Im Rotfuchs November 2014 

Warum es sich lohnt, die marxistischen Klassiker zu Rate zu ziehen 

Nichts ist praktischer als eine gute Theorie  

Prof. Dr. Wolfram Triller, Dresden 

 

Im Augustheft des RF erschien ein Beitrag unter der Überschrift „Schwarzbrot für Rindermägen". Auch ich möchte dazu meine Meinung sagen.  

Der „RotFuchs" stellt sich ja nicht zuletzt die Aufgabe, die theoretische Debatte für einen neuen Anlauf zum Sozialismus zu unterstützen. Sie muß zur Aufarbeitung unserer Geschichte und zur konkreten Analyse der Klassenkampfsituation beitragen und auf Erkenntnissen des von Marx und Engels begründeten, durch Lenin weiterentwickelten wissenschaftlichen Sozialismus beruhen. Diesem Anspruch wird der Beitrag „Schwarzbrot für den Rindermägen" im Augustheft aus meiner Sicht nicht gerecht. Der Autor hat eine Reihe von Einzelaspekten und Einzeltatsachen dargestellt und kritisiert. Schließlich kommt er zu dem Schluß: Die von ihm für notwendig gehaltenen Änderungen der ökonomischen Politik der DDR seien unterblieben, weil die Führung befürchtete, „daß dabei Probleme auftreten würden, die zeitweilig zu Spannungen führen könnten", zumal die westlichen Medien daraus einen Propagandaschlager ersten Ranges gemacht hätten.  

Ich kenne aus meiner praktischen Arbeit in der LPG die vom Autor angeführten Fakten, komme aber zu anderen Ergebnissen. Die Preispolitik der DDR war ein Teil ihrer Planwirtschaft. Ihr lag ein strategisches, theoretisches Konzept zugrunde. Friedrich Engels schreibt dazu: „Die ökonomischen Verhältnisse einer gegebenen Gesellschaft stellen sich zunächst dar als Interessen." (MEW, Bd. 18, S. 274).  

Preise sollten im Sozialismus drei Funktionen erfüllen:  

• Eine Bewertungsfunktion: Die Betriebe sollten mit den Einkaufspreisen und den Kostenrechnungsprinzipien den Aufwand für ihre wirtschaftliche Tätigkeit bestimmen und auf dessen Senkung Einfluß nehmen.  

• Eine Stimulierungsfunktion: Durch die Gegenüberstellung von Erlösen aus den Erzeugerpreisen und den Produktionskosten ergab sich der betriebliche Gewinn. Da vielfältige Regelungen für die Werktätigen mit dem Gewinn verbunden waren – nicht zuletzt die Jahresprämien – wurden sie motiviert, einen möglichst großen Beitrag für einen hohen Betriebsgewinn zu erbringen.  

• Eine Umverteilungsfunktion: Die Differenz zwischen den Erzeugerpreisen und den Verbraucherpreisen wurde über den Staatshaushalt verrechnet. Diese Umverteilungsfunktion war eines der Instrumente, um die sozialistischen gesellschaftlichen Interessen mit den persönlichen Interessen (außerhalb der Produktionssphäre) in Übereinstimmung zu bringen. Dabei hatte die „zweite Lohntüte" des DDR-Bürgers eine wichtige Funktion bei der Herausbildung einer sozialistischen Bedürfnisstruktur. Es war z. B. zu entscheiden, was ein Auto, eine Theaterkarte oder das Studium kosten sollten. Es galt den Grundsatz zu verwirklichen: Die Übereinstimmung von persönlichen und gesellschaftlichen Interessen sind die Haupttriebkraft beim Aufbau des Sozialismus.  

Ich selbst könnte tausend Beispiele aufzählen, wie die Einheit der Preise in der Praxis auf Schwierigkeiten stieß. Dabei war noch gar nicht von Delikat-, Exquisit- und Intershopläden die Rede. Jeder kennt auch Geschichten von Korruption, Unterschlagung und „blauen Fliesen".  

Doch was ergibt sich daraus?  

