsidiums vom 12.Januar zu antikommunistischen Hetzartikeln, die in der Frankfurter Rundschau sowie in der Berliner Zeitung erschienen waren, schreibt: »Die Gründung der ersten Arbeiter- und Bauernmacht in der Geschichte und das Entstehen zahlreicher kommunistischer Parteien hatten Verfolgungs- und Strafexpeditionen von bisher ungekanntem Ausmaß zur Folge. Millionen von Kommunisten und des Kommunismus Verdächtigter wurden abgeschlachtet. Keine Kapitalfraktion war dabei mörderischer als die deutsche. Wer überleben wollte, hatte im Kampf nicht die Wahl der Mittel.« Das galt so schon für die »räuberischen und mordbrennerischen Bauern« (Luther) des Bauernkriegs, für die Pariser Kommunarden oder sollte später für die Million ermordeter indonesischer Kommunisten nach dem Militärputsch von 1966 gelten.

In sich widersprüchlicher Fortschritt

Zwei Revolutionen der Moderne, die bürgerliche des Sturms auf die Bastille bis zu der Schlacht von Waterloo, die sozialistische des Sturms auf das Winterpalais bis zum XX. Parteitag, haben der Gesellschaft jeweils einen mächtigen Fortschrittsimpuls gegeben. Vergessen wir nicht, wieviele Opfer der kapitalistische Aufbau einer modernen Industriegesellschaft gekostet hat. Dennoch war die Periode ein in sich widersprüchlicher Fortschritt, denn sie brachte ein neues Verhältnis des Menschen zur Natur hervor, mit der Konsequenz einer beträchtlichen Steigerung des Lebensstandards auch der einfachen Bevölkerung. Daß damit zugleich die Gefahr der Naturzerstörung heraufbeschworen und gebändigt werden mußte, haben schon Marx und Engels gesehen und ausgesprochen. Sie haben auch deutlich gemacht, daß dies unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen nicht geschehen kann. Unrecht gegen Menschen und Verstöße gegen die Überlebensbedingungen der Natur werden von einzelnen Menschen begangen, aber sie sind Ausfluß einer gesellschaftlichen Struktur, in der der Einzelne nur ein Moment darstellt. »Das Partikuläre ist meist zu gering gegen das Allgemeine, die Individuen werden aufgeopfert und preisgegeben.« (Hegel) Aber den Individuen ist getanes Unrecht zuzurechnen, sie tragen jedes für seine Handlung die Verantwortung. Das ist die Forderung der Moral, der unverzichtbare Anteil der Moralität an der Geschichte.

Gegen ein durch politische Macht sanktioniertes Unrecht individuell Widerstand zu leisten, ist moralisch wertvoll und politisch sinnvoll, wenn es den Anstoß zu kollektiver Bewußtseinsbildung gibt- für sich allein bleibt es wirkungslos. Politisches Handeln ist organisiertes Handeln von Gruppen oder Massen. Gerade dann geht es aber meistens nicht um Recht oder Unrecht, sondern um Interessen und um Durchführung von Konzeptionen und Zielen, und jede Gruppe ist von der Richtigkeit ihrer Auffassungen überzeugt. Konkret: Bei den Fraktionskämpfen in der KPdSU ging es doch nicht um Recht und Unrecht der Handlungen von Personen, sondern um politische Linien und Einschätzungen von Verhältnissen, aus denen Schlußfolgerungen gezogen wurden und sich Folgen ergeben haben. Von »Stalinismus« kann man nur sprechen, wenn man den Typus einer historischen Epoche im Aufbau der Sowjetunion charakterisieren will. Dann muß man auch schon die Frage stellen, ob die forcierte Industrialisierung (ohne die zehn Jahre später die UdSSR dem Angriff der deutschen Faschisten nicht hätte widerstehen können), ob die Kollektivierung der Landwirtschaft, ob die geistige Anspannung aller Kräfte zum Aufbau von Bildung und Wissenschaft richtig waren und welche Auswirkungen sie hatten. Dahin gehört die Frage nach den deutsch-sowjetischen Verträgen (dem sogenannten Hitler-Stalin-Pakt), die Frage nach der Notwendigkeit der Unterdrückung der Opposition und ihren extremen gewaltsamen Formen. Die Frage nach den Konsequenzen der klassenübergreifenden nationalen Einheit im Krieg gegen die Faschisten. Jeder dieser Komplexe enthält Handlungen, die nach anderen Kriterien als denen ihrer moralischen Unanfechtbarkeit beurteilt werden müssen, enthält Widersprüche, für die es keine einseitige Auflösung gibt, enthält Alternativen, zwischen denen Entscheidungen getroffen wurden, deren Gründe man überzeugend oder irreführend finden mag, die aber diskussionsfähig sind. Nur wer bereit ist, die Geschehnisse insgesamt als eine historische Einheit zu begreifen, benennt mit »Stalinismus« einen Sachverhalt, zu dem Stellung genommen werden kann.

Bildung einer Gegenmacht

Der utopistische Moralismus, mit dem einige leider lautstarke ehemalige Kommunisten die Geschichte der Arbeiterbewegung betrachten, vergißt alles, was sie einmal über die Dialektik gelernt, aber offenbar nicht begriffen hatten. Zu keiner Zeit lebten oder leben wir in irgendeinem Teil der Welt in der Gesellschaftsordnung des Kommunismus, nicht einmal des vorbereitenden Sozialismus, sondern mitten im härtesten internationalen Klassenkampf, in dem der Machtwechsel als Bedingung des Übergangs zum Sozialismus sich vollzieht oder vereitelt werden wird. Gelingt es der herrschenden Klasse, ihre Macht zu erhalten, so verfällt die Menschheit in eine moderne, hochtechnisierte Barbarei - das war die Alternative Rosa Luxemburgs. Der Imperialismus ist das ökonomische, militärische, ideologische System der Machterhaltung der Bourgeoisie in der Phase ihrer schärfsten Selbstwidersprüche, die die Mechanismen dieser Systematik zerfallen lassen. Die Oktoberrevolution schuf die Voraussetzungen für die Bildung einer Gegenmacht gegen den Imperialismus im Welt-Staatengefüge und für den Beginn des Aufbaus des Sozialismus. Das war die Sowjetunion. Wer nicht der Illusion anhängt, eine gleichzeitige sozialistische Revolution in der ganzen Welt sei zu erwarten oder möglich anzustreben, wird sich der Konsequenz des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande nicht entziehen.

Daß dieses Land zum Haßobjekt der imperialistischen Mächte wurde, ist logisch. Daß zu den Kampfmitteln des wirtschaftlich und militärisch überlegenen Kapitalismus auch die innere Aufweichung der kommunistischen Kräfte gehört, ist selbstverständlich. Ideologisch unter Ausnutzung der sich entwickelnden Bedürfnisstruktur, politisch durch Schüren der Richtungsverschiedenheiten in der Entwicklungsplanung, direkt interventionistisch durch Subversion oder- wenn möglich - militärische Konfrontations zunächst wenigstens peripher. Man muß sich die paradoxe Situation vergegenwärtigen, daß jeder durch den Systemwechsel erzielte Fortschritt im Lebensstandard der Bevölkerung zunächst der Bourgeoisie in die Hände arbeitete, weil er neue Bedürfnisse erzeugte, die im Kapitalismus befriedigt schienen. Die Dialektik im System der Bedürfnisses jede Erfüllung bringt neue Bedürfnisse hervors hat schon Hegel treffend beschrieben (Hegel, Rechtsphilosophie, Paragraph 185). Nicht ohne Grund hat Lenin den marxistischen Theoretikern das Studium Hegels ans Herz gelegt.

