Stellungnahme gegen die von der VVN/BdA vorgeschlagene Gedenktafel am Karl-Liebknecht-Haus

  

Stellungnahme zum Beschluss des Parteivorstands der Partei Die Linke, eine Gedenktafel für das „Ehrende Gedenken an tausende deutsche Kommunistinnen und Kommunisten, Antifaschistinnen und Antifaschisten, die in der Sowjetunion zwischen den 1930er und 1950er Jahre willkürlich verfolgt, entrechtet, in Straflager deportiert, auf Jahrzehnte verbannt und ermordet wurden" am Berliner Karl-Liebknecht-Haus zu errichten. 

 

Das Karl-Liebknecht-Haus ist die ehemalige Parteizentrale der KPD und ein Gedenkort von großer Bedeutung für Kommunistinnen, Kommunisten und fortschrittliche Menschen heute. Von hier aus wurde die KPD ab Mitte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts zur Massenpartei und zur Hoffnung vieler Menschen auf eine sozial gerechtere Gesellschaft. 

Hier arbeitete Ernst Thälmann bis zu seiner Verhaftung durch die deutschen Faschisten am 3. März 1933. 

Seit einiger Zeit ist zu beobachten, dass auch in einigen sich links nennenden Organisationen und Parteien der Versuch unternommen wird, die deutsche Geschichte in der Tendenz einer zunehmend chauvinistischen und revisionistischen Geschichtsschreibung nach 1989 vollends zu verklären. 

Auf diese Weise machte ein Arbeitskreis bei der Berliner VVN/BdA 2010 den Vorschlag gegenüber der Partei Die Linke, eine Gedenktafel am Karl-Liebknecht-Haus in Berlin zu Ehren derjenigen deutschen Kommunisten und Antifaschisten anzubringen, die in der Sowjetunion zwischen 1930-1950 verfolgt und ermordet wurden. 

Dieses Ansinnen wurde vom Parteivorstand der Partei Die Linke im März 2013 gebilligt. 

Nach unserer Auffassung ist der geplante Text der Gedenktafel ahistorisch und undifferenziert. 

Er suggeriert – ganz im Sinne der Totalitarismustheorie bürgerlicher Denkschulen – die inhaltliche Wesens- und Methodengleichheit zweier nicht zu vergleichender politischer Systeme und Weltanschauungen. 

Niemand will Opfer, zumal es Unschuldige getroffen hat, totschweigen. Die hochbrisante Klassenkampfsituation am Vorabend des vom Faschismus ausgelösten Weltkrieges, in der zu Hunderten Agenten nicht nur des deutschen Geheimdienstes unter Admiral Canaris in das einzige sozialistische Land eingeschleust, Konterrevolutionäre aktiviert und gefälschte Dossiers den sowjetischen Organen zugespielt wurden, sowie der Mord an dem bedeutenden sowjetischen Partei- und Staatsfunktionär Sergej Mironowitsch Kirow am 1. Dezember 1934 in Leningrad waren Ausgangspunkt für größere Aktivitäten der Sicherheitsorgane im Überlebenskampf der Sowjetunion. 

Dass unter den Opfern - gewollt vom Feind - und auch infolge falscher und verleumderischer Bezichtigungen deutsche Antifaschisten, Kommunisten waren, ist schmerzhaft. 

Ihre Rehabilitierung erfolgte nach individueller Prüfung durch die Deutsche Demokratische Republik. 

Die Anbringung einer solchen Tafel am K.-L.-Haus kann aber eine wissenschaftliche Analyse des historischen Kontexts, welcher überhaupt als deren Voraussetzung benötigt würde, nicht ersetzen. 

Die pauschale Reduzierung der Vorgänge in der UdSSR in dieser Zeit, unter denen deutsche ebenso wie ausländische Kommunisten und Kommunistinnen, Antifaschisten und Antifaschistinnen litten, auf die inhaltliche Aussage des avisierten Tafelprojekts, ignoriert die historischen Zusammenhänge. 

Diese Vorgänge können nicht losgelöst von der Härte der Auseinandersetzungen in der Sowjetunion um die richtige revolutionäre Strategie zum Aufbau des Sozialismus und Kommunismus in jenen Jahren nach der Oktoberrevolution und vor dem Hintergrund der permanenten Kriegs- und Terrorbedrohung durch den deutschen Faschismus betrachtet werden. 

Die Sowjetunion trug nicht nur die Hauptlast beim Kampf gegen den deutschen Faschismus mit über 20 Millionen Toten durch den faschistischen Angriffskrieg. Sie befreite nicht nur das eigene Land, sondern 1944 und 1945 auch den größten Teil Europas vom faschistischen Joch. 

Diese großen Leistungen des sowjetischen Volkes und seiner Armee dürfen nicht vergessen gemacht werden. 

Eine Gedenktafel in der beabsichtigten Form fügt ein weiteres Mosaiksteinchen zur allgemeinen Diskreditierung der Sowjetunion und ihrer allgemein anerkannten Leistungen hinzu, zumal die verzerrte Darstellung der damaligen Vorgänge in der UdSSR nicht nur der Propaganda des Imperialismus und seiner Geschichtsschreibung nach 1989 zuarbeitet, sondern auch eine gemeinschaftlich voranzutreibende, wissenschaftliche Analyse der Vorgänge in den 1930er Jahren in der UdSSR unter allen ernsthaft daran interessierten Kommunisten, Antifaschisten und fortschrittlichen Menschen heute, die das heutige imperialistische System überwinden wollen, erschwert. 

Die Gedenktafel unterzieht nicht nur die historische Situation in der damaligen UdSSR einer Revision und zollt damit auch dem grassierenden Antikommunismus in der BRD heute Tribut, sondern bedient auch einen offen deutschen Nationalismus und Chauvinismus im deutsch-dominierten Europa dieser Tage, indem deutsche Genossen, die Betroffene jener Zeit wurden, zugunsten einer bestimmten revisionistischen Geschichtsauffassung einseitig instrumentalisiert werden. 

Allein in Deutschland sind seit 1989 wieder annähernd 200 Tote durch offenen faschistischen Terror in diesem Lande zu beklagen. 

Die Einheit aller antifaschistisch-demokratischen Kräfte im kontinuierlichen Kampf gegen den wiedererstarkten Faschismus und Rassismus in diesem Land und weltweit – in den bürgerlichen Institutionen und auf der Straße – ist heute eine der vordringlichsten Tagesaufgaben von Revolutionären. 

Eine nationalistische, verfälschende „Gedenktafel", wie die geplante am Berliner Karl-Liebknecht-Haus, das historischer Bezugspunkt aller deutschen Kommunisten ist, kann für die Herstellung der Einheit aller Antifaschisten nicht hilfreich sein. 

1. November 2013 

 

Kommunistische Initiative (Gera 2010), Kommunistische Partei Deutschland (KPD), Organisation für den Aufbau einer Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands/ Arbeit Zukunft, Revolutionärer Freundschaftsbund (RFB), Kommunistisches Aktionsbündnis Dresden (KAD), Mitglieder der Chile Freundschaftsgesellschaft „Salvador Allende", Mütter gegen den Krieg Berlin-Brandenburg, Karl-Heinz und Marianne Fernholz 

Diese Erklärung ist offen für weitere Unterstützer. 

 

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