• „Die so genannte, sozialistische Gesellschaft’ ist nach meiner Ansicht nicht ein ein für allemal fertiges Ding, sondern, wie alle andern Gesellschaftszustände, als in fortwährender Veränderung und Umbildung begriffen zu fassen." (Friedrich Engels in MEW, Bd. 37, S. 447) Die „Übergangsetappen zur kommunistischen Gesellschaft … das ist der schwierigste Stoff, den es gibt, weil die Bedingungen sich in einem fort ändern." (MEW, Bd. 38, S. 128)  

• Konkrete Fakten können deshalb nur dann richtig interpretiert werden, wenn sie in den historischen Prozeß mit all seinen konkreten Bedingungen, Windungen, Zufälligkeiten, dem Entwicklungstand des Bewußtseins der Massen und ihrer politischen Führer eingeordnet werden. Denn es gilt: „Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben (wird). Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt." (MEW, Bd. 3, S. 35)  

In der Landwirtschaft läßt sich das an der Entwicklung der staatlichen Aufkaufpreise für die „Pflichtablieferung", die „freien Spitzen" bis hin zu den Preisen zwischen den landwirtschaftlichen Kooperationspartnern und der Verarbeitungsindustrie anschaulich zeigen.  

Beim theoretischen Herangehen an das Preisproblem ist außerdem zu beachten: „Der Wert (der seinen Ausdruck im Preis findet – d. Autor) ist ein Verhältnis zwischen Personen, … ein unter dinglicher Hülle verstecktes Verhältnis. Nur vom Standpunkt des Systems der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse einer bestimmten historischen Gesellschaftsformation, … kann man begreifen, was der Wert ist", stellte Lenin fest. (LW, Bd. 21, S. 49) 

Unbestritten: Das Preissystem der DDR war unvollkommen , und die beabsichtigten Wirkungen wurden nicht immer erreicht. Es entsprach einem konkreten Entwicklungstand der „historischen Gesellschaftsformation". Notwendig ist, diesen Entwicklungsstand genau im Blick zu haben und zu überlegen, in welcher Richtung sich die sozialistischen Produktionsverhältnisse entwickeln und wie deshalb das Preissystem vervollkommnet werden muß.  

Häufig gibt es Streit über das Tempo gesellschaftlicher Veränderungen. Dem einen geht es zu langsam, dem anderen zu schnell. Von Zu-früh- und Zu-spät-Kommen ist die Rede. Doch „auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist …; kann sie naturgemäße Entwicklungsphasen weder überspringen noch wegdekretieren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern." (MEW, Bd. 23, S. 15/16)  

Eine Debatte über das Preissystem sollte auch Überlegungen einschließen, wie die im Kapitalismus deformierten Konsumentenbedürfnisse zu verändern sind, damit alle Menschen sich verwirklichen können, die Erde aber noch bewohnbar bleibt.  

Bei Debatten über ökonomische Probleme besteht die Gefahr, „ökonomistisch" vorzugehen – gesellschaftliche Probleme mit betriebswirtschaftlichen Augen zu betrachten. „Die politische Ökonomie befaßt sich keineswegs mit der ,Produktion‘, sondern mit den gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen in der Produktion, mit der gesellschaftlichen Struktur der Produktion." (LW, Bd. 3, S. 51). Die Quintessenz dieser Überlegungen lautet: „Die historische Theorie von Marx ist nach meiner Meinung die Grundbedingung jeder zusammenhängenden und konsequenten revolutionären Taktik; um diese Taktik zu finden, braucht man nur die Theorie auf die ökonomischen und politischen Verhältnisse des betreffenden Landes anzuwenden."(MEW, Bd. 36, S. 304) Oder wie Lenin es formuliert: „Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben." (LW, Bd. 5, S. 379)  

Außerdem gilt: „Die Theorie wird in einem Volke immer nur so weit verwirklicht, als sie die Verwirklichung seiner Bedürfnisse ist ... Es genügt nicht, daß der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muß sich selbst zum Gedanken drängen." (MEW, Bd. 1, S. 386) Ausgerüstet mit einer fundierten marxistisch-leninistischen Theorie muß eine massenverbundene Arbeiterpartei die Hand am Puls der Gesellschaft haben, um jenes Hauptkettenglied zu bestimmen, das es zu ergreifen gilt, um das alte System aus den Angeln zu heben und im Sozialismus/Kommunismus die nächste Entwicklungsetappe ein- 

 

_______________________ 

Was an der Lohn- und Preispolitik der DDR nicht stimmte  

Schwarzbrote für Rindermägen  

In: Rotfuchs, Heft 8/2014 

 

Die DDR stand immer in einem erbitterten Abwehrkampf gegen Versuche kapitalistischer Klassengegner im Westen, ihren systematischen Aufbau zu verhindern. 