An vielen Fronten

Das heißt: Der Klassenkampf dauerte an und verschärfte sich, nunmehr auf zwei Ebenen: zwischen den imperialistischen Staaten und der Sowjetunion bzw. nach 1945 dem sozialistischen Lager und innerstaatlich zwischen der Arbeiterklasse in ihren jeweils nationalen Ausprägungen und der Bourgeoisie samt ihren Mitläufern. Das galt auch in der Sowjetunion. In weiten, noch agrarisch dominierten Teilen der Welt bekommen die Bauernschaft und die Eigentumsverhältnisse auf dem Lande eine eigene Rolle, während das Kleinbürgertum überall je nach aktueller Interessenlage zwischen den Fronten pendelt.

In dieser Lage sind fraktionelle Kämpfe in den kommunistischen Parteien mehr als bloß Meinungsverschiedenheiten. Ab einem bestimmten Punkt der Auseinandersetzung, wenn es um die praktische Durchsetzung von strategischen Linien geht und sich die Machtfrage stellt, werden die Gegensätze zu einer Gefährdung des sozialistischen Aufbaus. Man kann eine neue Gesellschaftsordnung nicht aus einander widersprechenden Prinzipien errichten. Im Vollzug der Revolution wird Revisionismus zur Konterrevolution. Die theoretischen Prinzipien erweisen sich als praktisch-politische.

Sie werden nicht mehr wirksam auf der Ebene privater moralischer Bewußtheit, sondern auf der Ebene allgemein-öffentlicher historischer Wirksamkeit. Die kategoriale Differenz von Moralität und Historizität tritt nach außen zutage.

Umgang mit dem Unrecht

Im Angesicht der Gefahr für eine welthistorische Umwandlung verschwinden die Rechte des Individuums im reißenden Strome, den die gesellschaftliche Selbstbehauptung auslöst. Das hat Herbert Schui mit seinem Hinweis auf den Terreur in der Französischen Revolution und auf Robespierre wohl auch sagen wollen (jW-Thema vom 28.1.2011). Dann ist der Weg zum Kommunismus nicht mehr vom »Standpunkt des Ideals« (F.A. Lange) aus zu betrachten, wie Gesine Lötzsch es gut sozialdemokratisch und Kurt Pätzold es mit antileninistischem Akzent tun. Im »Augenblick der Gefahr« (Walter Benjamin) ist Kommunismus keine moralische Idee, sondern eine historische Kampfkraft. Erst vom vollendeten Kommunismus dürfen wir hoffen, daß das historische Allgemeine und das zivilgesellschaftlich Einzelne zur Deckung kommen. »Diese Vereinigung der beiden Extreme, die Realisierung der allgemeinen Idee zur unmittelbaren Wirklichkeit und das Erheben der Einzelheit in die allgemeine Wahrheit, geschieht zunächst unter der Voraussetzung der Verschiedenheit und Gleichgültigkeit der beiden Seiten gegeneinander.« (Hegel 12, 44) Den Schritt über die Besonderheit hinaus erzwingen die »welthistorischen Individuen«, die die Anarchie der Willen zur organisierten Einheit des Zwecks zusammenfügen.

»Dies sind die großen Menschen in der Geschichte, deren eigene partikuläre Zwecke das Substantielle enthalten, welches Wille des Weltgeistes ist. Sie sind insofern Heroen zu nennen, als sie ihre Zwecke und ihren Beruf nicht bloß aus dem ruhigen, geordneten, durch das bestehende System geheiligten Lauf der Dinge geschöpft haben, sondern aus einer Quelle, deren Inhalt verborgen und nicht zu einem gegenwärtigen Dasein gediehen ist.« (Hegel 12, 45)

Das will sagen: Im Falle der Geschichte versagen die moralischen Kategorien als Bewertungsmaßstäbe. Gefragt sind die Prozeßformen, aus denen eine neue gesellschaftlich-politische Topographie hervorgeht. Die Prozeßform der Formationsänderung ist die Revolutions als Ereignis der Umwälzung und als folgender oder vorhergehender langdauernder Vorgang der Umwandlung. Revolution schließt Gewalt ein, nicht nur im umstürzenden Ereignis, sondern auch in der Fortdauer seiner Verwirklichung. Gewalt ist immer die Verletzung der im Recht sich selbst auferlegten Beschränkungen der Willkür des Tuns- in der Gewaltanwendung liegt die Tendenz zum Umschlag ins besondere Unrecht. Unrecht wird es im Einzelfall und ist als solches moralisch zu verurteilen. Ja, man soll ihm in jedem Fall widerstehen. Da Unrecht eine Fehlerstelle im System der Vernünftigkeit ist, kann man aus den Quellen der Fehler lernen, wie sie in einem weiteren vernünftigen Lauf der Geschichte vermieden oder begrenzt werden können. Aber man muß das Geschehen in seinem funktionalen Zusammenhang betrachten, um es nicht einfach als das Böse zu einem irrationalen, quasi theologischen Faktor zu machen, gegen den wir nur exorzistische Gebetsmühlen in Gang setzen können.

Erst in der historischen Einordnung wird es auch logisch möglich sein, Qualifikationskriterien für historische Faktizitäten zu gewinnen. Die einfache Frage ist: Welche Vernunftgründe gibt es, die vernunftwidrige Handlungen in anderer Perspektive unausweichlich erscheinen lassen? Der fortgeschrittenste Stand der Vernunft ist bisher die Aufklärungstradition, zu der Marx, Lenin, Stalin doch gehören. Wohin die Zerstörung der Vernunft führt, hat Georg Lukács gezeigt. Hier ist die Grenzscheide, an der Historizität und Moralität ineinander umschlagen. Das einzelne Unrecht, ein moralisches, zum allgemeinen Gesetz erhoben, wird ein historisches Unrecht. »Den absoluten Zusammenhang dieses Gegensatzes zu fassen, ist die tiefe Aufgabe der Metaphysik.« (Hegel 12, 41)

Wo bitte, geht's zum Kommunismus? Nur auf dem Wege der Dialektik der Vernunft. Was außerhalb dieser Dialektik sich auf ein einfach moralisierendes Bewerten, gar auf ein bloßes Unwort zum Verwerfen beschränkt, bleibt bloßes Geschwätz.

1 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Philosophie der Geschichte, Werke, Band 12, Frankfurt/M. 1970

Prof. Dr. Hans Heinz Holz ist Autor zahlreicher Publikationen zu marxistischer Philosophie, Kunsttheorie und Politik. Im März erscheint von ihm im Berliner Aurora Verlag: Theorie als materielle Gewalt. Die Klassiker der III. Internationale (Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie Band II)

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Dialektik als Algebra der Revolution

Zum 84. Geburtstag des marxistischen Philosophen Hans Heinz Holz

Prof. Dr. Herbert Hörz

 

Dr russische Philosoph und Publizist Alexander Herzen (1812–1870), wegen zarenkritischer Äußerungen verhaftet, verurteilt und einige Jahre verbannt, bezeichnete die Dialektik Hegels als Algebra der Revolution. Diesen Gedanken greift der politisch engagierte marxistische Theoretiker Hans Heinz Holz im ersten Band seiner geplanten Trilogie zur Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie auf. Er verfolgt den Übergang von der idealistischen Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770–1831) als einer Theorie der Revolution zu der von Karl Marx begründeten Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie in der gesellschaftlichen Praxis.

Ist Marx überhaupt noch aktuell? Der Autor bemerkt dazu: „Die Wende hat sich gewendet. Der Wind hat sich gedreht. Ich meine das nicht meteorologisch. Die es 1989/90 für opportun hielten, Marx in die Rumpelkammer der Geschichte zu verbannen, stellen jetzt erstaunt seine ungebrochene Aktualität fest. Man sieht, Opportunismus ist gesund, er hält die Halsmuskeln geschmeidig." (S. 220)

Finanz- und Wirtschaftskrise führen nachdenkliche Menschen, die Zusammenhänge erkennen wollen, zur Analyse gegenwärtiger Gesellschaftsentwicklung. Manche, die ihre früheren Studien zum Marxismus nicht ganz vergessen haben, erinnern sich nun an die Marxschen Erkenntnisse über den Kapitalismus, an seine dialektische Theorie und Methode, an seine humane Vision einer Assoziation freier Individuen. Es ist die kapitalistische Globalisierung mit ihren antihumanen Auswirkungen, die eine Rückbesinnung auf den Marxismus erzwingt. Dieser hat sich dabei auf neue Bedingungen einzustellen, wenn er die Entwicklung der gegenwärtigen Gesellschaftsstrukturen untersucht. Er hat keine fertigen Antworten auf die gegenwärtigen Fragen, doch er stellt das theoretische und methodische Instrumentarium zur Verfügung, mit dem Probleme formuliert, Szenarien zur Lösung angeboten und Zukunftsvisionen von einer humanen Gesellschaft mit anschaulichen, einsichtigen und realisierbaren Idealen begründet werden können, um das gegenwärtige Utopie-Defizit zu überwinden. Der Autor betont: „Die Wissenschaftlichkeit des Sozialismus ist kein Ergebnis, das ein für allemal feststeht, sondern eine Richtschnur, an der sich politische Arbeit immer wieder orientieren muß." (S. 226) So ist der Weg von der Utopie zur Wissenschaft unter neuen Bedingungen immer neu zu beschreiten. Politik orientiert sich dabei zuerst an Interessen. Nur, wer eine Humanisierung der Gesellschaft anstrebt, wird sich mit den entsprechenden theoretischen Grundlagen befassen, um der gegenwärtig vorherrschenden Stückwerktechnologie zu entgehen und klare programmatische Zielvorgaben für das Handeln zu entwickeln.

Marx hatte schon 1845 in seiner 11. These über Ludwig Feuerbach formuliert, daß die Philosophen die Welt bisher nur verschieden interpretiert hätten, es jedoch darauf ankomme, sie zu verändern. Mit Friedrich Engels arbeitete er diesen Gedanken zu einer materialistischen Geschichtsauffassung weiter aus. Es gehört zum Abc des Marxismus, daß Marx damit die Hegelsche Dialektik vom Kopf auf die Füße stellte, indem er die Begriffsdialektik als Abbild des wirklichen Geschehens sah und die materiellen gesellschaftlichen Verhältnisse als Basis menschlichen Handelns begriff, wobei die Theorie zur materiellen Gewalt wird, sobald sie die Massen ergreift. Die Arbeit zur Befriedigung der Bedürfnisse und die konkret-historische gesellschaftliche Organisation der Arbeit erwiesen und erweisen sich als bewegendes Prinzip der Gesellschaftsveränderung.

Hans Heinz Holz thematisiert diesen Zusammenhang von Erkennen, Planen und Handeln, wenn er über die dialektische Philosophie schreibt: „Wenn sich Philosophie, indem sie Philosophie ist, als Politik – eingreifend nicht nur als Denken über Politik begreifend –, erweist, dann muß in den Basiskategorien der Philosophie ihre politische Bedeutung enthalten sein und in der Ausführung spezifisch philosophischer Probleme zutage treten." (S. 9) Lenin habe deshalb den Marxisten als Grundlagenstudium die Hegelsche Dialektik als Algebra der Revolution auferlegt, wobei dieses Denken „bei Marx, Engels und Lenin sich zur Triebkraft der Revolution wandelte und in der Oktoberrevolution zur weltverändernden Aktion wurde". (S. 26) In differenzierten kategorialen Analysen zeigt Hans Heinz Holz, daß die Philosophie von Hegel, vor allem in ihrer dialektischen Form, das Recht auf revolutionäre Veränderung begründe.

Wer sich mit den philosophiehistorischen Wurzeln der weltverändernden Rolle des Marxismus befassen will, sollte das Buch lesen. Bereitschaft zu gedanklichen Anstrengungen ist gefordert. Das liegt nicht im derzeitigen offiziellen Trend, die Öffentlichkeit zu einer Talk-Gesellschaft umzufunktionieren, in der für das zu behandelnde brisante Thema meist wenig kompetente Prominente ohne Entscheidungsbefugnis ihre Meinung äußern, während die von den wirtschaftlich Mächtigen im Hintergrund aufgestellten Sollsätze in Ist-Bestimmungen durch die ihnen hörigen Politiker umgewandelt werden. Es ist die Überinformation durch Massenmedien und Internet, die den Blick auf das Wesentliche verstellt. Ein erforderliches kritisches Sozialbewußtsein braucht fundiertes Wissen, um in der Informationsflut geistig nicht zu ertrinken. Wer sich der von manchen Medien verbreiteten Lust an Sensationen hingibt, wird in den personalisierten Nachrichten über Promis, vom Fußballstar über Pop-Ikonen bis zu Adligen, von den brennenden Problemen unserer Zeit, von militärischen Konflikten, sozialen Auseinandersetzungen, der wachsenden Kluft zwischen Armen und Reichen, dem nun ohne Korrektive durch sozialistische Länder erfolgenden Sozialabbau in Europa, abgelenkt. Theoretische Einsichten als Aktionswissen zur humanen Gestaltung der Gesellschaft werden zur Mangelware. Erfolge werden propagiert und Mißerfolge kleingeredet. Das Bestehende sei das Beste, wird suggeriert.

Doch die Einsicht wächst, daß die sich türmenden Probleme neuer Lösungen bedürfen. Hans Heinz Holz stellt fest: „Aber die Empirie verfehlt, weil sie an der Oberfläche der Erscheinung bleibt, gerade die Wahrheit der Sache, das in ihr erscheinende wesentliche Verhältnis. Soziologische, politologische Empirie genügt nicht zur handlungsorientierenden Erkenntnis. Theorie als Moment der Praxis ist nicht deskriptive Faktenwissenschaft, sondern philosophische Wesenswissenschaft." (S. 210) Das weist er auf einem hohen philosophischen Niveau für den Übergang von Marx zu Hegel nach. Was erwartet einen Lernbegierigen, wenn er das Buch lesen will?