Im Laufe der Jahre wurde dieser immer komplizierter, zumal nicht alles auf Anhieb gelang oder problemlos verlief. 

Nicht zuletzt auch eigene Fehler führten zu den von Westberlin aus gesteuerten Ereignissen des 17. Juni 1953. Die Tatsache, daß Arbeiter bereit waren, gegen Entscheidungen ihrer Führung, die ja fast ausschließlich selbst aus der Arbeiterklasse stammte, zu protestieren, löste damals bei etlichen unserer Funktionäre einen Schock aus. So sensibilisierte sie nicht grundlos das Wort „Streik" – konnte man doch nicht gegen sich selbst streiken. 

Auf einer Kreisbauernkonferenz in Binz auf Rügen – ich war damals ein junger Agronom – wurde ich aus dem Saal gerufen. 

Hinter der Bühne stand Genosse Georg Ewald, der später dem Politbüro der Partei angehörte, und sagte mit bebender Stimme, in meiner LPG werde gestreikt. Ich solle sofort nach Hause fahren, die Lage sondieren und ihm unverzüglich Bericht erstatten. 

An Ort und Stelle ergab sich dann, daß ein betrunkener Melker die Staatssicherheit angerufen und mitgeteilt hatte, er werde am Nachmittag in den Streik treten, weil sein Kachelofen noch immer nicht repariert worden sei. 

Besonders negative Auswirkungen auf die Bewußtseinsentwicklung der Bevölkerung hatte die hochgradige Subventionierung der Lebenshaltungskosten, was zu einem sorglosen Umgang mit vielen Dingen des täglichen Bedarfs führte. Durch eine umfassende Analyse der Industrie- und der Landwirtschaftspreise als Grundlage für notwendige Veränderungen war der reale, gesellschaftlich notwendige Aufwand für Produkte und Dienstleistungen festgestellt worden. Dadurch konnten erstmals die wirklichen Lebenshaltungskosten und die Kosten für eine Arbeitsstunde annähernd ermittelt werden. Der nächste und äußerst notwendige Schritt wäre die daraus resultierende Bewertung der menschlichen Arbeit und eine entsprechende Veränderung der Löhne und Gehälter gewesen. Durch die Angleichung der Verbraucherpreise hätte das grundsätzlich keine Auswirkungen auf den Lebensstandard der DDR-Bürger gehabt. 

Die staatlichen Subventionen für Verbraucherpreise aller Bereiche waren ja immer aufgewendet worden und mußten nur entsprechend umverteilt werden. 

Die Einführung kostendeckender Verbraucherpreise hätte den Menschen das wahre Ausmaß der Vergeudung vor Augen geführt und sie auf einen sparsameren Verbrauch lebensnotwendiger Produkte und Dienstleistungen sowie eine entsprechende Nutzung ihres Wohnraums hingelenkt. Immerhin läßt sich ein Fünf- Pfennig-Brötchen leichter wegwerfen als eines für 40 Pfennig. 

Für fast alle Lebensbereiche wurden durch staatliche Subventionen die tatsächlichen Kosten verharmlosend ka-schiert und damit eine gleichgültige Einstellung zum Verbrauch begünstigt. Hinzu kamen auf dem Gebiet der Nahrungsgüterwirtschaft enorme Verluste durch Verfüttern von Lebensmitteln, in denen ein großer sachlicher Aufwand und kostbare Arbeitszeit steckten. So wurden in ländlichen Gebieten etwa 70 % des einfachen Schwarzbrotes, das 51 Pfennig kostete, an Rinder verfüttert. Ähnlich verhielt es sich bei Haferflocken und anderen Nahrungsmitteln, die sich für die Aufzucht von Junggeflügel eigneten. 