In einem Vorspiel wird, wie bei dem Kenner der Leistungen des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646– 1716) nicht anders zu erwarten, die Traditionslinie von Leibniz über Hegel zu Marx verfolgt. Leibniz habe den Gedanken einer einheitlichen veränderlichen Welt entwickelt, den Hegel als Idee des spiraligen Fortschritts aufnahm, wodurch Grundlagen für die spätere marxistische Theorie vom dialektischen Gesamtzusammenhang gelegt wurden, in der Mechanismen, Quelle und Richtung der Entwicklung bestimmt sind und als methodisches Instrumentarium gang von Hegel zu Marx als der ersten zur Analyse der Wirklichkeit genutzt werden können. Nachdem in der Einleitung das Novum der Hegelschen Philosophie und seine Wirkung dargestellt wird, folgen drei Hauptstücke, die sich mit dem Verhältnis von Spekulation und Praxis als Rechtfertigung eines praxisrelevanten philosophischen Denkens, mit Recht, Staat und Freiheit als den Inhalten der politischen Metaphysik bei Hegel und dem Übergang von der Theorie zur materiellen Gewalt befassen.

Der Autor würdigt das „Kommunistische Manifest" von Marx und Engels als geschichtsphilosophische Analyse, als ein historisches Dokument der Arbeiterbewegung, versteht es jedoch zugleich als politischen Appell, wodurch es sich als Text aktueller politischer Orientierung erweise. So gäbe es erstens „keine ökonomische Notwendigkeit, die den Sozialismus ohne Zutun der Menschen hervorbrächte; wohl aber ist die Alternative Sozialismus oder Barbarei unausweichlich, ein Drittes daneben ist ausgeschlossen, denn der Kapitalismus bringt die Barbarei, die Funktionalisierung des Menschen zur Sache und zur Ware, notwendig hervor; und die Aufhebung des Kapitalismus kann nur in der Aufhebung der Existenzbedingungen des Kapitalismus, des privaten Eigentums an den Produktionsmitteln geschehen. (S. 226) Das Subjekt der Gesellschaftsveränderung sei die existierende Arbeiterklasse, zu der alle Lohnabhängigen gehörten, denn, das sei die zweite grundlegende Feststellung des Manifests: Es gäbe nur noch zwei antagonistische Klassen, die Kapitaleigentümer und die Lohnabhängigen. „Diktatur des Proletariats", als Begriff oft mißverstanden, besage „nichts anderes, als daß in der Epoche des Übergangs zum Sozialismus die neuen Produktionsverhältnisse dadurch gesichert werden müssen, daß die Arbeiterklasse die politische Macht, also die Staatsgewalt ausübt, und daß sie dies nur kann, wenn sie sich dabei auf den stillschweigenden Konsens der Mehrheit und auf die ausdrückliche Kooperation von Bündnispartnern stützt." (S. 228)

Damit ist eine wichtige Problematik skizziert, die in der nur in groben Umrissen erfolgten Darstellung noch verborgen ist. Wie sieht es mit der sozialen Differenzierung innerhalb der Lohnabhängigen aus? Mit den Managern und Finanzhaien, die mit ihren hohen Gehältern und Bonuszahlungen zwar Lohnabhängige sind und doch zu den Reichen dieser Welt gehören, wird es wohl kein Bündnis für die Durchsetzung einer antikapitalistischen Alternative geben. Außerdem ist, neben der sozialen Differenzierung in einem Land, die mit der kapitalistischen Globalisierung verbundene wachsende Kluft zwischen armen und reichen Ländern zu analysieren. Weitere Fragen sind zu beantworten: Wird der europäische Arbeitslose den Ausländer, der einen seiner möglichen Arbeitsplätze besetzt, als Bündnispartner sehen? Wie ordnen wir die soziokulturellen Differenzen, die sich einem unterschiedlichen Wertekanon von Ethnien und Kulturkreisen ausdrücken, in die soziale Schichtung ein? Wenn wir von der Alternative, Aufbau einer humanen Gesellschaft oder Barbarei ausgehen, dann ist das mögliche Protestpotential gegen Antihumanismus zu bestimmen. Da sich Hans Heinz Holz in diesem Buch mit dem Übergang von Hegel zu Marx als der ersten Phase der Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie befaßt, werden wir in den folgenden Bänden Antworten auf Fragen finden, die in diesem Band als Probleme zwar formuliert, doch noch nicht einer Lösung zugeführt sind. Er schreibt: „Die zweite Phase umfaßt die Verwandlung der Philosophie als bewußte Reflexion (Reflexion der Reflexion) des revolutionären Kampfes in ein Moment und Instrument der gesellschaftlichen Praxis.

In der dritten Phase, in die wir jetzt eintreten, werden die Funktionen der Philosophie für die Ausarbeitung einer praxisorientierten wissenschaftlichen Weltanschauung entwickelt werden müssen." (S. 8) Von den philosophiehistorischen Wurzeln wird es also zum Stamm des Marxismus als einer Theorie der humanen Umgestaltung der Gesellschaft gehen, um dann als schmückendes Laub etwas über die neuen Funktionen der Philosophie in unserer Zeit zu erfahren. Gespannt darf man deshalb auf die folgenden zwei Bände sein.

Hans Heinz Holz: Die Algebra der Revolution. Von Hegel zu Marx. Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie, Band 1, Berlin, Aurora-Verlag 2010, 288 Seiten, 24,95 €

 

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Macht und Moral

Debatte. »Dialektik der Vernunft«? Über fatale Irrtümer des Genossen Hans Heinz Holz Hans-Peter Brenner, Nina Hager und Robert Steigerwald

In: junge Welt vom 14.02.2011

 

Hans Heinz Holz will mit seinem jW-Beitrag (Thema vom 2.2.2011) der »Begriffsverwirrung« in Sachen Moralität und Historizität, die im Zusammenhang mit der aktuellen »Kommunismus-Debatte« unter der politischen und ideologischen marxistischen Linken zu erkennen sei, ein Ende bereiten. Er formuliert dabei sehr grundsätzliche Positionen zum revolutionär-marxistischen »Moral«-Begriff und zur Geschichte unserer Bewegung, die uns zu einer deutlichen Antwort veranlassen, weil sie die revolutionäre, marxistische Linke in eine Sackgasse führen, aus der nur schwer herauszukommen sein wird.

Wir fühlen uns von seinem Beitrag nicht nur in unserem Status als verantwortliche Funktionäre in der kommunistischen Bewegung dieses (zwangsvereinigten) Deutschland betroffen. Unsere jahrzehntelange Zugehörigkeit und unser Einsatz für KPD, SED und DKP basiert auf geschichtlichen Erfahrungen, individuellen Einsichten und Prinzipien revolutionärer kommunistischer Ethik und Moral, die mit den geäußerten Ansichten unseres Genossen Hans Heinz Holz deutlich kontrastieren.

Seine apodiktischen Aussagen und zugleich Bagatellisierung von Unrecht (nicht nur) gegenüber Kommunist(inn)en lösen bei uns auch eine starke persönliche Betroffenheit aus, weil Hans Heinz Holz damit unseren revolutionär-humanistischen Ansprüchen und dem, was wir dafür tun, diametral entgegensteht. Wir fühlen uns unserer individuellen aber kollektiven politischen Biographien wegen zum Widerspruch verpflichtet - auch um Schaden von unserer Partei abzuwenden.

Ethik der Arbeiterklasse

Wir widersprechen Hans Heinz Holz besonders in folgenden Punkten:

Erstens: Es ist keineswegs »utopisch, die Vorstellungen von Marx und Engels, wie eine kommunistische Gesellschaft aussehen könne, bereits auf die Zeit der Revolution zu übertragen, die zu den Anfängen dieser neuen Stufe der Menschheitsentwicklung führen soll«. (Holz) Natürlich können weder die sozialen, politischen und ökonomischen Merkmale einer noch im Boden des Kapitalismus wurzelnden »Übergangsgesellschaft« zum Kommunismus - und das ist nach den von Marx, Engels und Lenin formulierten Kriterien der Sozialismus als dessen »erste Stufe« - mit einer entwickelten klassenlosen, kommunistischen Gesellschaft gleichgesetzt werden. Der Sozialismus ist (noch) eine Klassengesellschaft, es gibt - zumindest in Teilbereichen - noch Warenproduktion; aber es gibt die Herrschaft des Proletariats, des »werktätigen Volkes« und seiner Verbündeten anstelle der »Diktatur der Bourgeoisie«, und das System der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, das System der kapitalistischen Lohnarbeit und das kapitalistische Eigentum an den Produktionsmitteln sind abgeschafft.

Und doch wird sich dadurch von Beginn der Revolution und des Aufbaus auch dieser Übergangsgesellschaft an ein politisch, philosophisch und kulturell geprägter Überbau entwickeln (müssen), der sich nicht mehr nach den Moralvorstellungen des Kapitalismus (»Jeder ist sich selbst der Nächste« und «Profit regiert die Welt«) entwickelt, sondern nach den moralischen und ethischen Vorstellungen, wie sie für die Arbeiterklasse geschichtlich charakteristisch sind. Die Ideale von »Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit« sind doch für Marxisten nichts Obsoletes, weil sie Fanfarenstöße einer bürgerlichen Revolution waren.

Als Dialektiker muß Hans Heinz Holz doch wissen, daß sie in der revolutionären Arbeiterbewegung im Hegelschen Sinne »aufgehoben«, d.h. mit den sozialen und politischen Interessen der Arbeiterklasse inhaltlich neu definiert und vom »Kopf auf die Füße« gestellt werden.

Verschiedene Kampfmethoden

Zweitens: Dies berührt gewiß auch die Frage nach dem Stellenwert und der absoluten Bereitschaft und auch Fähigkeit zur Verteidigung der Errungenschaften der proletarisch-sozialistischen Revolution. Dabei geht es um eine weit umfassendere Dimension von revolutionärer Politik als nur um die bei Holz in fataler Verkürzung formulierte Rolle der »revolutionären Gewalt«.

Dabei ist unter Kommunisten unstrittig: Ohne revolutionäre Gewalt hätte das arbeitende Volk in keiner seiner bisherigen oder von ihm organisierten und/oder unterstützten Revolutionen siegen können- weder 1789 noch 1871 (Pariser Kommune) oder 1917 (Oktoberrevolution) und 1959 (Kuba). Selbst die aktuellen Beispiele aus Tunesien und Ägypten zeigen dies: Es geht nicht ohne Widerstand und revolutionäre Offensive in allen Formen gegen ein unterdrückendes Regime, das nicht freiwillig von den Schaltstellen der Macht abtritt.

»Aber es kann auch kein Zweifel daran bestehen, daß die revolutionäre Gewalt nur in bestimmten Entwicklungsetappen der Revolution, nur unter bestimmten und besonderen Bedingungen eine notwendige und gesetzmäßige Methode der Revolution ist.

Die Organisation der proletarischen Massen, die Organisation der Werktätigen ist ein viel wesentlicheres ständiges Merkmal dieser Revolution und Voraussetzung ihrer Siege. Eben in dieser Organisation von Millionen Werktätigen liegen die besten Entwicklungsbedingungen der Revolution, liegt die unerschöpfliche Quelle ihrer Siege.« (W.I. Lenin: Gedenkrede für J. M. Swerdlow in der außerordentlichen Sitzung des gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees, 18.März 1919, LW 29, S.74)

Und auch als in Ungarn eine Räterepublik zeitweilig den Sieg errungen hatte, betonte Lenin in einem »Gruß an die ungarischen Arbeiter« vom 27. Mai 1919: »Aber nicht in der Gewalt allein und nicht hauptsächlich in der Gewalt besteht das Wesen der proletarischen Diktatur. Ihr Hauptwesen besteht in der Organisation und Disziplin der fortgeschrittensten Abteilung der Werktätigen, ihrer Avantgarde, ihres einzigen Führers, des Proletariats.« (W.I. Lenin: Gruß an die ungarischen Arbeiter, in: Ausgewählte Werke Bd. III, S.

238)

Lenin unterschied also sehr deutlich, in welcher Periode welche Kampfmethode im Mittelpunkt stehen müsse. »Es ist natürlich und unvermeidlich, daß uns in der ersten Zeit nach der proletarischen Revolution vor allem die Haupt- und Grundaufgabe beschäftigt - die Überwindung des Widerstandes der Bourgeoisie, der Sieg über die Ausbeuter, die Unterdrückung ihrer Verschwörung (...) Aber neben diese Aufgabe tritt ebenso unvermeidlich - je weiter, desto mehr - die wesentlichere Aufgabe des positiven kommunistischen Aufbaus, der Schaffung neuer ökonomischer Beziehungen, der Errichtung einer neuen Gesellschaft.« (W.I.

Lenin. Die große Initiative, in: Ausgewählte Werke Bd.

III, S. 253ff.)

Drittens: Auch Stalin vertrat - zumindest theoretisch - in den frühen 20er Jahren keine andere Auffassung. Er unterschied in seiner später zur theoretischen Standardausrüstung jedes Kommunisten gewordenen Schrift »Zu den Fragen des Leninismus« wie Lenin selbst unterschiedliche Perioden der Diktatur des Proletariats, die auch unterschiedliche Formen der politischen Machtausübung und der Arbeitsorganisation erfordern. »Die Diktatur des Proletariats hat ihre Perioden, ihre besonderen Formen, ihre verschiedenartigen Arbeitsmethoden. In der Periode des Bürgerkrieges ist besonders augenfällig die gewaltsame Seite der Diktatur. Aber daraus folgt keineswegs, daß in der Periode des Bürgerkriegs keine Aufbauarbeit stattfindet. Ohne Aufbauarbeit ist es unmöglich den Bürgerkrieg zu führen. In der Periode des Aufbaus des Sozialismus fällt umgekehrt besonders die friedliche, organisatorische, kulturelle Arbeit der Diktatur, die revolutionäre Gesetzlichkeit usw. ins Auge.« (J.

Stalin: Zu den Fragen des Leninismus, in: Fragen des Leninismus, 1947, S.147)

Doch woraus leitet sich diese »revolutionäre Gewalt« ab? Ist sie nur ein pragmatisches Instrument im Sinne Machiavellis, bei dem »die Macht und nur die Macht« das Leitmotiv ist? Folgt die Macht keiner »Moral« und keiner Gesetzlichkeit?