Das Problem bewegte durchaus nicht wenige Menschen. So erzählte ein Abteilungsleiter des Rostocker Konsum-Backwarenbetriebes in der Sauna von seinen Bemühungen, die Schwarzbrot-Verschwendung wenigstens den Sommer über zu unterbrechen. In jenem Jahr war es besonders heiß, so daß die Zahl der Ostseeurlauber unerwartet stark anstieg, was zur Verknappung bei Brot führte. Weil besagtes 51-Pfennig-Schwarzbrot von Menschen kaum noch gegessen wurde, hatte sich unser Abteilungsleiter gefreut, die Produktion des „Mastbullenfutters" zugunsten anderer Brotsorten vorübergehend einstellen zu können. Das Ergebnis seiner Bemühungen war dann aber, daß man ihn zwang, aus Verwaltungskräften seines Betriebes eine vierte Schicht zu bilden, um das Futterbrot wieder „sortimentsgerecht" produzieren zu können. 

Dieser Zustand war der Partei- und Staatsführung bekannt und wurde dort heftig diskutiert. Im Mittelpunkt stand dabei die Notwendigkeit einer Korrektur der Verbraucherpreise wie der Löhne. 

Doch nichts geschah. Statt dessen hatten bekannte Ökonomen die Beibehaltung der subventionierten Verbraucherpreise zu verteidigen, obgleich einige von ihnen selbst andeuteten, andere Lösungswege zu kennen. Auf einer Berliner Konferenz setzte Günter Schabowski den Schlußstrich unter diese Debatte, indem er den Redebeitrag einer Ingenieurin besonders lobte, welche die niedrigen Verbraucherpreise nachdrücklich verteidigt hatte. Warum wurde die gesellschaftlich notwendige Preiskorrektur nicht konsequent durchgesetzt? Es gab Befürchtungen der Führung, daß dabei Probleme auftreten würden, die zeitweilig zu scharfen Spannungen führen könnten. Diese Sorge war durchaus berechtigt, wie die Durchführung der Agrarpreisreform zeigte. Für Ökonomen der Landwirtschaft war es relativ einfach, den sachlichen Aufwand z. B. bei der Milchproduktion zu ermitteln. 

Weitaus schwerer wurde es aber für sie einzuschätzen, welche Auswirkungen die menschliche Initiative auf die Senkung der Herstellungskosten haben würde. 

Die Möglichkeit, Milch nach Jahrzehnten endlich wieder mit Gewinn produzieren zu können, wirkte auf Mitglieder und Beschäftigte in den LPG und VEG geradezu elektrisierend. 

So war eine nachträgliche Herabsetzung des Erzeugerpreises schwierig und unpopulär. 

Eher wäre dessen bewußt niedrigere Ansetzung möglich gewesen. Bei Bedarf hätte man den Preis dann ja ohne Schwierigkeiten erhöhen können. Von der DDR-Bevölkerung waren bisher keinerlei negative Erfahrungen mit Preisveränderungen gemacht worden – sei es bei der Zusammenführung der niedrigeren Lebensmittelmarken- und der höheren HO-Preise, sei es bei Preisveränderungen im Konsumgüterbereich. 

Die möglichen Rationalisierungseffekte, welche die Betriebe entdeckten, um den Produktionsaufwand zu senken, waren weitaus größer als angenommen, und der Gewinn aus der Milchproduktion, um beim Beispiel zu bleiben, stieg sogar über das vorgesehene und gesellschaftlich vertretbare Maß hinaus. Für meine LPG, die erhebliche Mengen erzeugte, war das natürlich ein Glücksfall, weil wir dadurch die aufgenommenen Kredite sehr viel schneller abzahlen konnten. 

Bei der Korrektur der Verbraucherpreise wäre der gleiche Effekt eingetreten. 

Angesichts des enormen Umfangs und ihrer Komplexität hätte man die mögliche Einsparung aber sehr viel schwerer bestimmen können. Eine nachträgliche Korrektur der Preise nach oben wäre politisch nicht denkbar gewesen, zumal die westlichen Medien daraus einen Propagandaschlager ersten Ranges gemacht hätten. Also unterblieben gesellschaftlich notwendige Maßnahmen, die für die Volkswirtschaft außerordentliche Bedeutung gehabt hätten. Das unreal niedrige Lohnvolumen und die „zweite Lohntüte" in Gestalt stark subventionierter Preise für Produkte, Dienstleistungen und Wohnraum blieben unverändert. 

Dr. Dieter Krause, Greifswald Unser Autor war LPG-Vorsitzender und Leiter des Wissenschaftlich-Technischen Zentrums für Landwirtschaft beim Rat des Bezirkes Rostock  

_______________________