Viertens: Die von Hans Heinz Holz attestierte Herausstellung des »humanitären Ethos der Kommunarden« von Paris (1871) durch Marx und Engels kollidiert nicht zwangsläufig mit der gebotenen revolutionären Wachsamkeit und Konsequenz und führt nicht automatisch zu einer entwaffnenden »Utopie von Gewaltlosigkeit«, an der schließlich die Verteidigung der Revolution scheitern muß (te).

Die Verteidigung der revolutionären Errungenschaften in der Sowjetunion in den zwanziger und dreißiger Jahren erforderte nicht den Verzicht auf die sozialistische Gesetzlichkeit und auf das Einhalten der auch in den kommunistischen Parteien notwendigen Prinzipien der innerparteilichen Demokratie und der Freiheit des Wortes auf der Basis von Programm und Statut.

Fidel Castro sagt über diese Zeit und die besondere Verantwortung Stalins: »Ich bin der Meinung, daß er (Stalin) die Verantwortung dafür trägt, daß die Sowjetunion von der mächtigen Militärmaschine Hitlers überrollt wurde, ohne daß die sowjetischen Streitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt worden wären.

Stalin hat außerdem schwere Fehler begangen. Seinen Machtmißbrauch und die Willkür, mit der er handelte, brauche ich nicht zu erwähnen. Dennoch hat er auch Leistungen vollbracht. Die Industrialisierung der Sowjetunion und die Verlagerung und Entwicklung der Militärindustrie nach Sibirien waren entscheidende Faktoren im Kampf der ganzen Welt gegen die Nazis. Wenn ich das analysiere, dann bewerte ich seine Leistungen und zugleich seine großen Fehler. Einer dieser Fehler war die Säuberung der Roten Armee aufgrund einer Intrige der Nazis, womit er die UdSSR kurz vor dem faschistischen Prankenschlag militärisch schwächte. (...) Er hat sich selbst entwaffnet und anschließend das verheerende deutsch-sowjetische Ribbentrop-Molotow-Abkommen, den Hitler-Stalin-Pakt, unterzeichnet und andere Dinge mehr.« (Aus: Fidel Castro, Mein Leben. Fidel Castro mit Ignacio Ramonet, Berlin 2008, S. 197 f.)

Kompaß für den Kampf

Dabei verkennen wir keineswegs die verzweifelte Lage, in der sich die Sowjetunion und ihre Führung unter Stalin befand, die gewiß richtig daran tat, auch mit diplomatischen Manövern so lange wie möglich die faschistische Kriegsmaschinerie aufzuhalten. Doch mit den über Jahrzehnte bestrittenen geheimen Zusatzverträgen zum Ribbentrop-Molotow-Vertrag wurden Grenzen der revolutionären Moral überschritten, in dessen Gefolge es zur Auslieferung bzw. Rückführung auch von deutschen Antifaschisten aus der Sowjetunion kam - darunter zahlreiche KPD-Mitglieder -, die in den Zuchthäusern Hitlers landeten.

An anderer Stelle sagt Fidel Castro etwas über die Grundlagen seiner revolutionären Identität und der engen Verbindung zwischen Marxismus und revolutionärer Ethik, was uns in diesem Zusammenhang ein wichtiges Anliegen ist: »Ohne Kompaß wäre Kolumbus nirgendwo angekommen. Aber es gab einen Kompaß, ich hatte einen; das, was ich bei Marx und Lenin gelernt hatte. Und die Ethik - das muß ich noch mal sagen -, die ich bei Martí gefunden hatte.« (a.a.O., S. 116)

Die Ethik José Martís, aber auch anderer antiimperialistischer und proletarischer Revolutionäre steht nicht im Gegensatz zum entschlossenen politischen und/oder militärischen Kampf gegen Kapitalismus und Imperialismus. Sie ist ein notwendiger Bestandteil revolutionärer Identität.

Fidel sagte sogar etwas zur Bedeutung christlicher Wertvorstellungen, die einem Revolutionär gut anstehen können: »Wie jedes westliche humanistische Denken, so hat auch Martís Philosophie einen Anteil an christlicher Ethik. Er war ein Mann mit großer Ethik. Die besten christlichen Werte hatten starken Einfluß auf ihn, zusammen mit der heldenhaften Tradition der Unabhängigkeitskämpfe in dieser Hemisphäre, den Kämpfen in Europa und der Französischen Revolution.« (a.a.O., S. 169)

Der Verweis auf die real in den zwanziger und dreißiger Jahren vom Imperialismus und Faschismus diktierten Bedingungen des »härtesten internationalen Klassenkampf (s)« beim Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft in der Sowjetunion können und konnten keinerlei Freibrief sein für eine Machtausübung, die an keine (sozialistischen) Gesetze und an keine (proletarische) Moral und Ethik mehr gebunden ist.

Das ist »kein utopischer Moralismus«, wie Holz meint.

Die Regeln der kommunistischen Klassenmoral mußten auch in diesen Perioden des zugespitzten Klassenkampfs gelten. Daß dies möglich ist, zeigt uns das Beispiel der kubanischen Revolution.

Innermarxistischer Dialog

Abschließend noch einige notwendige Worte zum Stil der Auseinandersetzung im politischen Diskurs. Wir halten es für unakzeptabel (und dem Niveau von Hans Heinz Holz selbst völlig unangemessen), wie im besagten Artikel der Umgang mit anderen Marxisten praktiziert wird. So z.B. mit Kurt Pätzold, dem unterstellt wird, sich »auf das Niveau und in den Dienst der primitivsten bürgerlichen Ideologieformel Rot gleich Braun« zu stellen, weil der Historiker »das Wort rBarbareil gleichermaßen für den deutschen Faschismus und den Aufbau der Sowjetunion unter Stalin gebraucht (jW-Thema vom 28.1.2011)« und von dem er behauptet, er habe »den Sinn des Wortes bei Rosa Luxemburg nicht begriffen, ja er hat überhaupt keinen Begriff von gesellschaftlichen Zuständen«.

Pätzold schrieb in seinem Beitrag am 12. Januar aber auch: »Der Begriff Kommunismus ist allerdings geschändet, nur nicht durch einen Versuch, von der Idee zu einer ihr gemäßen geschichtlichen Wirklichkeit zu gelangen, sondern durch seinen Mißbrauch. Die Untaten der Stalin-Ära gingen von Führern einer Partei aus, die sich Kommunistische Partei nannte. Sie wurden auch unter Berufung auf die Begründer des modernen kommunistischen Denkens, auf Marx und Engels, gerechtfertigt. Mit den Vorstellungen, die Marx und Engels, Bebel und Wilhelm Liebknecht, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von einer Gesellschaft der Zukunft entwickelten und hegten, hat aber das stalinistische Regime nichts gemein. Die Unvereinbarkeit dieser mit jenem läßt sich an deren Schriften dartun. Das ist hinreichend geschehen.«

Selbst wenn wir, gestützt auf die Analysen unserer Partei und unserer eigenen Arbeiten, in der Bewertung der Stalin-Periode in dieser oder jener (auch grundsätzlichen) Frage nicht mit Kurt Pätzold übereinstimmen, so kann es uns nicht kaltlassen, wenn ein innermarxistischer Dialog nach den Regeln eines unversöhnlichen Freund-Feind-Schemas abläuft.

Hinzu kommt die abgehobene Betrachtung des Geschichtsprozesses, der einer ehernen Notwendigkeit zu unterliegen scheint. Woher aber kommt diese? Aus den Vorstellungen und Wünschen einzelner? Aus den »Festlegungen« einer absoluten Idee? Das Handeln der Menschen unter bestimmten Bedingungen und Voraussetzungen wird von Holz unseres Erachtens allein an dieser angeblich »ehernen Geschichtsnotwendigkeit« und ihrer Durchsetzung (mit allen Mitteln) gemessen. Und das im Namen einer »Dialektik der Vernunft«. Mit einer solchen Geschichtsauffassung kommt Hans Heinz Holz bei der Bewertung wichtiger Perioden der Geschichte der kommunistischen Bewegung aus unserer Sicht, was das Verhältnis von Moralität und Historizität betrifft, zu fatalen Schlußfolgerungen.

Maßstäbe der Vernunft

Hans Heinz Holz folgert auf dieser Basis: »Das einzelne Unrecht, ein moralisches, zum allgemeinen Gesetz erhoben, wird ein historisches Unrecht.« Das Fatale ist: Er erklärt damit das sehr vielen Menschen, darunter nicht wenigen Kommunistinnen und Kommunisten, geschehene Unrecht zu historischem Recht - im Namen gerade dieser »geschichtlichen Notwendigkeit«.

Das von Hans Heinz Holz beschworene und legitimierte Auseinanderfallen von »privater moralischer Bewußtheit« und der Ebene der »allgemein-historischen Wirksamkeit« als »Differenz von Moralität und Historizität« ist ein fataler Trugschluß.

Die von ihm wenn nicht postulierte, dann aber akzeptierte und gerechtfertigte faktische A-Moralität im Politischen ist etwas grundsätzlich anderes als das Wirksamwerden von proletarischer »praktischer Vernunft«, die von Maßstäben der Klassenmoral und revolutionärer Ethik geleitet ist. Ja, die Maßstäbe für »Vernunft« und die Grenzen revolutionärer »Notwendigkeit« gelten auch bei der Verteidigung revolutionärer Errungenschaften. Sich darüber hinwegzusetzen und der Alleinherrschaft und »Weisheit« eines - wenn auch noch politisch so fähigen - einzelnen »Führers« als dem obersten Gebot zu folgen, hat sich als eine fatale historische Sackgasse erwiesen. Die DKP wird nicht wieder den Marsch in eine solche Sackgasse antreten.

Dr. Hans-Peter Brenner ist Mitglied des Parteivorstands der DKP und ehemaliger Bundessekretär des Marxistischen Studentenbundes SPARTAKUS. Prof. Nina Hager ist stellvertretende Vorsitzende der DKP; sie war bis 1989 SED-Mitglied. Dr. Robert Steigerwald ist langjähriges Mitglied des Parteivorstands der DKP und war im ZK der KPD.

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Das Kettenglied

Es gibt auch eine Dialektik der Unvernunft

Walter Ruge

In: junge Welt vom 14.02.2011

 

Wer den jW-Bericht über die Rosa-Luxemburg-Konferenz vom 8.

Januar gelesen hat oder sogar mit Teilnehmern sprechen konnte, muß mitgerissen sein. Hier sei gestattet, in diese Hochstimmung einfließende Überlegungen anzubringen. Es geht um die Frage nach dem »Kettenglied«. Vor der Oktoberrevolution 1917 brachte Wladimir Iljitsch Lenin diesen Begriff in die Politik: das wichtigste, nämlich das schwächste Glied in der tödlichen Umklammerung des Weltimperialismus sei herauszufinden und damit das Kettenglied für seine Zerschlagung.

Im Prinzip handelte das bolschewistische Zentralkomitee (ZK) unter Lenin in der gesamten Revolution und dem folgenden (aufgezwungenen) Bürgerkriegs nach diesem Grundsatz. Lenin selbst verwies später darauf. An den Fronten des Bürgerkriegs wurden stets die »Schwachstellen« des Gegners herausgefunden und dort die (in ihrer Gesamtzahl den »Weißen« unterlegenen) Roten Streitkräfte eingesetzt. Praktisch ging das weiter bis Stalingrad 1942/43 im Zweiten Weltkrieg. Dort hatte die Aufklärung der sowjetischen Streitkräfte herausgefunden, wo die militärisch minderwertigen, wenig kämpferischen Rumänen auf seiten der Wehrmacht im Einsatz waren. An dieser Stelle schlug die Sowjetarmee zu und schloß endgültig den eisernen Ring um die eingeschlossene Heeresgruppe des Generals Friedrich Paulus. Bei den Militärs galt dieses Prinzip schon immer, Lenin hat es in die Politik gebracht.

So fragt sich unsereins natürlich, ob es für den Erfolg einer weitreichenden Tagung von Sozialisten so vordergründig, ja das »Kettenglied« war, heute den Unterschied zwischen »demokratischem Sozialismus« und »Kommunismus« präzise herauszufiltern.

Gewiß, die DKP ist eine kleine - und nicht nur vom Staatsschutz sorgsam beobachtete - Partei, die zudem noch, wie aus der Presse zu erfahren war, wiederum in zwei »Flügel« zerfällt (die es nun wieder zu vereinigen gilt). Natürlich war sie bei einer solchen beachtenswerten Veranstaltung wie der Rosa-Luxemburg-Konferenz präsent.

Kommt man in die Jahre, verblassen (sicher ein Mangel) die Konturen zwischen »demokratischem Sozialismus« und »Kommunismus« stark. Man erinnert sich, wie »schön« es einmal war, und bemerkt, daß diese Neigung zum »Präzisieren«, zum »Theoretisieren«, zum »Klassifizieren« nach Lenins Tod immer deutlicher Gestalt annahm, obwohl es damals scheinbar und vorrangig nur um die Nachfolge Lenins, um sein Erbe ging. Schon diese damalige Auseinandersetzung verdient unsere Beachtung. Selbst aus »Top secret«-Stenogrammen, die nun aus den Archiven herausgezerrt werden, geht nicht hervor, ob die Nachfolge Lenins kameradschaftlich-kommunistisch auf höchster Ebene beraten wurde. Das Problem wurde offensichtlich unterschwellig als Machtkampf, ja als Intrige ausgetragen.

Zunächst wurde die wichtige Frage nach dem Nächstliegenden gestellt: »Wem vertrauen wir die Verwaltung des Leninschen Erbes an?« Trotzki hatte völlig berechtigte Ansprüche, war aber maßgebenden Mitgliedern des ZK suspekt. So wurde er erst einmal mit den vereinten Kräften von Sinowjew, Kamenew und Stalin aus den Führungsgremien ausgebootet. Später geschah das mit Kamenew und Sinowjew selbst, wobei Bucharin Unterstützung leistete. Der wiederum wurde mit Hilfe von Kaganowitsch, Woroschilow, Andrejew und Wyschinski »entlarvt«.

Zugleich wurden endlose Parteidiskussionen geführt - um das Leninsche Erbe, den Aufbau des Sozialismus in einem Lande, die forcierte Industrialisierung, die Kollektivierung in der Landwirtschaft (die ersten aus der Bauernschaft heraus entstandenen landwirtschaftlichen Kommunen wurden als »verfrüht« aufgelöst). Über die »Generallinie«, über die »Reinheit« der Partei wurde - schließlich auch international - bis zur Haarspalterei diskutiert, vieles wurde zerredet; es war ein Kainsmal der noch jungen kommunistischen Weltbewegung, das in diesem unansehnlichen kommunistischen Byzantinismus gipfelte.

Auf diesen - nunmehr über achtzig Jahre andauernden - Prozeß möchte ich aus eigener Erfahrung nach langer Enthaltung erst einmal schlicht hinweisen. Ich suche besonders heute nach Motivationen und natürlich nach Ergebnissen dieser entscheidenden Jahrzehnte.

Gegenwärtig stellt sich das Bild nüchtern betrachtet so dar: Es gab seinerzeit große, tiefgreifende Diskussionen etwa über die Definition der »Generallinie« - und schließlich Schauprozesse, die keine waren. Wie wir heute wissen, war der gesamte Ablauf drehbuchartig festgeschrieben. Bei geringsten Abweichungen davon wurden vom Vorsitzenden Richter, dem Militärjuristen Wassili Ulrich, Unterbrechungen verordnet.

Beginnend mit dem Ende der zwanziger Jahre blieb von unseren gestrigen Führern und verehrten Vorbildern - Béla Kun, Hugo Eberlein, Fritz Platten, Heinz Neumann (hier muß aus Platzmangel auf Tausende Namen verzichtet werden), Sinowjew und Kamenew - nach Ende der »Vorstellung« übrig, daß sie Verräter, Abweichler, Antileninisten oder - besonders beliebt - Trotzkisten waren. Niemand, nicht einmal die Ermittler des NKWD vermochten so recht zu sagen, was ein »Trotzkist« denn nun eigentlich war. Das war allerdings auch nicht mehr nötig. Es war die Inkarnation des Bösen schlechthin, ein Mörder, ein Konterrevolutionär, selbstredend Agent eines (gern aber auch mehrerer) imperialistischer Geheimdienste. Außerdem galt: Einmal »Trotzkist«- immer »Trotzkist«. In Rußland ist so einer bis heute Unperson.

Eines bleibt wohl - selbst bei den zahlreichen verbliebenen Verehrern des Generalissimus - unumstritten: Jedesmal, wenn die Urteile vollstreckt waren, festigte, bestätigte, kräftigte sich die persönliche Macht des Generalsekretärs. Nun sagen seine Verehrer bis heute, das war gut so. Nur so war der Sieg der Völker der Sowjetunion im Großen Vaterländischen Krieg überhaupt denkbar.

Andere haben eben eine Reihe Bedenken, ob der nicht zu leugnende Kahlschlag wirklich so entscheidend zum Sieg über das faschistische Monstrum beigetragen hat.

Daniil Granin bemerkte vor ein paar Monaten: »Wir mußten erst das Hassen richtig erlernen, um richtige Soldaten zu werden.« Nachträglich erhält ja dieser Kahlschlag noch so einen Hauch von »Vernunft« (jW vom 2. Februar), gewissermaßen handelte es sich um einen »vernünftigen« Kahlschlag. Hans Heinz Holz beleuchtete ausführlich die Aspekte der »Dialektik der Vernunft«, wobei mir schwerfällt, die menschliche, also subjektive »Vernunft« an objektive, außerhalb der Vernunft existierende Gesetze der Dialektik zu binden, ja diese einzuengen. Denn die Dialektik kommt auch bei der »Unvernunft«, dem Irrationellen, der Willkür, erst richtig zum Tragen, auch »Unvernunft« und Willkür haben ihre Dialektik - was bei der Betrachtung und Analyse unserer Vergangenheit sehr nutzbringend sein wird. »Unrecht wird es im Einzelfall geben und ist als solches moralisch zu verurteilen.«, heißt es in dem Artikel. Ja, man soll ihm in jedem Fall widerstehen. Das sollte hier versucht sein.

Walter Ruge (geb. 1915) gehörte als Jugendlicher in der Weimarer Republik linken Organisationen an und lebte seit 1934 in der Sowjetunion im Exil. 1941 wurde er zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt, die er in Sibirien verbrachte. 1954 rehabilitiert, reiste er 1958 in die DDR aus.

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So lassen sich Widersprüche nicht klären !

Patrik Köbele, Essen

www.kommunisten.de

13.02.2011

 

Man mag die Positionen, die Hans-Heinz Holz in seinem Artikel in der jw vom 2. Februar 2011 entwickelt, für falsch halten, man mag daran Kritik äußern, man mag sich darüber streiten, dies ist mit Sicherheit auch genau das, was Hans-Heinz Holz möchte.

Das alles kann man mit Polemik tun. Aber nicht mit einem Bannstrahl, der bereits in der Überschrift "Hans Heinz Holz´ anti-marxistische Apologie" zum Ausdruck kommt. Mit solche einem Bannstrahl zerschneidet man das Tischtuch, denn der eine wird zum Anti-Marxist und der andere macht sich selbst zum Gralshüter. Erträglich wäre dies, wenn Heribert Thomalla, diesen Bannstrahl in seinem Artikel auf www.kommunisten.de tatsächlich belegen könnte, genau dies tut er aber nicht.

Er versucht dies in zweierlei Hinsicht: - "Er wirft Hans Heinz Holz vor seine Position mit Zitaten "begründen und legitimieren" zu wollen. "Nein, keine von Marx, Engels oder Lenin - Hegel ist sein argumentativer Orientierungsrahmen." Was soll dieser Unsinn, warum diese suggestive Herangehensweise an Hegel.

- "Er reißt Hegelzitate aus dem bei Holz beschreibendem und argumentierenden Zusammenhang, um dann diffamierend davon zu sprechen, dass bei Hans-Heinz Holz "Der wabernden Weltgeist mit seiner ihm eigenen "Dialektik der Vernunft" (Zitat Hans Heinz Holz), seine schützende Hand über das legen darf, was er "im reißenden Strome, den die gesellschaftliche Selbstbehauptung auslöst" verschwinden lässt".

Dieser Artikel ist kein Beispiel dafür wie Auseinandersetzungen geführt werden sollten. Die Veröffentlichung im Internetportal der DKP ist ein Fehler, der sich leider einreiht in eine Kette von Vorkommnissen, die belegen, dass die Redaktion einer Tendenz unterliegt sehr einseitig an die existierenden Streitfragen heranzugehen.

 

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Holzhauer

- Zu jW vom 14. Februar: »Macht und Moral«

In: junge Welt vom 17.02.11

 

Die Replik von Hager, Brenner und Steigerwald auf Holz' Beitrag ist dermaßen erbärmlich in Inhalt und Form, daß ihre Wertung getrost der Intelligenz des Lesers überlassen werden kann. Denkt man ihr rosenkranzartiges Stalin-Bashing zu Ende, so heißt dies: Es war unmoralisch, die UdSSR zur Weltmacht zu führen, den Faschismus zu bekämpfen und zu besiegen und ein Sechstel der Erde dem Imperialismus zu entziehen. Denn all dies ist mit Stalin verknüpft. Der bürgerliche Moralismus der drei Holzhauer führt in eine ideologische Sackgasse, die sie allerdings in der Gegenrichtung wähnen. Aus warmen Kissen heraus Geschichtsvergessenheit zu betreiben, führt die ehedem kommunistische DKP sicherlich nicht aus der Bedeutungslosigkeit. Es ist nur ekelhaft.

Hans Dölzer, Hirschberg

 

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